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Dürfen Frauen in der Gemeinde lehren? PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Den Frauen aber sage ich...
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Mittwoch, den 15. Juli 2009 um 02:00 Uhr

Dürfen Frauen in der Gemeinde lehren? - Eine alternative Betrachtung von 1. Timotheus 2,11-15

Müssen Frauen sich in der Gemeinde still verhalten, werden sie womöglich nur durch das Gebären von Kindern errettet?  

Mit dem Paulus-Zitat "ich erlaube einer Frau nicht zu lehren", ist schon so manche Frau regelrecht zusammengefaltet worden, die in Gemeinde oder Kirche nach einem Amt strebte, das auch nur im geringsten Verdacht steht, etwas mit Lehre oder Leitung - oder gar beidem - zu tun zu haben:

Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung. Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, daß (oder indem) sie über den Mann herrsche, sondern ich will, daß sie sich in der Stille halte; denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva, und Adam wurde nicht betrogen, die Frau wurde aber betrogen und fiel in Übertretung. Sie wird aber durch das Kindergebären gerettet werden, wenn sie in Glauben und Liebe und Heiligkeit mit Sittsamkeit bleibt. (1. Timotheus 2,11-15)

Wir wollen uns diesen wichtigen Text näher ansehen, Vers für Vers - und zwar möglichst nahe am griechischen Original.

1. Timotheus 2,11-15

"Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung. Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, daß (oder indem) sie über den Mann herrsche, sondern ich will, daß sie sich in der Stille halte; denn Adam wurde zuerst gebildet, danach Eva, und Adam wurde nicht betrogen, die Frau wurde aber betrogen und fiel in Übertretung. Sie wird aber durch das Kindergebären gerettet werden, wenn sie in Glauben und Liebe und Heiligkeit mit Sittsamkeit bleibt".

Die Übersetzung

Ich habe in meiner Wiedergabe den Text etwas anders übersetzt, als dies für gewöhnlich geschieht. Wir kennen etwa die Übersetzung "ich lasse nicht zu, daß sie vor der Gemeinde sprechen oder sich über die Männer erheben" (Gute Nachricht Bibel). Im Urtext heißt es jedoch, zu lehren ... nicht erlaube ich, und nicht zu herrschen (im Griechischen steht für dieses "und nicht" das Wort oude, was nach Thomas Schirrmacher, Richard und Catherine Clark Kroeger und anderen bedeutet, daß die Frau nicht lehren soll, wenn sie dadurch herrscht bzw. daß sie nicht durch Lehren herrschen soll.

Es ist also nicht so, daß Paulus einer Frau nicht erlaubt, daß sie erstens lehrt und zweitens herrscht, sondern in diesem Verbot gehört beides zusammen, es handelt sich hier um ein Verbot, nach dem Paulus nicht erlaubt zu lehren, daß (oder indem) sie über den Mann herrsche. Es ist also kein Lehrverbot, sondern ein Verbot, eine ganz bestimmte Theologie zu lehren.

Über das Herrschen

Ein weiteres Problem in diesem Text ist das griechische Wort für "herrschen" (authentein). Authentein bedeutet erst seit dem dritten und vierten Jahrhundert nach Christus herrschen, vorher (also zur Zeit der Abfassung dieses Briefes) hatte es diese Bedeutung noch nicht, sondern es bedeutete entweder morden (in Bezug auf Selbstmörder oder Familienmörder) oder jemanden sexuell zu beherrschen ("sexuell zu herrschen" kann auch bedeuten, durch einen Fruchtbarkeitskult zu herrschen.) Ich tendiere eher zur zweiten Möglichkeit.

Es geht hier wahrscheinlich um die von manchen Frauen verbreitete gnostische Irrlehre, daß die Frau Trägerin der göttlichen Offenbarung ist und das göttliche Heil unmittelbar vermittelt. Gewisse Strömungen des Gnostizismus (so der ophitische Gnostizismus, in dem sowohl Eva als auch die Schlange (ophis) verehrt wurden) waren eng mit den Fruchtbarkeitskulten der Kybele, Isis und Artemis verbunden, verehrten Eva und die Schlange und forderten, daß die Männer den Frauen sexuell zur Verfügung zu stehen hatten. Diese Frauen haben mit ihrer Irrlehre die Männer sexuell beherrscht, und dagegen wendet Paulus sich und verbietet es, diese Irrlehre weiterhin zu verbreiten (diese gnostische Irrlehre steht in krassem Gegensatz zur jüdischen, rabbinischen Lehre, daß die Männer über die Frauen herrschen. Paulus mußte beide Irrlehren immer wieder bekämpfen, so auch in Korinth).

