|
Predigt zu
Philipper 2,12-16a
Gehalten am 2. November 2008 in der Martin-Luther-King-Kirche (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde - Baptisten) Stuttgart-Zuffenhausen
Der Predigttext (genauer Philipper 2,12.13) ist der für den Reformationstag vorgeschlagene, den ich an diesem 24. Sonntag nach Trinitatis (sonst Prediger 3,1-14) verwende, weil es in der Gemeinde keinen Gottesdienst zum Reformationstag gegeben hatte.
Der Schwerpunkt liegt auf der Reformation der Gemeinde bzw. ihres dem Evangelium würdigen Wandels.
Predigttext
12 Also, meine Lieben, – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit – schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.
13 Denn Gott ist‘s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
14 Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel,
15 damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt,
16a dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens.
Predigt
Liebe Gemeinde,
unser Predigttext ist in der Perikopenreihe dieses Jahr für den Reformationstag vorgeschlagen. Da wir in unserer Gemeinde am Reformationstag keinen Gottesdienst hatten, folge ich dem Vorschlag, am heutigen Sonntag über diesen Text zu predigen.
Es geht heute also um Reformation - und damit ist zumeist an die Entdeckung gedacht, daß wir allein durch den Glauben gerettet werden. Auch unser Predigttext wird meist in diesem Zusammenhang ausgelegt.
Heute möchte ich jedoch einen anderen Weg gehen. Die Reformation hat ja nicht nur dem Menschen einen gnädigen Gott nähergebracht, sondern auch das Verständnis von Kirche und Gemeinde grundlegend reformiert. Aus täuferischer Sicht gingen dabei Luther, Zwingli und Calvin nicht weit genug - der sog. „linke Flügel der Reformation“ forderte eine Restitution der Kirche, eine Wiederherstellung der „wahren Kirche“ nach neutestamentlichem Vorbild. Aus baptistischer Sicht war und ist dabei vor allem das missionarische Wesen der Kirche wiederherzustellen, so forderte Oncken, daß jeder Baptist ein Missionar sei.
Die Baptisten im 21. Jahrhundert sind eine traditionelle Freikirche in der Postmoderne. Wir erleben, daß der klassische Evangelikalismus in den Postevangelikalismus wechselt, und auch im Baptismus sehen wir Anzeichen dafür, daß es einen Postbaptismus gibt, neudeutsch „Emerging Baptist Churches“, was etwa bedeutet, „die sich entwickelnden Baptistengemeinden“.
Der Postbaptismus fragt nach der kulturellen Relevanz, nach der kulturellen Kompetenz der Baptisten in der Postmoderne. Er überträgt beispielsweise aktuelle Erkenntnisse der Biologie, der Hirnforschung, der Wirtschaft und der Philosophie auf die Situation der Baptistengemeinden und entwickelt dabei Grundprinzipien, die es den Baptistengemeinden ermöglichen sollen, sich auf verändernde Verhältnisse in gesunder Weise einzulassen.
Nachdem gestern in unseren Räumen ein Seminar zur Gemeinde stattgefunden hat, wo es darum ging, erneut eine biblische Vision und eine motivierende Perspektive für den Auftrag der Gemeinde zu bekommen, geht es davon unabhängig - ich wußte bei der Vorbereitung dieser Predigt nicht, worüber referiert und diskutiert worden sein würde, was die Inhalte und thematischen Schwerpunkte gewesen sein würden - geht es heute also wieder um Gemeinde. Es ist meine Hoffnung, daß sich das gestrige Seminar und der heutige Gottesdienst ergänzen. Daß sie sich widersprechen, glaube ich indes nicht - soweit mir die Themen des Referenten bekannt sind, liegen wir in vielen Dingen auf einer gemeinsamen Linie.
Liebe Gemeinde,
wollen wir unseren Text, gerade die beiden ersten Verse, richtig verstehen, dürfen wir den Zusammenhang nicht außer Acht lassen. Diese Verse stehen ja nicht ganz allein da. Reißt man einen Text aus seinem Zusammenhang, so geht man in der Auslegung leicht fehl.
Das gilt insbesondere bei der Frage, wovon unser Text eigentlich spricht. Für gewöhnlich wird er als eine theologische Abhandlung verstanden, in der es darum geht, wie Christen leben sollen.
