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Predigt zu
Hebräer 4,12.13
- Gehalten am 7. Februar 2010 (Sexagesimae) im Abendmahlsgottesdienst der Evangelisch-Freikirchlichen Martin-Luther-King-Kirche (Baptistengemeinde) Stuttgart-Zuffenhausen
Predigttext (Neue Genfer Übersetzung)
Gottes Wort – ein unbestechlicher Richter
12 Denn eines müssen wir wissen: Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft. Das schärfste beidseitig geschliffene Schwert ist nicht so scharf wie dieses Wort, das Seele und Geist und Mark und Bein durchdringt und sich als Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken erweist.
13 Kein Geschöpf ist vor Gott verborgen; alles liegt offen und ungeschützt vor den Augen dessen da, dem wir Rechenschaft geben müssen.
Predigt
Liebe Gemeinde,
das Wort Gottes, von dem der unbekannte1 Verfasser des Hebräerbriefes zu seinen Lesern und zu uns spricht, ist vom Zusammenhang her die Botschaft, dass wir in Gottes Ruhe aufgenommen werden sollen. Dieses Wort wurde zuerst den Israeliten in der Wüste von Mose verkündet, nachdem sie aus der ägyptischen Sklaverei befreit worden waren, und dann wurde es von Jesus verkündet2.
Gottes Wort ist die gute Nachricht, die uns zuspricht, von Gott in seine Ruhe aufgenommen zu werden. Diese Ruhe ist kein zukünftiges Ereignis, das noch aussteht, sondern sie ist eines der Werke Gottes, das schon seit Vollendung der Weltschöpfung fertig dasteht. So beschreibt es der Verfasser des Hebräerbriefes und erinnert an das Wort aus 1. Mose: „Am siebten Tag ruhte Gott von all seiner Arbeit aus“3. Und dieser Zustand sollte nach dem Willen Gottes nicht nur einen Tag dauern, so dass am Tag darauf wieder zu arbeiten wäre, sondern von Dauer sein, und dieser Zustand sollte Gott und Mensch zugute kommen.
Es war der Sündenfall, der diesen Zustand der Ruhe beendet hat, für Gott und Mensch. Der Mensch macht Gott „Arbeit mit seinen Sünden“, oder wie die Gute Nachricht schreibt: „Du hast mir [Gott] eine Last aufgeladen mit deinen Sünden und hast mich geplagt mit deinen verbrecherischen Taten“4. Und sogar wenn das widerspenstige Volk Opfer darbringt und Gottesdienste feiert, wird dieses Volk Gott durch seinen Ungehorsam zu einer Last5. Die größte Last freilich, die Gott infolge des Sündenfalls tragen muss, ist, dass Jesus alle seine Vorrechte aufgibt, einem Sklaven gleich und ein Mensch in dieser Welt wird, in der er das Leben der Menschen teilt, dass er sich erniedrigt bis zum Tod am Kreuz6.
Und der Mensch muss infolge der Sünde seinen Lebensunterhalt mit Mühe erarbeiten7, er sucht seine Existenz durch das Anhäufen von Gütern zu sichern8, statt dass er von Gottes Gaben in Ruhe leben könnte9. Der Mensch leidet unter der Unruhe infolge von Bosheit10, böse Geister bringen eine besonders schlimme Form der Unruhe über die Menschen11, doch die schlimmsten aller Unruhen sind Kriege12.
In dieser Welt der Unruhe beruft Gott sich ein Volk, das zur Ruhe bestimmt ist. Er bietet ihm einen Bund an, und hält das Volk die Bestimmungen des Bundes, so will Gott dieses Volk reich versorgen. Ein Pfand dieser Ruhe ist der Sabbat-Tag, der siebte Tag der Woche, an dem von aller Arbeit geruht werden soll. Mose und die Propheten verkündigen das Wort Gottes von der Ruhe an das Volk Israel.
Liebe Gemeinde,
der Verfasser des Hebräerbriefes erinnert daran, dass diejenigen, die dieses Wort Gottes zuerst gehört haben, Gott vierzig Jahre lang angewidert haben. Sie haben gesündigt – und lagen dann tot in der Wüste13. Sie haben sich Gott widersetzt14, sie waren leichtfertig mit dem Wort Gottes umgegangen15, das ihnen somit zu nichts nütze war, dieses Wort ist ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Die Kraft des Vertrauens in das Wort Gottes hätte das bewirken können16.
