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Die Bedeutung des Kreuzes PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Andachten und Predigten
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 08. Oktober 2007 um 19:05 Uhr

Predigt zum Thema Kreuz, Predigttext: 1. Korinther 1,17b-25 ; gehalten am 15. Juli 2007 in der Martin-Luther-King-Kirche (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde – Baptisten), Stuttgart-Zuffenhausen 


Predigttext

Die Gute Nachricht darf ich [aber] nicht mit Worten tiefsinniger Weisheit verkünden; denn sonst verliert der Tod, den Christus am Kreuz gestorben ist, seinen ganzen Sinn.

Die Botschaft, daß für alle Menschen am Kreuz die Rettung vollbracht ist, muß denen, die verlorengehen, als barer Unsinn erscheinen. Wir aber, die gerettet werden, erfahren darin Gottes Kraft.

Gott hat doch gesagt: »Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen und die Klugheit der Klugen verwerfen.«

Wo bleiben da die Weisen? Wo die Kenner der Heiligen Schriften? Wo die gewandten Diskussionsredner dieser Welt? Was für diese Welt als größter Tiefsinn gilt, das hat Gott als reinen Unsinn erwiesen.

Denn obwohl die Weisheit Gottes sich in der ganzen Schöpfung zeigt, haben die Menschen mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannt. Darum beschloß er, durch die Botschaft vom Kreuzestod, die der menschlichen Weisheit als Torheit erscheint, alle zu retten, die diese Botschaft annehmen.

Die Juden fordern von Gott sichtbare Machterweise; die Griechen suchen in allen Dingen einen Sinn, den die Vernunft begreift.

Wir aber verkünden den gekreuzigten Christus als den von Gott versprochenen Retter. Für Juden ist das eine Gotteslästerung, für die anderen barer Unsinn.

Aber alle, die von Gott berufen sind, Juden wie Griechen, erfahren in dem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und erkennen in ihm Gottes Weisheit.

Gott erscheint töricht - und ist doch weiser als Menschenweisheit. Gott erscheint schwach - und ist doch stärker als Menschenkraft.

(1. Korinther 1,17b-25)

Predigt

Liebe Gemeinde,

das Kreuz kennen wir seit Anbeginn der Christenheit als des zentrale Zeichen des Jesus Christus und seiner Nachfolger. Und ebenso lange ist innerhalb und außerhalb der christlichen Kirchen über das Kreuz gestritten worden. Unser Predigttext teilt uns mit, daß schon die Zeitgenossen des Apostels Paulus oft mit dem Kreuz nicht viel anfangen konnten, für die einen war es Gotteslästerung, für die anderen barer Unsinn.

Auch heute ist der Streit um das Kreuz nicht abgeflaut – und wer immer über das Kreuz, über die Bedeutung des Kreuzes predigt, für den ist das eine Herausforderung. Er wird in jedem Fall Kritik für seine Predigt ernten. Für seine Zuhörer stellt seine Predigt immer eine Provokation dar.

Da gibt es heute die einen, die das Kreuz nicht mehr als den Ort sehen wollen, wo Jesus die Sünden der Welt auf sich nimmt. Daß Jesus für unsere Sünden gestorben sein soll, das kann doch wohl nicht wahr sein! Nicht nur, daß da alle Menschen zu Sündern erklärt und gezwungen werden, „zu Kreuze zu kriechen“, wodurch das Selbstwertgefühl der Menschen verletzt werde, sondern auch das Gottesbild, das vielen Menschen heute lieb und teuer geworden ist, wird auf den Kopf gestellt: Ein Gott, der Menschenopfer verlangt? Was für eine Liebe soll das sein, die dazu führt, daß Gott seinen Sohn opfert? Diesen Menschen gilt jede Predigt, in der es um das stellvertretende Opfer Jesu für unsere Sünden geht, als vorgestrig, über die entsprechenden Passionslieder aus den Gesangbüchern können sie nur mit dem Kopf schütteln. Für sie bedeutet die Botschaft vom Kreuz, daß wir dazu aufgerufen sind, beim Beseitigen von Ungerechtigkeiten und Mißständen mitzuhelfen, uns Tyrannen und Ausbeutern und Fundamentalisten in den Weg zu stellen. Die Botschaft vom Kreuz will uns ermutigen, ungeahnte Kräfte dazu freizusetzen. Der frühere württembergische Prälat Rolf Scheffbuch nennt dies einen „ethischen Aktionismus“, und den Vertretern dieser Auslegung der Botschaft vom Kreuz wirft er vor, daß sie das Kreuz zwar nicht aufgegeben, durch ihr Konzept aber unnötig gemacht haben; „denn es dient letztlich nur der Garnierung eigener Gedanken und Konzeptionen“.