Unsere Verse stehen in einem Zusammenhang, der eigentlich in Kapitel 1, Vers 27 beginnt. Dort schreibt Paulus: „Wandelt nur würdig des Evangeliums Christi, damit (...) ihr in einem Geist steht und einmütig mit uns kämpft für den Glauben des Evangeliums“. Besser übersetzt man den letzten Halbsatz „kämpft einmütig mit uns durch den Glauben an das Evangelium“. Der Kampf meint dabei einen Abwehrkampf, wenn man angegriffen wird und dem Haß der Welt ausgesetzt ist, wobei sich der Kampf aber gerade nicht gegen die Angreifer wendet, sondern das Ringen um das unerschütterliche Ausharren in dieser Not meint.
Für gewöhnlich verwendet Paulus für den Begriff „Wandeln“, mit dem dieser Vers beginnt, das griechische peripateo. Damit drückt er regelmäßig die Forderung aus, nicht nach der Lust des Fleisches zu wandeln, sondern im Geist.
In unserem Predigttext verwendet Paulus aber nicht diesen sehr theologischen oder sogar pneumatologischen Begriff, sondern einen politischen Begriff, politeuo, der auch vor Gericht verwendet wurde. Als römischer Bürger und besonders als seinerzeit in Rom Gefangener kannte Paulus diesen Begriff wirklich gut, bei dem es darum geht, sein Leben in einer politischen Gemeinde zu führen. Er selbst hat ihn auch als Angeklagter vor dem jüdischen Hohen Rat verwendet, um zu beweisen, daß er sein Leben als rechtgläubiger Pharisäer in der jüdischen Gemeinde mit gutem Gewissen führt (Apostelgeschichte 23,1).
Es ist jedenfalls kein Zufall, sondern von großer Bedeutung, daß Paulus seine Anweisungen im Philipperbrief mit einem von ihm selten benutzten politischen Begriff einleitet und nicht mit dem theologischen, den er sonst häufig verwendet.
Paulus sieht die Gemeinde in Philippi in Gefahr, bedrängt zu werden und Leid erfahren zu müssen. In dieser Situation ist der Wandel der Christen für Paulus keine theologische Frage, sondern eine des Gemeinwesens: Nur gemeinsam, so sagt Paulus den Christen in Philippi, könnt ihr in Gefahr bestehen. Ich werde euch jetzt nicht sagen, wie ihr Christen in Philippi euer Leben führen sollt, sondern wie Ihr euer Gemeindeleben führen sollt. Alle Anweisungen in unserem Predigttext sind Anweisungen für das Gemeindeleben. Sie stehen unter der Prämisse, in einem Geist zu stehen und einmütig durch den Glauben an das Evangelium zu kämpfen.
Liebe Gemeinde,
wir bleiben noch in den Versen vor unserem Predigttext. Nachdem Paulus die Philipper auffordert, ihr Gemeindeleben würdig des Evangeliums Christi zu gestalten, in einem Geist zu stehen und einmütig durch den Glauben an das Evangelium zu kämpfen, erinnert er sie daran, daß sie ja schon ein starkes Fundament haben, auf dem sie in einem Geist stehen können: Bei ihnen ist Ermunterung in Christus, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, herzliche Liebe und Barmherzigkeit.
Wo wir „Ermunterung“ lesen, da steht im Griechischen das gleiche Wort, das wir auch aus den Abschiedsreden des Herrn Jesus im Johannes-Evangelium kennen: Paraklet, Fürsprecher, Anwalt, Tröster, Beistand. Wir sollen einander in Christus beistehen, einander ermuntern, trösten. Der Heilige Geist begabt und befähigt uns dazu.
Trost der Liebe oder, wie es in anderen Übersetzungen heißt, Zuspruch aus Liebe, das ist die liebevolle Ermunterung von Eltern, wenn ihre Kinder das Laufen lernen oder sonst etwas, worin Eltern ihre Kinder mit Liebe umgeben, damit ihre Entwicklung gut vorangeht.
Die Gemeinschaft des Geistes besteht darin, daß wir alle miteinander Anteil haben an dem Geist, den Gott uns sendet. Der Geist ruht nicht nur auf wenigen Priestern, Propheten und Königen, sondern auf allen Kindern Gottes und Miterben Christi; er ist überreich ausgeschüttet über dem ganzen Volk Gottes.
Herzlichkeit besteht darin, daß wir für unsere Geschwister in der Gemeinde, wenn sie in Krisen geraten, nicht nur ein paar gute Gefühle des Mitleids haben. Das griechische Wort für Herzlichkeit meint, daß die Not unserer Geschwister uns im Innersten packt und nicht losläßt, bis ihnen geholfen werden kann.
