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Die Zeugen Christi und der Haß der Welt PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Andachten und Predigten
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Dienstag, den 26. Mai 2009 um 14:26 Uhr

Predigt über Johannes 15,26-16,4a gehalten am 24. Mai 2009 (Sonntag Exaudi) in der Martin-Luther-King-Kirche (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde – Baptisten – Stuttgart-Zuffenhausen)

Predigttext

Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir.

Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.

Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt.

Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.

Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen.

Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe.

(Luther-Bibel 1984)

Predigt

Liebe Gemeinde,

im offiziellen Kalender stehen wir schon am Anfang der Pfingstferien, aber im Kirchenjahr befinden wir uns an diesem Sonntag Exaudi immer noch in der Osterzeit; dies ist der letzte Sonntag des Osterkreises. Doch der in der Perikopenreihe der evangelischen Kirchen für heute vorgesehene Predigttext greift sogar noch weiter zurück, auf die Zeit vor Ostern, unmittelbar vor der Gefangennahme unseres Herrn Jesus und seiner Kreuzigung. Doch weil Jesus in diesem Text von der Zeit ab dem Pfingstfest spricht, verbindet dieser Predigttext Ostern und Pfingsten miteinander.

Unser Predigttext ist der letzte Abschnitt aus einer der Abschiedsreden Jesu, das Thema dieser Rede ist der Haß der Welt1. Vorher noch hatte Jesus über die Liebe gesprochen2, aber nach den Worten: „Das gebiete ich euch, daß ihr einander liebt“3 erklingt wie ein eisigkalter Schauer eine schrecklich-nüchterne Feststellung: „Wenn die Welt euch haßt, so bedenkt, daß sie mich zuerst vor euch gehaßt hat!“4 Daß „wenn“ ist dabei kein „falls die Welt euch haßt“, sondern ein „wenn es soweit ist“. Die von Gott zur Liebe Berufenen sollen mit aller Klarheit wissen, daß sie in einer Welt des Hasses zu leben haben. Jesus macht deutlich, daß die Welt ihnen mit Haß begegnen wird. Dabei hatte Jesus den Jüngern kurz vorher versprochen, daß sie bleibende Frucht tragen werden5, daß sie erwählt sind, mit ihrer Mission für das Reich Gottes Erfolg zu haben6.

In einer seiner ersten Abschiedsreden hatte der Herr Jesus ihnen sogar zugesagt, daß sie noch größere Werke tun würden als er selbst7. Große Werke, größere als die von Jesus, bleibende Frucht, bestimmt zum Erfolg – und nun das: Mit aller Schärfe zeigt Jesus auf, daß einer der ersten „Erfolge“, den die Christen erleben werden, der Haß der Welt sein wird. Die Jünger werden sich gefragt haben, ob dieser Haß der Welt womöglich an ihren eigenen Fehlern liegt. Darum nimmt sich Jesus Zeit, den Haß der Welt zu erklären, seine Ursachen ans Licht zu bringen: Weil Jesus die Christen aus der Welt heraus erwählt hat und sie also nicht mehr von der Welt sind, weil die Christen sich nicht der Welt gleichstellen, werden sie von den Menschen dieser Welt gehaßt. Auch wenn Christen sich vorbildlich verhalten und weder Fahrlässigkeit oder Vorsatz, weder Dummheit noch Gewalt den Haß der Welt provozieren, müssen sie doch damit rechnen, dem Haß der Welt zu begegnen.

Doch Jesus begnügt sich nicht damit, ihnen die Ursache und die eigentliche Grundlosigkeit für den Haß der Welt aufzuzeigen, sondern er stellt ihnen das göttliche Gegenprogramm gegen den Haß der Welt vor: Den Parakletos. Luther hat dieses griechische Wort mit „Tröster“ übersetzt, andere übersetzen beispielsweise „Fürsprecher“, „Beistand“, „Anwalt“, „Ratgeber“, „Helfer“. Speziell die Übersetzung „Tröster“ hat heute gegenüber Luthers Zeit viel von der Bedeutung des Parakletos verloren. Der Parakletos ist der Stellvertreter Christi auf Erden, er sorgt dafür, daß die Christen nicht verlassen sind und nicht hilflos ihren eigenen Weg in dieser Welt wagen müssen. Er ist ihr Anwalt, der ihnen machtvoll zur Seite steht. Er ist nicht nur eine nebulöse Kraft, sondern eine Person, die dritte Person, die dritte Verwirklichungsgestalt der Dreieinigkeit.