Da gibt es nun aber auch die anderen, die das Kreuz allein als den Ort sehen wollen, wo Jesus den Sühnetod gestorben ist. Am Kreuz, so lehren und verkündigen sie, ist nichts anderes geschehen, als daß Jesus stellvertretend für unsere Sünden gestorben ist. Für mehr ist in ihren Predigten vom Kreuz kein Platz, jedes „Mehr“ wird sogar als Gefahr für die Botschaft vom Kreuz gesehen.

Und so werden sich beide Gruppen heute im Predigttext wiederfinden, wenn sie genau hinschauen, die einen als die „Griechen“, denen die Lehre vom stellvertretenden Sühnetod Jesu barer Unsinn ist, die danach trachten, dem Zeichen des Kreuzes einen ethischen Sinn zu geben, die im Namen des Kreuzes Ungerechtigkeiten und Mißstände beseitigen wollen; die anderen als die „Juden“, denen jede Abweichung von der reinen, ausschließlichen Lehre vom stellvertretenden Sühneopfer Jesu als Gotteslästerung erscheint. Beide Gruppen machen übrigens einen großen Fehler bei ihrem Umgang mit der Botschaft vom Kreuz: Sie schauen nur auf das Kreuz, aber sie sehen Jesus nicht. Und wer über das Kreuz predigt, der steht leicht in der Gefahr, seinen Zuhörern zwar alles über das Kreuz mitzuteilen, was Menschen sich je und je darüber ausgedacht haben, sie aber nicht auf den Herrn Jesus hinzuweisen, sie mit ihm bekannt zu machen.

Einige Verse nach unserem Predigttext erklärt Paulus seinen korinthischen Lesern, er habe sich vorgenommen, unter ihnen „nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1. Korinther 2,2). Es ist fatal, wenn bei der Predigt über die Botschaft vom Kreuz Jesus Christus, der Gekreuzigte, zu kurz kommt oder nur noch im Schatten des Kreuzes zu finden ist. Paulus wollte nicht, daß der Glaube der Korinther auf Menschenweisheit gründet, sondern auf die Kraft Gottes (siehe V. 5); und darum muß bei jeder Predigt über das Kreuz Jesus im Mittelpunkt stehen, anstatt daß wir uns im Wirrwarr menschlicher Meinungen über die Bedeutung des Kreuzes verrennen.

Wenn in vielen vor allem protestantischen Kirchen das Kreuz ohne den Corpus, ohne den Leichnam Jesu Christi dargestellt wird, so ist das einerseits verständlich, weil man darauf hinweisen will, daß Jesus nicht mehr tot ist, sondern auferstanden. Doch müssen wir uns die Frage gefallen lassen, ob das leere Kreuz nicht andererseits ein Symbol dafür ist, daß in unserer Botschaft vom Kreuz dem Reden über die theologischen und ethischen Bedeutungen des Kreuzes zu viel und der Person des Gekreuzigten zu wenig Bedeutung beigemessen wird, der Gekreuzigte vor der dominierenden Vielfalt unserer Meinungen zum Kreuz zu kurz kommt.

Liebe Gemeinde,

wenn wir Jesus in den Mittelpunkt der Botschaft vom Kreuz stellen wollen, dann müssen wir zuerst darüber nachdenken, was das Kreuz für ihn bedeutet hat. Wir müssen die Bedeutung des Kreuzes für den Menschen Jesus betrachten.

Ich möchte keinen Vortrag darüber halten, was die Kreuzigung für einen Menschen bedeutet. Keine historischen Erläuterungen, keine Erklärungen darüber, wie eine Kreuzigung abläuft, wann und wodurch der Tod bei der Kreuzigung eintritt, was dabei mit dem menschlichen Körper geschieht.

