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Müssen Frauen in der Gemeinde schweigen? - Eine alternative Auslegung zu 1. Korinther 14,33-36
In manchen meist konservativen Gemeinden wurde der folgende Bibelvers schon verwendet, um Frauen, die in irgend einer Form das Wort ergreifen wollen, zum Schweigen zu bringen. Nicht selten wird dieser Vers aber auch angeführt, um damit gegen das Christentum zu polemisieren oder - im christlich-islamischen Dialog - der oft als niedrig bezeichneten Stellung der Frau im Islam eine biblische Entsprechung entgegenzusetzen, um die niedrige Stellung der Frau im Christentum zu beweisen:
"Wie es in allen Gemeinden der Heiligen ist, sollen die Frauen in den Gemeinden schweigen, denn es wird ihnen nicht erlaubt zu reden" 1.
Das deckt sich ja in gewisser Weiose mit bestimmten islamischen Vorschriften, nach denen die Stimme der Frau am besten nicht in der Öffentlichkeit gehört werden sollte.
Nicht wenige Christen bezeichnen das Gebot des Paulus, daß die Frauen schweigen sollen, als überholt und weisen es darum zurück. Nur sehr wenige konservative Christinnen und Christen halten an diesem Gebot heute noch fest, und die Frauen schweigen in der Gemeinde, tragen oft auch ein Kopftuch2 und übernehmen kein Lehramt in der Gemeinde3.
In diesem Artikel soll untersucht werden, was das "Schweigegebot" eigentlich beinhaltet, ob es heute noch Gültigkeit besitzt und, wenn ja, wie es umgesetzt werden kann.
Der Bibeltext: 1. Korinther 14,33-36
"(33) Gott ist nicht (ein Gott) der Unordnung, sondern des Friedens, wie (es) in allen Gemeinden der Heiligen (gilt). - (34) Eure Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen, denn es wird ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. (35) Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen, es ist nämlich unschicklich für eine Frau, in der Gemeindeversammlung zu reden. - (36) Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist es zu euch allein gelangt?"4.
Manche sehr alte Handschriften schieben 1. Korinther 14,34-35 erst nach Vers 40 ein5.
Grundsatzfragen
Ist es aber wirklich das, was Paulus lehrt? Zwei Dinge fallen auf, wenn man sich eingehend mit diesem Text beschäftigt:
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1. Korinther 14,36 ist in der männlichen Form verfaßt (im Maskulin Plural)6, nicht in der weiblichen Form! Wenn Paulus also schreibt, "Oder ist etwa das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist es zu euch allein gelangt?", so spricht er aufgrund dessen Männer an! Der Vers könnte also auch übersetzt werden: "Oder ist etwa das Wort Gottes von euch Männern ausgegangen? Oder ist es zu euch Männern allein gelangt?" Dann wird dieser Vers zu einer Anklage gegen die Männer und nicht, wie man es herkömmlich auslegt, gegen die Frauen. Was das bedeutet, sehen wir in der alternativen Auslegung.
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Im ganzen mosaischen Gesetz finden wir nicht, daß eine Frau zu schweigen hätte, aber die Formulierung "es ist nicht gestattet" deutet auf rabbinisches Gedankengut hin (die Formulierung "es ist nicht gestattet" ist rabbinisches Formular, hiermit gestatten oder verbieten Rabbiner bestimmte Dinge). Derlei Gedankengut scheint in Korinth zumindest in manchen Kreisen sehr stark vertreten worden zu sein, so schon bei der Verschleierung der Frau7 (was rabbinische Lehre ist - die Frau habe verhüllt zu gehen wie eine Leidtragende) und nun auch hier. Den Rabbinern galt es als eine Schande, wenn eine Frau ihre Stimme hören läßt. Dieses rabbinische Denken steht aber nicht in Übereinstimmung mit der Bibel, weder was das Alte Testament betrifft noch was die Lehren Jesu und Paulus' betrifft.8
Ein dritter Punkt fällt sofort auf, wenn man unseren Text mit dem vergleicht, was Paulus kurz vorher im gleichen Brief über betende und prophetisch redende Frauen schreibt9. Dort erlaubt Paulus den Frauen das Beten und prophetisch Reden, von einem Schweigegebot weiß er dort nichts zu berichten. Warum sollte Paulus erst das Beten und prophetisch Reden erlauben, wenn er kurz darauf ein Schweigen fordert? Dieser Widerspruch läßt sich durch nichts erklären, wenn man dem Text nicht Gewalt antun will.