Erbarmen schließlich steht im Urtext nicht im Singular, sondern im Plural, in der Mehrzahl. Das erinnert uns an die Worte des Herrn Jesus an Petrus, daß siebenmal Verzeihen nicht ausreicht, sondern wir siebenmal siebzigmal verzeihen sollen.
Das ist das, sagt Paulus den Philippern, was euch geschenkt ist. Auf diesem Fundament stehend, sollen wir einmütig durch den Glauben an das Evangelium kämpfen: Eines Sinnes sein, die gleiche Liebe haben, einmütig und einträchtig sein. Nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen tun. In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst und jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Untereinander so gesinnt sein, wie Christus es war.
Taten aus Eigennutz und um eitler Ehre willen, das sind die Feinde der Gemeinschaft, so kann man nicht würdig des Evangeliums wandeln. Durch Demut kämpfen wir gegen sie durch den Glauben an das Evangelium, wenn wir einer den anderen höher einschätzen als uns selbst, wenn wir ihm in Liebe und Ehrerbietung begegnen.
Liebe Gemeinde,
Paulus gibt seinen umfangreichen Forderungen die denkbar stärkste Begründung. Er zitiert einen Christushymnus, in dem der Glaube an das Evangelium greifbar wird, der die Leitplanken aufzeigt, die für einen Wandel, der des Evangeliums würdig ist, unabdingbar sind.
Er „schildert den Weg des Gottessohnes aus der himmlischen Herrlichkeit in die Niedrigkeit des Menschseins bis zur äußersten Tiefe eines Todes am Galgen des Kreuzes; und es nennt Gottes Antwort auf diesen Weg: die Erhöhung zum Herrn über alle. Indem Christus freiwillig die Begrenzung des Geschöpfseins auf sich nahm und die Versklavung unter Elend und Tod des Menschen gehorsam ertrug, brach er die Macht von Selbstsucht, Sünde und Tod und wurde zum Herrscher des Alls. Diesem Herrn haben sich die Christen unterstellt; was Gott durch ihn getan hat, gilt für sie; sein Weg soll Grund, Kraft und Beispiel für ihr Leben sein, so daß auch sie von sich absehen und für andere da sein können“ (zitiert nach der Stuttgarter Erklärungsbibel).
Liebe Gemeinde,
der Christushymnus ist nicht das Ende eines Abschnittes. Mit einem „also“ greift der nächste Abschnitt, unser Predigttext, den Faden auf. Drei Gedanken begegnen uns jetzt in den nächsten beiden Versen: erstens Gehorsam, zweitens, schaffet, daß ihr selig werden, mit Furcht und Zittern, drittens, Gott ist‘s, der in euch wirkt das Wollen und das Vollbringen, des Wohlgefallens wegen.
Diese drei Gedanken sind im Christushymnus verankert, erfahren von dort her ihre Begründung. Es sind keine Gedanken, die man isoliert voneinander betrachten könnte, sondern sie gehen ineinander über, hängen unlösbar zusammen.
Man könnte auch sagen, sie bilden eine Trinität, eine Dreieinigkeit des Gemeindelebens. Jede von ihnen ist eine Hypostase, eine Verwirklichungsgestalt davon, daß wir unser Gemeindeleben dem Evangelium würdig führen.
Zum Ersten, der Gehorsam. Wir schätzen dieses Wort heute nicht sehr. Und wo es uns im Evangelium begegnet, da erscheint es uns als ein Fremdkörper. Zu sehr sind wir es gewohnt, daß es im Christentum zuerst und zuletzt um Vergebung, um Gnade geht, vor allem darum, beschenkt zu werden. Seligkeit erwarten wir als ein Geschenk. Daß Gehorsam und Seligkeit uns in einem einzelnen Vers begegnen, das schreckt uns auf - fast so sehr wie jene Bibelstellen, wo Paulus dann sogar von einem „Glaubensgehorsam“ spricht.
Diese erste Verwirklichungsgestalt der Dreieinigkeit des Gemeindelebens ist im Gehorsam des Herrn Jesus seinem Gott und Vater gegenüber verankert, den wir im Christushymnus sehen. Dieser Gott ist es, dem man getrost gehorchend vertrauen kann. Anders als gehorchend will Jesus ihm gar nicht vertrauen. Gottes Vertrauenswürdigkeit ist so groß, daß sich Glaube am besten oder sogar einzig im Gehorsam verwirklicht.
