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Was ist der Sündenfall?
In der Bibel steht in
1. Mose 3
der Bericht vom Sündenfall, aber weder der Begriff "Sündenfall" noch das allgemeinere "Sünde" kommen in diesem Bericht überhaupt vor.
Die erste Frage lautet natürlich, ob 1. Mose 3 ein Tatsachenbericht ist. Viele evangelikale, pfingstkirchliche und charismatische Christen und auch manche katholische und orthodoxe Christen bejahen dies - heute weit mehr und erheblich nachdrücklicher als noch vor 1980. Vor 1980 konnte man auch unter den sog. Bibelchristen häufiger die Annahme hören, es handele sich um etwas eher Mythologisches und weniger Historisches. Zusammen mit dem Aufkommen des Kreationismus nahm ab 1980 aber auch die Annahme zu, 1. Mose 1-11 - die biblische Urgeschichte - sei ein wörtlich zu verstehender Tatsachenbericht, in jeder Hinsicht ohne Irrtum und natürlich unfehlbar.
Ich glaube, daß sich diese buchstabengläubige Sichtweise nicht halten läßt, weder in Bezug auf die Schöpfung bis hin zum Garten Eden noch in Bezug auf den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Mehr dazu im FAQ-Beitrag über die Bibel.
Der Hintergrund des Berichts vom Sündenfall ist nicht die Schilderung einer geschichtlichen Tatsache, hier geht es, ganz an den Anfang der Menschheits-, ja Schöpfungsgeschichte verlegt und in Form einer Allegorie oder eines Mythos, um die sogenannten letzten Fragen der Menschen. Hier geht es um Gut und Böse, um Leben und Sterben, um Mühsal und Beschwerden. Wer diesen Bericht als Tatsachenbericht nimmt, verkürzt ihn ungemein und muß in der Folge mit einer sehr flachen Theologie und Weltsicht leben. An dieser Stelle kann ich den Sündenfall nicht ausführlich in seiner theologischen Bedeutung darstellen, ich muß mich auf die Frage der Geschichtlichkeit beschränken.
Es bleibt also die Frage, ob der Sündenfall als solches geschehen ist - wenn auch nicht vor ein paar Jahrtausenden in Mesopotamien, so doch irgendwo, irgendwann.
Der christliche Glaube geht basierend auf dem einheitlichen Zeugnis der Bibel davon aus, daß Gott die Welt gut geschaffen hat, und daraus erfährt der Glaube an einen Sündenfall seine Begründung; denn irgend etwas Einschneidendes, Eindrückliches ist geschehen, so daß die ursprünglich gut geschaffene Welt nicht erst heute eine "gefallene Welt" ist, in der die ganze Schöpfung seufzt (
Römer 8,22
). Die Autoren der Bibel haben dieses Ereignis, basierend auf ihre Weltsicht, an einen von ihnen gedachten Anfang der Menschheitsgeschichte gelegt. Das war einfach ihr "Stand der Wissenschaft". Wir sollten uns an diesen Bildern heute nicht festbeißen. Damit werden wir dem biblischen Bericht nicht gerecht.
Nachdem unsere Weltsicht sich durch die fortschreitende naturwissenschaftliche Erkenntnis erweitert hat, werden wir in der Auslegung von 1. Mose 3 also andere Wege gehen müssen. Es ist zwar möglich, daß es Adam und Eva gegeben hat - nach allem, was wir heute wissen, steht am Anfang des modernen Menschen eine sehr kleine Gruppe von Menschen, läßt sich unser aller Stammbaum sogar auf eine einzige afrikanische Frau, von den Wissenschaftlern "Eva" getauft, zurückführen -, aber das bedeutet nicht unbedingt, daß die Eva und der Adam der Bibel historische Personen sind, es ist sogar sehr unwahrscheinlich.
Gab es nun einen Sündenfall am Anfang der Menschheit, etwa bei unserer afrikanischen "Eva" und ihrem "Adam"? Oder müssen wir noch weiter zurückgehen? Wir können hier nur spekulieren - der Sündenfall fand irgendwann zwischen dem Urknall und dem Auftreten des modernen, sich seiner Geschichte, Gegenwart und Zukunft bewußten Menschen statt.
Persönlich würde ich dahingehend spekulieren, daß der Sündenfall eher am Anfang der Schöpfung stand, also eher am Urknall denn am Beginn der uns bekannten Geschichte der Menschheit, möglicherweise an der Wiege des Lebens, dem Beginn der biologischen Evolution. Das würde freilich bedeuten, daß der Sündenfall ursprünglich etwas eher Unspezifisches war, denn so etwas wie ein Bewußtsein oder die in der Bibel erwähnte Frage nach Gut und Böse gab es damals ja noch nicht. Es gab den Urknall, und dann nahm das Leben seinen Lauf - Aminosäuren, Einzeller, Mehrzeller... An der Wiege des Lebens finden wir nun die ersten Hinweise auf den Tod - und damit auf den Sündenfall; denn der Tod gehört wohl eher nicht zu dem "und siehe, es war sehr gut", das Gott über die Schöpfung ausspricht (es gibt allerdings Theologen, die den biologischen Tod, der zur Evolution gehört, von dem Tod, der im Sündenfall-Bericht erwähnt wird und den sie als "geistlichen Tod" bezeichnen, trennen - in ihren Augen steht der biologische Tod unter dem "es war gut" Gottes, nicht aber der geistliche Tod, der mit dem Sündenfall in die Welt kam und eigentlich die Zerstörung der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch meint).
