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Kreationismus PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - FAQ
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 09. Juli 2009 um 12:39 Uhr

Welches Schöpfungsmodell sollten Christen befolgen - den Kreationismus, das "Intelligent Design"  oder die Evolutionstheorie?

Auch unter den evangelikalen Christen Deutschlands war der heute so populäre Kreationismus bis etwa 1980 kein Thema, erst recht nicht das "Intelligent Design". Erst ab 1980 erhielten unter Pietisten und mehr noch Evangelikalen und besonders Pfingstlern und Charismatikern der Kreationismus und später das "Intelligent Design" (ID) die Bedeutung, die heute von vielen "Bibelgläubigen" vertreten wird.

Zum Teil ist das Interesse an Kreationismus und ID politischer Lobby-Arbeit konservativ-evangelikaler Kreise wie z.B. "idea" geschuldet (obwohl die Evangelische Allianz als Dachverband keine eindeutige Stellungnahme zugunsten von Kreationismus und ID und gegen die Evolutionstheorie abgibt), zum Teil ist es eine Reaktion auf den Neuen Atheismus, der die Evolution oft ideologisch mißbraucht, zum Teil hat es ethische Gründe: Man glaubt (freilich zu Unrecht), daß mit einer Akzeptanz der Evolutionslehre zwangsläufig ein geringeres Interesse am Lebensschutz einhergeht, man glaubt (auch fälschlich), daß aus der Akzeptanz der Evolutionstheorie zwangsläufig moralische Verrohung einhergeht, man fürchtet Verbindungen zwischen der Evolutionslehre auf der einen und Sozialdarwinismus und Rassenwahn auf der anderen Seite. Hinzu kommen dann noch theologische Fragen - wie soll das zusammengehen, Evolution und "der erste Adam, der zweite Adam", Evolution und Sündenfall, Evolution und Erbsünde, Evolution und Vergebung. 

Die Gründe, warum viele pietistische, evangelikale, pfingstkirchliche und charismatische Christen dem Kreationismus und dem ID anhängen, sind vielfältig, sie lassen sich hier nicht alle vorstellen oder gar diskutieren. Offen muß auch die klassische Ei-Henne-Frage bleiben, was denn zuerst da war, der Schöpfungsglaube der Kreationisten und ID-Gläubigen oder ein wortwörtliches Verständnis der biblischen urgeschichte (1. Mose 1-11). Der heute bei Evangelikalen so beliebte Glaube an den Buchstaben der Bibel war vor 1980 auch nicht so ausgeprägt - man denke nur an wesentlich "liberalere" Theologen wie Karl Heim, Adolf Schlatter und C.S. Lewis samt ihren Schülern, die bis 1980 bei den frommen Bibelchristen in hohem Ansehen standen, deren "liberale" Bibelauslegung heute aber höchst verdächtig ist. Unzweifelhaft dagegen ist, daß sowohl Kreationismus und auch ID als auch der heutige Bibel-Buchstaben-Glaube keine deutschen Erfindungen sind, sondern Importe aus den USA. 

Nicht zu übersehen ist freilich die verwirrende Vielzahl an kreationistischen Modellen und denen der ID-Bewegung. Obwohl einige Modelle weiter verbreitet sind als andere, ist der konservative Flügel der Protestanten (samt einigen Orthodoxe und Muslime) von einem einheitlichen Modell doch weit entfernt. Und allen Modellen fehlt jeglicher ernstzunehmende wissenschaftliche Anspruch - wo überhaupt wissenschaftlich argumentiert wird, erschöpft sich der Fundus de facto an Zweifeln an der Evolutionstheorie. Tragfähige und wissenschaftlich fundierte Alternativen sind absolute Mangelware. Man begnügt sich weithin mit dem Bezweifeln der Evolutionstheorie, listet die derzeit ungeklärten Fragen der Evolutionstheorie auf, verspricht ein ums andere Mal eigene Lösungen, die dann aber doch nicht als wissenschaftliche Modelle taugen - Ausnahmen bestätigen hierbei die Regel. Schlimmer ist aber die Neigung gerade amerikanisch-fundamentalistischer und türkisch-islamistischer Kreationisten, mit Lügen und Täuschungen zu arbeiten, Fakten zu verheimlichen und Modelle falsch darzustellen. Überhaupt ist das Miteinander von christlich-fundamentalistischen und islamistischen Kreationisten eine seltsame, ja unheilige Allianz, weil gerade der türkisch-islamistische Kreationismus nicht ohne eine gehörige Portion Antiwestlichkeit, Antidemokratie und Antisemitismus auskommt und teilweise extremistische Vorstellungen aufweist. 

