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Predigt zu
Römer 12,1-2
, gehalten am 22. März 2009 in der Martin-Luther-King-Kirche (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde - Baptisten) in Stuttgart-Zuffenhausen
Liebe Gemeinde,
es gibt unter Christen seit Jahrhunderten, ja, bereits seit den ersten Christen einen Streit über die Frage, wie ein „vernünftiger Gottesdienst“ auszusehen hat. Sie kannten aus der jüdischen wie auch aus der heidnischen Umwelt verschiedene Formen von Opfergottesdiensten, kannten aber auch die Alternative derer, die diese äußerlichen Gottesdienste mit ihren blutigen und qualmigen Tieropfern ablehnten und eine rein geistige Gottesverehrung proklamierten. Sie mußten einen Weg finden, miteinander das Brot zu brechen, die Weisheit Gottes zu erkunden und seine Barmherzigkeit zu feiern.
Über die Jahrhunderte hinweg haben die Christen dann viele verschiedene Gottesdienstformen entwickelt, erprobt, manche verworfen, andere behalten, Bewährtes konserviert oder auch reformiert.
Wie können wir als Christen einen vernünftigen Gottesdienst feiern? Ist ein ziemlich liturgisch aufgebauter Gottesdienst, wie ich ihn für heute vorbereitet habe, ein vernünftiger Gottesdienst - oder ist eher ein typisch freikirchlicher Gottesdienst mit Moderation statt Liturgie, mit einer freien Gestaltung des Inhalts statt eines festen dreiteiligen Aufbaus mit Anrufung Gottes, Verkündigung des Wortes Gottes und Bekenntnis der Gemeinde ein vernünftiger Gottesdienst? Braucht man für einen vernünftigen Gottesdienst eine Orgel, oder besser eine Band mit Schlagzeug, Keyboard, Bass und Gitarren? Braucht man für einen vernünftigen Gottesdienst eher Musik von Bach und Paul Gerhardt oder doch eher moderne Lobpreismusik, braucht man für einen vernünftigen Gottesdienst eher Texte aus der Luther-Bibel oder aus einer modernen Übertragung wie der „Hoffnung für alle“ oder gar der „Volxbibel“?
Das sind Fragen, die sehr viele Christen bewegen. Wir suchen uns oftmals die Gemeinde, zu der wir uns halten, auch nach ihren Gottesdiensten aus. Manch einer will sich im Gottesdienst möglichst gut von vorne unterhalten lassen, das gebotene Programm soll ihm etwas bieten. Man zahlt ja schließlich Kirchensteuern oder auch einen Gemeindebeitrag, man opfert ja gut und gerne eine Stunde seiner kostbaren Zeit, also kann man ja wohl etwas „Vernünftiges“ erwarten, das da vorne auf die Bühne bzw. auf die Kanzel gestellt wird.
Würden wir einen frommen Muslim fragen, wie seiner Meinung nach ein „vernünftiger Gottesdienst“ aussieht, so würde er ohne Zögern sagen, ein vernünftiger Gottesdienst ist die Ibada, die Unterordnung unter Gottes Willen und sein Gesetz, die Ergebung in seinen souveränen Willen. Nicht das fünfmal tägliche Gebet eines Muslim, das Salat, ist für ihn in erster Linie Gottesdienst, auch nicht das gebotene Freitagsgebet in der Moschee, sondern die ganze Lebensweise, der Weg aus der Wüste und Öde hin zur Quelle, die Scharia. Den Gottesdienst auf die Gebete, auf das Zusammenkommen der Männer in der Moschee, auf das Hören der Predigt des Imams zu reduzieren, käme einem Muslim niemals in den Sinn. Darum kann ein Muslim es auch nicht nachvollziehen, wenn Christen unter dem Gottesdienst das Zusammenkommen der Gemeinde, das gemeinsame Singen von Liedern, das entweder von vorne rezitierte oder auch miteinander frei gesprochene Gebet, das Hören auf die Predigt und die Abkündigungen verstehen. So ein Gottesdienstverständnis wirkt auf Menschen muslimischen Hintergrundes befremdlich und nicht gerade als wirklich religiös.
Aber was ist mit uns? Ist für uns ein Gottesdienst, der sich auf diese liturgischen, kultischen, auf einen bestimmten Ort und an eine bestimmte Zeit bezogenen Elemente beschränkt, ausreichend? Besteht der Gottesdienst wirklich nur aus den, je nach Konfession, 45 bis 90 Minuten zwischen Präludium und Postludium, egal wie wir sie nun füllen? Für viele Menschen ist das einfach zu wenig. Wenn heutzutage jedes Jahr im Lande Luthers mehrere hundert Christen zum Islam konvertieren, dann hat es auch mit dem ganzheitlichen Gottesdienstverständnis der Muslime zu tun, das ihnen mehr religiöse Erfüllung verspricht als das in eher homöopathischen Dosen verabreichte Gottesdienstleben in vielen christlichen Kirchen und Gemeinden.
