|
Bin ich nun eigentlich ein Evangelikaler?
In meiner Selbstdarstellung schrieb ich, daß ich ein "liberaler Evangelikaler" bin - oder ein "evangelikaler Liberaler" (inzwischen nenne ich mich mich häufiger einen Links-Evangelikalen). Nun, es ist eben nicht so einfach. Wenn man zum einen hört, wie sich manche (fundamentalistische) Evangelikale gebärden, wenn man zum anderen hört, wie Evangelikale häufig definiert werden - nun, nach solchen Maßstäben bin ich ganz sicher kein Evangelikaler.
Aber ich bin auch ganz gewiß kein Liberaler. Daß ich nun auch noch ein Charismatiker bin, mit den Gaben des Heiligen Geistes rechne und hjin und wieder "in Sprachen bete", macht alles nicht einfacher, zumal ich nämlich auch massive Probleme mit der "Glaubensbewegung" und der "Geistlichen Kriegsführung" habe. Bin ich vielleicht einfach ein "bibelgläubiger Christ"?
Nun, im Apostolischen Glaubensbekenntnis kommt ein "ich glaube an die Bibel" nicht vor - aus gutem Grund, wie ich meine. Ich glaube jedenfalls nicht an die Bibel, ich glaube der Bibel. Und zwar nur und ausschließlich dort, wo sich ihre Autoren zu Fragen des Glaubens äußern und auf den Herrn Jesus Christus hinweisen. Wo sie sich zu Fragen der Wissenschaft äußern, zu Fragen der Wirtschaft, der Moral, der Politik, der Kriegsführung und dergleichen mehr, da höre ich ihr historisches Zeugnis, das mir dann vor allem hilft, Fehler von einst nicht zu wiederholen. Bin ich vielleicht einfach nur Christ?
Na, Christ ist doch heutzutage ohnehin jeder, ob er will oder nicht. Da bekommen in Hamburg sogar bekennende Atheisten ihre Trauerfeier in einer Kirche. Und auch Bruder Hindu und Schwester Muslima sind doch irgendwie Christen, oder? Nun, wie wäre es mit evangelisch?
Evangelisch - was bedeutet das heute noch? Früher stand das einmal für "erwecklicher Christ". Die Anhänger Luthers, Zwinglis, Calvins nannte man "Protestanten". Aber heute ist "evangelisch" eben die "andere" große Kirche. Katholiken, Evangelische, Sektenfuzzis. Hm, freikirchlich?
Freikirche - das sind die, die sich für etwas Besseres halten? Die "Superchristen"? Nein, das sind sie nicht. Aber sobald man sagt, "ich gehöre zu einer Freikirche", wird man unter "normalen Christen" als einer gesehen, der etwas besseres sein, zu einer elitären Kirche gehören will. Und für die anderen gehört man zu einer Sekte, einer Wi(e)dertäufergemeinschaft. Tja, Baptist?
Baptisten - was denn für welche? Moderate Baptisten? Erzkonservative südliche US-Baptisten mit einem Haß auf alles, was schwarz, katholisch, jüdisch oder eben nicht baptistisch und weiß ist? Oder moderate südliche US-Baptisten? Oder charismatische Baptisten? Oder Baptisten mit Anerkennung der Kindestaufe? Oder freie Baptisten? Nee, irgendwie sagt der Begriff "Baptist" heutzutage auch nichts mehr. Die größte protestantische Denomination der Welt ist eben ein ziemlich vielschichtiges Gebilde, in dem so ziemlich alles vertreten ist, was sich irgendwie als Christ aus- und vielleicht ein etwas größeres Taufbecken vorweisen kann.
Tja, was bin ich nun? Eigentlich nur ein ganz normaler evangelischer Christ, der zu einer (nach einem schwarzen Bürgerrechtler benannten) Baptistengemeinde geht, gegen die Kriegsbestrebungen der USA ist, nicht einseitig auf Seiten Israels steht, dem Mission vor allem in Gestalt der Konvivenz (einander helfen - voneinander lernen - miteinander feiern) wichtig ist, der für die allgemeine Religionsfreiheit ebenso einsteht wie für die Trennung von Staat und Kirche/Religion.
Ich bin eben niemand, den man in eine Schublade stecken kann.
Übrigens - und darauf wollte ich mit alledem hinaus - kann man das mit niemandem. Und man darf es mit niemandem. Wer auch immer wir sind - es ist ziemlich daneben, einen von uns auf unsere Religion, Konfession... zu reduzieren. Wir sind Menschen, und mehr als das: Jeder von uns ist Ich. Wir alle sind die bedeutendsten Stars in unserer kleinen Welt. Und wenn wir es lernen, einander als eben diese Stars zu behandeln und nicht nur als schubladenkompatible Statisten in einer billigen Reality Show, die unserem Glanz und unserer Glorie zu dienen haben, dann ist viel gewonnen.
Was meinen christlichen Glauben betrifft, so sind mir jedenfalls wichtig:
- Der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der mich errettet hat
- Das apostolische und evangelische Bekenntnis
- Der Einsatz für allgemeine Religionsfreiheit
- Der Einsatz für die Konvivenz (einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern)
- Der Einsatz für die Trennung von Staat und Kirche/Religion
- Der Einsatz in der Friedensbewegung
- Der Einsatz in der Ökumene
- Der Einsatz für die Versöhnung von Evangelikalen, Liberalen und Charismatikern
- Der Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen in Kirche und Gesellschaft
Als Baptist und Mitglied einer Gemeinde im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden hat für mich die Rechenschaft vom Glauben als baptistisches Glaubensbekenntnis große Bedeutung, und - als historisches Dokument - auch das Manifest des freien Urchristenthums an das deutsche Volk von Julius Köbner (1848). Wer mehr darüber wissen will, was Baptisten und damit auch ich glauben, sollte diese beiden wichtigen Dokumente lesen.
|