Liebe Gemeinde,

der Apostel Johannes nennt in seinem ersten Brief Christus selbst unseren Parakletos, unseren Beistand8, unseren stellvertretenden, fürbittenden und vermittelnden Anwalt, der für uns eintritt. Wo Jesus selbst im Johannes-Evangelium vom Parakletos spricht9, meint er stets den Heiligen Geist, und zwar ist dann die Rede vom „allos parakletos“, dem „anderen Beistand“. Im griechischen Bibeltext wird dabei deutlich, daß dieser andere Beistand von gleicher Qualität ist wie der Herr Jesus selbst. Er setzt das Werk Christi in der Welt und vor allem in den Glaubenden fort. Ja, im Heiligen Geist ist der Herr Jesus selbst gegenwärtig.

In der Theologie wird die Auseinandersetzung zwischen Gott, seinem Christus und der Gemeinde auf der einen und der Welt auf der anderen Seite oft als eine „Gerichtsverhandlung“ verstanden. In dieser Verhandlung vertritt der Heilige Geist als ein Anwalt die Christen. Vor Gericht geht es stets darum, daß alle Zeugen die Wahrheit sagen – Jesus sagt, daß der Heilige Geist nicht nur die Wahrheit sagen wird, sondern sogar der Geist der Wahrheit ist. Die Wahrheit ist seine einzige Waffe. Das meint nicht nur, daß er stets die Wahrheit sagt – wie wir das auch tun sollen –, sondern daß er nichts von Gottes Wollen und Wirken vor der Welt zurückhält. Es gibt keine göttlichen Geheimnisse, die christliche Kirche ist kein Mysterien-Kult, in dem nur Eingeweihte höhere Geheimnisse erfahren können. Daß so viele Menschen das Wollen und Wirken Gottes nicht verstehen, daß die Wege Gottes für sie mysteriös sind, ist eine Folge ihrer Sünden – die Decke über ihren Augen ist aus ihren eigenen Sünden gewebt. Der Heilige Geist aber will den Menschen diese Decke von ihren Augen reißen, damit sie die Wahrheiten Gottes erkennen können. Darum ist er ohne Unterlaß als Zeuge tätig; als Stellvertreter Christi auf Erden und als Anwalt der Christen legt er Zeugnis ab für die Wahrheit. Dem Zeugnis des Heiligen Geistes dürfen wir als Christen viel zutrauen. Diesem Zeugnis müssen wir auch in keiner Weise nachhelfen. Manche Prediger und Evangelisten meinen, sie müßten während oder nach einer Predigt die Seelen der Versammelten gewissermaßen „massieren“, manchmal wird mit stimmungsvoller Musik „nachgeholfen“, um eine für das Wirken des Heiligen Geistes positive Umgebung zu schaffen. Dem US-amerikanischen Prediger Benny Hinn wird nachgesagt, daß zur richtigen Zeit große Ventilatoren eingeschaltet werden, um das Wehen des Heiligen Geistes zu simulieren. Eine für das Wirken des Heiligen Geistes und sein Zeugnis scheinbar günstige Umgebung läßt sich leicht schaffen – aber was der Heilige Geist erwartet, ist eine normale, alltägliche Umgebung. In ihr legt er sein Zeugnis so ab, daß ganz normale, alltägliche Menschen angesprochen werden. Das Zeugnis des Heiligen Geistes ist nicht an besondere Prediger oder Evangelisten gekoppelt, sondern an ganz normale Christenmenschen in ihrem ganz normalen Alltag, auch und gerade in ihrer Schwäche, in ihren Einschränkungen10. Das Zeugnis des Heiligen Geistes findet oftmals eher in einer Küche statt, wo man gerade gemeinsam kocht, als in einer Kirche, wo man in die richtige andächtige Stimmung gebracht wird. Wenn eine deutsche Baptistin ihre türkische Nachbarin einlädt und sie sich in ihrer Küche zeigen läßt, wie man türkisch kocht, ist die Umgebung für das Zeugnis des Heiligen Geistes optimal. In keinem noch so stimmungsvollen Gottesdienst, bei keiner noch so salbungsvollen Evangelisation könnte die Umgebung besser sein als hier über dampfenden Töpfen und Pfannen.