Liebe Gemeinde,
wenn es um die Frage geht, wie für uns Christen ein vernünftiger Gottesdienst aussieht, gibt uns die Bibel eine sehr deutliche Antwort. Nirgendwo definiert sie Gottesdienst so, wie wir es in unseren Kalendern und Terminplanern tun: Eine einmal wöchentlich stattfindende, zwischen 45 und 90 Minuten dauernde Versammlung der Christen zu Kirchenmusik, Gebet, Predigt und Segen, regelmäßigem Abendmahl. Keine Frage - das Zusammenkommen der Christen ist der Bibel wichtig und für die Apostel von großer Bedeutung, aber niemals wird es „Gottesdienst“ genannt.
In seinem Brief an die Christengemeinde in Rom schreibt der Apostel Paulus zum Thema „Gottesdienst“:
„Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“
Liebe Gemeinde,
was für uns heute die Frage nach der vernünftigen Gestaltung des Gottesdienstes ist, nach der vernünftigen Musik im Gottesdienst, natürlich auch nach der vernünftigen Länge - das war zur Zeit des Paulus die Frage, ob es denn nun vernünftig sei, einen äußerlichen Opfergottesdienst zu feiern oder aber Gott auf einer rein geistigen Ebene zu verehren. Für viele Menschen zur Zeit des Paulus, Juden wie Heiden, und mit Sicherheit auch für viele Christen war der Opfergottesdienst unverzichtbar. Es war doch ganz vernünftig, zur Vergebung für Sünden, aber auch zum Dank Opfer darzubringen! Gebildete Kreise dagegen wandten sich ab von den blutigen Opfern, von den unzähligen Äußerlichkeiten in den Tempeln und vor den Altären, die sie als unsinnig bezeichneten. Diejenigen unter ihnen, die das Alte Testament kannten, wiesen darauf hin, daß ja schon die jüdischen Propheten vernichtende Kritik an den widersinnigen Gottesdiensten ihrer Zeit geübt haben. Völlig unvernünftig sei es, sagten sie, Tiere zu schlachten oder ein anderes Opfer darzubringen. Was solle ein Gott von einem Opfer haben, von vergossenem Blut, von verbrennendem Fett, von ein paar Tropfen Wein, die verschüttet werden? Nein, der ganze Tempel- und Opferkult ist unvernünftig, nur der geistige, gedankliche Gottesdienst ist wirklich vernünftig, das Streben nach Weisheit, nach Erkenntnis.
Die Christen steckten damals mittendrin in diesem Streit um den vernünftigen Gottesdienst. Und Paulus gibt nun nicht nur ein paar kluge Ratschläge, spricht sich nicht für die eine oder andere Partei aus.
Liebe Gemeinde,
„ich ermahne euch“ schreibt Paulus, und das sind Worte, die wir gar nicht gerne hören. „Ermahnung“, das hat etwas Oberlehrerhaftes, das ist die Sprache von strengen Eltern, von Kontrolleuren, Finanzbeamten und Richtern. Wer ermahnt wird, der hat etwas falsch gemacht, der muß auf seine Fehler hingewiesen und wieder zurechtgebracht werden. Mit dem Ermahnen geht ein erhobener Zeigefinger einher, vielleicht auch eine Drohung, falls wir uns nicht fügen, möglicherweise eine Strafe. Mit „ich ermahne euch“ beginnt also unser Predigttext, und das bringt uns leicht dazu, die folgenden Worte nicht mehr so genau zu lesen.
Das griechische Wort, das hier für „ermahnen“ steht, bedeutet, jemandem etwas „zurufen“, jemanden „aufzufordern“, jemanden „zu ermahnen“. Dieses Wort taucht aber auch in der griechischen Ausgabe des Alten Testamentes auf, und zwar dient es dort als Übersetzungswort für den Trost, den man jemandem spendet, wenn man sich nämlich Leidender und Trauernder erbarmt, wenn man jemandes Schmerzen lindert, wenn man jemanden auferbaut. Wenn Paulus hier ermahnt, dann müssen sich die so Angesprochenen nicht zu Unrecht als Schwerenöter, Unwissende oder Neulinge verdächtigt fühlen.
