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Predigttext: Das Kommen des Erlösers – Jesaja 63,15-16.19b; 64,1-3
Gehalten am 4. Dezember 2005 (2. Advent) anläßlich des ökumenischen Kanzeltausches in Stuttgart-Zuffenhausen in der ev.-luth. Johanneskirche
Predigttext
(15) So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
(16) Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name.
(19b) Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen,
(64,1) wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müßten,
(2) wenn Du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen! –
(3) und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.
Predigt
Liebe Gemeinde,
haben Sie schon einmal vor einer verschlossenen Tür gestanden? Keine verschlossene Tür, für die Sie vielleicht noch irgendwo einen Ersatzschlüssel haben, nicht einmal eine Tür, für die Sie nun einen Schlüsseldienst holen könnten, um Ihnen die Tür zu öffnen, sondern eine ganz und gar verschlossene Tür. Keine Möglichkeit, auf die andere Seite zu gelangen.
Vielleicht wissen Sie, wie es ist, wenn dann das Herz vor Schreck und Verzweiflung bis an den Hals klopft, wie es ist, sich mit jeder Faser nach einem Schlüssel für diese Tür zu sehnen, um auf die andere Seite zu gelangen.
Vielleicht war es auch keine Tür aus Holz oder Stahl, sondern eine Tür Ihres Lebens. Eine Tür, durch die Sie gehen wollten, ist zugeschlagen. Durch Krankheit oder Behinderung, Sorge oder Leid, Not oder Unfall, Armut oder Katastrophe gibt es keine Möglichkeit, den bisher eingeschlagenen Lebensweg weiterzugehen. Die Tür ist zu, Sie stehen auf der einen Seite und Ihre ganze bisherige Lebensplanung ist nun auf der anderen Seite, alle Ihre Ziele und Wünsche und Pläne, unerreichbar für Sie.
Vielleicht war es auch so, daß da eine Tür war zwischen Ihnen und Gott, eine verschlossene Tür. Sie waren auf der einen Seite, und Gott, der unsichtbare Gott, war auf der anderen Seite. Ihre Gebete – als würden Sie an dieser Tür abprallen.
Wir Menschen stehen in unserem Leben immer wieder vor verschlossenen Türen. Es ist schlimm, wenn dies Wohnungs- oder Haustüren sind. Noch schrecklicher ist es, wenn Türen unseres Lebens zuschlagen. Furchtbar ist es, wenn die Türen unseres Heils und unseres Glaubens verschlossen sind.
Unser Predigttext zeigt uns das Volk Israel vor einer solchen verschlossenen Tür. Es ist ein Buß- und Bittgebet des Volkes Gottes angesichts einer verschlossenen Tür. Ein verschlossener Himmel und hohe Berge trennen das Volk von seinem Gott.
Was war geschehen? Israel hat einen Krieg verloren, Jerusalem ist vernichtet, der Tempel Gottes liegt in Schutt und Asche. Und Gott – ja Gott thront in seiner heiligen, herrlichen Wohnung. Thront jenseits des Himmels, wohnt jenseits der Berge.
Da tut das Volk Gottes Buße, und es versammelt sich zu einem Gebet, inmitten all der Trümmer. In einem Tempel aus Schutt und Asche stimmen sie ein Klagelied an.
Liebe Gemeinde,
was ist ein Klagelied? Was bedeutet es zu klagen? - Uns Menschen liegt es eigentlich näher zu meckern. Der Unterschied zwischen Klagen und Meckern liegt, wie man oft hört, darin, daß der Meckernde die Verantwortung abschieben will. Not? Leid? Es muß jemand geben, der schuld ist, der verantwortlich ist – jemand anderes. Wer meckert, will erstens einen Sündenbock und zweitens oftmals nicht, daß sich überhaupt etwas ändert; denn dann könnte er ja nicht mehr meckern. Wenigstens muß er dann eine Möglichkeit finden, über die zu meckern, die versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wer dagegen klagt, der sehnt sich wirklich nach einer Lösung. Der ist nicht nur bereit, auch seine eigenen Versäumnisse und Fehler in der Vergangenheit einzugestehen und seine Unzulänglichkeiten, die jetzt einer Problemlösung im Wege stehen, sondern er ist auch bereit, selbst mit anzupacken und andere dabei zu unterstützen, nach einer Lösung zu suchen.