Liebe Gemeinde,

ich sagte vorhin, daß wir dem Zeugnis des Heiligen Geistes viel zutrauen dürfen, ihm aber in keiner Weise nachhelfen müssen. Aber das bedeutet natürlich nicht, daß unser eigenes Zeugnis überflüssig wird. Es bedeutet auch nicht, daß der Zeugendienst des Heiligen Geistes und unser Zeugendienst streng voneinander getrennt wären. So, wie der Weinstock allein durch die Rebe Frucht bringt11, geschieht der Zeugendienst des Heiligen Geistes durch, in und unter dem Zeugnis der Christen. Zeugendienst bedeutet, daß sich das Zeugnis des Heiligen Geistes in das Zeugnis der Christen kleidet, es ist Gottes Wort in Menschenmund, es ist Gottes Werk in Menschenhand. Darum darf unser Mund nicht schweigen, unsere Hand nicht im Schoß liegen bleiben. Zwar ist es oft so, daß, wenn die Jünger schweigen, die Steine reden12 und beispielsweise Muslime haben dann vom Heiligen Geist zu ihnen gesandte Träume, in denen ihnen Jesus erscheint, doch besser ist es, wenn wir uns vom Heiligen Geist in den Alltag der Menschen senden lassen.

Mit einem deutlichen Seitenhieb gegen die damals aufkommende Gnosis schreibt Johannes die Worte Jesu auf: „Aber auch ihr gebt Zeugnis, weil ihr von Anfang an mit mir zusammen seid“. Wer nicht an die Gnosis denkt, nimmt vielleicht an, nur diejenigen Christen, die von Anfang an mit Jesus beisammen waren, dürften für Jesus Zeugnis abgeben, die anderen jedoch nicht. Darum geht es hier aber nicht. Die Gnostiker lehrten, daß Jesus eine Art Geistwesen war, aber nicht wirklich Mensch wurde. Mit diesem Geistwesen-Jesus konnte natürlich kein Mensch zusammensein, aber die Gnostiker lehrten, daß diejenigen Menschen, die sich von ihrem verderbten Fleisch lösten und auf eine geistige Ebene aufstiegen, mit der Weisheit des Geistwesens Jesu erfüllt werden konnten. Nicht das verderbte Fleisch, nur der reine Geist könne das Zeugnis Gottes vernehmen. Für Johannes ist aber ist der Mensch Jesus wichtig. Die Einschränkung des Zeugnisses auf diejenigen, die von Anfang an mit Jesus zusammen sind, ist keine Einschränkung auf den Kreis der Apostel, sondern auf den Kreises derer, die Jesus als wahren Menschen und nicht als bloßes Geistwesen verkündigen. In den Evangelien haben wir dann ja auch das Zeugnis vom Leben des Menschen Jesus, das für unser Zeugnis maßgeblich sein soll.

Liebe Gemeinde,

wenn das Zeugnis des Heiligen Geistes darin geschieht, daß Gottes Wort in Menschenmund liegt und Gottes Werk in Menschenhand, bedeutet das, daß wir eine besondere Ausbildung für den Zeugendienst brauchen?13

Ich habe vorhin die deutsche Baptistin mit ihrer türkischen Nachbarin erwähnt – die Fähigkeit, sich zeigen zu lassen, wie man türkisch kocht, ist hierbei die wichtigste Fähigkeit, die sie ausgebildet haben sollte. Sie sollte nun nicht auf die Idee kommen, ihrer türkischen Nachbarin die türkische Küche erklären zu wollen, den richtigen Gebrauch türkischer Nahrungsmittel und Gewürze. Leider geschieht genau das oft, wenn Christen Muslimen gegenüber Zeugnis ablegen wollen – sie wollen den Muslimen erklären, was der Islam sei, was Muslime glauben – und daß das alles natürlich ganz schlecht ist. Manchmal sind Christen sehr gut über den Islam ausgebildet und können im Schlaf alle Schlachten des Heerführers Muhammad, alle Strafen, die er gegen Abtrünnige, Diebe, Juden und so weiter verhängt hat, aufzählen, wissen besser über den Islam Bescheid, als viele Muslime dies tun. Solange ein so ausgebildeter Christ sein Wissen Muslimen gegenüber für sich behält, mag sein Zeugnis gut und sinnvoll sein. Sobald er aber sein Wissen zum anklagenden Zeugnis gegen den Islam einsetzt, hat das nichts mehr mit Gottes Wort in Menschenmund und Gottes Werk in Menschenhand zu tun.

