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Kirche - was ist das?
Wer "Kirche" verstehen will, muß von der Christologie ausgehen, der Lehre von Christus, nicht nur, weil "Kirche" ein anderer Begriff für "Leib Jesu Christi" ist.
Zur Christologie sind zwei Dinge zu sagen:
- Christus ist die Offenbarung Gottes in Knechtsgestalt
- Christus hat sich und seinen Vater fortschreitend offenbart
Gott war in Christo, das heißt, in Jesus Christus war die Fülle der Gottheit leibhaftig, doch diese Herrlichkeit Gottes war eine verhüllte Herrlichkeit, kein Schauwunder, das zum Glauben zwingt, sondern ein armes Kind in der Krippe von Betlehem, ein Dulder am Kreuz von Golgatha, der vom Kreuz her bittet: "Laßt euch mit Gott versöhnen!", um das Gewissen zu überführen. Gott hat seinen Sohn in die menschliche Natur, ja in die Hände der Menschen gegeben, die ihn schließlich an das Kreuz geschlagen haben.
Gott hat sich in Jesus Christus fortschreitend offenbart, vom ungeborenen Kind im Mutterleib Mariens über die Kindheit und Jugend bis hin zum öffentlichen Auftreten, dem Kreuzesgeschehen, der Auferstehung und der Himmelfahrt.
Beides gilt nun auch für die Kirche, den Leib Jesu Christi. Gott ist in der Kirche Jesu Christi voll gegenwärtig. Gott hat seine Kirche aber auch voll hingegeben in die Hände der Menschen, in die Hände von Menschen mit zeitgebundenen Vorstellungen, in die Hände von irrenden und sündigen Menschen, auch wenn das bedeutet, daß die Menschen die Gestalt Jesu in der Kirche zurückdrängen, seine Botschaft verkürzen. Die Kirche ist darüber hinaus ein wachsender Leib. Er beginnt ganz klein in der um die jüdischen Stiftshütte versamelten Gemeinde, die sich dann in und um den Tempel versammelt. Bald sind es 12 Jünger, wenig später eine Jüngerschar in einem Obergemach, dann eine die ganze Welt umspannende Kirche, in der unzählige Sprachen gesprochen werden. Doch ihre Vollendung steht noch aus, bis der Herr Jesus wiederkommt.
Solange die Kirche sich mit ihrer Knechtsgestalt zufriedengibt und auch damit, daß sie noch nicht vollendet ist, ist sie auf einem guten Weg.
Allzu oft aber menschelt es in der Kirche. Sei es, daß daß der Weg zum Ziel wird und man die Vollendung aus dem Blick verliert, sei es, daß man sich schon längst am Ziel wähnt - beide Gefahren drohen der Kirche. Ebenso ist sie gefährdet, wo sie sich nicht länger mit ihrer vom Herrn verordneten Knechtsgestalt zufriedengeben will.
Eine der großen Fragen der Kirche ist die, wer denn nun eigentlich dazu gehört. Insbesondere zwei Kirchenformen wollen darauf die Antwort gefunden haben, die Volkskirchen und die Freikirchen. Beides sind freilich von Menschen gemachte Kirchenformen, die das biblische Verstänmdnis der Kirche als Leib Jesu verkürzen. Letztlich hat der Mensch kein Werkzeug, um festzustellen, wer nun zurecht zur Kirche gehört und wer nicht, und so müssen wir diese Frage dem Herrn der Kirche überlassen, wohl wissend, daß heute jeder, der zur Kirche gehört, egal ob zu einer Volkskirche oder einer Freikirche, ein irrender, ein sündiger Mensch ist, daß in jeder Kirche alle Erkenntnis nur Stückwerk ist.
Manche Christen verfolgen das Ziel einer "neutestamentlichen Gemeinde". Sie verwenden die Bibel und vor allem das Neue Testament als "Handbuch" für die "perfekte" Gemeinde; wenn man nur alle Bibelstellen, die etwas über die Gemeinde aussagen, eins zu eins ins Heute kopiert, muß doch eine besonders gesegnete Kirche herauskommen!
Würden wenigstens alle Christen, die dieses Ziel verfolgen, zu einer einheitlichen Kirchenlehre gelangen! Aber das ist nicht der Fall - es gibt so viele "neutestamentliche Gemeinden", wie es Bibelleser gibt, die sich diesem Projekt verschrieben haben. Es ist hier wie beim Kreationismus - es gibt so viele kreationistische bzw. "Intelligentes Design"-Lehren, wie es Bibellehrer gibt, die glauben, die Bibel sei ein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Dieser Umgang mit der Bibel ist ein ernstes Problem, und es wäre gut, würden sich diese meist protestantischen Christen am Bibelverständnis Martin Luthers orientieren, für den das "sola scriptura", das "allein die Bibel" nicht bedeutete, daß die Bibel Antworten auf alle Fragen des Lebens hat und darin freilich irrtumslos und unfehlbar wäre, sondern daß die Bibel norma normans, Richtschnur für Fragen des Glaubens, der Errettung ist. Wer die Bibel zur Auskunftei für alles und jedes macht, verläßt den Boden der Reformation und läuft Gefahr, daß die sanfte Stimme des Evangeliums, das vom Kreuz her um die Versöhnung mit Gott bittet, in dem lauten Geschrei um die rechte "neutestamentliche Gemeinde", um die biblische Schöpfungslehre, um die rechte Haltung Homosexuellen gegenüber usw. usf. untergeht und nicht mehr zu den Menschen durchdringt.
Gemeinde ist vor allem dort, wo Menschen das Doppelgebot der Liebe - liebe Gott von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und ganzem Verstand, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" - befolgen, wo einer des anderen Last trägt. Gemeinde ist dort, wo die sanfte Stimme, die vom Kreuz her zur Versöhnung mit Gott einlädt, nicht von lautem Geschrei über die "wahre Kirche" übertönt wird. Kirche ist dort, wo Menschen sich mit der Knechtsgestalt der Kirche und damit, daß sie noch nicht vollendet ist, zufriedengeben.
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