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Einheit PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Andachten und Predigten
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Mittwoch, den 06. Juni 2007 um 11:35 Uhr

Predigt zum Thema Einheit; gehalten am 12. Juni 2005 in der Martin-Luther-King-Kirche (EFG) Stuttgart-Zuffenhausen.

Der Predigt liegt kein spezieller Predigttext zugrunde; sie nimmt aber Bezug auf Psalm 26,8 (verwendet bei der Begrüßung), Apostelgeschichte 2,42-47 (verwendet in der Schriftlesung) sowie auf Johannes 17 (Jesu hohepriesterliches Gebet).

Die Zuffenhäuser Martin-Luther-King-Kirche ist eine evangelische Freikirche ( Baptisten) mit einem großen Einzugsbereich; nur eine Minderheit der Mitglieder lebt direkt in Zuffenhausen, die meisten außerhalb Stuttgarts. Die Predigt greift diese - für Freikirchen nicht ganz untyische - Situation auf.

Prolog

Ein Vater, zwölf Söhne: ein Volk, das Volk Israel, denen Gott durch seinen Engel begegnet, denen er sein Gesetz gibt.

Sterndeuter aus dem Osten, Hirten auf freien Feld, zwei Propheten im Jerusalemer Tempel: Menschen, die Jesus lieben, die ihm die Ehre geben, als er geboren wird.

Juden, Samariter und Heiden, die an Jesus gläubig werden, die ihm folgen, an denen Jesus seine Wunder tut, die er seine Freunde nennt, für die er sein Leben gibt.

Menschen aus Persien, Medien und Elam, aus Mesopotamien, aus Judäa und Kappadozien, aus Pontus und Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten, aus der Gegend von Zyrene in Libyen und sogar aus Rom, geborene Juden und solche, die sich der jüdischen Gemeinde angeschlossen haben, Insel- und Wüstenbewohner, die alle in ihrer eigenen Sprache die großen Taten Gottes verkündet bekommen.

Eine Kirche Jesu Christi aus Juden und Heiden, in Jerusalem, Judäa, Samarien und bis an die Enden der Welt, soweit die römischen Straßen und die Schiffahrtswege reichten, nicht immer einig in allen Fragen, oft sogar zerstritten, aber alle haben den Geist Gottes erhalten und all die Schriften, die wir heute das Neue Testament nennen. Sie haben die gleichen Apostel, Propheten und Evangelisten, einen Herrn, einen Glauben und eine Taufe.

Eine große Menge Menschen aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen vor dem Thron Gottes und seinem Lamm, die Gott lobpreisen und ihm die Ehre geben.

Ein hohepriesterliches Gebet um die göttliche Gegenwart, damit die Jünger eins sind, wie der Vater und der Sohn eins sind, damit sie eins sind, so wie Gott und Jesus eins sind, damit sie vollkommen eins sind, so daß die Welt erkenne, daß Jesus der Gesandte Gottes ist und daß Gott diejenigen, die zu Jesus gehören, ebenso liebt wie den Sohn.

Eine Gemeinde in Stuttgart-Zuffenhausen, lutherische, katholische, methodistische, orthodoxe, pfingstkirchliche und baptistische Christen.

Standortbestimmung der MLK

Als Martin-Luther-King-Kirche sind wir Teil der weltweiten Kirche Jesu Christi. Als Ortsgemeinde gehören wir zur Evangelischen Allianz in Zuffenhausen und zum Zuffenhäuser Ökumenischen Arbeitskreis. Als Baptistengemeinde im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden gehören wir zur Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen sowie zur Konferenz Europäischer Kirchen und zu den Unterzeichnern der "Charta Oecumenica". Ebenso gehören wir zum Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche und sind eng mit Werken wie der Deutschen Bibelgesellschaft, Brot für die Welt usw. verbunden

Hier vor Ort nehmen wir am monatlichen Friedensgebet in der Pauluskirche, am jährlichen Ökumenischen Gottesdienst am Ostermontag, am ökumenischen Kanzeltausch sowie an der jährlichen Allianz-Gebetswoche und einigen weiteren Veranstaltungen des Ökumenischen Arbeitskreises und der Evangelischen Allianz teil, etwa ProChrist. Wir haben gute Beziehungen zu den verschiedenen christlichen Kirchen hier in Zuffenhausen, so zu unseren beiden freikirchlichen Schwesterkirchen, der Volksmission und der Evangelisch-methodistischen Christuskirche, aber auch zu unseren  volkskirchlichen Geschwistern in der evangelischen Kirche, in der katholischen Kirche und in der rumänisch-orthodoxen Kirche.