Im griechischen Urtext ist unser ermahnender Vers - obwohl der Text am Beginn eines ganz neuen Abschnittes im Römer-Brief steht - mit dem Lobpreis der wunderbaren Weisheit Gottes verbunden, die Paulus zuvor als Abschluß seiner Worte über den Weg Gottes mit seinem Volk Israel weitergegeben hat:
„O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn ‚wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen‘? Oder ‚wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste‘? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“
„Folglich“, schreibt Paulus, „ermahne ich euch durch die Barmherzigkeit Gottes“. Paulus verankert seine Ermahnung sowohl an der Weisheit Gottes als auch an der Barmherzigkeit Gottes. Er gibt seiner Ermahnung damit eine Autorität, die über ein paar kluge Worte hinausgeht. Er will sie nicht als unverbindlichen Ratschlag verstanden wissen, sondern als Ausdruck von Weisheit und Erbarmen, als eine gewichtige apostolische Mahnung, die man besser nicht außer Acht läßt, es sei denn, man legt weder auf Weisheit noch auf Erbarmen wert.
Die Weisheit des Menschen hat sehr bestimmte Vorstellungen, wie wir einen „vernünftigen Gottesdienst“ feiern. Sie ist ein eloquenter Ratgeber in allen Fragen rund um den Gottesdienst. Die Zeit muß stimmen, der Ort will gut gewählt sein, Form und Inhalte haben gut geplant zu sein. Die Weisheit des Menschen macht sich Gedanken über Kleidung, Musik und vieles mehr. Die Vorbereitung und Leitung eines Gottesdienstes erfordert viel Weisheit. Wenn sich die Christen in Korinth und anderswo Gedanken darüber machen, wie sich eine Frau beim Beten und Prophetisch-Reden zu kleiden habe, ob sie lehren darf oder überhaupt den Mund öffnen darf, dann werden da viele weise Argumente geäußert.
Doch alle diese weisen Gedanken und Worte sind zu nichts nütze, wenn sie nicht mit Barmherzigkeit gepaart sind. Weisheit ohne Barmherzigkeit ist unnütz. Was aber hat die Kleidung einer Frau beim Gottesdienst mit Barmherzigkeit zu tun? Was hat die Frage, ob eine Frau lehren darf oder aber grundsätzlich schweigen muß, mit Barmherzigkeit zu tun? Alle diese Regeln für den Gottesdienst - ohne Barmherzigkeit ist die ganze Weisheit, mit der wir uns Gedanken über den „vernünftigen Gottesdienst“ machen, unnütz. Wahre Weisheit, die von Gott kommt, führt immer zur Barmherzigkeit. Der baptistische Theologe Adolf Pohl schreibt über die Barmherzigkeit Gottes, daß sie eine „Vollmacht und Großmacht ohnegleichen“ ist, „kaum erfahrbar, ohne anders zu werden, ohne daß sie in uns ‚Wollen und Vollbringen bewirkt‘“. Ein Gottesdienst ist dann vernünftig, wenn er uns in den Machtbereich der Barmherzigkeit Gottes stellt, die uns verändern will, die in uns das Wollen und das Vollbringen wirkt. Ein Gottesdienst ist dann vernünftig, wenn wir uns der Barmherzigkeit Gottes zur Verfügung stellen, wenn wir uns gegenüber unserem Nächsten erbarmen.
Liebe Gemeinde,
von der Weisheit führt uns Paulus zur Barmherzigkeit, von der Barmherzigkeit dann weiter zum Opfer. Natürlich spricht Paulus hier bildlich, er benutzt das Bild eines Tempelgottesdienstes, bei dem der Tierleib auf dem Opferaltar liegt. Dieses Bild war damals allen Lesern und Hörern des Paulus bekannt, ob es nun Juden- oder Heidenchristen waren, zumal das Fleisch der Opfertiere ganz selbstverständlich auf den Märkten der Städte und Dörfer verkauft wurde. Wir württembergischen Christen des 21. Jahrhunderts dagegen haben mit diesem Bild unsre Probleme, erhebliche Probleme. Unser Zugang zu diesem Bild ist eingeschränkt, und daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die Muslime in unserem Land seit langem ihr Opferfest beachten, die Behörden dafür Ausnahmegenehmigungen erteilen und jedes Jahr zum Opferfest viele Tiere geschächtet werden. Wer von uns hat schon einmal an einem muslimischen Opferfest teilgenommen, angefangen beim Schächten des Tieres?
