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Mein Gott, dein Gott... PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Verschiedenes
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 05. Februar 2010 um 12:06 Uhr

In der "Charta Oecumenica", die ich gerade mit Geschwistern aus verschiedenen Kirchen und Konfessionen in einem Ökumenischen Arbeitskreis, zu dem auch meine Gemeinde gehört, durcharbeite, steht ein Satz, der höchst interessant ist:

"Die Begegnung zwischen Christen und Muslimen sowie den christlich-islamischen Dialog wollen wir auf allen Ebenen intensivieren. Insbesondere empfehlen wir, miteinander über den Glauben anden einen Gott zu sprechen" (Artikel 11).

Aus einem Kommentar des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden weiß ich, daß die Verfasser damit nicht haben aussagen wollen, daß Christen und Muslime "an den einen Gott " glauben, sondern daß es sich bei beiden Religionen um monotheistische Religionen handele1. Wie zu erwarten, haben wir in unserem Kreis darüber leidenschaftlich diskutiert. Glauben Christen und Muslime an denselben Gott? 

Meine Überzeugung als Christ ist, daß es nur einen Gott gibt. Den haben freilich weder die Juden noch die Christen erfunden. Er gehört auch weder den Juden noch den Christen noch beiden gemeinsam.

Dieser Gott, der meiner Überzeugung nach von jeher dreifaltig ist, hat die Welt geschaffen - und er hat sich nicht nur nicht aus den vielfältigen Geschäften der Menschen (auch solchen religiöser Natur) herausgehalten, sondern sich ihnen immer wieder zu erkennen gegeben, ohne dabei darauf zu achten, ob sie auch zertifizierte, geprüfte, waschechte Juden bzw. Christen waren. Schließlich ist die Annahme absurd und gotteslästerlich, Gott halte sich die Ohren zu, wenn ein Mensch ihn um Hilfe anfleht, nur weil der Mensch nicht Jude oder Christ ist. Und nicht nur hält der liebende Gott sich nicht die Ohren zu, nein, er wendet sich auch in Wort und Tat seinen Menschen zu - manchmal direkt, manchmal über sein Bodenpersonal. 

So haben die Menschen vor, während und nach der Entstehung von Judentum und Christentum auch abseits der "offiziellen" Kanäle Erfahrungen mit Gott gemacht. Echte Erfahrungen. Erfahrungen, von denen ich freilich glaube, daß sie bei genauester Betrachtung - zumindest durch eine "christliche Brille" - nicht dem christlichen Glauben entgegenstehen. Will heißen: Das ist nicht alles das Wirken der Teufel und Dämonen gewesen.

Die andere Frage ist freilich die, was die Menschen aus ihren unmittelbaren oder auch aus mittelbaren Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Nicht alles, was sie überliefert haben, ist eine unverfälschte, ungekürzte Tradierung und Deutung. Manches wurde traditionellen Götzen und Fetischen und Geistern und Segenskräften zugeschrieben, manches etablierten Gottesvorstellungen jenseits von Judentum und Christentum. Auch Juden und Christen haben mit diesen Erfahrungen unbiblische Gottesbilder gefüttert, die zum Teil bis in die Kirchen hinein ihre Wurzeln geschlagen, meiner Überzeugung nach allerdings keinen Eingang in die Bibel gefunden haben2.

Ich glaube natürlich, daß wir bei den Juden und Christen ein zunehmendes Verständnis der Offenbarung Gottes haben, das sich vor allem in der Bibel niedergeschlagen hat. Diese Erkenntnis war freilich nicht auf einen Schlag vollständig ausgebildet, sie geht vom Mythologischen in der Urgeschichte über die Hofberichterstattung der Könige Judas und Israels bis hin zum Geschichtlichen in den Evangelien und der Apostelgeschichte. Die biblische Offenbarung spiegelt das Gottesverständnis der Autoren und Redaktoren wieder, denen Gott sein Wort anvertraut hat, wobei er es auch bei den Juden und Christen auf sich nahm, daß sein Wort verkürzten Deutungen und Überlieferungen ausgesetzt sein würde, immerhin waren die Autoren und Redaktoren irrende, sündigende Menschen, keine Schreibmaschinen, die göttliches Diktat aufgenommen haben. Sie waren gebunden an ihre jeweilige Kultur, an ihr Weltbild. 

Nun haben wir also einen Gott. Dieser Gott hält sich nicht heraus aus der Weltgeschichte - meist mehr, manchmal auch weniger verhüllt wirkt er dort, wo es Not tut, wo Menschen seine Hilfe erflehen. Die Juden und Christen haben keine Exklusivrechte an Gott und seinen Wirkungen in dieser Welt, und auch sie erleben sein Wirken meist in einer gewissen Herablassung auf die menschliche Ebene (Kondeszendenz) - sogar als Gott Mensch wird, geschieht dies in einer verhüllten Gestalt, nicht in einem Spektakulum (Schauwunder), sondern die innigste Verbindung von Gottheit und Menschheit geschieht ja gerade da, wo der leidende Gottesknecht in Hilflosigkeit und Schwäche und Erniedrigung die Menschen vom Kreuz her bittet: "Laßt euch versöhnen mit Gott!" 

Dennoch glaube ich, daß die jüdisch-christliche Bibel die kondeszendenten Wirkungen Gottes in dieser Welt am besten erfaßt hat und somit das genaueste Gottesbild überliefert. Das glaube ich nicht, weil ich der Überzeugung bin, Juden und Christen seien in irgend einer Weise besser als andere Menschen, zuverlässiger, ehrlicher oder was sonst, sondern das glaube ich vor allem aus zwei Gründen:

Der erste Grund ist der überaus kritische Umgang der Bibel mit sich selbst, aber auch mit ihren Verfassern und Hauptpersonen. Die Bibel versucht niemals, etwas schönzureden, sondern sie schreibt Geschichte mit schonungsloser Offenheit, was den biblischen Personen nicht immer zum Vorteil gereicht. 

