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Gehalten am 2. Februar 2010 als Andacht zu Beginn der Sitzung des Ökumenischen Arbeitskreises Stuttgart-Zuffenhausen in der Ev.-Freik. Martin-Luther-King-Kirche ( Baptisten)
Der Tag der „Darstellung des Herrn“ ist ein alter christlicher Feiertag, der traditionell am 40. Tag nach Weihnachten gefeiert wird und mancherorts den Abschluss von Weihnachten darstellt. Hintergrund ist die Darstellung Jesu 40 Tage nach seiner Geburt im Jerusalemer Tempel, seine Weihe für Gott und die Begegnung mit den Propheten Hanna und Simeon, die in Jesus den Retter erkennen und ihn bekannt machen1.
Seinen Beginn hat dieses Fest im vierten Jahrhundert in Jerusalem, damals gingen Christen aus Jerusalem ihrem aus Betlehem kommenden Erlöser entgegen, um dann, nach ihrer Begegnung mit ihm, gemeinsam in Jerusalem einzuziehen. Das entsprach dem antiken Brauch, einen Herrscher in einer Stadt willkommen zu hießen.
Auf dem Weg lag der Legende nach damals ein Kloster, gegründet von einer frommen Frau namens Hikelia. Sie stattete ihre Mönche mit Kerzen aus, damit sie ihrem Herrn entgegen- und dann gemeinsam mit ihm in die Heilige Stadt, Jerusalem, gehen konnten, im Licht der Kerzen.
Wenn ich es richtig verstehe, dann wurde in der Ostkirche daraus das Fest Hypapante, Begegnung. Die Ostkirche betont den Aspekt der Begegnung des Erlösers mit den Frommen seines Volkes, die ihn erwarten. In der katholischen Kirche bekam das Fest zunächst eine marianische Prägung als „Mariä Lichtmess“, nach der Liturgiereform heißt es nun aber „Darstellung des Herrn“, und es geht inhaltlich um die Begegnung der Gemeinde mit Christus, vor allem in der Eucharistie. In der lutherischen Kirche steht das Fest „Darstellung des Herrn“ ebenfalls im liturgischen Kalender, aber es ist ein eher selten gefeiertes Fest. Und als ich im Internet nach „Evangelisch-methodistische Kirche“ und „Darstellung des Herrn“ gesucht habe, fand ich recht schnell eine Predigt zu diesem Tag, gehalten vor genau einem Jahr in der Chemnitzer Friedenskirche; dieses Fest scheint also auch dort eine gewisse Rolle zu spielen.
Bei den Baptisten allerdings sucht man eher vergeblich; dort ist der Tag der Darstellung des Herrn weitgehend unbekannt. Ein Baptist wird bei dem Stichwort „Darstellung des Herrn“ wohl weniger an ein gottesdienstlich zu begehendes Fest denken, sondern nach einigem Nachdenken, Überlegen und am Kopfe kratzen wohl vermuten, es handele sich um eine Beschreibung für Mission oder Evangelisation: Jesus den Menschen darstellen, Jesus in Wort und Tat verkünden, damit Menschen eine Begegnung mit Jesus haben, dem Mensch gewordenen Gott. Damit knüpfen sie an Simeon und vor allem Hanna an, die ja Jesus als den Retter bekanntgemacht haben.
Wie dem auch sei, im Liturgiekalender der Evangelischen Landeskirche Württemberg ist für die zweite Predigtreihe als Predigttext die Epistel
Hebräer 2,14-18
vorgeschlagen.
Ich lese aus der Gute Nachricht Bibel, ab Vers 10.