Paulus weist seine Leser auf zwei Unterschiede zum ihnen bekannten und uns unvertrauten Opfer hin: Erstens liegen da nicht Tierleiber auf dem Altar, sondern eben „eure Leiber“, unsere Leiber. Wir können die Opferrolle nicht delegieren, weder an Tiere noch an andere Menschen. Wir können nicht sagen, „Herr, hier bin ich, opfere meinen Bruder“. Wir können nicht sagen, der Pastor ist für den Gottesdienst zuständig, sondern: Wir sind für den Gottesdienst zuständig. Der Pastor mag eine besondere Rolle beim Gottesdienst spielen, aber nicht als Alleinunterhalter. Wir alle zusammen dienen Gott. Nur dann ist Gottesdienst vernünftig, nur, wenn sich alle mit Weisheit und Barmherzigkeit einbringen. Der zweite Unterschied ist, daß es jetzt nicht um Leichname geht, sondern um ein lebendiges Opfer. Es ist nicht vernünftig, nur ein paar tote Dinge für den Gottesdienst zu opfern - „im Opferstock der Groschen klingt, die Seele in den Himmel springt“ funktioniert nicht.
Natürlich ruft uns Paulus nicht zum Martyrium auf. Seine Ermahnung, unser Leben als ein lebendiges Opfer zu führen, ist die Fortsetzung der Aufforderung des Apostels aus dem sechsten Kapitel dieses Briefes, für Gott zu leben (Römer 6,11). Für Gott zu leben darf sich nicht in einer rein innerlichen Lebensübergabe an den Herrn Jesus erschöpfen, nicht in frommen Gedanken, religiösen Gefühlen, theologischen Haarspaltereien. Bleibt die Entscheidung, mit Jesus zu leben, in der Welt der Gedanken und Gefühle, der Träume und Worte stecken und ohne praktische Konsequenzen, ohne Bedeutung für das Leben, sperren wir unser Leben für Gott in die Gottesdienststunde am Sonntag ein, dann fehlt uns etwas. Paulus lenkt unseren Blick auf die Weisheit und die Barmherzigkeit Gottes und will uns damit einen Anreiz geben, nicht bei der theoretischen Entscheidung für Jesus, bei der gefühlten und gedachten Lebensübergabe stehenzubleiben, sondern weiter zu geben, die Konsequenzen zu ziehen und, wie Adolf Pohl es schreibt, unsere ganze Geschöpflichkeit seiner Barmherzigkeit auszusetzen, und, wie ich hinzufügen möchte, auch seiner Weisheit.
Liebe Gemeinde,
Paulus spricht vom Leib, den wir als Opfer geben sollen - nicht nur von einem einzelnen Glied. Es mag uns als ausreichend erscheinen, Gott nur das eine und vielleicht auch noch ein anderes Glied zu opfern, Bereiche unseres Lebens, in die wir Gott hineinlassen - am besten mehr oder weniger tote Bereiche, die für unser Leben, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle spielen. Anderen dagegen erscheint es als besser, Gott nur die heiligen Bereiche unseres Lebens zu öffnen, die sauber aufgeräumt und gründlich geputzt sind. Die Bereiche halt, die wir gut im Griff haben, die wir ohne Zögern vorzeigen können. Eben die heiligen Bereiche. Und spricht Paulus nicht genau davon, von einem „heiligen Opfer“? Ist es nicht gerade unsere Pflicht, vorweg auszusortieren, was nicht brauchbar ist, was nicht sauber und rein ist?
Tatsache ist, daß im Lichte der Heiligkeit Gottes keines unserer Glieder an und für sich heilig ist. Es sind die Glieder von Sündern, wenn auch gerechtfertigten Sündern. Aber es ist nun einmal so, daß Gott unsere sündigen Glieder durch seine Barmherzigkeit heiligt. Seine Barmherzigkeit verwandelt Holz, Heu und Stroh in Gold, Silber und Edelsteine.
Diese Verwandlung ist das Kernstück des vernünftigen Gottesdienstes.