Die beste Ausbildung für unser Zeugnis besteht darin, daß wir uns den Maßstab vor Augen halten, den Christus gesetzt hat. Ich erwähne diesen Maßstab in fast jeder meiner Predigten, darum kennt Ihr ihn sicherlich schon, er steht in Philipper 2, Vers 6 und folgende: „Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen.“ Und von Paulus wissen wir, daß er den Griechen wie ein Grieche wurde und den Juden wie ein Jude14. Heute würde er wohl den Muslimen wie ein Muslim werden, das heißt, er würde wie ein Muslim leben, um möglichst viele für Christus zu gewinnen. Das Fundament unseres Zeugendienstes sind nicht gelehrte Worte, ist keine geschliffene Theologie, sondern ist das Hingehen zu den Menschen, eine Begegnung auf Augenhöhe, das Teilen ihres Lebens, ein echtes Miteinander. So wie Jesus nicht als Geistwesen zu den Menschen kam, sondern als Mensch, so sollen wir nicht als abgehobene Christenwesen zu den Menschen gehen, sondern als Menschen. Das Zeugnis ergibt sich aus dem miteinander gelebten Alltag heraus, eher über dampfenden Töpfen und Pfannen als in einer kirchlich-andächtigen Atmosphäre. Gottes Wort fühlt sich im Menschenmund wohler und paßt auch besser, wenn wir Töpfe und Pfannen vor uns haben, Gottes Werk fühlt sich in Menschenhand wohler und paßt auch besser, wenn wir nach dem Essen zusammen abwaschen. Vielleicht ist es darum so, daß im Bereich der christlichen Mission unter Muslimen fromme Hausfrauen mehr Erfolge haben und mehr bleibende Frucht bringen als Evangelisten und Prediger. Und darum rechne ich auch damit, daß fromme Hausfrauen, die auf Erden in eine sehr einfache Wohnung in einem vor allem von Türken bewohnten Haus gezogen sind und deren Lebensstandard geteilt haben, im Himmel größere und schönere Wohnungen haben werden als viele Evangelisten und Prediger.

Das christliche Zeugnis besteht jedenfalls weniger in Predigt und Evangelisation als vielmehr in Begegnungen, und das christliche Zeugnis paßt besser zu einem Herd mit dampfenden Töpfen und Pfannen und einem Spülbecken als zu einer Kanzel und einem Altar.

Liebe Gemeinde,

wer Zeugnis gibt, der erlebt den Haß der Welt. Über dieser bitteren Erfahrung könnten wir zu Fall kommen. Ich habe immer wieder das Beispiel der deutschen Baptistin gebracht, die eine türkische Nachbarin einlädt und sich von ihr zeigen läßt, wie man türkisch kocht. Die beiden kochen zusammen, essen zusammen, waschen zusammen ab. Aus Nachbarinnen, aus einer Deutschen und einer Türkin, werden Freundinnen. In dieser Atmosphäre, über den dampfenden Töpfen und Pfannen, gewinnt das Zeugnis des Heiligen Geistes im Mund der Christin und durch ihre Hände Gestalt und erreicht das Herz der Türkin. Bleibende Frucht entsteht.

Doch der Haß der Welt ist nicht fern.

