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Christlicher Glaube - FAQ
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 09. Juli 2009 um 15:56 Uhr

Was ist die Bibel? Ist sie Gottes Wort? Wie ist sie entstanden? Wie muß man sie lesen und auslegen?

Es gibt in den verschiedenen christlichen Kirchen eine ganze Reihe von Antworten auf diese Fragen.

Ich persönlich empfehle, die Christologie, also die Lehre von Jesus Christus, als Grundlage dafür zu nehmen, wie wir die Bibel verstehen. Jesus ist gemäß dem Glauben der Christen im echten und eigentlichen und vollen Sinne das Wort Gottes; damit empfiehlt es sich, für die Beurteilung der Bibel auf den Herrn Jesus zu schauen.

Aber erst einmal die Frage, ob die Bibel - wie der Koran im Islam - das "Wort Gottes" ist. Aus reformatorischer Sicht kann diese Frage nicht mit einem "Ja" beantwortet werden; denn allein Jesus Christus ist im eigentlichen Sinn das Wort Gottes. Zugleich verbietet sich aber auch ein "Nein"; denn gemäß evangelischem Glauben ist die Bibel das Wort Gottes, das in der Menschen Wort, in der Sprache der Menschen offenbart ist, geprägt von dem jeweiligen historischen, kulturellen, wissenschaftlichen, theologischen... Hintergrund der Autoren.

In der oben erwähnten Christologie geht es darum, daß sich Gott in Jesus Christus offenbart, und zwar in "Knechtsgestalt", als Mensch ( Philipper 2,6ff ).

"Knechtsgestalt" bedeutet nun zweierlei:

  1. Kein Schauwunder, sondern verhüllte Offenbarung
  2. Keine Offenbarung auf einen Schlag, sondern fortschreitende Offenbarung

Obwohl Gott in Christus ist, obwohl also in Jesus Christus die Fülle der Gottheit leibhaftig erschienen ist, so begegnet uns der menschgewordene Gott doch zuerst in dem armen Kind in der Krippe von Betlehem und zuletzt in dem wehrlosen Dulder am Kreuz von Golgatha, nicht ein Schauwunder, das zum Glauben zwingt und die Freiheit des Gewissens unmöglich macht, sondern eine verhüllte Offenbarung, ein Überführtwerden des Gewissens durch den, der vom Kreuz her bittet: "Laßt euch versöhnen mit Gott!"

Und diese stets verhüllte Offenbarung schreitet über die Jahre fort, vom ungeborenen Kind im Mutterleib Marias über das Kind in der Krippe, die Jahre der Kindheit und der Jugend und über die drei Jahre des öffentlichen Wirkens bis hin zu Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt.

Das gleiche Prinzip der Knechtschaft gilt nun auch für die Bibel. Gottes Wort ist gegenwärtig in der Bibel, aber in Knechtsgestalt menschlicher Rede, Gott hat sein Wort sündigen und irrenden Menschen anvertraut. Und die Offenbarung ist auch hier eine fortschreitende, sie beginnt im Mythologischen, schreitet über die Hofberichtserstattung der Könige Judas und Israels bis zu den Evangelien und der Apostelgeschichte voran. Auch in der Bibel haben wir an keiner Stelle ein Schauwunder, das zum Glauben zwingt und die Freiheit des Gewissens unmöglich macht, sondern eine verhüllte Offenbarung, und der Mensch wird entweder in seinem Gewissen überführt und die Kraft Gottes erfahren - oder er wird in dieser Offenbarung und vor allem im Wort vom Kreuz eine Torheit oder ein Ärgernis sehen.

Jetzt haben wir die Offenbarung Gottes nur in einer Knechtsgestalt: "Jetzt sehen wir nur ein unklares Bild wie in einem trüben Spiegel... Jetzt kennen wir Gott nur unvollkommen..." Erst wenn das eintritt, was Paulus geschrieben hat, wenn einmal alles aufhört, "dann aber schauen wir Gott von Angesicht zu Angesicht... dann aber werden wir Gott völlig kennen" ( 1. Kor 13 ), tritt die Offenbarung Gottes aus ihrer Verhüllung hervor.