Liebe Gemeinde!
Das Volk Israel in diesem Tempel aus Schutt und Asche, in all seiner Not und Bedrängnis, wendet sich mit Buße und Bitten an Gott. Dieser Gottesdienst liest sich in dem Text von Jesaja sehr ergreifend. Es ist einer der wenigen Texte im Alten Testament, an denen von Gott als dem Vater die Rede ist. Sonst werden etwa Abraham oder Israel als Väter des Gottesvolkes bezeichnet, aber hier heißt es sogar, „Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht“. Sie sind ja tot, aber Gott lebt, und das Volk Abrahams und Israels kann nur überleben, wenn der lebendige Gott sich ihm als Vater zuwendet!
Das Gottesvolk gibt sich nicht damit zufrieden, daß da eine verschlossene Tür ist. Ein verschlossener Himmel und hohe Berge sind für ihren Gott gewiß kein Hindernis, sondern eher ein Motiv! „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung“, beten sie. Gott soll gewissermaßen das Fenster öffnen und herabschauen. Aber nur ein Fenster aufzureißen, ist freilich nicht genug. Ist Gott nicht größer, mächtiger, als daß er nur ein paar Fenster aufzureißen vermag? Ist seine Barmherzigkeit nicht zu groß, als daß sie durch ein paar Fenster passen würde? Würde ein Vater zu seinen Kindern nur durch Fenster reden, aber die Tür verschlossen halten? Könnte eine einzige Wolke dem dürstenden Land genug Regen bringen, damit es von der Trockenheit erlöst wird? Müßte nicht der ganze Himmel aufreißen?
Und so beten sie also weiter: „Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen“. Nur so kann dem Gottesvolk geholfen werden. Nur so. Es würde nicht reichen, wenn Gott nur durch ein Fenster im Himmel auf die Menschen hinabschaut. Es würde nicht reichen, wenn er ihnen nur einen Propheten sendet. Nein, Gott selbst muß kommen. Das Gottesvolk erwartet nicht weniger als seine Ankunft, seinen Advent. Sie erwarten ihren kommenden Erlöser.
Und sie erwarten keine Privataudienz. Nein, alle Welt soll es sehen. Denn die ganze Welt braucht einen Erlöser. Er soll etwas Furchtbares tun, daß nicht einmal sie erwarten, das man von alters her nicht vernommen hat, das kein Ohr gehört, kein Auge gesehen hat.
Liebe Gemeinde,
was Gott dann getan hat, 800 Jahre nach Jesaja und gut 2000 Jahre vor unserer Gegenwart, ist nun wirklich etwas Furchtbares. Etwas, was das Gottesvolk damals gewiß nicht erwartet hat. Was wir aber auch heute allzu oft falsch einordnen.
Gottes Ankunft in dieser Welt hatte nichts von jener ungeheuren Größe, die das Gottesvolk wohl vor Augen hatte. Nein, Gott kam als Kind, geboren in einem damaligen Nichts namens Betlehem, aufgewachsen in einem kaum größeren Ort namens Nazareth, sein Vater ein Zimmermann. Als Erwachsener schockierte er wieder und wieder die fromme Welt, man sah ihn mit Zöllnern und Sündern und Huren. Und dann starb er an einem Kreuz, am Fluchholz, ausgestoßen aus der menschlichen Gemeinschaft, ausgestoßen aus der jüdischen Gemeinde, verstoßen von Gott. Gottes Ankunft hatte aber auch nichts von unserer weihnachtlichen Romantik. Der Stall etwa, in dem Jesus zur Welt kam, muß fürchterlich gestunken haben. Kein Wohlgeruch, kein Kerzenduft, keine Tannenzweige, die angenehme Gerüche verbreitet hätten.