Für unsere deutsche Baptistin wird es überraschend und schmerzhaft sein, daß der Haß zuerst nicht von außen kommt, sondern von ihren christlichen Geschwistern. Man wird ihr vorwerfen, daß sie sich mit einer Türkin einläßt, sie zur Freundin gewinnt, obwohl diese doch Muslima ist, obwohl diese doch Kopftuch trägt, obwohl diese doch die Moschee besucht. Betet sie womöglich das islamische Gebet in der Wohnung der Baptistin? Besucht die Baptistin womöglich mit ihrer muslimischen türkischen Freundin die Moschee? Trägt sie dann vielleicht sogar ein Kopftuch? Läßt sie sogar einen Hauskreisabend sausen, weil die türkische Freundin vorbeigekommen ist? Natürlich, in unserer Gemeinde wird so etwas nicht passieren, aber viele Christinnen erleben genau das15. Sie erleben, wie ihnen aus ihrer christlichen Gemeinde Haß entgegen schlägt, weil sie sich mit einer muslimischen „Kopftuchtürkin“ eingelassen haben, mit ihr zusammen die Moschee besuchten, ihr für das Gebet verraten, in welche Richtung wohl Mekka liegt und dann sogar einen kleinen Teppich aus dem Schrank hervorholen. Dieser innerchristliche Haß ist wohlgemerkt „Haß der Welt“. Von unserer kirchlichen Mitte aus gesehen ist die „Welt“ immer nur so weit weg, wir wir uns von Gottes Willen, daß allen Menschen geholfen werde, emanzipiert haben, wie wir gegenüber Gottes liberaler Liebe erblindet sind, wie für für Gottes evangelikale16 Ermahnungen taub sind, wir wir nur um unsere eigene fromme Selbstgerechtigkeit kreisen.

Unsere deutsche Baptistin wird auch von ihrer deutschen Umwelt, von der Familie über Freunde und Bekannte, über Nachbarn und Arbeitskollegen bis hin zu völlig Fremden mit dem Haß der Welt konfrontiert werden, weil sie etwa nicht mehr am gesellschaftlichen Alkoholgenuß teilnimmt17, weil sie an muslimischen Demonstrationen gegen Kopftuchverbote teilnimmt, weil sie lieber mit einer türkischen Freundin die Moschee besucht statt mit deutschen Freunden auszugehen, weil sie lieber den Kindern ihrer Freundin bei den Hausaufgaben hilft statt mit ihrer Familie einen Gottesdienst zu besuchen, weil sie eben in vielen Dingen wie eine Türkin, wie eine Muslima lebt. Und womöglich wohnt sie sogar in einem „Türkenhaus“, trägt womöglich regelmäßig einen langen Mantel und ein Kopftuch – die Reaktionen ihrer Umwelt werden sehr deutlich sein.

Und dann gibt es natürlich auch noch den Haß der Welt, der von einigen Muslimen ausgeht, weil sie hier eine christliche Mission unter Muslimen sehen – vor allem, wenn die türkische Freundin unserer deutschen Baptistin nun plötzlich in Jesus mehr sieht als nur einen Propheten, wenn sie zu diesem Jesus betet und sich in seinem Namen taufen läßt.

Liebe Gemeinde,

heute erleben wir Christen hier in Deutschland nur ein sehr wenig Haß der Welt. Was wir erleben, ist ab und zu ein „Häßchen“ aus dem einen oder anderen gottverlassenen Winkel der Welt. Wir können uns frei versammeln, wir können unsere Schriften frei herausgeben, wir können predigen, worüber wir wollen, wir können evangelisieren, Zeugnis geben. Unsere natürliche Reaktion auf diese Freiheit ist natürlich Freude und Erleichterung und auch Dankbarkeit gegen Gott. Wir wissen ja, daß es vielen Christen nicht so gut geht. In Nordkorea, in Saudi-Arabien, im Iran, auf den Malediven, in Pakistan, in Afghanistan, in Bhutan, in Eritrea und in vielen anderen Ländern sind Christen dem Haß der Welt schutzlos ausgeliefert. Auch in manchen christlichen Ländern sind Angehörige einer christlichen Minderheit dem Haß der Welt in Form von Verfolgung durch die christliche Mehrheit ausgesetzt.

Wenn es bei uns „Haß der Welt“ gibt, der uns Christen das Leben in der Nachfolge Jesu und als seine Zeugen schwermacht, dann ist es in der Regel ein Haß der „frommen“ Welt. Gerade die Frage, ob und wie man denn missionieren soll, führt zu vielen Äußerungen eines mehr oder weniger großen Hasses der frommen Welt. Mehr als die Nichtchristen stören sich oftmals die Christen selbst an dem Thema Mission.

