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Andacht zu
Hebräer 12,12-15
; gehalten am 2. Mai 2005 in der ev. Pauluskirche Stuttgart-Zuffenhausen beim ökumenischen Gebet für den Frieden
Der Bibeltext
1 (Darum auch wir:) Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, laßt uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und laßt uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande geringachtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
3 Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken laßt.
4 Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde
5 und habt bereits den Trost vergessen, der zu euch redet wie zu seinen Kindern: »Mein Sohn, achte nicht gering die Erziehung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst.
6 Denn wen der Herr liebhat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.«
7 Es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müßt. Wie mit seinen Kindern geht Gott mit euch um; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?
8 Seid ihr aber ohne Züchtigung, die doch alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder.
9 Wenn unsre leiblichen Väter uns gezüchtigt haben und wir sie doch geachtet haben, sollten wir uns dann nicht viel mehr unterordnen dem geistlichen Vater, damit wir leben?
10 Denn jene haben uns gezüchtigt für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, dieser aber tut es zu unserm Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil erlangen.
11 Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein; danach aber bringt sie als Frucht denen, die dadurch geübt sind, Frieden und Gerechtigkeit.
12 Darum stärkt die müden Hände und die wankenden Knie
13 und macht sichere Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.
14 Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird,
15 und seht darauf, daß nicht jemand Gottes Gnade versäume; daß nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden"
Die Auslegung
Der uns unbekannte Autor des Hebräerbriefes stellte sich einer Frage, die auch für uns heute hochaktuell ist: Der Frage nach dem Leid. Warum läßt Gott es zu, daß wir leiden? Wie sollen wir mit dem Leid umgehen? Hat das Leiden irgend einen Nutzen?
Im Leid sind wir nicht allein
Ehe er zur Beantwortung dieser Frage ansetzt, malt er uns zuerst zweierlei vor Augen.
Zum einen erinnert er uns an die "Wolke von Zeugen", die wir um uns haben. Er will, daß wir uns an die Glaubenserfahrungen derer erinnern, die vor uns mit Gott gelebt haben. Für keinen von ihnen war ihr Glaubensweg ein Weg ohne Leid. Schon der erste Mann des Glaubens, Abel, mußte sterben. Und viele Menschen, die Abel auf dem Glaubensweg gefolgt sind, mußten leiden, viele von ihnen sind auf diesem Weg gestorben. Auf dem Glaubensweg zu sein bedeutet also, voller Geduld in dem Kampf zu laufen, der uns bestimmt ist, auch wenn er Leid bedeutet.
Und dann erinnert er uns an Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Alle Glaubenserfahrungen haben ihren Anfang in Jesus, und der Weg des Glaubens hat Jesus zum Ziel. Aber Jesus hat das Kreuz erduldet, die Schande gering geachtet - und so seinen Platz zur Rechten Gottes, des Vaters, errungen. Er hat seinen Platz zur Rechten Gottes mit seinem Blut, das er vergossen hat, erkauft. Und mit diesem Blut hat er auch uns von der Sünde freigekauft. In unserem Leid, das läßt uns der Schreiber des Hebräerbriefes wissen, sind wir nicht allein.
Leiden dient der Erziehung, die wir erdulden müssen
Dann sagt er uns, daß unser Leiden einen Sinn hat. Wir kommen nun an eine der am schwersten verständlichen Stellen des Neuen Testamentes. "Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er" heißt es da, und "es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müßt". Das gipfelt dann in dem Satz, "seid ihr aber ohne Züchtigung, die doch alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder".
Der Schreiber des Hebräerbriefes spekuliert nicht darüber, woher das Leid kommt. Er versucht freilich auch nicht, Gott zu verteidigen. Er nimmt das Leid so, wie es ist, er sieht es als eine feste Größe auf dem Weg des Glaubens, er sieht im Leid - nicht durch das Leid - das Handeln Gottes. Das Leiden ist nicht Selbstzweck, niemand leidet um des Leides willen, sondern Gott läßt das Leiden zu, um uns zu erziehen. Es ist so, daß das Leiden eine Sprache ist, die wir Menschen verstehen. Freude und Glück sind eine Sprache, die wir nicht wirklich verstehen. Wer sagt schon, "warum läßt Gott die Freude und das Glück zu?", während uns die Frage, warum Gott das Leid zuläßt, so leicht von den Lippen geht? Wer dankt Gott schon für die Freude und für das Glück, während wir Gott schnell auf die Anklagebank setzen, wenn es um Leid geht? Wir nehmen Freude und Glück oft selbstverständlich, betrachten sie als etwas, worauf wir Anspruch haben, was wir verdient haben.
Leiden - eine Sprache, die wir verstehen
Unsere Herzen sind oft so hart und verstockt, daß wir Gott nicht verstehen, wenn er uns in Freude und Glück anspricht. Nur, wenn er uns im Leid anspricht, dann können wir ihn verstehen. Sogar Jesus mußte in Schmerzen und Leiden zu uns kommen, damit wir ihn verstehen. Die Wolke der Zeugen spricht zu uns vom Leid auf dem Weg des Glaubens, weil wir diesen Weg sonst nicht verstehen würden.
Gott züchtigt uns nicht, weil er Gefallen am Leid findet, sondern weil wir oft keine andere Sprache verstehen. Nur diese Sprache vermag es, unser Herz für die Wahrheit zu öffnen und in uns das Verlangen nach Friede und Gerechtigkeit zu wecken.
Dem Frieden nachjagen
Nachdem der Schreiber des Hebräerbriefes uns nun darauf hingewiesen hat, warum Gott in der Sprache des Leides zu uns spricht und daß er damit unser Herz für den Frieden und für die Gerechtigkeit öffnet, bringt er uns auf die nächste Ebene. Ist unser Herz offen für Frieden und Gerechtigkeit, dann müssen wir unsere müden Hände und unsere wankenden Knie stärken. Wir sollen dem Frieden mit jedermann nachjagen und der Heiligung.
Der Friede Jesu ist kein ichbezogener Frieden oder wendet sich nur den Angehörigen oder Freunden zu, sondern er ist Frieden mit jedermann. Er hat seinen Ursprung in der Versöhnung mit Gott und in der Vergebung all unserer Schuld. Der Friede Jesu lebt darin, daß wir diese Vergebung weitergeben, daß die Bereitschaft zu Vergebung und Versöhnung in unserem Leben Gestalt gewinnt und prägend ist für das Verhältnis zu all unseren Mitmenschen.
Dem Frieden müssen wir nachjagen, denn wir können Frieden nicht selbst machen. Frieden kann allein aus dem Glauben und aus der Gnade kommen. Gott ist es, der den Frieden wirkt, und dem Frieden nachzujagen bedeutet, uns ganz an Jesus zu hängen. Nur aus der engen Verbindung mit Jesus kann Frieden in unser Leben kommen.
Wo wir nicht in der Gnade Gottes dem Frieden nachjagen, da wächst in unserem Leben eine bitte Wurzel. Und diese bittere Wurzel, so der Schreiber des Hebräerbriefes, macht viele unrein. Sie stiftet bei vielen Menschen Unfrieden und vergiftet viele Beziehungen. Dem Frieden nachzujagen, in der Gnade Gottes zu bleiben, stets zu Versöhnung und Vergebung bereit zu sein, spielt darum in der Christusnachfolge eine so große Rolle.
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