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Pfingst-Predigt über
Römer 8,1-11
- "Lebendig durch Gottes Geist" -, gehalten am 9. Mai 2008 in der Martin-Luther-King-Kirche (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde – Baptisten) in Stuttgart-Zuffenhausen
Der Predigttext
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Römer 8,1-11– Luther-Bibel 1984
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1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen1 und verdammte die Sünde im Fleisch,
4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.
5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt.
6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede.
7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht.
8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.
9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.
10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.
11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
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Die Predigt
Liebe Gemeinde,
in den evangelischen Kirchen wird heute über die ersten elf Verse aus Römer 8 gepredigt: Die Kirche ist lebendig durch Gottes Geist, lebt in der Kraft des Geistes, weil nämlich der Geist Gottes die Sünde überwindet, welche zum Tode führt.
Unser Predigttext steht nicht isoliert im Römerbrief, sondern die Kapitel 5 bis 8 bilden eine thematische Einheit, in der es um die Überwindung von Sünde und Gesetz geht und um das neue Leben aus dem Geist Gottes.
Im siebten Kapitel, das unserem Predigttext vorangeht, stellt Paulus das Leben unter dem Gesetz dar: Mit unserer Vernunft wollen wir dem Gesetz Gottes dienen, doch mit dem Fleisch dienen wir dem Gesetz der Sünde.
Gesetz, Fleisch, Sünde – drei Begriffe, die zuerst einer kurzen Klärung bedürfen.
Mit dem Gesetz meint Paulus zum einen natürlich das mosaische Gesetz, die Tora, und er unterscheidet zwischen der Anwendung dieses Gesetzes vor dem Kommen des Herrn Jesus und danach, sieht zwischen beiden einen deutlichen Wandel. Er benutzt diesen Ausdruck „Gesetz“ aber auch bildhaft: Um zu zeigen, daß gewisse Elemente in unserem Leben nicht nur ab und an aufflackern, sondern dauerhaft vorhanden sind. Ausdrücklich nennt er mit negativen Vorzeichen die Sünde und den Tod als Gesetzmäßigkeit unseres Lebens und mit positiven Vorzeichen den Geist und das Leben. Wer glaubt, die Sünde und der Tod zucke nur hin und wieder in unserem Leben auf, der macht sich selbst etwas vor. Nein, sie sind ständige Begleiter, die wir auch nicht abschütteln können. Mit ihrer dauernden Präsenz in unserem Leben stellen sie ein Gesetz dar, dem wir unterworfen sind. Umgekehrt sind aber der Geist Gottes und das Leben ebenso dauerhaft präsent in unserem Leben und stellen ebenso ein Gesetz dar, dem wir unterworfen sind und mehr noch, dieses Gesetz des Geistes und des Lebens ist übermächtig und bricht das niedere Gesetz der Sünde und des Todes.
Das Fleisch ist bei Paulus ein Begriff, den wir ohne Erklärung nicht verstehen. „Fleisch“ meint nicht das Stoffliche, Leibliche, Sichtbare an sich, ebenso wenig etwaige „fleischlichen Genüsse“. Der stoffliche, leibliche und sichtbare Körper mit all seinen Eigenschaften, einschließlich Ernährung, Ruhebedürfnis, Arbeit, Kultur, Wissenschaft und auch Sexualität, steht unter dem „und siehe, es war sehr gut“ des Schöpfers, es findet seine freudige Zustimmung und wird von ihm gefördert.