Bei aller Freude darüber, daß wir Christen in Deutschland keiner Christenverfolgung ausgesetzt sind und natürlich völlig darüber im Klaren, daß es unbiblisch ist, die Verfolgung zu suchen, stellt sich aber der eine oder andere Leser unseres Predigttextes die Frage, ob unser Zustand nun der Normalzustand ist oder nicht.

Daß uns Christen so wenig Haß der Welt entgegenschlägt, liegt wohl kaum daran, daß wir in einer durch und durch christlichen Umwelt leben. Daß dem nicht so ist, dürfte jedem klar sein. Der praktische Atheismus, der sich darin äußert, daß man so lebt, als würde Gott nicht existieren, ist innerhalb und außerhalb der christlichen Kirchen weit verbreitet18.

Vielleicht ist das postmoderne, postchristliche Deutschland im 21. Jahrhundert ein sehr tolerantes Land, in dem jeder seinen Glauben so leben darf, wie es ihm gefällt?

Aber vielleicht sind wir Christen auch zu sehr an diese Welt angepaßt19, so daß wir nicht mit dem Haß der Welt, sondern mit der Gleichgültigkeit der Welt zu tun haben?

Ich denke, ein Stück weit stimmt beides. Allerdings befindet sich die deutsche Toleranz nicht auf dem Vormarsch, sondern auf dem Rückzug. Noch ist eine ganze Menge Toleranz vorhanden, aber sie weicht schon seit langem Beliebigkeit und Gleichgültigkeit, und sie weicht seit kurzem ausdrücklicher Intoleranz. Der Höhepunkt der Religionsfreiheit in Deutschland scheint überschritten, und die ersten, die dies spüren werden, sind einerseits evangelikale, andererseits freikirchliche Christen, ebenso gläubige Katholiken. Aber auch die Anpassung der Christen an die Welt, auch unter Evangelikalen und unter freikirchlichen Christen nimmt zu.

Liebe Gemeinde,

was ist diese „Welt“ nun eigentlich? Ist es einfach alles, was jenseits unserer Kirchenmauern geschieht? Christen stehen leicht in der Gefahr, die „Welt“ anhand äußerlicher Kennzeichen zu identifizieren, beispielsweise eine bestimmte Kleidung, die Emanzipation der Frauen, die Akzeptanz homosexueller Lebensstile, die Zustimmung zur Evolutionstheorie usw. Wer nicht so ist wie wir, der gehört eben zur „Welt“. Wir sind die Guten, die anderen, die draußen, das sind die Bösen.

Aber zum einen hat die Kirchengeschichte immer wieder gezeigt, daß uns die „Welt“ vor allem aus unserer Mitte erwächst, aus der Mitte der Kirche. Zum anderen haben viele Christen in Geschichte und Gegenwart die Erfahrung gemacht, daß die Menschen draußen, die Menschen außerhalb der Kirche zu mehr Liebe und Barmherzigkeit fähig waren als die eigenen Geschwister. So mußten ganz besonders die Juden immer wieder erfahren, daß ihnen die Muslime mit mehr Barmherzigkeit begegnet sind als die Christen.

Die Welt, das sind nicht einfach die Menschen außerhalb der Kirche, sondern die Welt ist die im Hier und Jetzt verankerte Welt, in der die kommende Welt, die Gott für uns bereitet hat, völlig ausgeblendet ist. Sie sperrt sich gegen jeden Lichtstrahl, der aus der kommenden Welt in diese Welt-Zeit eindringen und sie erleuchten will, sie will dieses Licht von morgen verdunkeln, zum Erlöschen bringen, weil sie weiß, das im Licht der kommenden Welt diese Welt-Zeit unwiderruflich als die vergehende, ja die in vielen Dingen schon vergangene Welt sichtbar wird20.

Liebe Gemeinde,

wie können wir in dieser Welt leben, der wir das Zeugnis der Liebe Gottes schuldig sind, wie können wir mit dem Haß der Welt umgehen?

Für beides sind wir ganz und gar auf den Heiligen Geist, den Tröster und Helfer, den Anwalt und Beistand, angewiesen. Aus der kommenden Welt trägt er das Licht in diese Welt-Zeit, kommt er in unser Herz und in die Herzen der Menschen.

