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Dürfen Frauen in der Gemeindeleitung tätig sein?
In der Bibel können sich sowohl Befürworter als auch Gegner von gemeindeleitenden Frauen wie in einem Steinbruch bedienen - das Neue Testament spricht aus einer Zeit zu uns, in der Frauen normalerweise allenfalls in gewissen Mysterienkulten und dann auch in der Gnosis eine leitende Funktion übernahmen, ansonsten aber schlicht und einfach rechtlos waren, manchmal nicht einmal einen eigenen Namen hatten, juristisch kaum existierten.
Es ist nicht zu übersehen, daß das Neue Testament dies nicht einfach übernommen hatte, sondern in einem für damalige Verhältnisse unverschämten Ausmaß den Frauen Freiheiten zugestand, die immer wieder auch zu Problemen im Gemeindeleben geführt haben, weil das sowohl für die Frauen als auch für die Männer neu war. Die Bibel legt Zeugnis ab vom Kampf um die rechte Stellung der Frau im Gemeindeleben. Letztlich hat man dann in nachbiblischer Zeit sehr schnell aufgegeben und die Frauen wieder an einen niedrigen Platz gewiesen - eine einfache, schnelle Lösung.
Wenn Gemeinden heute versuchen, "neutestamentliche Gemeinden" zu sein, so scheitert das daran, daß es auch im ersten Jahrhundert die typische Gemeinde nicht gab. Die Gemeinde in Korinth war eine andere als die in Rom, die in Ephesus eine andere als die in Antiochia usw. Jede Gemeinde war durch ihre Umgebung geprägt und hatte aufgrund dieser Prädung bestimmte Schwerpunkte, die andere Gemeinden nicht hatten. Weil es eine Vorlage nicht gibt, ist der Versuch, eine Gemeinde des Neuen Testamentes klonen zu wollen, zum Scheitern verurteilt.
In heutigen Gemeinden, in denen nur Männer leitende Ämter innehaben, mag der Mann das Haupt sein - aber seine Ehefrau ist der Hals, der den Kopf in die Richtung dreht, die sie gerne hätte. Das ist jetzt nicht gegen Frauen gerichtet (eher gegen Ehemänner, die hier nämlich eine gewisse Schwäche offenbaren) - es ist eine Beobachtung, die man in solchen Gemeinden immer wieder machen kann; ich habe sie sowohl in Gemeinden mit Aussiedlern als auch in türkischen Gemeinden gemacht. Die Frauen mögen nicht der Form nach in der Leitung sein, in der Praxis sind sie es oft. Wer das nicht will, muß das Zölibat einführen.
Man kann beobachten, daß Gott nicht nur Männer, sondern auch Frauen so begabt, daß sie Leitungsfunktionen in der Gemeinde übernehmen können. Es wäre ein merkwürdiger Umgang mit den Gaben Gottes, Gaben ganz oder teilweise brachliegen zu lassen, weil das Geschlecht nicht dazu paßt.
Das Neue Testament ist die Verkündigung des Wortes Gottes in eine bestimmte Zeit hinein, es liegt je und je im Mund von Menschen, die mit den Worten ihrer Zeit, ihrer Umgebung sprechen. Aber die Umgebung ändert sich; wir brauchen eine Hermeneutik, in der Gottes Wort, das von einem Menschen des ersten Jahrhunderts weitergegeben wurde, auf unsere Umgebung, auf unsere Kultur, auf unsere Zeit angewandt wird. Das bedeutet nicht, daß wir das Evangelium und das Wort Gottes verwässern. Nicht der Buchstabe der Schrift macht lebendig, sondern der Geist - dieser muß immer wieder neu an die Kultur, in der wir leben angepaßt werden.
Auch in Europa, selbst in Deutschland leben nicht alle Gemeinden innerhalb einer Kultur. Daraus folgt, daß es eine universale Hermeneutik - und damit auch eine universale Gemeindeverfassung - nicht geben kann. Was das Neue Testament über die Gemeinden Christi sagt, muß für eine deutsche Gemeinde anders ausgelegt werden als für eine türkische, arabische, persische oder Aussiedler-Gemeinde. Hermeneutik muß kulturell kompetent und relevant sein.
Im Leben der Christen steht das Gesetz im Mittelpunkt, nicht das mosaische Gesetz mit all seinen Forderungen, sondern eine Teilmenge davon, nämlich das höchste Gebot: Gott von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit ganzem Verstand lieben und seinen Mitmenschen wie sich selbst (
Matthäus 22,37
). Da eine Frau Gott nicht weniger lieben kann als ein Mann, spricht von daher nichts dagegen, daß Männer und Frauen gemeinsam in der Gemeindeleitung sind. Gott läßt sich ebenso gerne von einer Frau lieben wie von einem Mann; denn in Christus ist nicht Mann noch Frau, sondern wir sind alle mitreinander eins.
Man wird aber in jedem Einzelfall fragen müssen, ob der Dienst einer Frau in der Gemeindeleitung der geschwisterlichen Liebe dient oder nicht. Das ist eine Frage, die nicht ein für alle Mal entschieden werden kann, sondern in jeder Gemeinde einzeln entschieden werden muß, und das nicht einmal, sondern immer wieder. Hier geht es auch um das, was Paulus über die "Starken" und die "Schwachen" schreibt.
Natürlich muß man auch schauen, wie sich eine Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt, auf die evangelistische Ausstrahlung einer Gemeinde auswirkt. Gemeinde ist ja kein frommer Kuschelclub erretteter Christen, sondern soll wachsen. Eine türkische Gemeinde beispielsweise, die Frauen in der Gemeindeleitung hat, wird damit moderate Türken eher anziehen, konservative Türken aber unter Umständen abstoßen.
In der Bibel finden wir viele Frauen, die eine leitende, verantwortungsvolle Funktion übernehmen: Junia, berühmt unter den Aposteln (was im Griechischen nur bedeuten kann, daß sie eine Apostelin ist), Phoebe, Priszilla, Lydia und viele andere.
Die Gemeinde ist der Leib Jesu. Wenn in Christus nicht Mann noch Frau ist, sondern sie allesamt eins sind, so wird das auch für die Gemeinde gelten, und was sollte dann dagegen sprechen, daß die Frauen auch in der Gemeindeleitung Verantwortung übernehmen - sogar als Gemeindeleiterinnen?
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