Eine alternative Übersetzung
Diese beiden Punkte bedingen eine andere Übersetzung und eine andere Auslegung des Textes. Zuerst einmal die alternative Übersetzung des Textes. In Klammern stehen Hinzufügungen als Kommentare.
"Gott ist nicht (ein Gott) der Unordnung, sondern des Friedens wie (es) in allen Gemeinden der Heiligen (gilt)10. - Eure Frauen sollen (auf eure Anweisung hin) in den Gemeindeversammlungen schweigen, denn es wird ihnen (von euch) nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich (eurer Meinung nach) unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so (sagt ihr) sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen, es ist nämlich (eurer Meinung nach) unschicklich für eine Frau, in der Gemeindeversammlung zu reden. Oder ist das Wort Gottes von euch (Männern) ausgegangen? Oder ist es zu euch (Männern) allein gelangt?"
So übersetzt klingt der Text doch gleich ganz anders, nicht wahr?
Eine alternative Auslegung
Nun die alternative Auslegung auf der Grundlage dieses Textes (die Hinzufügungen wieder entfernt):
- "Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens wie in allen Gemeinden der Heiligen11"
Dieser Satz wird in vielen Übersetzungen auseinandergerissen, obgleich es ein Vers ist. Da lesen wir dann in einem Abschnitt den ersten Teil als Epilog des vorherigen Sinnesabschnittes über die Geistesgaben Sprachenrede, Auslegung und Prophetie: "Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens". Der zweite Teil des Satzes wird aber dem nächsten Sinnabschnitt über die Frauen in der Gemeinde zugeschlagen: "Wie in allen Gemeinden der Heiligen, sollen die Frauen in den Gemeinden schweigen".
Tatsächlich gehört aber der ganze Satz als Epilog zum vorherigen Sinnesabschnitt über die Prophetie: "Und die Geister der Propheten sind den Propheten untertan; denn Gott ist nicht ein Gott der Unterordnung, sondern des Friedens, wie (es) in allen Gemeinden der Heiligen (gilt)". Und damit endet dieser Sinnabschnitt, und der nächste beginnt ganz anders, nämlich mit einer Beschreibung dessen, was in Korinth Sache ist:
- "Eure Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen, denn es wird ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen, es ist nämlich unschicklich für eine Frau, in der Gemeindeversammlung zu reden"
Dies ist keine Anweisung von Paulus, sondern eine Darstellung der Situation in Korinth. Nicht Paulus will, daß die Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen sollen, sondern die Männer in der Gemeinde wollen es so. Sie begründen es sogar: "wie auch das Gesetz sagt". Doch an keiner Stelle sagt das Gesetz, daß die Frauen schweigen sollen12 - und gerade Paulus sollte diese Lehre vertreten? Das Gesetz ist nicht die Grundlage der paulinischen Lehre, sondern nur die Gnade und der Glaube sind es. Paulus würde kein Gebot aufgrund eines Gesetzes aufstellen - und schon gar nicht aufgrund eines Gesetzes, das es in der Bibel gar nicht gibt, sondern das Rabbiner formuliert haben. Nein, dieses rabbinische Gebot ist für die Korinther Grundlage ihres Schweigegebotes für die Frauen in den Gemeindeversammlungen. Und die Korinther sind es, die es unschicklich finden, wenn Frauen in der Gemeindeversammlung reden, nicht Paulus. Paulus findet etwas ganz anderes unschicklich, nämlich das korinthische Schweigegebot für Frauen in den Gemeindeversammlungen, und so fährt er die Männer in Korinth, die den Frauen das Reden verbieten wollen, scharf an:
- "Oder13 ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist es zu euch allein gelangt?"