Unser Zeugnis, das wir der Welt schuldig sind, ist das Zeugnis der Liebe Gottes, dieses Zeugnis gehört in unserem Mund und in unsere Hände. Ich weiß, daß es uns Christen oftmals viel leichter fällt, Menschen mit Argumenten von der Existenz Gottes und den Vorzügen seiner Gebote überzeugen zu wollen. Ich weiß, daß es uns Christen oftmals sinnvoll erscheint, die Menschen von der Sündhaftigkeit der Homosexualität, von der Überlegenheit des Kreationismus über der Evolutionstheorie21, von der Bösartigkeit des Islam und vielen anderen Dingen mehr überzeugen zu wollen. Ich weiß, daß wir Christen dazu neigen, daß wir mit guten Argumenten Diskussionen, die wir mit Nichtchristen führen, gewinnen wollen. Nun, die Diskussionen mögen wir gewinnen – die Herzen der Menschen werden wir so aber nicht gewinnen. Ganz im Gegenteil – wir laufen Gefahr, den Haß der Welt durch solche Diskussionen zu provozieren.

Liebe Gemeinde,

unsere Aufgabe ist es nicht und wird es auch niemals sein, die Menschen von den Geboten Gottes zu überzeugen. Unsere Aufgabe sind liebevolle Begegnungen mit Menschen. Vor der Rede über den Haß der Welt hat der Herr Jesus über die Liebe gepredigt. Unser Leben soll der Liebe gewidmet sein. Nirgendwo zeigt sich Liebe deutlicher als in Begegnungen, in Beziehungen, in Gemeinschaft.

Wer von Liebe umfangen ist, wer in einer Gemeinschaft geborgen ist, der vermag auch den Haß der Welt nicht nur zu überstehen, sondern auch zu überwinden.

In der letzten Woche erschien in der Stuttgarter Zeitung ein Artikel über die schwäbische Diakonisse Dorothee Grupp, die im Auftrag der Aidlinger Schwestern 2002 nach Mecklenburg-Vorpommern ging, um dort als Schwester Doro mehrere Jahre in einem kleinen Dorf namens Jördenstorf zu arbeiten. Durch ihre Herkunft aus dem Westen und durch ihre kirchliche Herkunft, durch ihre Aidlinger Tracht nicht zu übersehen, hat sie bei ihrer Ankunft viel Ablehnung provoziert und hat den Haß der Welt erlebt – wüste Beschimpfungen, faule Äpfel, die in ihr Zimmer flogen. Aber sie wurde in „ihrem“ Dorf heimisch, sie, die Schwäbin, wurde den Jördenstorfern wie eine Jördenstorferin. Sie wurde eine von ihnen. „Alles Wesentliche im Leben ist Begegnung“ - dieser Satz von Martin Buber wurde das Motto von Schwester Doro. Und sie legte zwar nicht ihre Aidlinger Tracht ab, aber ihre Westlichkeit. Ihr Zeugnis, das Wort Gottes in ihrem Mund und das Werk Gottes in ihren Händen, hat in Jördenstorf bleibende Frucht gebracht. Eine der jungen Frauen aus Jördenstorf studiert heute am theologischen Seminar in Aidlingen22.

Schwester Doro in Jördenstorf – das ist ein modernes Kapitel der Apostelgeschichte. Würde Paulus heute einen Brief an die Christen in Jördenstorf schreiben, würde er Schwester Doro wohl als „hochberühmt unter den Aposteln“ bezeichnen wie einst Schwester Junia23.

„Alles Wesentliche ist Begegnung“ - Martin Buber hat damit das Wesen des christlichen Zeugnisses sehr gut zusammengefaßt. Nicht überzeugen, nicht belehren wollen, keine Diskussionen gewinnen wollen – nur Begegnungen sind wesentlich für das christliche Zeugnis. Amen.

