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Dürfen Christen zweifeln?
Viele Christen glauben, daß sich Glaube und Zweifel gegenseitig ausschließen. Wer glaubt, zweifelt nicht; wer zweifelt, hat einen schwachen Glauben. Wer mehr glaubt, zweifelt weniger. Wer dem Zweifel nichts entgegensetzt, verliert seinen Glauben.
Dahinter steckt letztlich ein Dualismus: Glaube ist gut, Zweifel ist Böse.
Der Zweifel gehört zu den Wesensmerkmalen aller Menschen. Er ist für den Menschen überlebensnotwendig - seit die ersten Frühmenschen die Welt erkundet haben, hat ihnen der Zweifel so manches Mal das Leben gerettet. Manche Tierarten sind so vermehrungsfreudig, daß sie es sich zweifellos erlauben können, daß das eine oder andere Exemplar vorzeitig aus dem Genpool ausscheidet - die Menschenaffen dagegen sind im Prinzip so wenig reproduktiv, daß es zum Erhalt des Genpools geradezu ein Gen geben muß, daß den Zweifel steuert, ehe man über einem umgefallenen Baum eine Schlucht überquert, bei einem Gewitter unter einem Baum Schutz sucht oder irgend etwas in der Art. Der Zweifel läßt uns fragen, ob diese klapprige Brücke wirklich unser Gewicht zu tragen vermag, und erst ein TÜV-Siegel läßt uns glauben, daß es gefahrlos möglich sein sollte, auf die andere Seite zu gelangen.
Gott gibt seinen Glauben in uns zweifelnde Menschen hinein - er nimmt es auf sich, daß wir Fragen des Glaubens mit einem zweifelnden Intellekt behandeln, weil er auf den krummen Linien unseres Zweifels gerade Worte des Glaubens schreiben kann.
Christen dürfen also zweifeln. Der Zweifel ist nichts Schlimmes, nichts Verwerfliches, solange wir verantwortungsvoll zweifeln, also sachlich und fair bleiben. Der Zweifel gehört freilich nicht neben den Glauben - schon gar nicht als Gegensatz dazu -, sondern zum Glauben dazu. Und weil Glauben in erster Linie eine liebevolle, hoffnungsvolle und vertrauensvolle Beziehung ist, gehört der Zweifel in die Beziehung zu Gott, vor allem ihm dürfen und sollen wir unsere Zweifel anvertrauen, auch den wütenden Zweifel, der manchmal aus Leid und Verletzungen entsteht.
Gott verurteilt uns nicht wegen unseres Zweifels, er verwirft uns deswegen nicht, er liebt uns deswegen nicht weniger. Er lädt uns ein, mit unseren Zweifeln zu ihm zu kommen.
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