Gottes Ankunft in dieser Welt, sein Leben in dieser Welt und sein Sterben am Kreuz – das war gewiß nicht so, wie man das je erwartet hätte. Und wenn wir nun Advent feiern, dann sollten wir daran denken, daß, wenn Jesus wiederkommt – und er wird wiederkommen –, es nicht so sein wird, wie wir uns das jetzt vielleicht vorstellen, wie man es etwa in einigen Endzeitbüchern frommer Autoren lesen kann.
Und wenn wir uns Jesus anvertrauen und ihn bitten, in unser Leben hineinzukommen, dann ist auch dieser persönliche Advent nie etwas, das so abläuft, wie man es erwarten würde. Wer Gott in sein Leben einlädt und einläßt, muß damit rechnen, daß er es auf den Kopf stellt. Was man in manchen frommen Büchern über das Christsein lesen kann, hat oft nichts mit der Realität zu tun.
Liebe Gemeinde,
Advent jedenfalls war und ist und wird nicht so sein, wie Menschen sich das vorstellen. Und vielleicht ist das auch gut so, denn würden wir wirklich um Gottes Ankunft bitten, wenn wir genau wüßten, wie das je und je vor sich geht?
Hätte das Gottesvolk wirklich gebeten, daß Gott den Himmel zerreißen und herabfahren solle, wenn sie damals schon gewußt hätten, was dann 800 Jahre später wirklich geschah? Oder hätte sie da die Hoffnungslosigkeit gepackt, wenn sie von einem kleinen Kind und einem stinkenden Stall und Gottes Umgang mit Zöllnern, Sündern und Huren und dem Kreuz gehört hätten? Hätten wir selbst Gott in unser Leben eingeladen, wenn wir damals gewußt hätten, wie Jesus unser Leben auf den Kopf stellen wird, wie er uns führen wird?
Natürlich – im Rückblick weiß man es besser. Im Rückblick auf die Ankunft Gottes in dieser Welt wissen wir, daß dieser Advent das Beste war, was dieser Welt hat geschehen können, nicht trotz, sondern wegen dem Stall in Betlehem, nicht trotz, sondern gerade wegen den Zöllnern, Huren und Sündern und insbesondere wegen dem Kreuz. Im Rückblick auf das, was Jesus schon in unserem Leben getan hat, wissen wir, daß das das Beste war, das uns je passieren konnte, nicht trotz, sondern weil er unser Leben auf den Kopf gestellt hat.
Liebe Gemeinde,
im Advent stimmen wir mit dem alttestamentlichen Gottesvolk in die Bitte ein, daß Gott den Himmel zerreißt und herabfährt – so etwa nach der Predigt in dem Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“.
Für die neutestamentliche Gemeinde hat das Gebet um das Kommen des Erlösers freilich eine andere Perspektive, eine dreifache Perspektive.
Die erste Perspektive betrifft das Kommen des Erlösers in das Herz der Gläubigen, ein persönlicher Advent. Zu Beginn des Gottesdienstes haben wir gesungen, „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier“, und vor dem Segen werden wir aus dem Lied „Macht hoch die Tür“ die Strophe „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meines Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr“. Es ist schön, daß dieser Gottesdienst von diesen beiden Liedern eingerahmt ist, die so deutlich vom persönlichen Advent, vom Kommen des Erlösers in unser Herz und unsere Seele sprechen. - Die neutestamentliche Gemeinde betet darum, daß der Erlöser nicht einfach irgendwie irgendwann irgendwo hin kommt, sondern in unser Herz, in unsere Seele, in unser Leben.