All diese technischen Beschreibungen würden den Blick nur von Jesus ablenken. Ihr könnt das gerne in diversen Lexika nachschlagen, laßt mich nur so viel sagen: Der Tod des Herrn Jesus am Kreuz war kein Spaziergang. Es war für den Menschen Jesus auch nicht leichter als für andere Menschen, etwa weil er ohne Sünde oder eben Gottes Sohn war. Ich glaube, manchmal gehen wir über das „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes“ allzu leicht, viel zu schnell hinweg. Manchmal singen wir die Passionslieder allzu leicht dahin, dem Inhalt kaum Beachtung schenkend. Manchmal blättern wir viel zu schnell vom Karfreitag zum Ostersonntag weiter.

Oh, manche von uns versinken in der Passion Christi, geben sich Bildern von Schmerz und Leid und Blut hin. Wir wollen uns in eine fromme Passionsstimmung bringen, in eine schwere, düstere Gemütsverfassung. Aber auch dabei besteht die Gefahr, vor dem Hintergrund all dieser Bilder den Herrn Jesus nicht mehr sehen zu können; unser Versuch, uns das Leid, die Schmerzen vorzustellen, verdeckt den Blick auf den Herrn Jesus.

Der britische Schriftsteller Adrian Plass bringt in seiner Geschichtensammlung „Der Besuch“ eine sehr gute Schilderung von der Kreuzigung, die den Herrn Jesus in den Mittelpunkt stellt.

„Ich weiß über jeden von euch Bescheid“, läßt Adrian Plass den Herrn Jesus in einer Predigt über die Sünde sagen. „Ich weiß, was ihr getan habt, was ihr wollt, was euch weh tut, wovor ihr Angst habt. Ich weiß, was ihr braucht. Ich kenne euch, weil ich euch auf eine Art und Weise, die unmöglich zu erklären ist, gesehen habe – ja, beinahe jeder einzelne von euch geworden bin während der drei Stunden, die ich vor all den Jahren auf jenem Hügel sterbend zubrachte. Ihr seid in mir geschehen. Ihr seid in meinem Leib bestraft worden. Die Zeit, die ich an jenem Kreuz verbrachte, war ein Alptraum aus geronnener Finsternis und Verzweiflung, ein Alptraum voller Selbstsucht, Haß, Mord, Vergewaltigung und unbeschreiblichem Schmutz, voller Apathie, Dummheit und all eurer banalen Unfreundlichkeiten, die im jeweiligen Augenblick nie eine Rolle zu spielen scheinen. In jenen drei Stunden erfuhr ich, wie es ist, ein Süchtiger und ein Rauschgifthändler zu sein, ein Folterer und ein Opfer, wie es sich anfühlt, zu vernichten und zu verletzen und kaputtzumachen und sich an der Qual anderer zu weiden. Ich wußte es, ich sah es, ich fühlte es – und mitten in all dem verlor ich den, für den ich das alles tat. Er konnte es nicht ertragen, mich anzusehen, und ich war allein, ganz allein.“

Liebe Gemeinde,

warum ist Jesus gekreuzigt worden? Was bedeutet das Kreuz für uns?

Im Zentrum der Botschaft vom Kreuz steht der Herr Jesus. Wir wollen jetzt noch nicht schauen, was er getan hat, für wen er es getan hat, sondern nur auf Jesus. Paulus schreibt über ihn an die Christengemeinde in Philippi, wobei er wohl einen alten Christus-Hymnus aufgreift: „Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, daß er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz“ ( Philipper 2,6-8 ).

So ist Jesus, und Paulus sagt uns: Das soll euer Maßstab für den Umgang miteinander sein. Orientiert euch an dem Herrn Jesus.

Jesus am Kreuz – zuerst einmal bedeutet das, daß Jesus ein ganz besonderer Mensch ist. Das, was er besitzt, das hält er nicht gierig fest. Vorrechte und Freiheiten gibt er auf. Er teilt das Leben der Menschen. Er wird uns in allen Dingen gleich, im Leben und auch im Tod. Er drückt sich nicht vor der Erfahrung des Sterbens und vor der Endgültigkeit des Todes. Er sagte kurz vor jenem Passah-Fest nicht, „okay, Leute, bis jetzt war es ja ganz nett, aber was jetzt kommt – nee, darauf verzichte ich lieber. Ich habe schließlich nichts angestellt, womit ich den Tod verdient hätte. Ich muß den Tod nicht auf mich nehmen. Ein Wort von mir, und Gott wird mich, von Engeln emporgetragen, auf der Stelle von hier wegnehmen. Macht's gut und tschüß – und sagt mir später 'mal, wie das mit dem Sterben und dem Tod so ist.“

Jesus teilt das Leben der Menschen in all seinen buntschillernden Fazetten. Er hat sich nicht klammheimlich aus dem Staub gemacht, als es brenzlig wurde, als die Situation aus dem Ruder zu laufen drohte. Er hat all das, was uns so zu schaffen macht, mit uns geteilt, all die Nöte der menschlichen Existenz, Ablehnungen, Versuchungen und schließlich auch Leiden, Tod und Sterben.

