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Sadomasochismus PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - FAQ
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 24. Juli 2009 um 19:38 Uhr

Ist Sadomasochismus eine Sünde?

Ich habe die folgenden Äußerungen bewußt so geschrieben, daß sie jugendfrei sind. Da sadomasochistische Neigungen sich erstens nicht nur bei "Sündern, Zöllnern und Huren", sondern auch bei "frommen Christen" und zweitens nicht erst ab der Volljährigkeit, sondern schon sehr viel früher einstellen, erscheint es mir wichtig, die Antwort auf diese Frage auch jungen Menschen zugänglich zu machen, die diese "bösen Begierden" bei sich entdecken.

Mit "Sadomasochismus" ist hier nicht eine pathologische psychosexuelle Störung gemeint (die freilich auch keine Sünde im ethischen Sinn, sondern eine Krankheit darstellt), sondern eine sexuelle Vorliebe für freiwilligen, einvernehmlichen "BDSM" (Bondage, Domination/submission, Sadismus, Masochismus). 

Die Ursachen für die verschiedenen sadomasochistischen Neigungen sind noch nicht endgültig geklärt. Vermutlich kommen jeweils mehrere Ursachen in Frage. Ein "Dämon" hat mit einer solchen Neigung freilich nichts zu tun, also bitte nicht auf irgend welche "Befreiungsgebete" oder Exorzismen einlassen. Und eine sadomasochistische Neigung bzw. ihre Verankerung im Denken, Fühlen und Verhalten hat auch nichts mit "mangelndem Glauben" zu tun, hier sollte man sich also bitte weder selbst Vorwürfe machen noch sich unter einen geistlich ungesunden Druck setzen lassen, "wenn du nur genug glaubst..."

Obwohl die Bibel sich an keiner Stelle dazu äußert, bewerten "bibeltreue" Christen den Sadomasochismus meist wie die Homosexualität als Sünde.

Wie viele Christen eigentlich diese Neigung in sich tragen, ist nicht bekannt. Ich schätze, daß etwa 5 - 10 % der Christen sadomasochistische Neigungen haben - aber nur ein kleiner Teil von ihnen steht zu diesen Neigungen bzw. lebt sie auch aus - meistens natürlich abseits von ihrem christlichen Glauben, im Geheimen, oft genug mit schlechtem Gewissen. Die meisten kämpfen - erfolglos - gegen diese "bösen Begierden" an.

Vieles, was ich bei Christen erlebe, die eine "biblische Unterordnung" praktizieren wollen, erinnert mich stark an sadomasochistische Beziehungen - hier scheint eine sadomasochistische Neigung "getauft" und mit biblischem "Segen" ausgelebt zu werden, zwar ohne Fesselungen und Peitsche, eben mit Herrschen und Unterwerfen. Ich sehe hier einen schweren Mißbrauch der Bibel und der von Paulus aufgestellten "christlichen Haustafel".

So gut es im Allgemeinen sein mag, die "Werke des Bösen" auf den Dienst an Gott und dem Nächsten "umzulenken", so wenig scheint es mir in diesem Bereich (der an und für sich kein "Werk des Bösen" ist) angebracht zu sein, und an dieser Stelle würde ich die Frage, ob Sadomasochismus nun eine Sünde ist, mit einem klaren "Ja" beantworten - wobei die Sünde hier vor allem auf dem Mißbrauch der biblisch begründeten Unterordnung beruht. "Sünde" bedeutet ja "Zielverfehlung", und die "Sadomasoierung" der biblischen Unterordnung stellt eine extreme Zielverfehlung dar.

Wer eine sadomasochistische Neigung hat, wird als Christ vermutlich versuchen, die damit verbundenen Denk- und Verhaltensmuster loszuwerden. Ein ums andere Mal nimmt er sich vor, "es" jetzt aber ganz bestimmt nicht mehr zu tun - und letzten Endes tut er es dann doch, immer öfter, immer intensiver. Man hofft, die "bösen" Gefühle und Triebe ausrotten zu können, man versucht alles, was einem dazu einfällt oder angeboten wird - aber man scheitert immer und immer wieder. Die Folge ist ein sehr negatives Selbstwertgefühl, das bohrende Gefühl, im Glauben und in der Nachfolge Jesu gescheitert zu sein, ein schlechter Christ zu sein, vor Gott nicht bestehen zu können, von Gott verworfen zu werden.