Die zweite Perspektive des Gebetes um das Kommen des Erlösers nimmt uns mit in dieses Kommen hinein. Die Gemeinde lehnt sich nicht zurück, sondern stellt sich dem Erlöser zur Verfügung. Wenn die ökumenische Gemeinde in Zuffenhausen morgen abend um Frieden betet – und Sie sind alle ganz herzlich dazu eingeladen, um 18.00 Uhr in der Pauluskirche –, dann greifen wir damit diese Perspektive auf. Wenn wir uns für Obdachlose einsetzen – darum wird es morgen im Friedensgebet gehen –, dann greifen wir damit diese Perspektive auf. Wenn wir Menschen, die vor verschlossenen Türen stehen, helfen, dann greifen wir damit diese Perspektive auf. Wenn wir Menschen zum Glauben an den Herrn Jesus, den kommenden Erlöser, einladen, dann greifen wir damit diese Perspektive auf. - Die neutestamentliche Gemeinde betet darum, daß durch sie der Erlöser zu den Menschen kommt, betet dafür um Kraft und Weisheit.
Die dritte Perspektive lenkt den Blick der Gemeinde auf den Himmel. Dort sehen wir Jesus zur Rechten Gottes. Vorhin im Apostolikum haben wir unseren Glauben und unsere Hoffnung bekannt, daß er von dort kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich schätze, heutzutage tut sich die Kirche eher schwer damit, für die Wiederkunft Jesu zu beten. Die Bibel bezeugt uns, daß die Wiederkunft Jesu zum einen das Beste sein wird, was dieser Erde und dem Himmel und aller Schöpfung je widerfahren sein wird. Zum anderen bezeugt sie aber auch, daß – und hier kommen wir zu unserem Predigttext zurück – die Wiederkunft des Erlösers so sein wird, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß Gottes Name kundwürde unter seinen Feinden und die Völker vor ihm zittern müssen, wenn er Furchtbares tut, das wir nicht erwarten. Wenn wir gleich nach der Predigt „O Heiland, reiß die Himmel auf“ singen, dann bekennen wir in diesem Gebetslied, daß der Herr Jesus der „Trost der ganzen Welt“ ist, „darauf sie all ihr Hoffnung stellt“, und daß wir hoffen, daß sein Kommen „tröst uns hier im Jammertal“.
Vorhin sprach ich vom Unterschied zwischen Meckern und Klagen. Friedrich Spee, der Dichter dieses Liedes, wollte mit dieser Strophe über das Jammertal, in dem wir leben, nicht meckern, sondern seine Klage vor Gott bringen. Die Wiederkunft Jesu ist die Hoffnung dieser Welt, und darum ist es gut, mit Friedrich Spee um das Kommen des Trostes der ganzen Welt zu beten. Lassen Sie uns das gleich gemeinsam tun.
Amen.
Fürbittengebete
Gott, wir bitten für die Gläubigen in den Kirchen: Komm als Erlöser in die Herzen und Seelen der Glieder deiner Gemeinde, lehre sie, dich in rechter Weise zu empfangen und dir zu begegnen, zieh mit deiner Gnade ein in die Häuser.
Gott, wir bitten für die Gläubigen, daß du sie durch deine Gnade und Freundlichkeit in Verkündigung und Nächstenliebe stärkst; führe und leite sie durch deinen Heiligen Geist, gib ihnen Schlüssel an die Hand, um denen aufzuschließen, die vor verschlossenen Türen stehen. Laß deinen Geist überall wirken, wo zum Glauben an dich eingeladen wird.
Gott, wir bitten, daß du den Himmel aufreißt und deinen Sohn Jesus vom Himmel herab wiederkehren läßt, den Trost der ganzen Welt, auf den wir unsere Hoffnung stellen, wir bitten um seine Wiederkunft, um diese Welt, Himmel und Erde, zu erneuern.
Herr Jesus, komm! Tue wohl denen, die auf dich harren!
Amen.
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