Das mit sich in der Stille halten oder still sein übersetzte Wort meint nicht schweigen, sondern eher in festgelegten Grenzen bleiben oder Ordnung bewahren.

Adam und Eva

Die Verse 13 und 14 stellen meines Erachtens eine der problematischten Bibelstellen in bezug auf die Rolle der Frau in Gemeinde und Gottesdienst dar; es ist geradezu unerträglich, was Paulus uns hier zum Lesen gibt. 

Was wir in diesen beiden Versen haben, ist eindeutig jüdisch-rabbinische Lehre und vermutlich ein Zitat (von Gamaliel?), das Paulus übernommen hat. Für einen gewissenhaften Theologen, wie Paulus es war, verbietet sich die in diesen Versen niedergeschriebene Auslegung von 1. Mose 3 im Prinzip; darüber hinaus ist es Eisegese und nicht Exegese. Zudem widerspricht diese Auslegung dem, was Paulus anderswo schreibt (etwa Römer 3,9ff; 5,12ff). 

Haben wir hier eine Randglosse, die ursprünglich nicht zum Text gehörte, aber im Laufe des Abschreibens versehentlich Teil des Textes wurde? Ich denke, diese Möglichkeit kann ausgeschlossen werden, ebenso die Möglichkeit, daß ein Teil des ursprünglichen Textes ausgefallen ist und die beiden Verse aus dem Zusammenhang gerissene Überreste eines ansonsten verlorenen Abschnittes sind.

Haben wir hier, wie überhaupt mit den beiden Timotheus-Briefen, die Schrift eines unbekannten Verfassers, der lange nach dem Apostel unter dessen Namen schreibt und sich dessen Autorität zunutze macht? Selbst wenn dem so wäre, erleichtert diese Annahme den Umgang mit diesen beiden Versen keineswegs. 

Möglich ist, daß die Verse 13 bis 15 eine Einheit bilden, ein Zitat, das Paulus übernommen hat, wobei der letzte Vers (den ich im nächsten Abschnitt erkläre) der entscheidende Inhalt ist. Die beiden vorangehenden Verse hat Paulus zwar ebenfalls zitiert, ohne sich deren theologischen Inhalten aber zu eigen zu machen; sie gehören aber einfach zu seinem Zitat dazu, und Paulus wollte sie nicht auslassen. 

In diesem Fall sollten wir die beiden Verse nicht so heiß essen, wie sie oft serviert werden. Paulus schrieb ja an einem jungen Mann, den er kannte. Paulus konnte also wissen, wie sein Freund und Schüler Timotheus das aufnehmen würde, was Paulus ihm auftischt (möglicherweise hatten beide schon einmal über dieses Thema diskutiert). Paulus konnte jedenfalls davon ausgehen, daß Timotheus sehr wohl wußte, daß es niicht nur einen, sondern zwei Schöpfungsberichte gibt, und daß der, der dabei den Vorrang hat, keine Reihenfolge oder gar Rangfolge kennt. Paulus konnte davon ausgehen, daß Timotheus wußte, daß Adam zwar nicht direkt, aber eben doch mittelbar versucht wurde und eben auch gesündigt hatte und ebenso auf Vergebung angewiesen war wie Eva.

Vergessen wir nicht: Paulus geht es hier um die Auseinandersetzung mit der Gnosis. Sein Thema war nicht eine allgemeine Auseinandersetzung mit der Lehre der Frau oder ob es eine bestimmte Hierarchie zwischen Mann und Frau gäbe, sondern die Lehre der Gnosis.

Einige Gnostiker lehrten, daß der Mensch bei seiner Erschaffung androgyn war. Dem setzt Paulus den zweiten Schöpfungsbericht entgegen, wohl wissend, daß im Allgemeinen der erste den Vorrang hat. 

Einige Gnostiker lehrten, daß Adam ohne Erkenntnis (Gnosis) war, Eva aber die erste Gnostikerin war, also Erkenntnis besaß. Dem setzt Paulus entgegen, daß Eva direkt betrogen wurde, wohl wissend, daß Adam und Eva beide betrogen wurden. 

Einige Gnostiker sprachen Eva von jeder Schuld frei und gaben sie Adam. Dem setzt Paulus entgegen, daß Eva in Übertretung fiel, wohl wissend, daß beide gesündigt haben und die Sünde durch Adam in die Welt kam.