„Fleisch“ steht bei Paulus für eine Welt, die sich leidenschaftlich gegen ihren Schöpfer auflehnt, aus Gotteshaß gegen Gott rebelliert. Paulus benutzt diesen Begriff, weil der Mensch in seinem Gotteshaß und seiner Rebellion gegen Gott vor allem eines im Sinn hat: Er selbst will nicht nur nicht Gottes Geschöpf sein, sondern will selbst Schöpfer sein, er will sein wie Gott, er will erschaffen wir Gott. Doch was er auch erschafft, unter seinen Händen wird alles schlecht, vergeht, stirbt dahin, wenn der Mensch für seine Nachäffung der Schöpfung nicht ohnehin über Leichen geht. Lobloses Fleisch pflastert seinen Weg. Weil der Mensch nicht Geschöpf Gottes sein will, kann er nicht Krone der Schöpfung sein – statt dessen ist er Katastrophe der Schöpfung, die er mit sich in den Untergang reißt.
Paulus spricht oft von „Sünde“, entwickelt aber keine Sündenlehre. Er unterscheidet dabei zwischen der Sünde (Einzahl) und den Sünden (Mehrzahl). Ersteres ist nahe verwandt mit dem „Fleisch“, hat aber mehr die Ausführung des Fleisches im Sinn: Gotteshaß, Rebellion gegen Gott und auch die Folge, nämlich Gottesferne und Tod. Sünden in der Mehrzahl meint die einzelnen Tatsünden, wobei es dann vor allem um Sünden wider die Nächstenliebe geht.
Wo Paulus von der Sünde spricht, da tut er dies, um den Ort zu bestimmen, an dem die Gnade Gottes und die Erlösung Jesu Christi uns treffen, er hat immer das Ziel vor Augen, uns die Größe der Gnade Gottes und die Übermacht der Erlösung deutlich zu machen. Vor allem aber zeigt Paulus uns immer wieder auf, daß Jesus die Sünde überwunden hat. Das bedeutet Sündlosigkeit in dem Sinne, daß wir nicht länger in der Gottesferne, im Gotteshaß und in der Rebellion gegen Gott leben müssen, nicht aber Sündlosigkeit im Sinne eines „Perfektionismus“, als könnten wir nicht mehr Böses tun.
Liebe Gemeinde,
im siebten Kapitel des Römer-Briefes zeigt Paulus also, wie sich der Christ und das Gesetz zueinander verhalten. Zuerst sagt er uns, daß wir vom Gesetz gelöst sind. Er stellt dies wie einen Rechtsfall dar: Weil wir mit Jesus dem Gesetz gestorben sind, sind wir, wie eine Witwe, frei von allen Ansprüchen des Gesetzes. Dann läßt er uns wissen, daß das Gesetz heilig ist, es ist nicht schlecht, sondern gerecht und gut. Es folgt ein Abschnitt, in dem Paulus erklärt, daß das Gesetz schwach ist, in keiner Weise geeignet, den Menschen zu retten. Es gibt keine Hoffnung: Das Gesetz ist geschwächt durch die fleischliche Gesinnung des Menschen. Vom Verstand her stimmt der Mensch dem Gesetz Gottes zu, doch ein Gesetz in seinen Gliedern ist stärker: Seine fleischliche Gesinnung, seine Sünde. Diesem Gesetz gehorcht der Mensch, er lehnt das Gesetz Gottes ab.
Nun, am Ende des siebten Kapitels bleibt der Leser oder Zuhörer ratlos zurück. Er braucht ein Gegenangebot, etwas, das ihm Hoffnung gibt, das stärker ist als seine fleischliche Gesinnung, stärker als die Sünde. Der Mensch mag sagen: Wir brauchen ein stärkeres Gesetz, stärker als die Sünde. Aber das wäre, als wolle man den Teufel mit Beelzebul austreiben; denn ein stärkeres Gottesgesetz wird nur das Gesetz der Sünde und des Todes erstarken lassen, als würde man Wasser in brennendes Öl gießen. Am Gesetz wird die fleischliche Gesinnung des Menschen und seine Sünde offenbar; erst durch das Gesetz gibt es überhaupt Sünde, und je höher das Gesetz die Maßstäbe anlegt, um so mächtiger wird die Sünde.