Worin dieser Sündenfall nun genau bestand, können wir nicht einmal spekulieren - höchstens können wir die Bibel dahingehend interpretieren, daß es um die Unabhängigkeit von Gottes Gesetz und seiner Ordnung ging und daß damit eben der Tod Einzug gehalten hat. Im Laufe der Evolution nahm der "Sündenfall" dann immer konkretere Formen an, bis er schließlich beim biblischen Menschen tatsächlich zum "Sündenfall" mit all seinen in 1. Mose 3 beschriebenen Begleitumständen wurde, der sich seitdem bei jedem Menschen wiederholt - mit Ausnahme des Herrn Jesus, der uns zwar in allen Dingen gleich ist, jedoch ohne Sünde.
Dieses spekulative Szenario hat zwei Nachteile: Erstens spricht es den Menschen von seiner Verantwortung für den Sündenfall zumindest teilweise frei. Nicht er hat den Sündenfall verursacht, sondern so etwas Unpersönliches wie die Natur, der Urknall, die physikalische, geologische und/oder biologische Evolution oder etwas in der Art. Der Bibel aber ist die Verantwortung des Menschen ein zentrales, bedeutsames Faktum. Sie wendet sich ja ausdrücklich gegen jeden Versuch Adam und Evas, die Verantwortung abzuwälzen. Zweitens macht es eben die Natur zum Schuldigen der Misere. Dem kann man nur entgegentreten, wenn man die Wiederholung des Sündenfalls in jedem Lebewesen, in jedem Menschen annimmt. Sie ist dann also nicht ein einmaliges Geschehen, sondern ein kontinuierlich fortschreitender Vorgang, der auch in jedem Menschen verankert ist. Keiner von uns kann sich aus der Verantwortung stehlen.
Dafür erklärt dieses Szenario aber, warum der Tod, der ja ein zentrales Thema in 1. Mose 3 ist und hier als Folge des Sündenfalls beschrieben wird, schon lange vor dem Auftreten des biblischen Menschen zur Wirklichkeit der Schöpfung, zu den unverzichtbaren Merkmalen vor allem der biologischen Evolution gehörte.
Ob wir den Sündenfall aber nun eher ganz früh datieren, dem Urknall näher als dem Heute, oder ob wie den Sündenfall spät datieren - der christliche Glaube kommt ohne den Sündenfall nicht aus. Etwas ist geschehen, und dieses Etwas geschieht offenbar bei jedem Menschen von Neuem - hier sprechen wir von "Erbsünde" -, wir alle sind rettungslos in die Sünde verstrickt.
Sünde, das muß hier kurz erklärt werden, ist in der Sprache der Bibel kein moralischer Begriff, wie wir ihn heute mißbräuchlich verwenden, etwa "Kaloriensünder", "Verkehrssünder" usw. "Sünde" hat in der Sprache der Bibel und der Theologie eine ganz andere Bedeutung: Die der Zielverfehlung. Der Mensch verfolgt nicht das ihm von Gott bestimmte Lebensziel: Ein von Gottes Gesetzen und Ordnungen abhängiges Leben. Nur im Rahmen dieser Ordnungen und Gesetze ist eine Gemeinschaft mit Gott und eine dauerhaft friedliche Gemeinschaft mit dem Nächsten möglich, darum ist auch das Ziel, in Gemeinschaft mit Gott und in dauerhaft friedlichen sozialen Gemeinschaften zu leben, vom Menschen verfehlt. Die verschiedenen religiösen und sozialen Gemeinschaften, in denen der Mensch lebt, sind im Hinblick auf dauerhaften Frieden, Liebe und Vertrauen zerstört. Statt auf Frieden basieren sie auf auf heißen und kalten Kriegen, statt auf Vertrauen basieren sie auf Gesetzen, Verboten und Tabus, statt auf Liebe auf käuflichem Sex usw. Dennoch weiß er, was gut und was böse ist, er kann zwischen Recht und Unrecht unterscheiden, und beide, der religiöse und der atheistische Mensch, sind zu moralischem wie amoralischem Verhalten fähig. All das kann aber heile Gemeinschaften, in denen die Menschen auf Dauer friedlich zusammenleben, nicht ersetzen.
Der christliche Glaube beantwortet die vom Sündenfall und der Sünde aufgeworfenen Fragen mit dem Hinweis auf Jesus Christus, den Sohn Gottes, der gekommen ist, um die Sünde und ihre Folgen zu überwinden (
Römer 5
), zu einem neuen Leben zu befreien (
Römer 6
). Dieser "zweite Adam" ist Gottes Antwort auf den Sündenfall, egal ob ein "erster Adam" historisch ist, egal wann der Sündenfall eingetreten ist. Der Herr Jesus öffnet die Tür in eine neue, unvergängliche Schöpfung, in die wir nicht nur nach unserem Tod eingehen sollen, sondern aus der heraus Gott auch Gaben für diese erste, vergängliche Schöpfung bereitgestellt hat, die weiterzugeben unsere Aufgabe, unsere Sendung ist.
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