Paulus schreibt also nicht allgemein, sondern setzt jüdisch-rabbinische Lehre gegen die Lehre der Gnosis, wohl wissend, daß Timotheus das richtig verstehen und keine falschen Schlüsse ziehen würde. 

Diese beiden unerträglichen Verse werden durch ihre Einordnung etwas leichter verdaulich. Auf jeden Fall gilt nun, daß man diese beiden Verse nicht allgemein für das Verständnis der Rollen von Mann und Frau heranziehen darf. Sie sind nicht einmal eine Auslegung zu 1. Mose 3, sondern nur eine an 1. Mose 3 angelehnte Auseinandersetzung mit den Lehren der Gnosis, wobei Paulus dann erklärt, daß Evas Sünde durch das Kindergebären getilgt ist.

Errettet durch Kindergebären?

Ein weiteres Problem ergibt sich mit der Errettung durch Kindergebären. Sollte Paulus gelehrt haben, daß Frauen gerettet werden, wenn sie Kinder gebären? Diese Lehre ist kaum vorstellbar. Sie würde seiner ganzen Lehre widersprechen, und darum kann das hier einfach nicht gemeint sein.

Es ist wohl eher so, daß Paulus sich hier auf 1. Mose 3,15 bezieht, daß nämlich der Nachkomme der Frau die Errettung bringt. Da die Irrlehrerinnen, die Paulus ermahnt, meinten, das Heil käme unmittelbar durch die Frauen, stellt Paulus klar, daß das Heil zwar tatsächlich durch die Frauen kommt, aber in Wirklichkeit durch den geborenen Nachkommen einer Frau, Jesus Christus (während die Gnostiker die Leiblichkeit und damit auch Geburten für schlecht hielten).

Zusammenfassung von 1. Timotheus 2,11-15

Zusammenfassend können wir sagen, daß es Frauen nicht generell verboten ist zu lehren, es ist ihr aber verboten, eine Irrlehre (hier: daß die Frau über den Mann herrsche) zu verbreiten, statt dessen sollen sich die Frauen an die Ordnung halten.

Das Kindergebären bezieht sich nicht darauf, daß Frauen gerettet werden, wenn sie Kinder gebären, sondern sie sind - wie alle Menschen - gerettet durch die Geburt Jesu.

1. Timotheus 2,11-15 bezieht Stellung gegen gnostische Frauen, die Irrlehren in der Gemeinde verbreiteten. Paulus wird dabei sehr scharf und deutlich, seine Aussagen dürfen aber nicht ganz allgemein auf Frauen bezogen zu werden oder auf die Frage, ob Frauen lehren dürfen.

Epilog

Es ist Frauen also mitnichten verboten, daß sie in der Gemeinde Gottes lehren. Natürlich sollen sie keine Irrlehren verbreiten, aber das gilt ebenso für Männer. Paulus hat dieses Gebot damals für einen bestimmten Anlaß erlassen, der Frauen betraf: Eine damals verbreitete gnostische Irrlehre, die wir heute in dieser Form nicht mehr antreffen. Heute sind andere Anlässe für ein solches Verbot denkbar.

Wir lernen aus diesem Bibeltext, daß es damals wie heute Anlässe geben kann - für Männer wie für Frauen -, das Lehren zu verbieten. Timotheus war mit einem bestimmten Anlaß konfrontiert, so daß es in diesem bestimmten Fall geboten war, ein Lehrverbot zu erlassen. Eine solche Situation ist auch heute grundsätzlich denkbar, wenn gefährliche Irrlehren Einzug in die Gemeinde halten.

Literatur

Ich möchte an dieser Stelle auf das wertvolle Buch „Paulus im Kampf gegen den Schleier - Eine alternative Auslegung von 1. Korinther 11,2-16“ von Professor Thomas Schirrmacher verweisen (Nürnberg 2002, Verlag für Theologie und Religionswissenschaft) und diesem Werk eine weite Verbreitung wünschen.

Es sei allen ans Herz gelegt, die sich für das Thema „Paulus und die Frauen“ interessieren. Wer es mit offenem Herzen liest, dem wird es ein großer Gewinn werden, wie ich aus eigener Erfahrung bezeugen kann.

Ein weiterer Literaturtipp gilt dem Buch "Ohne Unterschied? - Frauen und Männer im Dienst für Gott" von Marilyn B. Smith und Ingrid Kern (Gießen 2000, Brunnen Verlag).

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 25. Februar 2010 um 13:09 Uhr
 
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