Im achten Kapitel nun unterbreitet Paulus uns das Gegenangebot Gottes: Das Leben im Geist. Dieser Geist ist nun aber nicht der Geist eines neuen Gesetzes, sondern tatsächlich der Geist der Freiheit vom Gesetz. Dieser Geist, das macht Paulus gerade in den ersten vier Versen ganz deutlich, kann nur in Jesus Christus erfahren werden. Es ist kein freischwebender Geist und schon gar keiner, der unseren Wünschen untertan wäre. Im Johannes-Evangelium sagt der Herr Jesus von diesem Geist, daß er Jesu Herrlichkeit sichtbar machen und nur das weitergeben wird, was er von Jesus hat2.
Zu Beginn des achten Kapitels schreibt Paulus: Also gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, die mit Jesus Christus verbunden sind. Damit greift er auf den Anfang des siebten Kapitels zurück: Wir sind frei vom Gesetz. Das Gesetz ist zwar heilig, gut und gerecht, aber schwach, und ohne das Gesetz sind wir besser dran – aber nur in der Verbindung mit dem Herrn Jesus. Doch wie können wir diese Verbindung mit dem Herrn Jesus erfahren? Paulus läßt uns wissen, daß dies nur eine Erfahrung des Heiligen Geistes sein kann.
Diese Erfahrung ist nun nicht etwas, das nur dann und wann in unserem Leben aufflackern will, sondern es will ein dauerhaftes, ein verläßliches Fundament sein. Wer nur hin und wieder ein Zucken des Geistes Gottes zuläßt, hat von der Verbindung mit dem Herrn Jesus eben auch nur ab und an eine Ahnung. Es ist darum so wichtig, regelmäßig zu beten, die Bibel zu lesen, daraus eine Gesetzmäßigkeit zu machen. Es ist wichtig, das Selbstgespräch unserer Gedanken zu unterbrechen und unsere Gedanken immer wieder auf Gott auszurichten.
Liebe Gemeinde,
„Gott verdammte die Sünde im Fleisch“, das ist der Hauptsatz, der uns im dritten Vers begegnet. Wenn es im ersten Vers auch hieß, daß es keine Verdammnis gibt für die, die in Christus Jesus sind, keine Verurteilung und keine Vollstreckung des Urteils, so meint das doch nicht, daß Gott es sich anders überlegt hat und den Sünder nicht länger verdammt. Würde Gott den Sünder nicht verdammen, so wären diejenigen, die sich bemühen, gerecht zu leben, das Gute zu tun und das Böse zu lassen, hinterher die Dummen. Das Böse würde triumphieren.
Es kann kein Heil geben ohne Gericht. Zwischen der Welt der Sünde und der Welt Gottes gab und gibt es keinen anderen Übergang als den durch das Gericht über die Sünde. Doch Gott sandte seinen Sohn, und zwar als Mensch. Vermutlich kannten auch die Christen in Rom den Christus-Hymnus, den Paulus im Brief an die Philipper zitiert: „Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, daß er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz“3. Jesus kam als Sündopfer in die Welt, und in diesem Opfer am Kreuz verdammte Gott die Sünde im Fleisch, an dem Mann, der mit uns ganz und gar solidarisch war, obwohl gerade das „Fleisch“ mit grausamer Heftigkeit gegen den Herrn Jesus wütete. Aber der Begriff „Fleisch“ meint an dieser Stelle noch mehr als nur dies, daß Jesus unsere Existenzweise teilte. Jesus kam eben nicht als Halbgott in diese Welt, der himmelhoch über jeder Versuchung und erst recht über jeder Sünde stand, sondern als wahrer Mensch, der zur Sünde versucht werden konnte – so daß seine Sündlosigkeit eine ganz große Bedeutung hat, weil sie eben nicht eine im Himmel abgekartete Sache ist, sondern weil Jesus, in allen Angelegenheiten den gleichen Bedingungen unterworfen wie wir, nicht gesündigt hat. Nur so kann er, der Sündlose, am Kreuz die Stellung von uns Sündern einnehmen.
