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Was sind die "Links-Evangelikalen", von denen manchmal die Rede ist? Ist das eine politische Bezeichnung?
Die Links-Evangelikalen werden auch als Neo-Evangelikale bezeichnet, manchmal auch als Offene Evangelikale. Manche von ihnen bezeichnen sich nicht als "Evangelikale", gehören aber, weil sie die grundlegenden Überzeugungen der Evangelikalen teilen, zu dieser Bewegung.
Sie lehnen jede Gleichsetzung vor allem mit den Fundamentalisten, mit einem Teil des Mainstreams der US-Evangelikalen und dem gesamten "rechten Flügel" derselben ab.
"Links" ist nicht in erster Linie politisch zu verstehen, obwohl viele Links-Evangelikale eher sozialdemokratisch orientiert sind, manche auch "grün", "alternativ", sozialistisch usw. Darum wird oftmals auch die Bezeichnung "Neo-Evangelikale" verwendet, weil sie für eine neue, nicht mehr so stark konservative Strömung im Evangelikalismus stehen, das politisch "Linke" aber nicht so im Mittelpunkt stellen.
Mehr als traditionelle Evangelikale engagieren sich die Links-Evangelikalen für soziale Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, für Menschen- und Bürgerrechte. Wichtige Themen sind für sie die Gleichberechtigung von Frauen, die allgemeine Religionsfreiheit, der Pazifismus, die christliche Ökumene, der interreligiöse Dialog, ein respektvoller Umgang mit der "Herausforderung Islam", eine friedliche Ko-Existenz von Wissenschaft und Glaube, die Verantwortung für Arme und sozial Benachteiligte usw. usf.
Links-Evangelikale sind ein Bindeglied zwischen den traditionellen Evangelikalen und den "liberalen" Christen, werden aber von beiden Seiten vorwiegend skeptisch gesehen - oftmals sitzen sie zwischen den Stühlen. "Liberale Christen" schätzen zwar ihr "linkes" Sondergut, sehen aber zugleich, daß typisch evangelikale Grundsätze wie die Sonderstellung Jesu (gerade im Vergleich zu anderen Religionen), die Bedeutung von Mission und Evangelisation, die Betrachtung des Menschen als "sündiges" (von Gott getrenntes) Geschöpf bei den Links-Evangelikalen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Das wiederum schätzen die traditionellen Evangelikalen, die aber zugleich fürchten, daß das "linke" Sondergut die Bedeutung der evangelikalen "Kernbereiche" und ganz besonders das "Jesus allein!" abschwächt.
Gerade politisch brisante Themen wie der Kreationismus, der Nahostkonflikt, die "Herausforderung Islam", die Politik der USA usw. führen regelmäßig zu Verstimmungen zwischen Neo- und traditionellen Evangelikalen.
In vielerlei Hinsicht ist der Neo- bzw. Links-Evangelikalismus eine Antwort auf den erstarkenden christlichen Fundamentalismus, aber auch auf die zunehmende soziale Not in der Welt. Sie "evangelikalisieren" in gewisser Weise traditionelle Anliegen der "liberalen" Christen (was manch ein evangelikaler Hardliner freilich als "Synkretismus" versteht).
Es ist nicht bekannt, wie viele Neo- oder Linksevangelikale es in Deutschland gibt, zumal einige von ihnen es vorziehen, sich nicht als "Evangelikale" zu bezeichnen und andere sich trotz linker Positionen dennoch zum traditionellen Flügel zählen.
Viele Links-Evangelikale finden in herkömmlichen evangelikalen Gemeinden keine kirchliche Heimat und lehnen auch die meisten evangelikalen Gottesdienstformen ab. Sie leben ihren Glauben meist eher im Privaten aus als in einer traditionell evangelikalen oder "liberalen" Kirche oder Gemeinde.
Da man heute oft von Themen wie Kreationismus, "Umpolung" von Homosexuellen usw. spricht, seien hier noch einige typische Positionen der Links-Evangelikalen zu brisanten Themen genannt:
- In der Debatte Kreationismus vs. Evolutionstheorie akzeptieren die meisten die Evolutionslehre und lehnen sowohl den klassischen Kreationismus (junge Erde usw.) als auch die "Intelligent Design"-Bewegung ab. Sie glauben, daß Schöpfung und Evolution kein Widerspruch sind
- In der Debatte um die "Umpolung" von Homosexuellen lehnen die meisten den Gedanken ab, daß Homosexualität eine besonders schlimme Sünde sei. Sie glauben, daß jeder das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat, niemand deswegen diskriminiert werden darf, daß niemand zu einer "Umpolung" gezwungen werden oder von einer gewünschten seelsorgerlichen oder therapeutischen Begleitung abgehalten werden darf
- In der Bewertung der Weltpolitik stehen die meisten der US-Politik eher kritisch gegenüber (auch in Sachen Wirtschaft und Finanzpolitik), sie lehnen den "Krieg gegen den Terror" bzw. gegen Afghanistan und den Irak ab; sie beziehen im Nahostkonflikt nicht einseitig Partei für die Israelis und fordern von diesen Zugeständnisse an die Araber
- In der Debatte über den Islam sehen die meisten im Islam mehr einen Ruf Gottes an die Christen zur Umkehr und lehnen jeden Kampf gegen den Islam ab. Sie fordern Religionsfreiheit für Muslime (Kopftuch, Moscheebau), bejahen aber auch eine Verkündigung des Evangeliums unter Muslimen. Sie fordern einen respektvollen Umgang mit Muslimen, bejahen aber auch das Recht auf Islamkritik, solange diese sachlich und fair ist
- In der Debatte über Mission und Glaubensverkündigung bejahen die meisten alternative Missionskonzepte, die nicht auf Herauslösung aus der jeweiligen Kultur beruhen, sondern die betreffende Kultur respektiert und das Evangelium in einer Form verkündet, die der Kultur und vor allem ihren Menschen angemessen ist (Konvivenz)
- In der Werte-Debatte nehmen die meisten eine eher konservative Position ein (vor allem Abtreibung, Sterbehilfe, Ehe, Familie usw.)
- In der Fundamentalismus-Debatte lehnen die Neo-Evangelikalen den christlichen Fundamentalismus entschieden ab. Die Neigung, das Leben auf wenige Fragen und viel zu einfache Antworten hierauf zu reduzieren, wird als falsch bezeichnet. Die Neigung zu einem dualistischen Weltbild wird als Gefahr erkannt. Die oftmals strenge gesetzliche Haltung wird als Bedrohung für den christlichen Glauben und als Belastung für die Menschen gesehen
Religionsgeschichtlich sind die Links- bzw. Neo-Evangelikalen Teil der sog. Post-Evangelikalen, die alle evangelikalen Strömungen umfaßt (z.B. die sog. "Emerging Church"), die dem klassischen Evangelikalismus nicht mehr zustimmen. Das Verhältnis zwischen Evangelikalismus und Post-Evangelikalismus wird als Mischung von Kontinuität und Diskontinuität gesehen. Sie alle räumen der kulturellen Relevanz des Evangeliums eine größere Bedeutung ein, als dies beim klassischen Evangelikalismus der Fall ist, und die meisten fordern soziales Engagement und sind offen für multikulturelle Ansätze.
Vielfach wird der Post-Evangelikalismus als Reaktion auf die tatsächlichen oder vermeintlichen Herausforderungen der Post-Moderne gesehen, diese Sichtweise greift aber m.E. zu kurz.
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