Doch die Verheißung der Ruhe besteht auch weiterhin17, und die Propheten sprechen von der noch kommenden sicheren Ruhe18, zu der Gottes Geist die Seinen führen wird19.
In unserem Herrn Jesus ist diese Verheißung verwirklicht20, bei ihm kommen wir zur Ruhe, und er lädt uns ein, dass wir sein Joch auf uns nehmen; denn er quält uns nicht, er sieht auf niemand herab, er lehrt uns und gibt unserem Leben Erfüllung. Was er anordnet, das ist gut für uns, und was er uns zu tragen gibt, das ist keine Last21.
Auch wir müssen im Vertrauen festbleiben, sonst werden wir nicht in die Ruhe Gottes aufgenommen werden22, zum Hören muss der Glaube dazu kommen, und der Glaube kommt bekanntlich aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes23.
Liebe Gemeinde,
Gott will, dass wir alles daran setzen, zu dieser Ruhe zu gelangen und dass niemand durch Ungehorsam zu Fall kommt und von der Ruhe Gottes ausgeschlossen bleibt24; denn nach den Worten der Bibel werden die, die zur Ruhe gelangt sind, nicht mehr beunruhigt durch Sorgen wegen der Sicherung ihrer Existenz, da sie alles aus der Hand Gottes empfangen25. In Zeiten äußerer und innerer Anfechtung, inmitten des Hasses der Welt, versorgt uns Gott. Er stellt uns eine geistliche Waffenrüstung zur Verfügung26, er lebt in uns27, er hat die Welt überwunden28 und was aus Gott geboren ist, nimmt an seinem Sieg über die Welt teil29.
Doch es ist nötig, dass wir unsere Zuversicht nicht preisgeben und an der Hoffnung auf die uns im Wort Gottes zugesagte Erfüllung festhalten, denn diese Hoffnung ist für uns ein sicherer und fester Anker30 für unser Leben.
Liebe Gemeinde,
das Wort Gottes, in dem uns die Erfüllung verheißen wird und auf das wir unsere Hoffnung richten sollen, ist nach den Worten des Predigttextes lebendig und voller Kraft, es schärfer als das schärfste beidseitig geschnittene Schwert oder auch als das schärfste Skalpell. Es ist durchdringend, und es richtet.
Das müssen wir wissen, sagt der Verfasser des Hebräerbriefes nach der von mir verwendeten Neuen Genfer Übersetzung, und der große Theologe Adolf Schlatter weiß auch warum: „Das Wort Gottes sieht sie [die Ruhe Gottes] für uns vor, bringt uns das verheißene Gut und gibt uns den Anteil an ihm“31. Die Ruhe Gottes ist untrennbar mit dem Wort Gottes verknüpft, und zwar nicht mit einem bloßen Hören des Wortes Gottes, sondern damit, dass zum Hören der Glaube dazukommt, dass das Wort Gottes uns in Fleisch und Blut übergeht.
Dieses „in Fleisch und Blut übergehen“ beschreibt der Verfasser des Hebräerbriefes mit diesen fünf Merkmalen des Wortes Gottes: Lebendig, wirksam, scharf, durchdringend, richtend.
Liebe Gemeinde,
zwei Dinge verleiten uns immer wieder dazu, vom Wort Gottes anzunehmen, es sei nichtig. Das eine ist die Nichtigkeit unserer eigenen Worte und der Worte, die wir um uns her vernehmen, etwa von Politikern oder auch von solchen Menschen, die Wassertrinken predigen und selbst Wein saufen.
Das andere ist die Herablassung32 Gottes, der nicht nur sich selbst erniedrigt und sich als Mensch in Gestalt eines Sklaven in die Hände der Menschen begeben hat, sondern der auch sein Wort nicht wie ein Spectaculum, wie ein Schauwunder vor uns Menschen hinstellt, das uns ob seiner Größe und Macht zum Glauben zwingt und uns jede Freiheit nimmt. Obwohl in der Bibel das Wort Gottes voll gegenwärtig ist, hat Gott sein Wort doch in eher niedriger Gestalt offenbart. Gott vertraut sein Wort sündigenden, irrenden Menschen an, ja, er liefert es ihnen aus, er nimmt es auf sich, dass wir Menschen das Wort Gottes in Überlieferung und Deutung verkürzen – und es womöglich für nichtig halten, weil wir ein Schauwunder erwarten und dabei völlig überhören, wie die Predigt von Jesus, der uns in Schwachheit und Ernierigung vom Kreuz her bittet: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“, unser Gewissen überführen will.