Die Botschaft vom Kreuz setzt nicht erst vor Pilatus oder auf Golgatha ein. Die Botschaft vom Kreuz beginnt mit dem Kommen Jesu in diese Welt. Wir können das Kreuz nicht losgelöst vom Leben des Herrn Jesus betrachten. Und wenn der Herr Jesus dem Täufer Johannes durch dessen Jünger ausrichten läßt: „Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird die Gute Nachricht verkündet. Freuen darf sich, wer nicht an mir irre wird“ (Matthäus 11,5-6), dann zeigt dies auch auf, daß wir das Geschehen am Kreuz so verstehen dürfen, daß der Gekreuzigte sich den Blinden und den Gelähmten, den Aussätzigen und den Tauben, den Toten und den Armen zuwendet. Ja, diesen Menschen wurde Jesus am Kreuz selbst gleich: Seinen Blick war durch das Blut von seiner Dornenkrone getrübt. Am Kreuz konnte er sich nicht bewegen. Wie der Leib eines Aussätzigen war sein eigener Leib aufgrund der Geißelung verunstaltet. Das Blut seines versagenden Kreislaufes rauscht durch seine Ohren, geronnenes Blut verklebt seine Ohren, er kann kaum etwas hören. Dem Tode ist er geweiht. Seine Kleidung ist ihm genommen worden, nicht einmal ein Schurz für seine Blöße hat man ihm gelassen. Er hat die Gute Nachricht nicht nur gepredigt, er hat nicht nur Heilungen und Wunder vollbracht – an all dem könnten wir irre werden. An all dem könnten wir zweifeln. Aber ganz unzweifelhaft ist es, daß Jesus den Menschen, denen er die Gute Nachricht gepredigt hat, im Leben und im Sterben in einer Weise nahegekommen ist, die wir zwar nicht vollkommen verstehen können, die uns aber sagt, daß es dem Herrn Jesus wirklich ernst ist mit dem, was er gepredigt hat. Daß wir seine Gute Nachricht wirklich ernst nehmen können, nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in schlechten Zeiten. Denn für diese seine Gute Nachricht steht der Herr Jesus selbst ein, mit seinem Leben und mit seinem Tod.

Liebe Gemeinde,

das Leid in der Welt, die Not der Menschen – und wo ist Gott? Was kümmert Gott die Not, das Leiden der Menschen?

Es ist wiederum Adrian Plass, der eine treffende Antwort auf diese Frage, die ganz viel mit dem Kreuz zu tun hat, zu Papier bringt. In „Andromedas Briefen“ schreibt ein Mönch namens Bruder Wilf, wie es ihm als jungem Mönch mit der Frage nach dem Leid in der Welt erging. Dem Rat eines älteren Mönches folgend, setzt sich Bruder Wilf in einer kleinen Kapelle vor ein Kruzifix, „und wiederholt ganz sachte und leise immer dieselben Worte, wieder und wieder. 'Er ist mit uns mitten drin. Er ist mit uns mitten drin. Er ist mit uns mitten drin...' Das Gesicht von Jesus war der Person, die das Kruzifix gemacht hatte, sehr gut gelungen. In seinen Augen war so viel Schmerz und gleichzeitig so viel Liebe, und er schien mich direkt anzusehen – wie auf diesen Photos, wo einen die Augen ständig verfolgen, wohin auch immer man geht. Und als ich aufhörte, die Worte zu sagen, war mir, als ob er anfing zu reden. 'Ich bin mit euch mittendrin. Ich bin mit euch mittendrin. Ich bin mit euch mittendrin...' Und da (...) fing ich einfach an zu weinen. Es klingt ziemlich blöd, nicht wahr, aber ich konnte es nicht verhindern. Das komische dabei war: Es waren eigentlich gar nicht meine Tränen – es waren seine! Er zeigte mir, was er fühlte! (...) Ich hatte keine neuen Antworten, die ich vorher nicht gehabt hätte, aber ich hatte verstanden, daß Gott über (...) [leidende Menschen] sich viel, viel, viel mehr sorgt und trauert, als ich es jemals könnte. Darüber hinaus bleibt alles ein Geheimnis“.