Der wichtigste Gehorsam ist der, daß wir Ja zur Missio Dei sagen, zur Mission Gottes. Wir haben einen Auftrag zur Mission, der darauf zurückgeht, daß so, wie Gott Jesus in die Welt gesandt hat, auch wir in die Welt gesandt sind. Gott sendet nicht die Welt zu uns in die Gemeinde, sondern uns in die Welt. In ihr sollen wir unser Gemeindeleben so gestalten, daß es der Guten Nachricht von Jesus würdig ist.
Mission ist in diesem Zusammenhang ein ganzheitlicher Begriff. Er umfaßt Wort und Tat. Er bezieht sich auf die ganze Schöpfung und verfolgt das Ziel von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Es geht um die Bitte des Vaterunsers: „Dein Reich komme“. In der Mission stellt sich die Kirche dem Schöpfer dafür zur Verfügung..
Zum Zweiten, schaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Oder: Erarbeitet, erwirkt eure Rettung. Das „mit Furcht und Zittern“ klingt für uns sehr negativ; im Griechischen aber ist es eine Redewendung, die bedeutet, etwas mit Inbrunst zu tun, mit inniger Hingabe.
Paulus hat hier weniger die Seligkeit des einzelnen Christen im Blick, sondern die der Gemeinde. Wo die Gemeinde wandelt, da ist ihr Ziel die Seligkeit. Sie existiert nicht um ihrer selbst willen, sie kann sich selbst niemals genug sein, sondern sie existiert, um ein Ziel zu erreichen. Wenn sie das aus dem Blick verliert, dann gerät die Gemeinde in Schwierigkeiten.
Diese zweite Verwirklichungsgestalt der Dreieinigkeit des Gemeindelebens ist in den Methoden Jesu verankert, von denen wir im Christushymnus gehört haben. Das war für unseren Herrn Jesus wirklich ein „Schaffen“ der Rettung mit Furcht und Zittern, mit Inbrunst. Er hat sich entäußert, er nahm Knechtsgestalt an, er wurde den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt, er hat sich erniedrigt, er war gehorsam.
Ja, sein Weg in der Welt war kein lockerer Spaziergang. Und dabei war doch alles, was dem Vater gehört, auch sein Eigentum. Aber das bedeutet halt nicht, daß Jesus bloß ein Gefäß war, in das Gnade, Allmacht, Liebe eingegossen war. Das bedeutet eben nicht, daß Jesus passiv bleiben konnte, keine Verantwortung zu übernehmen brauchte. Jesus wußte, daß er zur höchsten verantwortlichen Aktivität gerufen war, daß Gott in ihm nicht einfach einen Menschen in einen Gnadenstand versetzt hat, sondern daß seines Vaters Liebe in ihm ein Wollen und Vollbringen bewirkt.
Schaffet eure Rettung mit Furcht und Zittern, mit Inbrunst, mit inniger Hingabe - das ist die Missio Christi; denn von Christus lernen wir die Methoden der Missio Dei, der Mission Gottes. Von Christus lernen wir innige Hingabe.
Zum Dritten, Gott wirkt in euch das Wollen und Vollbringen, des Wohlgefallens wegen. Paulus hat hier das Wirken des Heiligen Geistes im Blick. Das Gemeindeleben ist ganz abhängig vom Heiligen Geist.
Diese dritte Verwirklichungsgestalt der Dreieinigkeit des Gemeindelebens ist im Herrn der Mission verankert, dem Heiligen Geist. Im Christushymnus wird er nicht ausdrücklich genannt, aber die Erhöhung des Herrn Jesus war ganz und gar das Werk des Heiligen Geistes.
Das Wollen und Vollbringen, das Gott in uns wirkt, das ist die Mission des Heiligen Geistes. Er gibt uns die Kraft, mit den Methoden Christi die Mission Gottes zu erfüllen. Ohne ihn ist keine Mission möglich und auch kein Gemeindeleben. Ohne ihn gibt es kein Wollen und kein Vollbringen. Der Geist weht, wo er will - wir können ihn nicht kontrollieren. Wo und wie er weht, ist eine Frage seines Wohlgefallens.
Liebe Gemeinde,
drei Verwirklichungsgestalten also davon, wie wir unser Gemeindeleben so führen, daß es dem Evangelium würdig ist. Der ernste Gehorsam gegenüber der Mission Gottes steht dabei im Mittelpunkt. Wir sind mit Inbrunst, mit inniger Hingabe bereit, die Methoden Christi zur Verwirklichung der Mission Gottes zu lernen. Wir empfangen vom Heiligen Geist die Kraft, mit eben diesen Methoden Christi die Mission Gottes zu erfüllen.
