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Wohnungslos PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Andachten und Predigten
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 05. Dezember 2005 um 15:25 Uhr

Andachtstext: Das Kommen des Erlösers – Jesaja 63,15-16.19b; 64,1-3

Gehalten am 5. Dezember 2005 anläßlich des ökumenischen Friedensgebetes in Stuttgart-Zuffenhausen in der ev.-luth. Pauluskirche zum Thema „Wohnungslos“

Andachtstext

(15) So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

(16) Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name.

(19b) Ach, daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen,

(64,1) wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müßten,

(2) wenn Du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen! –

(3) und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Predigt

Liebe ökumenische Gemeinde,

unser Bibeltext führt uns etwa 800 Jahre vor Christi Geburt nach Israel, nach Jerusalem. Nach einem Krieg gegen Babylonien ist Israel zerstört, ist Jerusalem eine Trümmerstadt, liegt der Tempel in Schutt und Asche. Und das Volk Gottes ist obdachlos, in zweifacher Hinsicht: Es gibt keine Häuser mehr zum Wohnen für das Volk, und das Haus Gottes ist nicht mehr. Gott wohnt nicht mehr in seinem Haus.

Das Volk Gottes wendet sich in dieser Zeit in einem Buß- und Bittgebet an Gott. Das Volk bringt seine Klagen vor Gott: Wo ist seine brennende Liebe? Wo ist seine unvergleichliche Macht? Hat Gott denn kein Erbarmen mehr mit seinem Volk? Warum können sie seine Liebe nicht mehr spüren? Das Gebet gipfelt in einer Bitte, einer Forderung, die geradezu unerhört ist: Reiß doch den Himmel auf und komm herab, daß die Berge vor dir erbeben! Komm plötzlich, komm mit großer Macht! - Darf man so mit Gott sprechen? Darf man so beten?

Doch Gott erhört dieses Gebet. Er kommt als Erlöser in diese Welt. Als er kommt, da sind die äußeren Umstände ähnlich wie 800 Jahre zuvor bei diesem Gebet des Volkes. Sie waren gewiß nicht so, wie sich das Volk Gottes das Kommen des Erlösers vorgestellt hatte. Eine junge Frau, hochschwanger, mit ihrem Verlobten auf einer beschwerlichen Reise von Nazareth in Galiläa nach Betlehem in Judäa, der Stadt Davids. Dort sollten sie wegen einer Volkszählung eingeschrieben werden – die römischen Herrscher über die Juden verlangten dies. In Betlehem angekommen, finden Maria und Josef gerade einmal eine Notunterkunft, einen Stall. Wer an weihnachtliche Romantik, an Ochs und Esel denkt, an Krippe und adventlichen Wohlgeruch, an duftende Kerzen und leckere Bratäpfel, wird freilich enttäuscht: Dieser Stall hat fürchterlich gestunken. Zur Zeit der Geburt Jesu war die Familie nichts anderes als obdachlos. Keine Wohnung, kein Tempel. Und bald nach der Geburt befindet sich die heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten. Wieder obdachlos. Erst nach zwei, drei Jahren kann die Familie nach Nazareth heimkehren. Drei Jahrzehnte hat Jesus nun ein Obdach, bis sein Dienst wiederum mit einer Obdachlosigkeit beginnt: 40 Tage in der Wüste, 40 Tage fasten. Aus der Wüste zurück, zieht er im heiligen Land umher, hat keinen Ort, dahin er seinen Kopf legen kann.

Wir sehen: Der Herr Jesus ist einer, der Obdachlosigkeit kennt. Jeder Wohnungslose darf wissen: Dieser Jesus, der ist einer von uns. Geboren in Obdachlosigkeit, obdachlos als Flüchtling, 40 Tage obdachlos in der Wüste, versucht vom Teufel. Und dann das Kreuz: Ausgestoßen von den Menschen, ausgestoßen aus der jüdischen Gemeinde, verlassen von Gott, dem Vater, hängt dieser Jesus obdachlos am Kreuz.

Der gleiche Jesus sagt aber auch: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin“ (Johannes 14,2-3).

Von einem, der weiß, was es bedeutet, obdachlos zu sein, kann man wohl erwarten, daß er auch weiß, was diese Verheißung bedeutet. Das sind keine leeren Worte.

In dem Bibeltext vom Weltgericht heißt es: {Matthäus 25,31-40} Nun ist in diesem Text nicht ausdrücklich von Obdachlosen die Rede. Ich glaube aber, daß der rechte Umgang mit Obdachlosen vom Herrn Jesus nicht anders beurteilt wird als der rechte Umgang mit Hungrigen und Durstigen und Fremden und Nackten und Kranken und Gefangenen. Zu den Gerechten, die Obdachlosen geholfen haben, wird der Herr Jesus gewiß sagen: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“.

Der Mensch freilich braucht nicht nur Wände aus Holz oder Stein und nicht nur ein Dach aus Ziegeln. Der Herr Jesus hat gezeigt, daß dies nicht alles ist, was für das Leben eines Menschen zählt. Menschen brauchen eine Wohnung bei Gott, dem Vater. Ein Mensch kann ein wunderbares Haus haben, einen Palast – und doch in einem erschreckenden Sinn obdachlos sein, wenn ihm der Friede Gottes fehlt, wenn ihm Glauben, Hoffen und Liebe fehlen.

Christliche Obdachlosenhilfe hat darum immer beide Formen der Obdachlosigkeit im Blick. Dem, der kein Dach über dem Kopf hat, vermittelt sie eine Unterkunft. Dem, der noch keine Wohnung im Hause des Vaters hat, den lädt sie ein zum Glauben an den Herrn Jesus.

Amen.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 09:33 Uhr
 
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