Das Kreuz sagt den Menschen, daß Gott das Leiden, die Not nicht egal ist. Jesus ist mit uns mitten drin. Und Jesus will, daß wir vom Kreuz her mitfühlen, mitleiden, mitweinen. Der Blick auf Jesus, den Gekreuzigten, öffnet unseren Blick für die Leidenden in dieser Welt, läßt uns teilhaben an der Perspektive des Gekreuzigten für Menschen in Not und Leiden und Bedrängnis und Schmerz.

Liebe Gemeinde,

wir haben die Worte von Paulus an die Christen in Philippi noch im Ohr: Jesu Leben soll Maßstab sein für unseren Umgang miteinander. Das schließt auch seinen Tod am Kreuz ein. Dieser ist gleich in zweifacher Hinsicht Vorbild für uns, zum einen für Ehemänner. An die Ehemänner der Christengemeinde in Ephesus schreibt Paulus, sie sollten ihre Frauen so lieben wie Christus die Gemeinde, für die er sich hingegeben hat ( Epheser 5,25 ). Das ist das Maß der liebenden Unterordnung, das Paulus von den Männern gegenüber ihren Frauen verlangt. Sie geht damit weit über die Hingabe hinaus, die Paulus von den Frauen ihren Männern gegenüber erwartet. Zum anderen ist Jesu Tod am Kreuz Vorbild für unser Leben, wenn wir wegen unseres Glaubens an den Herrn Jesus bedroht werden.

Für die Juden zur Zeit Jesu war ein „das Kreuz auf sich nehmen“, das wir in den Evangelien als Aufforderung zur Jesus-Nachfolge finden ( Matthäus 10,38 ; Matthäus 16,24 u. parr.) und das uns eher befremdlich erscheint, eine genügsam bekannte Selbstverständlichkeit, die man als Nichtjude oder Sklave fürchtete: Immer wieder mußten von den Römern zum Tod am Kreuz verurteilte den Querbalken des Kreuzes, der später auf der Spitze oder kurz unterhalb der Spitze des stehenden Kreuzigungspfahles befestigt wurde, zum Hinrichtungsplatz schleppen, sie mußten eben ihr Kreuz auf sich nehmen.

Wenn Jesus seine Jünger auffordert, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, so ist dies die Maßgabe für den rechten Umgang mit Angriffen um des Glaubens willen. Wir sollen diesen Angriffen nicht ausweichen, aber auch nicht mit Gewalt antworten.

Liebe Gemeinde,

wir kommen nun zum Herzstück der Botschaft vom Kreuz. Am Kreuz vollbringt der Herr Jesus die Erlösung.

Die erste Frage lautet natürlich: Erlösung wovon? Wovon müssen wir Menschen erlöst werden? Die Antwort auf diese Frage fällt leicht: Wir brauchen Erlösung von unseren Sünden.

Hier schließt sich gleich die zweite Frage an, eigentlich ein ganzer Strauß von Fragen: Warum müssen wir von unseren Sünden erlöst werden? Und überhaupt, was sind Sünden eigentlich? Wenn es sich um böse Taten handelt, reicht es dann nicht aus, gute Werke zu tun, Gutes zu tun? Kommt es nicht nur darauf an, am Lebensende eine gute Bilanz vorweisen zu können? Wer legt überhaupt Wert darauf, daß wir einerseits ohne Sünden sind, andererseits gute Werke vorweisen können? Sind das nicht längst überholte Fragen? Kann man noch an einen Gott glauben, der sich um Sünde und Erlösung schert? Schadet das nicht unserem Selbstwertgefühl, wenn man uns einredet, wir wären alle Sünder, die einer Erlösung bedürfen?

Wir haben in unserer Gesellschaft die Sünde verniedlicht. Wer heute von Sünden spricht, meint Probleme mit der Waage oder mit dem Straßenverkehr. Beliebt sind freilich Sünden im Bereich der Sexualität, damit werden wir heutzutage dauerberieselt, in Bild und Ton.

