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Was bedeutet der Begriff "Knechtsgestalt"?
Der - zugegeben etwas vertaubte - Begriff "Knechtsgestalt" bezeichnet einen der wichtigsten Inhalte der Christologie, der Lehre von Christus. Er steht im spannungsvollen Gegensatz zum Bild von Christus als dem König und Herrscher.
Hierzu sind drei Dinge zu sagen:
Erstens, Gott war in Christo, in Christus wohnte die Fülle der Gottheit leibhaftig, Christus war in allem Gott gleich (
2. Korinther 5,19
;
Kolosser 2,9
;
Philipper 2,6
). Jesus ist also nicht nur ein Mensch, auch nicht ein Engel, sondern Gott selbst. In Jesus Christus offenbart sich Gott.
Zweitens, diese Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist eine Offenbarung in verhüllter Herrlichkeit, nicht als ein Spectaculum, ein Schauwunder, das zum Glauben zwingt und dem Gewissen keine Freiheit läßt. Gott offenbart sich in einem armen Kind in der Krippe von Betlehem, in einem wehrlosen Dulder am Kreuz. Von diesem Kreuz will die Bitte Gottes in Knechtsgestalt, "laßt euch versöhnen mit mir!", das Gewissen überführen.
Drittens, diese Offenbarung Gottes in verhüllter Gestalt ist nicht mit einem Schlag da, sondern schreitet fort: Vom ungeborenen Kind im Mutterleib Mariens über das Kind, über den 12-jährigen Jesus im Tempel, über den öffentlichen Prediger und Rabbi, über das Geschehen am Kreuz und in der Auferstehung bis zur Himmelfahrt.
In Jesus Christus läßt sich Gott zu uns Menschen herab (Kondeszendenz), er erniedrigt sich, er begibt sich als wahrer Mensch in die Hände der Menschen, es dabei auf suich nehmend, daß die Menschen ihm übel mitspielen werden, ohne daß dies nur ein "so tun als ob" wäre - in Jesus Christus war Gott uns Menschen in allen Dingen gleich, er konnte auch zur Sünde versucht werden, sündigte aber nicht, er konnte von Gott verlassen werden, er konnte sterben - und nur durch seinen Tod konnte er in das Reich Gottes eingehen. Jesus war ganz von seinem Vater abhängig - ohne ihn vermochte er nichts zu tun (keine Allmächtigkeit, keine Allwissenheit, keine Allgegenwärtigkeit).
Das Element der Kondeszendenz in der Christologie ist der wichtigste Schlüssel zur christlichen Theologie, weil sich die Herablassung Gottes nicht nur auf seine Offenbarung in Jesus Christus bezieht, sondern vor allem auch auf die Bibel. Wer die Offenbarung des Wortes Gottes in der Bibel verstehen will, kommt an der Kondeszendenz nicht vorbei:
Erstens, in der Bibel ist Gottes Wort voll gegenwärtig.
Zweitens, Gott hat sein Wort in Knechtsgestalt offenbart, die Bibel ist geprägt von der Herablassung Gottes, der sein Wort hineingibt in die Worte der Menschen, die gebunden waren an ihre durch Kultur, Ort und Zeit geprägten Vorstellungen. Gott vertraut sein Wirt sündigen, irrenden Menschen an, er nimmt es auf sich, daß die Menschen das Wort Gottes in Überlieferung und Deutung verkürzen.
Drittens, das Wort Gottes offenbart sich fortschreitend, je nachdem, an welche zeitgenössischen Vorstellungen die Aujtoren und Redaktoren gebunden sind. Die Bibel beginnt offensichtlich im Mythologischen, mit einer Urgeschichte, die nicht als Tatsachenbericht verstanden werden will und soll, schreitet über die Hofberichterstattung der Könige Judas und Israels fort und erreicht schließlich mit den Evangelien und der Apostelgeschichte die wirkliche Geschichte. Die Urgeschichte, die ersten elf Kapitel des Genesis-Buches, entsprechen dem "ungeborenen Kind", und mit Abraham kommt das Kind dann in die Welt, um langsam erwachsen zu werden. Mit den Evangelien steht dann der Erwachsene vor uns.
Die christologische Kondeszendenz ist auch der Schlüssel zum richtigen Verständnis der Kirche, der Taufe, des Abendmahls, der Mission, der Ehe usw. Wir haben immer zum einen das Licht der Herrlichkeit Gottes, zum anderen die verhüllte Offenbarung, weil Gott sein Licht den Menschen anvertraut, nein ausgeliefert hat, irrenden und sündigen - aber gerechtfertigten - Menschen, alle Gefahren, daß Überlieferungen und Deutungen dabei verkürzt werden, auf sich nehmend.
Gott stellt seine Offenbarung niemals als ein Spectaculum, als ein Schauwunder vor die Menschen, das dem Menschen dann die Freiheit nimmt und ihn zum Glauben zwingt, sondern aus der Verhüllung spricht etwa der Dulder am Kreuz, um unser Gewissen zu überführen.
Manch einem ist das, je nachdem, ein Ärgernis oder eine Torheit, eine Gotteslästerung oder barer Unsinn, wie Paulus das am Beispiel des Kreuzesgeschehen deutlich macht (
1. Korinther 1,23
), aber für den, der sich in seinem Gewissen überführen läßt, ist dieses verhüllte Licht Gottes, diese sanfte Stimme eine Kraft Gottes.
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