Gottes Wort begibt sich in die zeitgemäßen Vorstellungen der vielen Autoren und der späteren Redaktoren. Was immer die Autoren für wissenschaftliche, kulturelle, theologische... Vorstellungen haben, es spiegelt sich in der Bibel wieder, es verbindet sich mit dem Wort Gottes. 

Wer waren nun diese Autoren und Redaktoren? Es waren sündige und in vielfacher Hinsicht irrende Menschen. Ihr naturwissenschaftliches Wissen war im Vergleich zu heute sehr einfach, ihre Vorstellungen von Geschichtsschreibung ganz anders als unsere, ihre Kultur war nicht so wie unsere heute, es war eine Schamkultur, die uns heute völlig fremd erscheint, da gerade wir Okzidentalen in einer sog. Schuldkultur leben.

Die Bibelleser und Theologen und Prediger heute stehen vor der Aufgabe, die Bibel nicht nur nicht als ein Schauwunder göttlicher Offenbarung mißzuverstehen, sondern den zeitgemäßen Vorstellungen der jeweiligen Autoren und Redaktoren auf den Grund zu gehen. Dabei geht es nicht darum, Gottes Wort und das Wort der Menschen voneinander zu trennen - das ist eine unmögliche Aufgabe; denn wenn sich diese beiden Ebenen in der Bibel auch nicht eigentlich miteinander vermischt haben, so ist ihr Miteinander doch untrennbar. Wir müssen unbedingt auch die damals zeitgemäßen Vorstellungen ernst nehmen, sie gehören einfach zur Offenbarung dazu. Gott war sich ihrer nicht zu schade, wir sollten das respektieren.

Immer wieder geht es nun darum, die Bibel so zu nehmen wie sie ist und sie den Menschen von heute verständlich zu machen. So wie die Autoren und Redaktoren damals ihre zeitgemäßen Vorstellungen zugrundegelegt haben, so gilt es heute, die nun gültigen Vorstellungen mit dem Bibeltext zu verknüpfen, etwa die Erkenntnisse der Naturwissenschaften - ausdrücklich einschließlich derer der Evolutionstheorie.

Selbstverständlich gilt das "sola scriptura" der Reformation, das "allein die Bibel" Martin Luthers. Jede Kirche, die wirklich evangelisch sein will, beruft sich stets auf die Bibel und läßt sich von ihr korrigieren. Jede Kirche, die wirklich evangelisch sein will, stellt die Bibel als norma normans über das kirchliche Lehramtund alle kirchlichen Traditionen, ordnet sie in Fragen der evangelischen Lehre allen Kriterien, allen Normen vor. Aber "evangelische Lehre" ist eben die Lehre vom Evangelium und dem Menschen, der die Stimme des Evangeliums hört - "laßt euch versöhnen mit Gott!" - und sich in seinem Gewissen überführen läßt.

Wer die Bibel nun zu einem Schauwunder machen und - gerade in der Urgeschichte mit ihren beiden Schöpfungsberichten - als einen Tatsachenbericht verstehen will und das Glauben etwa im Biologieunterricht erzwingen will, macht sich nicht nur vor Wissenschaftlern lächerlich und das Zeugnis der Heiligen Schrift unbrauchbar, sondern mißversteht auch gründlich den Knechtscharakter, der nicht nur die Person Jesu Christi und das Wasen der Bibel prägt, sondern das ganze Christentum. Wir sind als Gläubige und als Kirche berufen, Knechte zu sein. Es ist nichts als Stolz und Eitelkeit, wenn wir uns damit nicht zufriedengeben wollen, sondern mehr haben wollen, etwa ein mächtiges Gotteswort als Schauwunder, einen "papiernen Papst". Gerade die Knechtsgestalt der Kirche, ihre Schwäche, ist ihre Stärke; denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Gott braucht keinen "papiernen Papst", und wir, seine Kirche, brauchen ihn auch nicht.

Gerade in ihrer Knechtsgestalt ist die Stimme des Evangeliums lebendig und mächtig. Der heute so oft zu vernehmende Wunsch nach einer Bibel als "Auskunftei" für alle nur denkbaren Fragen - allen voran die Fragen nach der Entstehung des Lebens - bringt diese lebendige Stimme zum Schweigen.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 10:35 Uhr
 
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