Der zweite Grund ist der, daß die Bibel niemals daraufhin überarbeitet wurde, widerspruchsfrei, fehlerlos, irrtumslos zu sein oder die o.g. nicht sehr vorteilhaften Darstellungen heiliger Personen zu korrigieren. Die Bibel kommt in einer Schroffheit herüber, derart wenig bemüht, sich und ihren Inhalt vorteilhaft und "glaubhaft" darzustellen, daß man darüber entweder die Bibel ein für allemal verwerfen kann, weil man das für gotteslästerlich und baren Unsinn hält - oder daß man an sie glaubt, weil man in ihr eine Kraft Gottes erblickt, die sich nicht scheut, in nicht immer "schönen" Worten herüberzukommen.

Dieser mein Glaube an die Zuverlässigkeit der Bibel in ihrem Gottes- und Menschenbild führt mich dahin, den "biblischen Gott", den freilich Theologie oder Philosophie niemals ganz zu fassen vermögen, als den "einen Gott" anzunehmen, der Himmel und Erde geschaffen hat, den einzigen Gott, den wahren Gott. 

Was ist nun mit dem Gott oder den Göttern der anderen Religionen?

Wie gesagt, sehe ich es durchaus so, daß sich Gottes meist kondeszendentes Wirken in der Lebenswirklichkeit der Menschen in vielen Religionen niederschlägt - mehr oder weniger verfälscht. Das von den Menschen unmittelbar oder mittelbar erlebte Wirken Gottes Wirken wurde in ihr Weltbild integriert, ihren jeweiligen Göttern, Fetischen, Götzen, Geistern usw. zugeordnet. Von daher: Ja, alle Religionen reden von dem einen Gott, doch nicht unbedingt unverfälscht. Ja, alle Religionen haben den einen Gott zum Ziel des Glaubens und der Frömmigkeit, doch nicht unbedingt unverfälscht.

Wie gesagt, wenn ich schreibe: Juden und Christen haben die unverfälschte Gottesoffenbarung, dann nicht, weil ich denke, wir seien besser. Wir "haben" sie auch nicht im Sinne eines verdienten Besitzes, sondern sie wurde uns zuteil durch Berufung, Erwählung, Gnade - nicht durch besondere Verdienste der Juden und Christen. Ginge es nach Verdiensten, hätte Gott sicherlich anderen Religionen den Vorzug gegeben und nicht gerade die beiden in vielerlei Weise "geringsten Völkern" unter der Sonne ausgewählt, bei denen Gott besonders darauf achten muß, daß sie die Sache nicht verderben. Das würden wir nämlich ohne mit der Wimper zu zucken tun, wenn Gott nicht sein Wort bewahrte. 

Christen sind sich von daher bewußt, daß es nicht "ihr Gott" ist, wenn sie von dem "einen Gott" sprechen, auch wenn sie überzeugt sind, daß ihr und der Juden Gottesbild unverfälscht ist.

In Bezug auf den Islam gilt für mich aus christlicher Sicht zweierlei.

Das erste ist, daß Gott wie schon gesagt nicht seine Ohren zustopft, wenn ein Muslin ihn aufrichtig als Gott bzw. Allah anruft. Insofern ist Gott auch der Gott der Muslime, weil er sich eben allen Menschen zuwendet und unter ihnen allen wirkt. 

Das zweite ist, daß ich der Überzeugung bin, daß Muhammad mittelbare und möglicherweise auch unmittelbare Erfahrungen mit dem Gott der Bibel in seine Religion und in sein Gottesbild integriert hat, die allerdings vor vorislamische Elemente zurückgreifen und in einem gewissen Synkretismus heidnisch-arabische, jüdische und christliche Elemente in sich vereinigen. Insofern ist "unser" Gott im Islam zu finden und auch wieder nicht, ein klares "Christen und Muslime glauben an denselben Gott" ist von daher ebenso wenig korrekt wie eine klare Verneinung.

Klar ist natürlich, daß Gott weder "unser" Gott ist noch "ihr Gott"; Gott gehört allein sich selbst und teilt sich den Menschen mit, wie es ihm gefällt - der Geist Gottes weht, wo er will.

Fußnoten

1 - www.baptisten.de/fileadmin/user_upload/bgs/pdf/Stellungnahmen/Stellungnahme_des_Präsidiums_des_BEFG_zur_Charta_Oecumenic-205.pdf

2 - Meiner Überzeugung nach wirkt Gott freilich nicht nur im metaphysischen Bereich, sondern auch im Bereich der Physik. So erachte ich etwa die Schwerkraft als eine Wirkung Gottes - hätte Gott keine Lust mehr, die Schwerkraft zu bewirken, so würden wir halt eines Tages aufwachen und feststellen, daß wir unter der Zimmerdecke schweben. Diese Wirkungen sollten sowohl naturwissenschaftlich beschrieben als auch theologisch gedeutet werden. Eine Unterscheidung zwischen physischen und metaphysischen Wirkungen Gottes ist künstlich, auch wenn es je nach Wirkung unterschiedliche Wege gibt, diese zu untersuchen, zu beschreiben und zu deuten, den der Naturwissenschaft und den des Glaubens. 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 12:46 Uhr
 
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