Vor einigen Wochen ist die Ökumene hier in Zuffenhausen zum Greifen nah geworden: Als die Christen aus allen Zuffenhäuser Kirchen Anteil an den schrecklichen Geschehnissen während des Amoklaufes in der tamilischen "Missionsgemeinde Lebendiges Wort" nahmen, eine baptistisch-charismatische Gemeinde, die zu unserem Bund gehört. Christen aus allen Kirchen haben angepackt und geholfen, wo immer etwas zu tun war, sie kamen am folgenden Tag zum gemeinsamen Friedensgebet und am nächsten Sonntag zu zwei Gottesdiensten zusammen. Sie haben gebetet, Seelsorge geleistet, getröstet, umarmt, geweint, getrauert. Es findet bis jetzt kein Treffen von Mitgliedern der verschiedenen Kirchen statt, bei denen man sich nicht voller Teilnahme nach den tamilischen Geschwistern erkundigt. Ich glaube, daß dieses Miteinander der Kirchen und Gemeinden wichtig war, um das Geschehen bewältigen zu können. Ich sehe darin ein Geschenk Gottes, für das ich ihm sehr dankbar bin. Ich sehe in der Ökumene hier in Zuffenhausen eine Gabe Gottes, für die wir verantwortlich sind, vor Gott und den Menschen.

Ökumene - was ist das?

"Ökumene" ist ein griechischer Begriff, bedeutet wörtlich "Haus" und bezeichnete ursprünglich den gesamten bewohnten Erdkreis. Im Neuen Testament bezeichnet dieser Begriff sowohl die bewohnte Welt als auch diese als den Adressaten des Evangeliums, der guten Nachricht. Aus Sicht der Reformation meint Ökumene all das, was seine Wurzeln im ersten ökumenischen Konzil zu Nicäa von 325 sieht.

Wenn ich in dieser Predigt von "Ökumene" spreche, so meine ich damit nicht eine bestimmte kirchenpolitische Größe, sondern lehne mich an die Sicht der Reformation an: Ökumene umfaßt alle jene Kirchen, die ihre Wurzeln im ersten ökumenischen Konzil haben. Ich rede hier also nicht von "Allianz" oder "Ökumenischer Rat der Kirchen" oder was man sonst als ökumenische Institutionen kennt, sondern von der Kirche Jesu Christi. Dazu gehört auch, daß die Kirche als Ganzes einen weltweiten missionarischen Auftrag besitzt und diesen auch nur in ihrer Gesamtheit  wahrnehmen kann.

Biblische Gedanken zur Ökumene

S. (der Liturg) hat bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes zwei Bibelstellen herausgesucht, auf die ich kurz eingehen möchte. Eine weitere Bibelstelle ist auch schon angeklungen.

Beginnen wir mit dem Bibelwort, das wir bei der Begrüßung gehört haben: "Ich liebe das Haus, in dem du wohnst, wo du in deiner Herrlichkeit uns nahe bist" ( Psalm 26,8 ). Für den Psalmdichter, den König David, war dieses Haus der Ort, wo die Bundeslade stand, und er wollte dem Herrn ein Haus bauen, einen Tempel. Gott verwehrte ihm dies, aber Salomo, Davids Sohn, baute diesen Tempel dann. Der letzte Tempel in Jerusalem wurde im Jahre 70 n. Chr. zerstört. Jesus hatte dies angekündigt. Doch zugleich sprach Jesus davon, daß er der neue Tempel ist, der wahre Tempel Gottes. Dieser Tempel ist sein Leib. Paulus lehrt die Gemeinde in Korinth: Die Gemeinde ist der Tempel Gottes, ein heiliger Tempel. Nun kann Jesu Leib ja nicht in viele Leiber zerteilt sein, kann es also nicht viele Tempel geben, sondern nur einen, und das sind alle Gemeinden Jesu: Gemeinsam bilden sie Gottes heiligen Tempel.

