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Intoleranz PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - FAQ
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 20. August 2009 um 16:19 Uhr

Sind Christen - vor allem Evangelikale - intolerant? Warum können sie nicht einfach sagen, daß alle Religionen gleichermaßen Recht haben? Warum müssen sie missionieren?

In der Postmoderne genießt der religiöse Pluralismus weithin große Anerkennung: "Alle Religionen haben gleichermaßen Recht, sie alle beschreiben nur Teilaspekte der wahren Religion; die Summe der Teile ist größer als das Ganze". Das Bild vom Elefanten, der von Blinden befühlt wird, die das Ganze dann auf seine Teile - Rüssel, Beine, Ohren usw. - reduzieren, ist wohlbekannt. 

Wer diese Überzeugung äußert, ja, wer andere davon überzeugen will, der missioniert natürlich nicht - der Begriff "Mission" wird ausschließlich auf Religionen angewandt, die andere von ihrer "Teilwahrheit" überzeugen wollen. 

Als (links-) evangelikaler Christ sage ich "alle Menschen gleich welcher Religion haben die gleichen Rechte". Mir ist das erst einmal wichtiger als ein schwammiges "alle haben gleichermaßen Recht" (als wenn irgend ein Mensch auch nur ansatzweise alle Religionen und dann mehr als nur ansatzweise kennen könnte). Ich will nicht Recht haben, ich will, daß alle Menschen gleiche Rechte haben.

Zu den Rechten - genauer zu Allgemeinen Menschenrechten - gehört natürlich auch, daß jeder Mensch frei und ungehindert Zugang zu allen Informationen über eine Weltanschauung seines Interesses bekommt, die er benötigt, um sich ohne äußeren Einfluß dafür oder dagegen zu entscheiden. Natürlich muß er auch ohne Angst vor Nachteilen sagen können, daß er an Informationen nicht interessiert ist. Aber weder kann man das recht auf Zugang zu diesen Informationen delegieren noch die Reaktion auf diese Informationen. es muß immer eine Entscheidung sein, die ein Mensch in Freiheit trifft. Nimmt man ihm diese Freiheit, so tastet man seine Menschenwürde an. 

Was nun die Frage betrifft, ob Christen Recht haben - nein, haben sie nicht. Jedenfalls nicht in allen Fragen des Lebens. Christen haben sich in der Vergangenheit oft geirrt, sie tun es in der Gegenwart und sie werden es auch in der Zukunft tun. Christen irren sich - egal ob es evangelikale oder liberale Christen sind. Auch Missionare irren sich.

Christen sind auch keine besseren Menschen als andere. Sie sind nicht moralischer (haben auch in Sachen Ethik nicht automatisch immer Recht), sie haben auf die verschiedenen Krisen der Menschheit (oder auch nur auf das Leid eines Einzelnen) keine perfekten Antworten. 

Christen glauben aber, daß Jesus Christus etwas ganz Besonderes in das Leben der Menschen hinein bringt - gerade auch in das Leben von den Menschen, die nicht so perfekt und so toll sind, sondern "Sünder", wie immer man diesen Begriff nun verstehen will. Das erklät meines Erachtens auch, warum es in der Kirche zumindest gefühlt mehr "Sünder" gibt denn außerhalb - aber es sind "gerechtfertigte Sünder", Menschen, die trotz all ihrer Fehler jemanden haben, der zu ihnen steht, jemanden, der auch dann bei ihnen ist und bleibt, wenn es ihnen nicht gut geht, warum auch immer, ob nun aus eigenem Verschulden oder weil ihnen Unrecht angetan wird oder weil sie das Opfer widriger Umstände sind.

Jesus verändert nicht die Umstände, aber inmitten schwieriger Umstände ist er bei den Menschen. Jesus hat ja selbst alle Tiefen erfahren, die ein Mensch ertragen muß. Er ist mit uns, mitten drin. 

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, daß Jesus Menschen verändert, nicht mit Gewalt und nicht nach einer Schablone vom Muster "perfekter Christ", sondern so, daß Menschen mehr sie selbst werden, nicht mehr so sehr versuchen, dem Bild, das andere Menschen von ihnen haben, zu entsprechen.

Ich glaube, daß dieser Jesus weniger daran interessiert ist, daß alle Menschen der einen oder anderen Kirche beitreten oder ein bestimmtes Glaubensbekenntnis sprechen, sondern daß sie in guter Nachbarschaft friedlich zusammen leben - daß sie sich gegenseitig helfen, daß sie voneinander lernen, daß sie miteinander feiern (das nennt sich dann - nach einem Begriff für Nachbarschaftshilfen in dörtlichen Strukturen Lateinamerikas - "Konvivenz"). Das ist meiner Meinung nach das Herz der Mission, das, wofür Missionare in die Welt hinausgehen. Zum "voneinander lernen" gehört freilich auch die gegenseitige Information über den jeweiligen Glauben. Nur wenn ich den Glauben meines Nachbarn verstehe, kann ich wirklich in Frieden mit ihm zusammen leben. Sonst herrschen Verdächtigungen, Vorurteile, Verschwörungstheorien usw.

Missionare wissen darum, daß sie Menschen nicht von der Sache mit Gott überzeugen können. Das kann nur Gott - und sie erleben immer wieder, daß Menschen mehr von Gott wissen wollen, ja, daß sie sich bekehren werden. Dem werden Missionare natürlich nicht im Wege stehen, diesem Prozeß werden sie wichtige "Leitplanken" geben wollen, ohne die am Glauben Interessierten zu gängeln oder unter Zugzwang zu setzen.

All das halte ich für keineswegs "intolerant". Religiöse Toleranz heißt ja ohnehin nicht, daß ich jeden Glauben gleichermaßen akzeptiere und für wahr befinde, sondern die Vielfalt von Glaubensüberzeugungen dulde, den Pluralismus als Tatsache akzeptiere und dafür eintrete, daß Menschen die gleichen rechte haben - unabhängig ihres religiösen Bekenntnisses.

Was gesellschaftlich oft als "Toleranz" verkauft wird, ist bei näherer Betrachtung freilich oft nicht mehr als Gleichgültigkeit und mangelndes Interesse am Anderen, an seiner Lebenswirklichkeit. Mit Toleranz im eigentlichen Sinne hat das eher wenig zu tun.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 11:02 Uhr
 
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