Jesus am Kreuz als Sündopfer – Paulus hebt an dieser Stelle einmal nicht das Ja Gottes zum Sünder hervor, sondern ganz klar das deutliche und drastische Nein zur Sünde. Wo wir zu Jesus gehören, können auch wir nicht nur das Ja zum Sünder übernehmen, sondern müssen auch das Nein zur Sünde akzeptieren.
An dieser Stelle kommt nun das mosaische Gesetz wieder in unseren Blick: „damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist“. Gott sagt am Kreuz Ja zum Sünder und Nein zur Sünde, doch zur Tora, zum mosaischen Gesetz fällt am Kreuz kein Verdammungsurteil. Ja, das Gesetz ist erfüllt, und wir als die Nachfolger des Herrn Jesus sind nun nicht etwa zur Nichterfüllung des Gesetzes befreit, sondern zu seiner Erfüllung.
Liebe Gemeinde,
befreit zur Erfüllung des Gesetzes – was bedeutet das? Müssen wir das Gesetz des Mose halten? Müssen wir all die Einzelvorschriften beachten oder wenigstens einen Teil davon, etwa die Speisegesetze wie z.B. kein Blut essen?
Nein – wir sind befreit, die Rechtsforderung des Gesetzes zu erfüllen, oder, wie Luther übersetzt, die Gerechtigkeit, die vom Gesetz gefordert wird. Das ist Einzahl, nicht Mehrzahl, schon gar nicht Vielzahl. Später wird Paulus den Römern schreiben, was die Rechtsforderung des Gesetzes ist: Die Nächstenliebe: „Bleibt niemand etwas schuldig – außer der Schuld, die ihr niemals abtragen könnt: der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer den Mitmenschen liebt, hat alles getan, was das Gesetz fordert. Ihr kennt die Gebote: 'Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.' Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefaßt: 'Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.' Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt“4. Aber wie können wir diese Forderung erfüllen? Paulus schreibt: Indem wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.
Nach dem Geist wandeln – das bedeutet eine stete Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu haben. Der Geist nimmt dabei Rücksicht auf unsere Erfordernisse, er überfordert uns nicht. Er führt uns so, wie wir es jeweils brauchen und wie wir mit dem Herrn Jesus Schritt halten können. Es gibt keine zu weiten Schritte, aber auch keine zu kurzen. Diese vom Geist gewirkte Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus soll eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft und Nachfolge sein, dahinter soll eine Gesetzmäßigkeit stehen, die von dauerhafter Zuverlässigkeit ist.
Liebe Gemeinde,
an dieser Stelle nun wird Paulus sehr deutlich: „Die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt“. Die Menschen ziehen jeweils ihre Linie durch, da gibt es keine Vermischungen, da gibt es keine Grenzgänger. Uns erscheint das sehr hart, an diesem Schwarz-Weiß-Schema stoßen wir uns. Sollte es da nicht viele Graustufen geben, Abstufungen? Sind denn alle Nichtchristen etwa fleischlich gesinnte schwarze Schafe und alle Christen geistlich gesinnte weiße Schafe? Sind die Christen etwa besser als die Nichtchristen, leben etwa alle Nichtchristen amoralisch und alle Christen sind völlig frei von Sünden?
Paulus geht es hier freilich nicht um Einzeltaten, sondern um die Gesinnung, also die Grundhaltung. Das bedeutet nicht, daß wir, obwohl wir als geistliche Menschen geistlich gesinnt sind, niemals fleischlich handeln. Oder daß der fleischliche Mensch, obwohl fleischlich gesinnt, niemals geistlich handeln würde.