In der Schriftlesung hörten wir, wie das Leben in diesem Tempel aussieht. Da sehen wir, was diejenigen ausmacht, die in diesem Tempel leben: Sie alle widmen sich eifrig dem, was für sie als Gemeinde wichtig ist: Unterweisung in der Lehre der Apostel, Liebe untereinander, gemeinsames Abendmahl und gemeinsames Gebet. Die Gläubigen bildeten sogar eine enge Gemeinschaft, eine Gütergemeinschaft, in der sie einander aushalfen. Tag für Tag versammelten sie sich einmütig im Tempel, hielten in ihren Häusern das Mahl des Herrn und aßen gemeinsam, mit jubelnder Freude und reinen Herzen. Sie priesen Gott und wurden vom ganzen Volk geachtet; der Herr aber führte ihnen jeden Tag weitere Menschen zu, die gerettet werden sollten. Kirche Jesu ist dort, wo man in der christlichen apostolischen Lehre unterwiesen wird, wo man einander liebt, wo man gemeinsam das Abendmahl feiert und wo man gemeinsam betet. Gemeinschaft der Heiligen ist dort, wo man für die Armen und Bedürftigen sorgt, sich im Tempel versammelt und in den Häusern das Abendmahl feiert, den Herrn preist und reinen Herzens ist. Was bedeutet es nun für uns, sich im Tempel zu versammeln und in den Häusern das Abendmahl zu feiern? Wie können wir das in unsere Situation übersetzen? Jenen Tempel, in dem sich die Christen versammelten, gibt es seit 1935 Jahren nicht mehr. Ich schlage vor, diesen Tempel als den Platz zu sehen, wo sich die Christen über die Grenzen ihrer Konfessionen hinweg versammeln. Die Häuser, wo man das Mahl des Herrn feiert, da schlage ich vor, daß wir sie als unsere jeweiligen Heimatgemeinden zu betrachten - Hauskreise sind da mit eingeschlossen. Gemeinsam wollen wir beten, daß der Herr jeden Tag weitere Menschen herzuführt, die gerettet werden sollen, wie es die ersten Christen in Jerusalem erlebt haben, die sich alle gemeinsam im Tempel versammelt und jeweils in ihren Häusern getroffen haben.

Ich habe vorhin drei kleine Ausschnitte aus dem hohepriesterlichen Gebet Jesu angesprochen, die im 17. Kapitel des Johannes-Evangeliums niedergeschrieben sind. In seinem Gebet bittet Jesus seinen Vater dreimal darum, daß die Christen eins seien. Zuerst betet Jesus, "Heiliger Vater, bewahre sie in deiner göttlichen Gegenwart, die ich ihnen vermitteln durfte, damit sie eins sind, so wie du und ich eins sind" (Vers 11b), dann bittet der Herr, "ich bete darum, daß sie alle eins seien, so wie du in mir bist, Vater, und ich in dir. So wie wir sollen auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast" (Vers 21), und schließlich betet der Herr Jesus, "ich lebe in ihnen und du lebst in mir; so sollen auch sie vollkommen eins sein, damit die Welt erkennt, daß du mich gesandt hast und daß du sie, die zu mir gehören, ebenso liebst wie mich" (Vers 23). Dreimal also betet Jesus in diesem einen Gebet darum, daß seine Jünger eins seien. So wichtig war es ihm. So sehr wollte Jesus, daß seine Jünger eine Einheit bilden. Zweimal sagt der Herr Jesus, daß seine Jünger eins sein sollen, damit Welt glaubt und erkennt, daß Gott ihn gesandt hat und daß Gott diejenigen liebt, die zum Herrn gehören.

