|
In Ausgabe 14/2006 des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" ging es kurz nach der Freilassung Abdul Rahmans um eben diesen: "Ohne Ziel, ohne Halt" überschreibt das Magazin seine Story über Abd-al Rahman Jawid (wenn der Spiegel schon seinen kompletten Namen nennt, steuere ich wenigstens die richtige Schreibweise bei und erinnere noch einmal an die Bedeutung des Vornamens: "Diener des Allbarmherzigen").
Im Großen und Ganzen liefert der Spiegel eine bösartige Abrechnung mit dem Mann, dessen Fall zwei Wochen die Welt bewegt habe, zeigt das Bild eines "schwergestörten Mannes".
Mein erster Eindruck beim Lesen: Der Spiegel liefert im Auftrag der um Abdul Rahmans Freilassung bemühten Europäer, vor allem der Politiker, den Beleg für die militanten Islamisten, daß er tatsächlich verrückt sei. Wie sonst, so frage ich mich, kam der Spiegel sonst an Rahmans Asylakte, die doch eigentlich vertraulich behandelt werden müßte? Und warum hat sich deswegen eigentlich bisher kein Datenschützer zu Wort gemeldet?
Aber der Reihe nach. Schauen wir einmal, was der Spiegel hat: Angeblich Einblick in Rahmans Asylakte. Die wird freilich dem Leser nicht vorgelegt, wir bekommen nur einige Bruchstücke ("jetzt sehen wir nur ein unklares Bild wie in einem trüben Spiegel" - und da sage noch einmal jemand, der Apostel Paulus sei kein Prophet!). Dazu Aussagen seines Bruders und ein Patientendossier aus einer Klinik in Pakistan.
Also: Wer hat dem Spiegel die Asylakte zugespielt und warum? Und ist sie überhaupt die echte Akte? Und was steht drin, was der Spiegel uns verschweigt? Können wir den Äußerungen seines Bruders, der kein Christ ist und mit seinem Bruder gebrochen haben soll, trauen? Wir haben ja nur sein Wort. Und was kann man mit einer Patientenakte aus Pakistan anfangen, wo jeder Muslim, der zum Christentum konvertiert, irgendwie als verrückt gilt oder man eine angebliche psychische Störung als Vorwand benutzt, um einen Konvertiten zu schützen? Und ist diese Akte überhaupt echt?
Die Hinweise, aus denen der Spiegel seine Story zum Nachteil Abdul Rahmans baut, sind also alles andere als vertrauenserweckend. Mehr Vertrauen habe ich tatsächlich in die These, daß der Spiegel hier militanten Islamisten das "Attest" liefert, daß ihnen die Freilassung Abdul Rahmans nachträglich erlaubt, ihnen sogar eine gewisse Toleranz bescheinigt. War eine solche Veröffentlichung in einem angesehenen deutschen Magazin wie dem Spiegel der ausgehandelte Preis für die Freilassung Rahmans? Ging es darum, in einem angesehenen deutschen Magazin die Behauptung unterzubringen, die Konversion zum christlichen Glauben habe irgendwie damit zu tun, daß jemand "nicht immer Herr seiner Sinne ist"? Daß also der christliche Glaube irgend etwas mit Unvernunft zu tun habe?
Ein weiterer Gewährsmann des Spiegels ist der in Hamburg lebende Journalist Baqi Samandar. Der wiederum beruft sich auf einen "angeblich langjährigen Freund" Abdul Rahmans. Auch das klingt nicht sehr vertrauenserweckend und obendrein sind seine Aussagen recht dünn.
Nun der nächste Gewährsmann: Abd-al Rahim Zalmay, "einziger afghanischer Priester in Hamburg" von der Christuskirche Altona in Hamburg. Wie kommt der Spiegel auf die Idee, es gäbe nur einen Seelsorger für die mehrere hundert afghanischen Christen in der Hansestadt? Glaubt der Spiegel etwa, die gehören alle einer einzigen Konfession bzw. Gemeinde an oder halten sich überhaupt zu einer afghanischen Gemeinde? Und welche Christuskirche in Altona ist überhaupt gemeint - die Gemeinde der nordelbischen Kirche, die Baptistengemeinde oder vielleicht noch eine andere? Und warum überhaupt ein Priester, wenn doch Abdul Rahman evangelisch ist? Und warum glaubt der Spiegel, ein verantwortungsvoller Seelsorger würde offen über ein Gemeindemitglied wie Abdul Rahman sprechen? Nimmt man all diese Fragen zusammen, klingt das auch wieder alles andere als vertrauenserweckend. Das liegt freilich nicht an Zalmay.
Interessanter ist freilich, was Abdul Rahman dem Beamten des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge erzählt habe: Man habe in Afghanistan versucht, ihn zu vergiften und ihn gefoltert, weil er zwölf Jahre zuvor (1988 also) zum Christentum konvertiert sei. Genau darauf weisen Menschenrechtsorganisationen immer wieder hin. Genau das geschieht Apostaten bzw. Konvertiten häufig: Man versucht sie zu töten, foltert sie. Bestenfalls versucht man, sie für verrückt zu erklären. Daß ein Mensch, der solches erlebt, verwirrt ist, gerade während einer Streßsituation, sollte wirklich niemanden wundern - nur wer so naiv und blauäugig ist, daß er sich nicht vorstellen kann, daß manche Menschen im Namen des Islam so handeln und Menschen, selbst Familienangehörigen, die dem Islam den Rücken kehren, solches antun.
Nimmt man alles zusammen, erscheint nur eines klar: Daß nichts klar ist. Der Spiegel-Artikel zu Abdul Rahman wirft erheblich mehr Fragen auf, als er beantwortet. Wie in einem trüben Spiegel eben.
Dies gilt um so mehr, weil er andere Stimmen zu Abdul Rahman nicht zu Wort kommen läßt. In einem Artikel von MedienDenk.com wird ein afrikanischer Flüchtling zitiert: "Er war ein korrekter Mann, aber bestimmt nicht verwirrt. Er stand ganz einfach unter Streß, weil ihm die Abschiebung drohte", und weiter heißt es in dem Bericht, "es sei der Druck und die Angst gewesen, vor den Behörden nichts Falsches zu sagen". Die gleiche Quelle berichtet in einem weiteren Artikel übrigens auch, daß sich das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf den Datenschutz berufen habe und zum Fall Abdul Rahman nichts sagen wolle. Wie aber gelangte dann die Akte an den Spiegel? Der letztgenannte Bericht von MedienDenk.com schließt mit den Worten: "Das Bundesamt in Nürnberg will die deutsche Akte des ehemaligen Asylbewerbers nicht offenlegen. Es könnte manchem den Spiegel der Heuchelei vorhalten". Wie wahr.
|