Das naturwissenschaftliche Modell der Evolutionstheorie ist in Physik, Geologie und Biologie gut begründet. Es gibt bis heute keine einzige ernstzumehmende Alternative. Wer die Modelle der Evolutionstheorie ablehnt, steht nicht nur naturwissenschaftlich auf verlorenem Posten, sondern auch theologisch - der Gott der Kreationisten ist ein merkwürdiger Gott, ein Trickser und Täuscher, der mit den physikalischen Konstanten nach Lust und Laube herumspielt, Fossilien verbuddelt und dergleichen mehr Schindluder treibt. Kein Gott, den zu lieben und zu ehren es sich lohnen würde, meine ich!

Die zentrale Frage für Christen ist halt, ob die biblische Urgeschichte ein buchstäblicher Tatsachenbericht ist - oder nicht. Schöpfung von Erde und Himmel, von Pflanzen, Tieren und Mensch, Sündenfall und Vertreibung aus dem Garten Eden, dem Paradies - liefert die Bibel hier einen Tatsachenbericht oder knüpfen die Autoren an Mythen an, die ihre Berechtigung haben, aber keine wissenschaftlichen Beschreibungen sind? 

Die Reformatoren haben sich geweigert, in der Bibel ein "Schauwunder" zu sehen, ein wörtliches Diktat Gottes, das nicht nur in metaphysischen Fragen, sondern überhaupt in allen Fragen irrtumslos und ein perfektes Modell der Wirklichkeit wäre. "Sola scriptura - allein die Bibel" sollte nie bedeuten, daß die Bibel alle naturwissenschaftlichen Bücher, alle wissenschaftliche Erkenntnis ersetzen sollte. Luther hat den Gedanken an die Bibel als einen "papiernen Papst" entschieden abgelehnt.

Die Bibel als Norm des Glaubens, allen Fragen des kirchlichen Lehramts vorgeordnet - ja. Die Bibel als alleiniges Modell der ganzen Welt - nein.

Karl Heim, Adolf Schlatter, C.S. Lewis - sie alle haben erkannt, daß die Bibel vom Mythologischen fortschreitet und erst in der Christus-Offenbarung historisch greifbar wird. Heim erkannte, daß die Knechtsgestalt Christi ( Phil 2,6ff ) in der Bibel einen Widerhall findet: Gottes Wort in der Knechtsgestalt menschlicher Erkenntnis, menschlicher Worte, menschlicher Verkündigung. 

Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft gestern, heute und morgen gehen wunderbar zusammen mit dem Glauben der Christen, auch mit einem reformatorischen "sola scriptura", das gilt aussdrücklich auch für die Erkenntnisse der Evolutionstheorie, egal ob im Bereich der Physik, der Geologie oder der Biologie.

Die christliche Verkündigung - auch die von Jesus als dem "zweiten Adam", der am Kreuz in seiner Gottverlassenheit und durch sein Sterben die Sünde überwindet - ist nicht auf den Kreationismus und das "Intelligent Design" angewiesen, sondern läßt sich problemlos mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Evolutionslehre verbinden.

Buchempfehlungen:

"Und Gott schuf Darwins Welt - Der Streit um Kreationismus, Evolution und Intelligentes Design" von Dr. Hansjörg Hemminger (Brunnen Verlag, Gießen, 2009)

"Naturwissenschaft und Glaube im Gespräch - 2 Wege, die Welt zu entdecken" von Dr. Thomas Millack (Oncken Verlag, Kassel, 2009)

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 11:16 Uhr
 
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