Das alles sollen wir tun ohne Murren und Zweifeln. Mit „Zweifeln“ ist hier ein Streitgespräch gemeint. Es geht nicht darum, daß jedes Diskutieren verboten wäre. Es ist sogar gewünscht, daß man sich in der Gemeinde darüber ernsthaft austauscht, wie wir denn unser Gemeindeleben am besten führen können. Aber ein Streitgespräch geht immer davon aus, daß der jeweils Sprechende glaubt, seinen Gegnern überlegen zu sein, und das „Murren“ ist eher das Gemurmel und Getuschel, das sich eben nicht konstruktiv einbringt, sondern destruktiv hinter dem Rücken anderer Unruhe stiftet.
So können wir lauter und ohne Tadel sein, Kinder Gottes, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem wir scheinen als Lichter in der Welt. Lauter zu sein, bedeutet an dieser Stelle, unvermischt zu sein. Vermischung würde einen Synkretismus meinen, und damit kommen wir in einen komplizierten Bereich. Man unterscheidet zwischen einem Synkretismus auf Systemebene und einem Synkretismus auf Elementebene. Im ersten Fall werden Elemente von wenigstens zwei Religionen derart vermischt, daß sich die Inhalte wenigstens einer Religion total verändern oder gar eine neue Religion entsteht. Im zweiten Fall werden neue Elemente aus einer anderen Kultur oder Religion übernommen, dabei aber mit neuen Inhalten gefüllt. So haben die Christen das germanische Händefalten zum Beten übernommen. Meist erhält so eine vertraute Geste eine neue Bedeutung.
Nebenbei sei angemerkt, daß es in der Bibel oftmals einen Synkretismus auf Elementebene gab, etwa als Salomo für den Bau des Tempels phönizische Bauleute ins Land holte. Die jüdische Religion rund um den Tempel gab ihrer Kunst eine neue geistliche Bedeutung. Paulus, der auf Systemebene die Beschneidung nach dem mosaischen Gesetz entschieden ablehnte, hat dennoch seinen Mitarbeiter Timotheus in Jerusalem beschneiden lassen, damit er von den Juden anerkannt würde und seinem Dienst nicht im Wege stand. Überhaupt war ja Paulus den Juden wie ein Jude und den Griechen wie ein Grieche - all das ist Synkretismus auf Elementebene, nicht auf Systemebene. Vertraute Elemente werden „getauft“ und bekommen so eine neue geistliche Bedeutung, ob es nun das Händefalten beim Gebet ist, phönizische Handwerkskunst am jüdischen Tempel oder die Beschneidung eines Evangelisten.
Das verdorbene und verkehrte Geschlecht, von dem Paulus spricht, meint nicht einfach die nichtchristliche Welt in ihrer Gesamtheit, sondern dort, wo ihre kulturellen und religiösen Systeme und Elemente mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinbaren sind, wo sie insbesondere gegen die Schöpfungsordnung verstoßen.
Liebe Gemeinde,
wir sollen als Lichter in der Welt scheinen dadurch, daß wir festhalten das Wort des Lebens. Eine andere mögliche Übersetzung ist: Dadurch, daß ihr anbietet das Wort des Lebens. Und im Grunde ist ja auch das beides wichtig: Daß wir das Wort des Lebens festhalten und daß wir es weitergeben. Daß es in unserem Leben tiefe Wurzeln schlägt und daß es reiche Frucht bringt, die wir unter die Menschen verteilen.
Wir denken hier vor allem an das Neue Testament und das ist auch gut und richtig so -, aber das freilich hatten die Philipper damals noch gar nicht. Die Evangelien waren vermutlich gerade erst im Entstehen begriffen. Was sie hatten, war die Gute Nachricht von dem Herrn Jesus in ihrem Leben. Bleibt in Jesus - und handelt so, wie Jesus handeln würde, würde eine Übertragung bedeuten, die den Blick auf die Gemeindewirklichkeit der Philipper nicht außen vor läßt. Sie hatten Jesus nicht in Büchern, sondern in ihrem Leben, in ihren Herzen. Dort muß Jesus auch bleiben, und von dort her soll er unser Reden und Handeln bestimmen.
Amen.
Literatur
Wuppertaler Studienbibel: Der Brief des Paulus an die Philipper erklärt von Werner de Boor
Adolf Schlatter: Die Briefe an die Thessalonicher, Philipper, Timotheus und Titus
Stuttgarter Erklärungsbibel
Elberfelder Studienbibel
|