„Weil Gott wollte, dass viele Kinder Gottes in sein herrliches Reich aufgenommen werden, hat er den, der sie zur Rettung führen sollte, durch Leiden zur Vollendung gebracht. Das war der angemessene Weg für Gott, den Ursprung und das Ziel von allem. Denn der Sohn, der die Menschen Gott weiht, und die Menschen, die von ihm Gott geweiht werden, stammen alle von demselben Vater. Darum schämt der Sohn sich nicht, sie seine Brüder zu nennen. Er sagt zu Gott: ‚Ich will dich meinen Brüdern bekanntmachen; in der Gemeinde will ich dich preisen.‘ Er sagt auch: ‚Ich will mein Vertrauen auf Gott setzen!‘ und fährt fort: ‚Hier bin ich mit den Kindern, die Gott mir gegeben hat.‘“ Nun der Predigttext: „Weil diese Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, wurde der Sohn ein Mensch wie sie, um durch seinen Tod den zu vernichten, der über den Tod verfügt, nämlich den Teufel. So hat er die Menschen befreit, die durch ihre Angst vor dem Tod das ganze Leben lang Sklaven gewesen sind. Nicht für die Engel setzt er sich ein, sondern für die Nachkommen Abrahams. Deshalb musste er in jeder Beziehung seinen Brüdern und Schwestern gleich werden. So konnte er ein barmherziger und treuer Oberster Priester für sie werden, um vor Gott Sühne zu leisten für die Sünden des Volkes. Weil er selbst gelitten hat und dadurch auf die Probe gestellt worden ist, kann er nun den Menschen helfen, die ebenfalls auf die Probe gestellt werden.“
In diesem Text spricht mich vor allem das „der Sohn wurde ein Mensch wie sie“ an, das „er musste in jeder Beziehung seinen Brüdern und Schwestern gleich werden“.
Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi sehr ähnliche Worte: „Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen.“2
Wer bei der „Darstellung des Herrn“ an Evangelisation und Mission denkt, und die Propheten Hanna und Simeon erlauben durch ihr Vorbild diese Deutung, der tut gut daran, das Vorbild Jesu zu seinem Maßstab zu machen. Wer will, dass Menschen Jesus begegnen und in ihm den Retter erkennen, der muss sich zu ihnen begeben, der muss ihnen in jeder Beziehung gleich werden, der muss seine Vorrechte aufgeben, einem Sklaven gleich werden, ein Mensch in der Lebenswelt derer werden, zu denen er sich gesandt weiß und ihr Leben teilen.
Paulus hat so in der Mission gelebt, wie er den Christen in Korinth schreibt: „Obwohl ich also frei und von niemand abhängig bin, habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele für Christus zu gewinnen. Wenn ich mit Juden zu tun hatte, lebte ich wie ein Jude, um sie für Christus zu gewinnen. Unter ihnen, die von der Befolgung des Gesetze das Heil erwarten, lebte auch ich nach den Vorschriften des Gesetzes, obwohl ich selbst das Heil nicht mehr vom Gesetz erwarte – und das nur, um sie für Christus zu gewinnen. Wenn ich dagegen mit Menschen zu tun habe, die nichts vom Gesetz wissen, lebte auch ich nicht nach dem Gesetz, obwohl ich doch vor Gott nicht gesetzlos lebe; ich stehe ja unter dem Gesetz, das Christus gegeben hat – und auch das tat ich, um sie für Christus zu gewinnen. Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Glauben noch schwach war, wurde ich wie sie und machte von meiner Freiheit keinen Gebrauch – nur um sie für Christus zu gewinnen. Ich stellte mich allen gleich, um überall wenigstens einige zu retten.“3
Den Herrn Jesus den Menschen darzustellen setzt voraus, dass man bereit ist, das Leben der Menschen zu teilen. Die Missiologie des 21. Jahrhunderts hat dafür den Begriff „Konvivenz“ geprägt, ein Leben in guten nachbarschaftlichen Beziehungen, in denen man einander hilft, voneinander lernt und miteinander feiert.
Die Konvivenz ist in der Trinität Gottes verankert. Der drei-einige Gott hat in sich selbst Gemeinschaft. Und der Mensch, der ja nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, soll ebenfalls in Gemeinschaft leben - in Gemeinschaft mit Gott und in Gemeinschaft miteinander, ein jeder in Frieden mit seinem Nachbarn.
Wo die Gemeinschaft zerbricht, da herrscht die Sünde.
Im Sinne der Konvivenz ist Missionsarbeit Nachbarschaftsarbeit, nicht Überzeugungsarbeit. Überzeugen - das ist die Arbeit Gottes; Christen können in diesem Zusammenhang nur zuverlässige Zeugen sein (und nicht etwa "Anwälte Gottes"). Wo man andere überzeugen will, mag man eine Diskussion gewinnen - aber die gute Nachbarschaft wird ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen, und Menschen für Christus zu gewinnen, wird so unmöglich sein.
Fußnoten
1Siehe
Lukas 2,22-38
2
Philipper 2,6.7
3
1. Korinther 9,19-22
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