Die Lebendigkeit des Wortes Gottes liegt genau hier verborgen und teilt sich dem mit, der sich in seinem Gewissen überführen lässt. Wer ein Schauwunder erwartet, wird von der Bibel enttäuscht sein und sie für nichtig halten, für tot. Aber weil das Wort Gottes in der Bibel voll gegenwärtig ist, ist auch das Leben in ihm, weil es aus Gott hervorgeht und Gottes Sinn und Willen in sich trägt.
Und auch die Wirksamkeit des Wortes Gottes übersehen wir leicht, weil uns oftmals gerade sein Zentrum, die Verkündigung des gekreuzigten Christus als den von Gott versprochenen Retter, als Gotteslästerung oder barer Unsinn erscheint. Und doch ist es wirksam, gerade in der Verkündigung vom gekreuzigten Christus kann man Gottes Kraft erfahren. Wie auch Gott selbst, erscheint die Bibel oftmals schwach – und ist doch stärker als Menschenkraft33. Das Wort Gottes ist niemals nur „Schall und Rauch“, es will verändernd in unser Leben eingreifen und uns dem Herrn Jesus ähnlicher machen, uns nach seinem Bild umgestalten. Die Bibel bezeugt, dass Gottes Wort und Gottes Tat sich nicht voneinander scheiden lassen, Gott spricht, und es geschieht.
Gott hat sein Wort hineingelegt in die Worte der Menschen, die gebunden waren an ihre durch Kultur, Ort und Zeit geprägten Vorstellungen. Sein Wort hat sich fortschreitend offenbart, je nachdem, an welche zeitgenössischen Vorstellungen die Verfasser und Redaktoren gebunden waren. Die Bibel beginnt eher im Mythologischen, mit einer Urgeschichte, die nicht als Tatsachenbericht verstanden werden muß, schreitet über die Hofberichterstattung der Könige Judas und Israels fort und erreicht schließlich mit den Evangelien und der Apostelgeschichte die wirkliche Geschichte.
Das veranlasst uns manchmal, die Bibel gerade in ihren ersten Teilen nicht wie ein Schwert zu sehen, das schärfer ist als jedes beidseitig geschliffenes Schwert, sondern eher wie ein stumpfes, mit allerlei Resten von Klebeband verunreinigtes Taschenmesser. Und so glauben wir denn auch, Widerspruch gegen die Bibel sei ungefährlich. Der schon zitierte Adolf Schlatter schreibt dazu: „Unser Streit gegen das Wort löscht den Lebenshauch in uns aus und lässt unseren Leib zerfallen. So hat es auch Israel in der Wüste erfahren. Warum gingen die vielen unter? Weil ihnen das Wort Gottes entgegenstand, dem sie sich widersetzten. Das brachte ihnen den Untergang, sicherer als das Schwert des erbittertsten Feindes. Das Wort Gottes wäre nicht die Lebensmacht für den, der es in Glauben und Gehorsam in sich trägt, wenn es nicht zugleich eine richtende Macht wäre, das Todesurteil für den, der es von sich wirft.34“
Liebe Gemeinde,
niemand kann sich vor Gott und seinem Wort verbergen. Gott müssen wir Rechenschaft dafür ablegen, wie wir mit seinem Wort umgegangen sind. Haben wir es verworfen, oder haben wir es bewahrt, damit es uns eine Hilfe sein konnte, damit es in uns Hoffnung weckt und unseren Glauben stärkt?
Rechenschaft ablegen müssen zum einen wir Prediger. Haben wir etwa versucht, der Gemeinde immer eine „schöne Predigt“ abzuliefern? Haben wir womöglich darauf geachtet, dass die Predigthörer sich durch unsere Predigten bestätigt fühlen, etwa als gute Christen? Haben wir versucht, jene Stellen in der Bibel, die dem Hörer als barer Unsinn erscheinen müssen oder ihn in seinen Befindlichkeiten treffen, in der Predigt abzumildern? Falls ja, wie oft haben wir dadurch verhindert, dass Menschen zur Ruhe Gottes gelangen? Um in die Ruhe Gottes einzugehen, ist es für die Menschen erforderlich, erst einmal in Unruhe zu geraten, aufgerüttelt, durchgeschüttelt zu werden.35
Rechenschaft ablegen müssen aber auch wir Predigthörer. Wir kennen den Witz, das Gespräch zwischen einem Predigthörer und seiner Frau: „Worüber hat denn der Pfarrer heute gepredigt? - Über die Sünde. - Und was hat er gesagt? - Er war dagegen.“
Wir Predigthörer reagieren auf beunruhigende Predigten oft mit der einen oder anderen Abwehrreaktion:
Vielleicht hören wir einfach nicht zu, machen uns statt dessen so unsere eigenen Gedanken. Nur nicht mit dem Gehörten auseinandersetzen.