Die sadomasochistische Neigung an sich ist keine Sünde, es ist grundsätzlich auch keine Sünde, zu dieser Neigung zu stehen und sie auszuleben. Erst die Form des Auslebens wird unter Umständen eine Sünde darstellen.

Die "weltlichen Gesetze" für den Sadomasochismus bilden auch für Christen ein gutes Fundament für eine ethische Bewertung: Sicher soll es sein, vernünftig und geistig gesund, freiwillig und einvernehmlich, Spaß soll es machen (safe, sane, consensual, fun). "Liebe Gott mit voller Kraft, von ganzem Herzen und mit allem Verstand, liebe deinen Nächsten wie dich selbst - und dann tue, was du willst". Der "Nächste" ist hier nicht nur der SM-Partner, sondern auch der Dritte; Sadomasochismus und Öffentlichkeit vertragen sich in der Regel nicht allzu gut.

Die drei großen Probleme im Bereich des Sadomasochismus heißen Pornografie, Selbstbefriedigung und Partnerwahl. Bei den ersten beiden Punkten ist es einfach nicht hinnehmbar, daß in der Phantasie ein "Partner" erschaffen und "geliebt" wird, dem kein wirklicher Mensch auch nur im Geringsten entsprechen könnte, so daß beim Vergleich der echte Partner immer den Kürzeren zieht. Bei der Partnerwahl sollte der Sadomasochist nicht nur offen und ehrlich sein (und das "Geständnis" nicht so lange herauszögern, bis man den Partner "sicher" hat), sondern möglichst einen Partner suchen, der zu den eigenen sadomasochistischen Vorlieben paßt. Und wer hofft, bis zur Hochzeit irgendwie von seinen Neigungen "befreit" zu werden, wird letzten Endes enttäuscht sein - und seinen Partner enttäuschen. Wer diese Neigungen vor der Hochzeit hat, wird sie auch danach haben. Da darf man sich keinerlei Illusionen hingeben. 

Wer keinen sadomasochistischen Partner hat, wird seine sadomasochistische Neigung nicht ausleben können; denn es reicht normalerweise nicht, wenn der nicht sadomasochistische Partner sich nur einverstanden erklärt, mitzumachen - Sadomasochismus setzt voraus, daß alles - wenigstens unterm Strich - beiden Partnern Spaß macht. Ein "SM-Fremdgehen" kommt für Christen m.E. nicht in Frage; hier ist unter Umständen Enthaltsamkeit gefragt. 

In der Wirklichkeit läßt sich enthaltsam leben - in der Phantasie wird das nicht möglich sein. Ein Christ mit einer sadomasochistischen Neigung wird sich mit diesen Gefühlen und Gedanken aussöhnen müssen. Man sollte sie nicht als "Sünde" sehen und ausrotten wollen - das wird nicht gelingen, sondern treibt einen nur tiefer in einen Strudel, der sich zerstörerisch auf die eigene Sexualität auswirkt. Hier kommt es einfach darauf an, die eigene Phantasie "sauber" zu gestalten, ohne Pornografie und Selbstbefriedigung. Wo "es" dann doch geschieht, sollte man sich nicht als "Sünder" fühlen, sondern normal weitermachen. Die Gefühle werden sich nicht ausrotten lassen; ein Teil der Denk- und Verhaltensmuster läßt sich möglicherweise auf ein positives Ziel umlenken (aber bitte nicht auf einen Mißbrauch der "christlichen Haustafel"), aber das braucht eine liebevolle Begleitung und viel Disziplin.

Ein kompetenter Seelsorger oder fachlich versierter Therapeut kann eine große Hilfe sein; wichtig ist, daß jede Hilfe ergebnisoffen angelegt ist und nicht auf ein bestimmtes Ziel - außer daß dem Hilfesuchenden geholfen werde - hin arbeitet. Man sollte hier auch keine Berührungsängste vor nicht christlichen Therapeuten haben.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 11:32 Uhr
 
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