Wir können diese drei Bitten im Hohepriesterlichen Gebet nicht zur Seite legen. Wenn wir in Jesus sein wollen, wenn wir wollen, daß der Herr Jesus in uns lebt, dann geht das nur, wenn wir eins sind. Wenn wir mit Jesus eins sein wollen, dann geht das nur, wenn wir mit unseren Geschwistern eins sein wollen. Einheit mit Gott gibt es nur in der Einheit der Nachfolger Jesu, gibt es nur, wenn wir uns im heiligen Tempel Gottes versammeln. Und dieser Tempel ist ja sein Leib, sind ja wir alle, und darum bedeutet dies, daß wir uns zu einer Einheit versammeln.

Nun stellt sich freilich die Frage, gibt es Grenzen, wo der Leib Gottes aufhört, und wenn ja, wo liegen diese? Mit wen sollen wir Einheit haben, und mit wem nicht?

Als Jesus geboren wurde, gab es die erste Ökumene der Christenheit. Da haben heidnische Sterndeuter aus dem Osten, wohl recht wenig fromme und schriftkundige Hirten auf dem Feld und zwei jüdische Propheten imTempel Jesus die Ehre erwiesen. Ökumene ist, wo Menschen Jesus lieben und ihm die Ehre geben.

Im Alten Testament lesen wir von den zwölf Söhnen Israels, von den zwölf Stämmen Israel. Diese zwölf verschiedenen Söhne bilden eine Einheit, bei aller Verschiedenheit, bei allen Differenzen und Streitereien. Hinweise auf diese Einheit der zwölf Stämme Israels begegnen uns wieder im Buch der Offenbarung Jesu Christi, dem letzten Buch der Bibel, wo diesen zwölf Stämmen Israels die zwölf Apostel Jesu Christi zur Seite gestellt werden, eine große, die Zeiten überspannende Ökumene.

Schon die früher Christenheit bildete eine ziemlich bunt gewürfelte Einheit. Da waren jüdische Christen, samaritanische Christen und heidnische Christen. Die einen hielten die Beschneidung und achteten darauf, nur das zu essen, das dem Reinheitsgebot entsprach. Sie wollten auch die anderen Christen überzeugen, sich so zu verhalten. Da waren die heidnischen Christen, die keine Beschneidung kannten und auch keine Reinheitsgebote. Es gab viele unterschiedliche Lehrmeinungen, auch viele Streitereien, aber diese so bunt zusammengewürfelte Christenheit blieb doch zusammen, als sich die Lehre Jesu über den Erdkreis - denn das bedeutet "Ökumene" - verbreitete, den römischen Straßen und den Schiffahrtswegen folgend. Sie alle verband die Liebe zu Jesus, und dieses Band war stärker als unterschiedliche Auffassungen von Gesetz, Glaube, Beschneidung, Reinheitsgeboten. Menschen von diesem Jesus zu erzählen, Menschen zum Glauben an den Herrn Jesus einzuladen war und ist wichtiger als Fragen um die rechte Lehre. Die frühen Christen stritten sich um diese Fragen, aber sie blieben beieinander; denn sie wußten: Wir müssen eins sein, wenn die Welt glauben und erkennen soll, daß Jesus der Gesandte Gottes ist.

Kirche ist vor allem ein Rettungsunternehmen. Wir retten Menschen, indem wir ihnen von Jesus erzählen, indem wir ihnen die gute Nachricht vom Herrn Jesus verkünden. Auch nach fast 2000 Jahren hat die Kirche diese Aufgabe noch nicht vollständig erfüllt. Mehr als eine Milliarde Menschen leben derzeit, die nie von Jesus gehört haben. Viel mehr, denen noch nie die gute Nachricht vom Herrn Jesus auch verkündet wurde. Von drei Menschen auf dieser Erde gehören zwei noch nicht zum Herrn Jesus, haben noch nicht zu seinem Rettungsangebot "Ja" gesagt.