Wie schon gesagt, steht hier die männliche Form der Anrede14. Paulus spricht die Männer in Korinth an und fragt sie, ob das Wort Gottes denn von ihnen ausgegangen wäre oder nur zu ihnen allein gelangt wäre. Wenn dem so wäre, ja dann könnten sie vielleicht verlangen, daß die Frauen schweigen - aber dem ist eben nicht so. Das Wort Gottes ist eben nicht von den Männern in Korinth ausgegangen, und es ist eben nicht zu ihnen allein gelangt.
In bestimmten einflußreichen Kreisen in Korinth herrschte, was die Stellung der Frauen betraf, rabbinisches Denken vor. Entsprechend der Lehre der Rabbiner hatte die Frau sich zu verhüllen wie eine Leidtragende, und sie hatte zu schweigen. Die rabbinischen Kreise in Korinth verstanden dies als Gesetz, das auch für christliche Frauen galt. Paulus teilt diese Meinung der rabbinisch orientierten Korinther ganz und gar nicht. Ganz im Gegenteil, er bekämpft diese Meinungen. Weder läßt er es durchgehen, daß Männer ein Schleiergebot aufstellen, noch läßt er das Schweigegebot durchgehen.
Was das Schleiergebot betrifft, so sehen wir in
1. Kor 11,2-16
, daß Paulus zuerst die Korinther zitiert und dann ad absurdum führt15, hier skizziert Paulus die Situation in Korinth in Bezug auf die Frauen, die zu schweigen haben, und fragt mit scharfer Ironie, wie die Männer auf die Idee kommen, die Frauen hätten zu schweigen, wo doch das Wort Gottes weder von ihnen, den Männern, ausgegangen noch zu ihnen allein gelangt ist.
Paulus erlaubt das Reden in der Gemeinde: 11,2-16
Egal, wie man
1. Korinther 11,2-16
auch auslegt, herkömmlich (Frauen müssen sich beim Beten und prophetisch Reden verschleiern) oder alternativ (Frauen müssen sich nicht verschleiern16), sprechen diese Verse im gleichen Brief so eindeutig gegen ein Schweigegebot für Frauen, daß wir sie ernst nehmen müssen als Indiz dafür, daß Paulus kein Schweigegebot für Frauen kennt. Frauen dürfen beten und prophetisch reden, also müssen sie nicht schweigen, also kann es kein paulinisches Schweigegebot geben. Sonst würde sich Paulus ja in ein und demselben Brief widersprechen.
Fazit
Also - kein Schweigegebot für Frauen in den Versammlungen der Gemeinde! Frauen dürfen in der Gemeinde lehren, und aus
1. Timotheus 2,12
läßt sich auch kein Lehrverbot für Frauen ableiten17. Frauen müssen also weder schweigen, noch ist es ihnen verboten zu lehren - und sie brauchen dann auch kein Kopftuch zu tragen.
Damit erübrigt sich auch die Frage, ob und warum ein eventuelles paulinisches Schweigegebot für Frauen heutzutage nicht mehr gültig ist. Dennoch ist dieser Bibelabschnitt auch heute noch aktuell: Allen Männern, die den Frauen das Schweigen in der Gemeinde gebieten wollen, hat Paulus etwas zu sagen.
Literatur
Thomas Schirrmacher, "Paulus im Kampf gegen den Schleier - Eine alternative Auslegung von 1. Korinther 11,2-16", Verlag für Theologie und Religionswissenschaft, Nürnberg 2002
Michael Molthagen, "Müssen Frauen in der Gemeinde einen Schleier tragen?", Internet-Artikel, www.molthagen.de, 2004
Michael Molthagen, "Dürfen Frauen in der Gemeinde lehren?", Internet-Artikel, www.molthagen.de, 2004
Marilyn B. Smith / Ingrid Kern (Hrsg.), "Ohne Unterschied? - Frauen und Männer im Dienst für Gott", Brunnen-Verlag, Gießen 2000 (Seite 82ff)
Fußnoten
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