Was sind denn die fleischliche und die geistliche Gesinnung, was sind fleischliche und geistliche Handlungen? Auch hier ist der Dreh- und Angelpunkt die Gerechtigkeit, die vom Gesetz gefordert wird: Die Nächstenliebe. Wer fleischlich gesinnt ist, dem geht es vor allem um seine eigene Behauptung, um seine eigene Befriedigung, um seine eigene Ehre. Soweit er sich einen Nutzen davon verspricht, wird er auch seine Verwandten, seine Freunde, möglicherweise seine Gesinnungsgenossen mit einbeziehen. Er mag sogar eine hohe philosophische Menschenliebe aufweisen, weil er überzeugt ist, daß, wenn alle Menschen Gutes tun, alle davon einen Nutzen haben. Es bleibt natürlich die Frage, was denn überhaupt „gut“ sei. Dem fleischlich gesinnten Menschen ist eben das „Fleisch“ der Maßstab, im besten Falle die Menschheit selbst und ihre Fortentwicklung, ihre Besserung durch Aufklärung und Humanismus. Alles ist erlaubt, was Neues schafft, das neuer ist und alleine darum auch besser als das, was Gott geschaffen hat. Es gilt letztlich, den Menschen neu zu schaffen, einen besseren, edleren Menschen. Bisher sind allerdings alle Versuche, den Menschen neu zu schaffen, kläglich gescheitert. Wo etwa der Nationalsozialismus, der Stalinismus und alle diese Ideologien versucht haben, den Menschen neu zu erschaffen, haben sie letztlich nichts als Tod und Zerstörung gebracht.
Liebe Gemeinde,
„aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede“, deutlicher kann die Trennlinie zwischen fleischlicher und geistlicher Gesinnung nicht verlaufen. Gemeint ist hier aber nicht: Wer fleischlich gesinnt ist, sinnt darauf, wie er den Tod verbreiten kann, sondern: Mit dieser Gesinnung richten wir uns selbst zum Tode. Und noch einmal sei daran erinnert, daß es Paulus beim Thema „Fleisch“ nicht um das leibliche, stoffliche Leben geht, auch nicht um bestimmte Formen der Ernährung oder auch um die Sexualität im Allgemeinen oder in besonderen Formen, sondern um eine bewußte Feindschaft gegen Gott, die Weigerung, ihn als Schöpfer unseres Lebens anzuerkennen und der Wunsch, den Schöpfer nachzuäffen. Wo der Mensch aber in dieser Gesinnung nicht länger Krone der Schöpfung ist, sondern Katastrophe der Schöpfung, da wird er dann auch nicht nur sich selbst zu Tode richten, sondern auch Tod verbreiten.
Es gibt nun keinen schleichenden Übergang von der fleischlichen zur geistlichen Gesinnung. Der Übergang kann nur in einem eindeutigen Übertreten erfolgen. Wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Nur weil jemand mehr oder weniger regelmäßig geistlich handelt, muß er noch nicht von der fleischlichen zur geistlichen Gesinnung übergetreten sein. Dieser Übertritt ist ein Wunder, das nur der Geist Gottes bewirken kann. Wo er aber geschieht, da führt er zum Leben und zum Frieden. Das gilt auch dann, wenn man, gerade als recht frisch bekehrter Christ, seiner geistlichen Gesinnung zum Trotz fleischlich handelt. Es kommt nur darauf an, immer wieder aufzustehen, wenn man gestolpert ist.
Was bedeutet es, wenn ein Christ, ein geistlich gesinnter Nachfolger Jesu, fleischlich handelt? Es geht hier nicht um irgend welche Sünden, sondern ganz konkret um fehlende Nächstenliebe. Geistlichkeit in Gesinnung und Handlung drückt sich stets in Nächstenliebe aus, sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Vollkommenheit, nach der wir in der Nachfolge Jesu streben sollen, und dazu will und kann uns der Geist Gottes verhelfen. In der Nachfolge Jesu geht es nicht um Fragen, ob ich mir diese oder jenen „fleischlichen Genüsse“ erlaube, etwa was ich essen darf und was nicht, sondern darum, wie ich meinem Nächsten helfen kann.