Bitte stellt Euch einmal einen großen Badestrand vor, und stellt Euch weiter vor, Ihr gehört zu den Rettungsschwimmern. Eine gewaltige Welle rollt auf den Strand zu, von den meisten Badenden noch unbemerkt, und droht, sie alle zu überfluten, sie in den Tod zu reißen. Ihr werdet feststellen, daß nicht alle Rettungsschwimmer Eure besonderen Ansichten zum Thema "Rettung Ertrinkender" teilen. Manche Rettungsschwimmer glauben, man müßte kleinen Kindern erst eine Schwimmweste anlegen, ehe man sie aus dem Wasser zieht, andere finden es wichtig, daß die zu Rettenden nach Möglichkeit genau nach vier "Rettungsgesetzen" aus dem Wasser gezogen werden. Wieder andere Rettungsschwimmer bestehen auf eine bestimmte Körperhaltung der zu Rettenden. Manche geben bestimmten Methoden den Vorzug, und einige singen beim Retten gerne Lobpreislieder. Kein vernünftiger Rettungsschwimmer würde auf die Idee kommen, nun über solche Themen zu streiten - Hauptsache, es werden so viele Menschen wie möglich vor der schrecklichen Flutwelle gerettet.

Natürlich gibt es manchmal Rettungsschwimmer, mit denen wir nichts zu tun haben können. Da gibt es welche, die werfen den Leuten ein Buch zu, mit dessen Hilfe sie lernen sollen, mit der Flutwelle fertigzuwerden, oder ein Seil, an dem sich diese Leute festhalten sollen, wenn die Flutwelle kommt. Das sind Beispiele anderer Religionen, die Menschen aber nicht vor dieser Flutwelle retten können. Für uns kann es nicht darum gehen, uns mit diesen Menschen zu streiten oder vor ihnen zu warnen - die Leute im Wasser werden uns ohnehin nicht zuhören. Statt dessen werden wir nach Möglichkeit auch die Leute retten, die das Buch in der Hand halten oder nach dem Seil greifen. Dabei ihre Lehrer und Seilwerfer zu attackieren, ist beliebig sinnlos - es geht darum, Menschen vor einer gewaltigen Flutwelle zu erretten.

Als Christen sind wir Mitarbeiter in einem Rettungsunternehmen. Wir wissen um ein schreckliches Gericht, das jedem Menschen droht, und wir haben die Menschen zu retten, indem wir ihnen vom Herrn Jesus erzählen und ihnen die gute Nachricht, das Evangelium verkündigen. In diesem Rettungsunternehmen gibt es baptistische, methodistische, katholische, lutherische, reformierte Retter, evangelikale, liberale oder charismatische Retter. Wir alle haben ganz verschiedene Methoden, wie die Menschen zu retten wären. Aber solange wir uns dabei nur an das Evangelium halten, sind diese Methoden zweitrangig. Wenn die Menschen erst einmal in Sicherheit sind, spielt all das ohnehin keine Rolle mehr.

Aber wollen wir riskieren, daß manche Menschen nicht gerettet werden, weil wir uns mit anderen Rettern über die richtige Methode streiten? Wollen wir riskieren, daß die Menschen uns Retter und die drohende Gefahr nicht ernstnehmen, weil wir uns nur streiten und Vorwürfe machen und uns gegenseitig den Glauben absprechen?

Als Christen können wir niemanden bekehren. Nicht wir sind eigentlich die Retter, das ist der Herr Jesus. Er bekehrt die Herzen der Menschen zu Gott hin, er rettet sie. Wir sind seine Boten, wir erzählen den Menschen von Jesus und sagen ihnen die gute Nachricht. Wir dürfen es dem Herrn Jesus überlassen, wie er seine Boten jeweils einsetzt und wie er ihren Einsatz verwendet, um Menschen zu erretten.

