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"Es ist doch schlimm, daß man diese Frauen nicht erkennen kann, weil das Gesicht bedeckt ist" - "Wer weiß, wer sich unter dem Schleier versteckt" - "Kommunikation erfordert doch, daß man einander ins Gesicht sehen kann" - "Gerade an Schulen ist es wichtig, daß man das Gesicht sehen kann" - "wenn man das Gesicht nicht sehen kann, gibt es doch keine Sicherheit mehr, da kann doch alles passieren" - diese und viele weitere Äußerungen zum Thema komplett verschleierte Frauen hört man immer wieder, allerdings fehlt mir die Fähigkeit, diese Dinge so ernst zu nehmen, wie es viele meiner MitbürgerInnen tun.
Ich denke, das hat viel damit zu tun, daß ich Prosopagnostiker bin - ich bin "gesichtsblind", kann keine Gesichter erkennen (und auch keinerlei Gesichtsausdruck). Natürlich - wenn ich ein Gesicht sehe, so weiß ich, daß es ein Gesicht ist, ich kann es aber keiner mir bekannten Person zuordnen. Menschen (und auch ihre Gefühlsregungen) erkenne ich vor allem an der Stimme und an Bewegungen. Was das Gesicht betrifft, so ist es für mich so, daß im Prinzip jeder Mensch ein komplett verschleiertes Gesicht hat.
Tatsächlich hilft mir die Verschleierung einer Frau sogar, sie besser zu erkennen (was für mich sehr wichtig ist - ich suche immer nach Möglichkeiten, die Menschen, zu denen ich eine Beziehung habe, zuverlässig erkennen zu können, und ein bestimmter, nicht sehr weit verbreiteter Kleidungsstil wie z.B. ein Schleier ist dabei sehr hilfreich); denn meiner Erfahrung nach lenkt das sichtbare Gesicht eines Menschen mich ab, wenn es darum geht, einen Menschen (oder seine Gefühlslage) zu erkennen.
Wie dem auch sei - ich bin gewissermaßen damit aufgewachsen, unter lauter "komplett verschleierten Menschen" herumzulaufen, da blicke ich auf eine mehr als vierzigjährige Erfahrung zurück, die es mir schwer macht, mich in die Gedanken von Menschen zu versetzen, für die ein verschleiertes Gesicht etwas Ungewohntes, vielleicht sogar Bedrohliches ist.
Ist es "kurzsichtig", meine Unfähigkeit, das Unbekannte, Bedrohliche, Verwirrende, Unkommunikative... in Bezug auf den Gesichtsschleier zu verallgemeinern und komplett verschleierte Frauen eben nicht durch eine negative Brille zu sehen, nicht als eine zumindest verwirrende Erscheinung, möglicherweise sogar eine bedrohliche?
Persönlich sehe ich es eher als einen Vorteil - ich betrachte mich als ein Beispiel dafür, daß man mehr als 40 Jahre unter komplett verschleierten, "gesichtslosen" Menschen leben kann, ohne zu Schaden zu kommen. Es gibt zwar in meiner Vergangenheit als Prosopagnostiker ein paar nicht so schöne Momente, aber in jedem Fall ist aus mir etwas geworden. 40 Jahre allein unter Schleiern - und ich kann mich nicht beklagen.
Der Nachteil ist halt, daß ich mich nicht in diejenigen Mitmenschen einfühlen kann, die in einer komplett verschleierten Frau etwas Verwirrendes, Beängstigendes, Bedrohliches, nicht zur Kommunikation Fähiges sehen. All diese Argumente gegen den Schleier, die darauf aufbauen, daß man die Person eben nicht erkennen kann, lösen in mir keinen Widerhall aus, es bleibt still, kein "ich verstehe das". Vermutlich macht mich das in den Augen mancher, die dem Gesichtsschleier negativ gegenüberstehen, arrogant, überheblich. "Der weigert sich einfach, das zu verstehen." Nein, ich weigere mich nicht, ich kann es tatsächlich nicht verstehen.
Bin ich vielleicht auch blind für reale Gefahren, weil man beispielsweise nicht weiß, wer unter dem Schleier steckt? Nun, ich bezweifle, daß wir bei mehr als einer Handvoll Menschen wirklich wissen, was hinter der Maske steckt, die jeder von uns im täglichen Leben vor dem Gesicht trägt. Wir vertrauen den Menschen um uns herum - und ich wünsche mir, daß wir den Menschen auch dann vertrauen, wenn es sich dabei um komplett verschleierte Frauen handelt. Hinter die Masken der meisten Menschen können wir nicht gucken, egal ob sie nun sichtbar sind oder nicht.
Wir alle sind Maskenträger, und vielleicht ist es gerade das, was manche von uns beim Gesichtsschleier aufmerken läßt - der Schleier erinnert uns daran, daß wir alle uns hinter Masken verstecken, etwas zu sein vorgeben, was wir nicht sind. Der Schleier erinnert uns an Persönlichkeitsmerkmale, die wir maskieren, weil sie nicht zu unserem Image passen, mit dem wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren wollen.
Wir alle sind Schleierträger - nicht nur, weil zwei von hundert Menschen wie ich prosopagnostisch sind und mithin unter lauter komplett verschleierten Menschen leben (und damit zurechtkommen - es ist also möglich), sondern weil wir alle etwas vor der Öffentlichkeit verstecken, etwas, das niemand sehen soll.
Diejenigen Frauen, die tatsächlich einen Schleier tragen, konfrontieren uns, ohne daß wir es bewußt registrieren, mit dieser allgegenwärtigen Verschleierung, mit der wir der Öffentlichkeit gegenübertreten - und mit der wir unsererseits Tag aus, Tag ein in Beziehung treten, weil wir doch genau wissen: Was der andere uns präsentiert, ist eine maskierte Version seiner selbst, so wie auch wir unser Selbst vor den Augen der Öffentlichkeit maskieren.
Vor den meisten unserer Mitmenschen sind wir von Kopf bis Fuß verschleiert - und wenn wir ehrlich sind, ist es ein pechschwarzer Schleier.
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