Möglicherweise hören wir sehr genau zu und finden das, was der Pastor da erzählt, goldrichtig – ja, genau das musste gepredigt werden! Bruder X und Schwester Y mussten genau diese Predigt endlich einmal hören! Hoffentlich sitzt ihnen das Wort Gottes jetzt so richtig in den Innereien. Danke, Pastor, danke Gott, für diese treffende Predigt!
Eine andere Abwehrreaktion ist die, dass wir die Wunde spüren, die die Predigt uns zugefügt hat. Wir sind beunruhigt. Aber sogleich beginnen wir, die Wunde zu reinigen und zu verbinden. Es war doch gar nicht so gemeint. Diese Auslegung des Pfarrers ist nun aber wirklich an den Haaren herbeigezogen.
Liebe Gemeinde,
es ist eine ganz normale Reaktion von uns Menschen, seien es nun Prediger oder Predigthörer, dass wir nicht wollen, dass es durch die Predigt zu Beunruhigungen kommt. Das Schwert des Wortes Gottes soll doch niemanden schneiden, niemanden verletzten.
Und so stehen wir immer in der Gefahr, dem Wort Gottes die Spitze so weit zu nehmen, dass es niemanden beunruhigt. Und ja, das ist eine Gefahr; denn dieses Schwert will uns ja heilen, es will Seele und Geist und Mark und Bein durchdringen und sich als Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken erweisen.
Das Wort Gottes ist lebendig und gibt uns Leben, es ist voller Kraft und gibt uns Kraft, es ist scharf und schärft unser Gewissen und unsere Urteilsfähigkeit. Das Wort Gottes beunruhigt uns und es führt uns zur Ruhe Gottes.
Liebe Gemeinde,
ich möchte uns gerne zu zweierlei ermuntern.
Das eine ist: Wenn wir ein Bibelwort hören, wenn wir eine Predigt hören, dann lasst uns schauen, ob wir da abwehrend reagieren und wenn ja, wie denn unsere Abwehr funktioniert. Welche Abwehrreaktion verwenden wir? Wir sollten sehr nachdenklich werden, wenn wir nach dem Gottesdienst nur wissen, dass der Pastor über die Sünde gepredigt hat und dagegen war, wenn wir denken, oh, die Predigt war aber schön, wenn wir überzeugt sind, wie gut die Predigt auf unseren Bruder X oder unsere Schwester Y gepasst hat. Das könnte bedeuten, dass wir das Wort Gottes abgewehrt haben, statt dass wir zugelassen haben, dass es uns beunruhigt, dass es uns weh tut. Aber, liebe Gemeinde, das Schwert Gottes schneidet uns manchmal so, dass es weh tut, aber dann werden wir auch Heilung erleben.
Das andere betrifft nun nicht genau diese Gemeinde hier, ist nicht auf unseren Pastor gemünzt, sondern ist eine allgemeine Ermunterung, die für alle Gemeinden und ihre Prediger und Gottesdienste gilt: Wenn nicht jeden Sonntag neu etwas zu spüren ist von der Schärfe des Wortes Gottes und das auch nicht an unseren Abwehrreaktionen liegt, dann lasst uns schauen, ob und wie der Pfarrer oder Pastor oder Prediger dem Schwert des Wortes Gottes die Spitze nimmt, es stumpf macht, um niemandem weh zu tun, und dann lasst uns mit ihm darüber sprechen, ja, ihn vielleicht sogar ermahnen; denn wir Prediger tun damit weder unseren Predigthörern noch uns selbst etwas Gutes, auch wenn wir es ja nur gut meinen.
Amen.
Literatur
-
Adolf Schlatter, Erläuterungen zum Neuen Testament / Band 9
-
Wuppertaler Studienbibel, Der Brief an die Hebräer erklärt von Fritz Laubach
-
Fritz Rienecker und Gerhard Maier, Lexikon zur Bibel (Stichwort „Ruhe“)
-
Klaus Berger und Christiane Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften
-
Predigt von Pfarrer Manfred Günther (ev.) über Hebräer 4,12-13, veröffentlicht auf „Die Predigtdatenbank“ ( www.predigten.de/predigt.php3?predigt=9222)
Fußnoten
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