Literaturhinweise

  • Wuppertaler Studienbibel: Das Evangelium des Johannes erklärt von Werner de Boor (Wuppertal und Zürich 1989) – ich habe mich (obwohl der „rote Faden“ bei de Boor in eine andere Richtung zeigt als in meiner Predigt) sehr stark an diesem Kommentar orientiert, zum Teil sind Formulierungen übernommen worden

  • Adolf Schlatter, Das Evangelium nach Johannes (Stuttgart 1965 und 1995)

  • Darüber hinaus habe ich die Elbiwin-Ausgaben der Elberfelder Studienbibel, des Neuen Testamentes Deutsch und der Stuttgarter Erklärungsbibel genutzt

  • Die Bibeltexte habe ich den o.g. Kommentaren, der Luther-Bibel (Rev. 1984) und der Gute Nachricht Bibel entnommen

Fußnoten

13Meine Predigt sollte nicht so verstanden werden, daß ich etwas gegen eine fundierte theologische Ausbildung hätte. Ein Christ im Allgemeinen und ein Prediger bzw. Missionar im Besonderen kann gar nicht gut genug ausgebildet sein (und das gilt für Christen, die gegenüber Muslimen Zeugnis ablegen, auch im Bereich der Islamkunde); der Verkündigungsdienst ist zwar zu 100 % Inspiration, aber zu ebenfalls 100 % Transpiration. Mir geht es aber hier um die Ausbildung einer gesunden Grundlage, die für den Verkündigungsdienst unerläßlich ist. Ohne eine gute und gesunde Grundlage – Liebe, Barmherzigkeit, Gemeinschaft – ist alle theoretische Ausbildung vergebens.

15Und das gilt natürlich nicht nur dort, wo Christen gegenüber Muslimen Zeugnis ablegen, sondern auch dort, wo Christen etwa unter Nichtseßhaften, Sinti und Roma, Drogenabhängigen, Prostituierten usw. usf. Dienen – vergleiche die Vorwürfe von Frommen, die Jesus über sich ergehen lassen mußte, weil er mit „Huren und Zöllnern und Sündern“ zusammen aß und feierte

16Wer als Christ beispielsweise besonders evangelikal ist und sich vor allem von Liberalen abgrenzt oder wer besonders liberal ist und sich besonders von den Evangelikalen abgrenzt, ist gewissermaßen „in der Welt“. Wer nicht „in der Welt“ leben und ihren Haß teilen will, sollte sozusagen zu einem Drittel „evangelikal“, zu einem Drittel „liberal“ und zu einem Drittel „charismatisch“ sein und sich in keinem dieser sehr weltlichen „Lagerkampf“ verzetteln

17Und möglicherweise in ihrer Wohnung gar keinen Alkohol aufbewahrt, von Schweinefleisch grundsätzlich Abstand hält, weil für Muslime schon eine Speise problematisch ist, die mit Geschirr zubereitet wird, das auch mit Schweinefleisch, Alkohol usw. in Berührung kommt

18Als evangelikaler Christ sage ich ganz deutlich, daß die Trennlinie zwischen „Christen“ und „Nichtchristen“ nicht beispielsweise zwischen Evangelikalen und Liberalen verläuft – ich kenne viele evangelikake Nichtchristen und sehr viele liberale Christen – und manch ein offizieller Nichtchrist (Atheist, Jude, Muslim...) ist „christlicher“ als viele offizielle Christen, egal aus welchem frommen Lager. „Christ“ ist m.E. weniger ein Substantiv als ein Tätigkeitswort, und was die richtige Tätigkeit ist, hängt direkt vom jeweiligen Maß der praktischen Nächstenliebe ab – nicht von der Rechtgläubigkeit

19Und mit „Anpassung“ meine ich weniger Fragen von Theologie, Moral und Ethik als vielmehr, wie viele verlauste Bettler wir in der letzten Woche gewaschen, wie viele „Kopftuchfrauen“ wir vor verbalen Attacken verteidigt haben usw.

21Für Christen sollte es eigentlich keine entscheidende Frage sein, woher wir kommen, von was wir abstammen – entscheidend ist ja wohl die Frage, wohin wir Menschen uns entwickeln – werden wir immer affiger oder immer engelsgleicher?

22Stuttgarter Zeitung, Web-Ausgabe vom 19. Mai 2009: „Schwäbisch-Ostdeutsche Biografien (11) - Nächstenliebe in Jördenstorf“

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. März 2010 um 19:08 Uhr
 
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