Viele Menschen hegen und pflegen die Vorstellung einer Idealwelt, in der die Sünde irgendwie nicht real ist – und das, obwohl die Sünde und ihre Auswirkungen uns tagaus, tagein vor allem durch das Fernsehen und das Internet begegnen, uns mit einem milden Grusel beglücken. Vielleicht ist es gerade die Dauerberieselung mit Morden, Terror, Unterschlagungen, Untreue, Vergewaltigungen, Mißhandlungen, Folter, nackter Haut, Betrug, Korruption, Machtbesessenheit, Doping, Revolutionen, Hunger, Krankheiten, die den wahren Zustand der Welt vor uns verbirgt. Sünde bedeutet, von Gott getrennt sein. Sünde bedeutet, daß Ziel, das Gott für uns gesetzt hat, nicht zu erreichen. Wir werden so mit lauter Missetaten und Verfehlungen zugedeckt, daß wir die Sünde gar nicht mehr sehen können.

Viele Menschen hegen und pflegen die Vorstellung, daß Sünde mit uns nichts zu tun hat – außer mit uns in der Hauptrolle als Opfer. Zumindest im Kern sind wir doch gut; und ohnehin sind wir ja nur die Opfer widriger Umstände, schlechter Verhältnisse.

Viele Menschen hegen und pflegen die Vorstellung, daß man etwaige Sünden leicht durch Wiedergutmachungen erledigen kann, daß man eine schlechte Bilanz durch ein paar gute Taten wieder ins Reine bringen kann.

Viele Menschen hegen und pflegen die Vorstellung, daß Gott an uns keinerlei Rechte hat. Als Schöpfer haben wir ihn ohnehin abgeschafft – von etwaigen „Schöpferrechten“ Gottes an uns kann also keine Rede sein. Das hat freilich Auswirkungen auf unseren Umgang mit der Schöpfung – vor allem unseren Mitmenschen –, aber auch auf unseren Umgang mit Gott. Die Ehre, die wir ihm schulden, bleiben wir ihm auch schuldig. Nicht er ist der Herr unseres Lebens, nein, wir selbst sind Herren unseres Lebens. Seine Gebote interessieren uns nicht.

Unser Verhältnis zu Gott ist durch Mißtrauen geprägt. Sollte Gott die Welt geschaffen haben? Sollten seine Gebote zu unserem Nutzen sein? Sollte Gott unser Vertrauen verdienen? Sollte sein Wort ein verläßliches, tragfähiges Fundament für unser Leben sein? Sollten unsere Mitgeschöpfe, unsere Mitmenschen das vertrauen verdienen, das Gott von uns verlangt, wenn er sagt: Liebe deinen Nächsten, verzeihe sieben mal siebzigmal, liebe deine Feinde, halte die andere Wange hin, wenn dich einer schlägt? Sollte Gott uns beistehen, wenn wir in unsere Mitmenschen Vertrauen investieren?

Aus dem Mißtrauen erwächst Rebellion. Wir rebellieren gegen Gott und auch gegen unsere Mitmenschen. Rebellion zerschneidet die Beziehung zu Gott, zertrennt die Beziehungen zwischen uns und unseren Mitmenschen. Aber Beziehungen sind lebensnotwendig. Ohne Beziehungen können wir nicht leben. Zum Glück hält Gott unserer Rebellion zum Trotz die Beziehung zu uns aufrecht, zum Glück schenkt uns Gott immer wieder Menschen, mit denen wir Beziehungen eingehen können. Aber dieses gute Geschenk sehen wir nicht. Wir schauen stolz auf die guten Beziehungen, die wir haben, die uns im Leben vorwärts bringen, Vitamin B eben. Wir glauben, wir seien selbst verantwortlich für die Beziehungen, die wir haben. Sie seien unsere Leistung.

Und wieder und immer wieder zerbrechen wir durch unser Mißtrauen und unsere Rebellion Beziehungen, und Menschen bleiben auf der Strecke. Und wenn wir die Nachrichten anschalten, dann sehen wir die Frucht unseres Mißtrauens und unserer Rebellionen: Morde, Hunger, Vergewaltigungen, Folter, Genozide, Kriege, Veruntreuungen, Terror, Zwangsprostitution.

Doch wir behaupten weiter steif und fest: Wenn Christen von der Menschheit Schuld reden, von der Verderbtheit des menschlichen Geschlechts, dann ist das nichts als eine Bedrohung für unser Selbstwertgefühl. Falls tatsächlich etwas schief geht, dann setzen wir uns halt hin und versuchen, es in Zukunft besser zu machen. In unsere Fähigkeiten, die Zukunft besser zu gestalten, haben wir grenzenloses Vertrauen.