Als Missionar habe ich die Erfahrung gemacht, daß es in allen Konfessionen Menschen gibt, die der Herr Jesus benützt, um Menschen zu retten: Katholiken, Lutheraner, Methodisten, Pfingstler, Baptisten und wen immer sonst. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß der Herr Jesus liberale, evangelikale und charismatische Christen benützt, um Menschen zu retten. Es gibt keinen Christen, der zu liberal wäre oder zu wenig bibeltreu oder zu wenig vom Heiligen Geist erfüllt, als daß der Herr Jesus ihn nicht benützen könnte, um Menschen zu retten. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, daß das Rettungsunternehmen dort ins Schlingern gerät, wo Christen einander die Köpfe einschlagen, einander den Glauben absprechen, vor einander wahren. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Jesus Menschen errettet, wo Katholiken, Baptisten, Pfingstler, Methodisten einfach nur gemeinsam den Glauben bekennen, in Liebe miteinander umgehen - selbst wenn sie nicht immer einer Meinung sind. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, daß sich Menschen angewidert abwenden, wenn etwa Evangelikale auf Liberale einprügeln oder Liberale auf Charismatiker, wenn Leute aus der Brüderbewegung den Katholiken den wahren Glauben absprechen oder Katholiken den Lutheranern. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ein wirklich rund laufernder "Gospel Train" schon wegen einer kleinen Spaltung aus den Schienen springen kann. Und zu oft sind dann die Lokführer und Schaffner damit beschäftigt, den Schaden noch zu vergrößern, statt einfach die Gleise zu reparieren, damit der "Gospel Train" wieder weiterfahren kann.

Im Dialog mit Christen aus anderen Konfessionen und anderen Frömmigkeitsstilen habe ich die Erfahrung gemacht, daß mein Glaube beschenkt wurde, wenn ich mich auf diesen Dialog wirklich eingelassen habe. Ich habe viel von Methodisten, Katholiken, Pfingstlern gelernt, und ich bin dabei ein "besserer" Baptist geworden. Meine baptistischen Überzeugungen wurden dabei nicht verwaschen, das Taufbecken hat kein Leck bekommen. Ich habe viele der Überzeugungen unserer baptistischen Väter wie Julius Köbner neu schätzen gelernt. Ich habe auch viel von liberalen und charismatischen Christen gelernt, bin dabei ein ein "besserer" Evangelikaler geworden.

Man muß nicht alles annehmen. Prüfet aber alles, und behaltet das Gute. Von den Katholiken habe ich gelernt, die leibliche Seite des Glaubens ernster zu nehmen, den Glauben etwa an die Auferstehung nicht nur irgendwie vergeistigt zu sehen, sondern noch fester an eine leibliche Auferstehung zu glauben. Von den Lutheranern habe ich gelernt, einen liturgischen Gottesdienst als eine Bereicherung meines Glaubens zu erleben. Von den liberalen Christen habe ich gelernt, die Verantwortung für die Schöpfung ernster zu nehmen, von den charismatischen Christen, mehr auf den Geist Gottes zu vertrauen.

Ich bin überzeugt, daß wir alle voneinander profitieren können - mehr, als wenn wir nur einfach unseren eigenen Traditionen folgen oder andere Traditionen kopieren. Für mich als Baptisten bedeutet Ökumene nicht, meinen Baptismus aufzugeben und einer Einheitsreligion zuzustimmen. In der Ökumene darf ich Baptist sein und lerne ich den Baptismus neu kennen und schätzen. Und ich hoffe, durch mich haben Christen aus anderen Konfessionen und Traditionen ebenfalls eine Bereicherung ihres Glaubens erlebt, und ich hoffe, daß wir alle dabei bessere Menschenfischer geworden sind; denn dabei geht es vor allem: Daß wir den Menschen vom Herrn Jesus erzählen, daß wir ihnen die gute Nachricht weitersagen.

In meiner Misionsarbeit habe ich erlebt, daß Freund und Feind jeweils aus Lagern kamen, bei denen nicht von vornherein klar war, wer denn nun Freund oder Feind sei. Ich habe erlebt, daß die Unterscheidung, Baptisten und Evangelikale Freunde, alle anderen Feinde nicht funktioniert. Einige meiner wichtigsten und wertvollsten Weggefährten sind Katholiken oder Lutheraner, nicht wenige sind weit liberaler, als ich es bin. Natürlich kamen aus diesen Lagern auch solche, mit denen in der MIssion nicht zusdammenzuarbeiten war. Aber ich mußte auch Baptisten und Evangelikalen und Charismatikern manchmal die Zusammenarbeit aufkündigen. Mit wem der Herr Jesus uns zusammenstellt, läßt sich nicht an Konfessionen festmachen oder daran, ob jemand evangelikal, liberal oder charismatisch ist. Mit wem wir gemeinsam für den Herrn Jesus arbeiten sollen, ist nie eine Frage der Tauferkenntnis, der Liturgie, des Abendmahlsverständnisses oder was sonst, sondern ob jemand den Herrn Jesus liebt -  und die Menschen.