Liebe Gemeinde,
„denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen“.
Hinter der fleischlichen Gesinnung des Menschen steht immer und überall Gotteshaß, Mißtrauen und Verschwörungstheorien gegen Gott und Rebellion gegen Gott. Der Mensch will sich einen immer besseren Platz im Kosmos schaffen, er ist mit dem Platz, den Gott ihm zugewiesen hat, nicht zufrieden, ist nicht zufrieden mit seiner Lebensspanne, den Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen. Er will immer mehr als das, was Gott ihm zuteil werden läßt, er will nicht Gott als das Haupt anerkennen, sondern sich selbst behaupten, er gibt sich nicht mit dem zufrieden, was Gott als Versorgung für Geist, Seele und Leib des Menschen geschaffen hat, sondern will seine Bedürfnisse mit Dingen befriedigen, von denen er glaubt, sie seien besser, weil er sie mit eigenen Händen geschaffen hat.
Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. Gerade die Dreieinigkeit, die wir am nächsten Sonntag, dem Trinitatis-Fest, feiern zeigt uns, daß Gemeinschaft im Wesen Gottes angelegt ist und, da wir nun nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, auch in uns. Der Mensch ist zum Dasein mit anderen und für andere geschaffen, das sitzt uns in den Genen, in der Biologie, Chemie und Elektrizität unseres Körpers und unseres Verstands, das sitzt uns in Herz und Seele, auch in Form des Wissens um die Bedeutung und den Nutzen von Hingabe für andere. Die fleischliche Gesinnung kommt um diesen in uns eingepflanzten Sinn für Gemeinschaft und Hingabe nicht herum, also versucht sie, ihn in ihrem Sinne einzusetzen, für den eigenen Nutzen. Die wirklich schlimmste Verkehrung dieser Hingabe, die fleischliche Gesinnung hervorbringt, ist wohl der Selbstmordanschlag. Meistens findet sich dieser Mißbrauch der Hingabe dort, wo eine starke Gesetzesfrömmigkeit vorherrscht. Die fleischliche Gesinnung mißbraucht ein Gesetz dazu, die Hingabe in einen Selbstmordanschlag zu pervertieren. Es ist klar, daß diese „Hingabe“ Gott nicht gefallen kann, ja, Feindschaft gegen Gott ist, gerade weil die Hingabe seine Erfindung ist, weil sie seinem Wesen entspricht, das sich in uns als seiner Schöpfung widerspiegelt.
Liebe Gemeinde,
„Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“, so schließt Paulus seine Darstellung des Gegensatzes von Fleisch und Geist ab und kommt wieder auf die Gläubigen zu sprechen, die Träger des Geistes. Auffällig ist, daß der Gläubige nach Paulus in Christus sein kann, so wie er es am Anfang unseres Textes schrieb, oder im Geist, so wie wir es hierlesen. Beides gehört zusammen: Der Gläubige ist in Jesus Christus und er ist im Geist. So wie das Licht, je nach dem, wie man es beobachtet, als Wellen daherkommt oder als Teilchen, aber eben immer eins ist, so ist auch der Gläubige immer in Gott geborgen, sei es in dem Herrn Jesus oder im Geist. Der Herr Jesus und der Geist Gottes, im Leben des Gläubigen gehören sie zusammen, man kann sie nicht gegeneinander ausspielen, etwa eine Jesus-geprägte Frömmigkeit gegen eine charismatische Frömmigkeit. Niemand kann sagen, ich glaube lieber an Jesus oder ich glaube lieber an den Heiligen Geist – sie gehören zusammen. Wer zum Herrn Jesus gehört, der wandelt im Geist Gottes, und wer Gemeinschaft mit dem Geist Gottes hat, dem wird die Herrlichkeit Jesu ganz besonders wichtig.
Liebe Gemeinde,
„wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt“.