Aber selbst, wenn es uns einmal gelingt, das Leben für eine Handvoll Menschen besser zu machen, für jene Handvoll Menschen, die gerade einmal die Sympathie der Massen bewegt, wenn Eisbär Knut sie nicht für sich allein beansprucht – was ist mit Sühne?

Viele Menschen hegen und pflegen die Vorstellung, wenn man versucht, in Zukunft alles besser zu machen, sind die Sünden der Vergangenheit erledigt, vergeben und vergessen. Erlösung ist: Mit dem nächsten Mann wird alles besser. Mit der nächsten Frau klappt die Ehe. Das nächste Kind werde ich nicht vernachlässigen. An der nächsten Arbeitsstelle werde ich meine Kollegen nicht mehr durch rücksichtslose Intrigen und Mobbing ins Unglück stürzen. Bei meiner nächsten Steuererklärung werde ich nicht mehr schwindeln. Am nächsten Pornokino gehe ich vorbei. Die nächste Prostituierte wird mit Sicherheit keine Zwangsprostituierte sein. Unser Leben besteht nur noch daraus, in Zukunft manches ein wenig besser machen zu wollen.

Doch wenn wir glauben, damit können wir unsere Schuld sühnen, dann täuschen wir uns. Wir sind schließlich ohnehin aufgefordert, Gutes zu tun. Man stelle sich einmal einen Verkehrs-“Sünder“ vor, ertappt beim Über-die-Rote-Ampel-fahren, der sagt: Beim nächsten Mal beachte ich die rote Ampel ein wenig mehr und nehme ein bißchen Gas weg und bremse auch ein bißchen. Die alte Frau werde ich dann ein bißchen weniger anfahren, und den Kinderwagen nehme ich auch ein bißchen weniger mit. Glauben Sie mir, Herr Polizist, beim nächsten Mal mache ich manches ein wenig besser.

So funktioniert Sühne nicht. Ebenso wenig kann unser Ampel-“Sünder“ darauf verweisen, daß er ja viel Gutes tut, weil er viele Verkehrsregeln einhält.

Sühne bedeutet: Unsere Schuld eingestehen und zugeben, daß wir eine Strafe verdient haben. Sühne bedeutet, eine radikale Umkehr vorzunehmen.

Wir alle sind schuldig geworden, an Gott und an den Menschen. Wir sind schuldig geworden, weil wir Gott und Menschen mit Mißtrauen begegnet sind. Wir sind schuldig geworden, weil wir gegen Gott und Menschen rebelliert haben. Wir sind schuldig geworden, weil wir durch Mißtrauen und Rebellion Beziehungen zerschnitten haben. Wir sind schuldig geworden, weil wir Teil haben an der Schuld dieser Welt, weil wir mitverantwortlich sind, daß in dieser Welt sozusagen der Teufel los ist, daß wir mitgeholfen haben, teuflische Stricke zu knüpfen, die an den Menschen zerren; denn wo durch unsere Schuld Beziehungen zerschnitten werden, die doch lebensnotwendig sind, da knüpft der Teufel mit unserer Hilfe seine Fangnetze, um tödliche Beute zu machen.

Liebe Gemeinde,

Jesus hat am Kreuz unsere Sünde auf sich genommen. Das heißt, er tritt an unsere Stelle, nimmt uns in sich auf und trägt unsere Strafe. Das ist am Kreuz geschehen. Jesus war ohne Sünde, er litt am Kreuz für unsere Sünden. Er will, daß wir frei werden, frei für eine radikale Umkehr, die vor allem in gesunden Beziehungen besteht, sowohl zu Gott als auch zu unseren Mitmenschen, geprägt von Vertrauen und liebevoller Hingabe. Das kann nicht gelingen, wenn wir nur in Zukunft manches ein wenig besser machen wollen. Das kann nur gelingen, wenn wir Vertrauen zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten haben. Das kann nur gelingen, wenn wir dem Plan Gottes vertrauen, daß dort am Kreuz unsere Erlösung geschehen ist. Daß die Strafe für unser Mißtrauen, für unsere Rebellion, für unsere Sünden auf Jesus liegt, damit wir Frieden haben.

Amen.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. März 2010 um 19:28 Uhr
 
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