Die Martin-Luther-King-Kirche und die Zuffenhäuser Ökumene

Als Martin-Luther-King-Kirche in Stuttgart-Zuffenhausen haben wir eine besondere Situation - wie sie für Freikirchen mit einem großen Einzugsbereich nicht ganz ungewöhnlich ist -, daß wir nämlich nur zur Minderheit in Zuffenhausen wohnen. Viele von uns sind Gäste in Zuffenhausen, wohnen in Korntal, Münchingen, Ditzingen, Schöckingen, Weilimdorf, Kornwestheim, Fellbach und vielen anderen Orten. Viele von uns, die wir nicht in Zuffenhausen wohnen, haben dort, wo wir jeweils zu Hause sind, ihre vielfältigen Kontakte zu anderen Christen, erleben in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Form der Ökumene. Eine Ökumene, die wertvoll und wichtig ist, bei der aber freilich Zuffenhausens Kirchenwelt außen vor bleibt, die damit ein Stück weit an der Martin-Luther-King-Kirche vorbeigeht. Wir ziehen uns nicht ganz aus Zuffenhausen zurück, bieten unseren Nachbarn etwa den "Zuffenhäuser Auflauf" an, engagieren uns bei ProChrist in Zuffenhausen und bei der Allianz-Gebetswoche.

Ich glaube, daß die Kontakte "zu Hause" wichtig sind, daß wir dort, wo wir leben, Beziehungen mit den Christen aus verschiedenen Kirchen pflegen. Ich glaube aber auch, daß die ökumenischen Kontakte hier in Zuffenhausen wichtig sind und daß wir sie nicht nur unseren Zuffenhäusern überlassen dürfen oder einigen Leuten, die sich in der Zuffenhäuser Allianz und Ökumene engagieren.

Die meisten von uns hier in der Martin-Luther-King-Kirche sind Gäste in Zuffenhausen, "Fremde und Gäste" in diesem Stadtteil. Gerade liegt meine Bibel offen vor mir, und mein Blick fällt auf den Brief des Apostels Paulus an die Epheser. Er schreibt dort, "ihr seid nicht länger Fremde und Gäste; ihr habt Bürgerrecht im Himmel zusammen mit den Engeln, ihr seid Gottes Hausgenossen. Denn ihr seid ja in den Bau eingefügt, dessen Fundament die Apostel und Propheten bilden, und der Eckstein im Fundament ist Jesus Christus. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten, durch ihn, den Herrn, wächst er auf zu einem heiligen Tempel. Weil ihr zu Christus gehört, seid auch ihr als Bausteine in diesen Tempel eingefügt, in dem Gott durch seinen Geist wohnt" ( Epheser 2,19-22 ).

Ich weiß, dieser Bibeltext paßt nicht ganz auf unsere Situation, aber er spricht mich dennoch in unserer besonderen Situation an. Gott hat uns als Martin-Luther-King-Kirche in seine Kirche in Zuffenhausen eingefügt, und der Herr Jesus hält diese seine Kirche in Zuffenhausen zusammen, durch den Herrn Jesus wächst dieser Tempel Gottes hier in Zuffenhausen.

Ich habe die Vision, daß wir unser Bürgerrecht in Zuffenhausen mit den Christen aus den anderen Kirchen ebenso ernst nehmen wie unser "Bürgerrecht im Himmel zusammen mit den Engeln", daß wir uns vom Herrn Jesus mit den Geschwistern zusammenbringen lassen, als Bausteine des Tempels Gottes in Zuffenhausen, in dem Gott durch seinen Geist wohnt.

Amen.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 09:55 Uhr
 
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