Nicht nur der Herr Jesus und der Geist Gottes gehören zusammen, sondern auch unser Leib und der Geist. Es ist eine doppelte Wirklichkeit voller Spannung: Gleichzeitig leben wir und sind tot. Wir sind mit Jesus gekreuzigt und gestorben, und das ist keinesfalls ein Geschehen, das einmal kurz in unserem Leben aufflackert, sondern ein Zustand, der anhält, solange wir auf Erden leben. Fort und fort bedroht uns ein Leben jenseits des Glaubens. Darum müssen wir fortwährend, ja täglich unser Kreuz auf uns nehmen, müssen wir täglich sterben. Der Geist Gottes führt uns immer wieder zum Kreuz, wo wir unsere Lasten ablegen dürfen. Er bezeugt uns immer wieder, daß der Herr Jesus für uns gestorben ist und führt uns immer wieder hinein in den Tod des Herrn Jesus. Denn nur in dieser fortdauernden Nähe zum Kreuz und in diesem fortwährenden Gestorbensein mit Jesus liegt das Leben, zu dem der Geist Gottes uns befreit. Dabei sind wir nicht nur für uns befreit, sondern um der Gerechtigkeit willen, und das ist: Damit wir unseren Nächsten lieben, was ja unser Gesetz ist. Die tiefste Form der Nächstenliebe ist die völlige Hingabe, wie sie Paulus den Philippern zum Maßstab setzt: „Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat“, und dann zählt er auf, wie Jesus auf alle seine Vorrechte und Freiheiten verzichtet und Menschen wird, wie er sich erniedrigt und gehorsam wird bis zum Tod am Kreuz.
Zum Schluß aber dürfen wir wissen, daß der Geist Gottes bei der Wiederkunft Jesu alles lebendig machen wird, auch unseren sterblichen Leib. Wir werden mit Leben überflutet werden, und die Spannung zwischen Leben und Tod, die wir eben noch sahen, wird dann vorbei sein, es wird dann nur noch eine Wirklichkeit sein: Das Leben.
Amen.
Nachbemerkung
Wie ich anhand von Reaktionen nach dem Gottesdienst feststellen konnte, kam vor allem die zweite Hälfte der Predigt gut an.
Literatur
Ich hatte für die Vorbereitung dieser Predigt nur wenig Zeit und zuerst ein Konzept, das ich dann allerdings nicht umsetzen konnte (mich allerdings u.a. zeitlich stark gebunden hat). Um letztlich in reichlich kurzer Zeit eine Predigt fertigstellen zu können, bin ich in weiten Zügen den Auslegungen zu Römer 5-8 (vor allem natürlich zu Römer 8,1-11) in folgendem Buch des baptistischen Theologen Adolf Pohl gefolgt, zum Teil finden sich auch Formulierungen aus diesem Kommentar wieder (und in einem Punkt – Vers 10 – folge ich der Auslegung Pohls, obgleich ich den Text selbst anders auslegen würde):
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Wuppertaler Studienbibel Ergänzungsfolge, Der Brief des Paulus an die Römer erklärt von Adolf Pohl, R. Brockhaus, Wuppertal 1998
Ich empfehle Adolf Pohls Kommentar zum Römer-Brief jedem, der sich für diesen wichtigen Paulus-Brief interessiert und eine fundierte Auslegung sucht!
Daneben habe ich folgende Werke verwendet, allerdings vor allem für die Vorbereitung meines ersten Konzeptes, so daß sich in der fertigen Predigt nur wenig von dem gebotenen Material niedergeschlagen hat:
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Lexikon zur Bibel, herausgegeben von Fritz Rienecker, R. Brockhaus, Wuppertal 1988 (Stichworte Geist, Gesetz, Sünde)
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Brockhaus Kommentar zur Bibel III, R. Brockhaus, Wuppertal 1987 (zu Römer 8,1-17)
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Adolf Schlatter, Der Brief an die Römer, Calwer Verlag, 1965/95 (zu Römer 8,1-17)
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