Liebe Gemeinde,
im zweiten Vers fordert Paulus uns auf, uns nicht dieser Welt gleich zu stellen, sondern uns durch Erneuerung unseres Sinnes zu ändern, damit wir prüfen können, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Falls wir bisher immer noch gedacht haben, beim vernünftigen Gottesdienst geht es um Gott und uns, zeigt dieser Vers auf, daß wir in einer Dreierbeziehung leben: Ich - Gott - Welt. Und wenn Paulus uns auch auffordert, uns nicht dieser Welt gleich zu stellen, so bedeutet das nicht, uns aus der Welt in einen frommen Kuschelbereich zurückzuziehen. Wir mögen nicht von der Welt sein, unser Gottesdienst mag nicht von dieser Welt sein - aber wir leben in der Welt, und unser Gottesdienst findet in der Welt statt. Dicke Kirchenmauern zwischen uns und der Welt verhindern einen vernünftigen Gottesdienst, statt dessen brauchen wir Glaswände und drinnen ein helles Licht, damit man hineinsehen kann
Wörtlich spricht Paulus von der „Welt-Zeit“. Gemeint ist nicht die Welt an und für sich, der Schwerpunkt liegt auf der Zeit. Die Welt, der wir uns nicht gleich stellen sollen, ist die im Hier und Jetzt verankerte Welt, in der die kommende Welt, die Gott für uns bereitet hat, völlig ausgeblendet ist. Sie sperrt sich gegen jeden Lichtstrahl, der aus der kommenden Welt in diese Welt-Zeit eindringen und sie erleuchten will, sie will dieses Licht von morgen verdunkeln, zum Erlöschen bringen, weil sie weiß, das im Licht der kommenden Welt diese Welt-Zeit unwiderruflich als die vergehende, ja die in vielen Dingen schon vergangene Welt sichtbar wird.
Um die Dunkelheit aus einem finsteren Raum zu vertreiben, kann man nicht die Dunkelheit in Säcken oder Eimern hinaustragen, sondern man muß Licht hereintragen. Was Tausende und Abertausende von Eimern und Säcken niemals vermögen, vermag eine einzige Kerze: Sie vertreibt die Dunkelheit.
Ein anderes Wort, mit dem man die „Welt-Zeit“ ins Deutsche übertragen kann, ist der „Zeitgeist“. Hinter dem Zeitgeist steht der „Gott dieser Welt“, der die Menschen zu vernebeln versucht, indem er unsere Sinne und Gedanken darauf auszurichten versucht, daß wir uns um die Befriedigung unserer Triebe mehr sorgen als um alles andere. Weil es kostspielig ist, unsere Triebe zu befriedigen, steht Gewinnsucht an erster Stelle der Wünsche für unser Leben. Unsere von Gott geschenkte Weisheit verschwenden wir darauf, immer mehr und mehr zu gewinnen, wir bringen sie dem Zeitgeist als ein lebendiges Opfer dar. Um unsere Triebe befriedigen zu können, beginnen wir schon als Kinder, uns ein Terrain zu erobern, es zu sichern und zu verteidigen. Jegliche Barmherzigkeit ist von Egoismus gesteuert: Wenn ich mich barmherzig zeige, stehst du in meiner Schuld. Ethik ist nichts weiter als ein im Kollektiv organisierter Egoismus, Gemeinschaft nichts anderes als kollektive Triebbefriedigung, die letztlich in die völlige Vereinsamung führt, weil niemand einen Blick für‘s Ganze hat, weil keiner Verantwortung für das Ganze übernehmen will, weil niemand sich für die Interessen des Ganzen senden lassen will. Alle wollen nur glücklich sein, doch am Ende sind alle Menschen in ein Schema gepreßt, alle sind gleichförmig und doch ist jeder allein, jeder lebt und stirbt letztlich für sich.
Paulus bleibt aber nicht bei seiner Mahnung stehen, nicht mit dem Zeitgeist konform zu gehen. Niemand kann sich durch schlichtes Neinsagen den Zwängen des Zeitgeistes entziehen. Darum ist die Fortsetzung wichtig: Ändert euch! Gestaltet euch um!
Liebe Gemeinde,
ja, wenn das doch nur so einfach wäre! Wir alle haben es doch schon so oft versucht, uns zu verändern - und wir alle sind entweder vollends gescheitert oder legen den Weg mehr stolpernd und im Dreck liegend zurück als aufrecht gehend.
Das Problem ist, daß der Zeitgeist unerwarteterweise überhaupt kein Problem damit hat, daß wir uns verändern. Der Zeitgeist ist ein Freund von Veränderungen, weil er genau weiß, daß unsere eigentliche Triebfeder wiederum nur Gewinnsucht ist. Wir wollen vor Gott besser dastehen und damit gewinnen, wir wollen vor der Gemeinde besser dastehen und damit gewinnen, wir wollen gewinnende Christen sein, an denen alles funkelt und glänzt und blitzt. Wir wollen auf der engen Straße Gewinner sein. Der Zeitgeist hat gar kein Problem damit, wenn wir versuchen, das Rauchen aufzugeben, wenn wir uns gewisse dunkle Neigungen und finstere Wünsche abgewöhnen wollen, wenn wir in der Gemeinde eine herausragende Stellung einnehmen wollen, wenn wir auf der engen Straße vorne weg laufen wollen. Ja, der Zeitgeist spornt uns sogar an, uns zu verändern. Er weiß ja, daß wir letztlich doch nur Opfer unserer Gewinnsucht werden, unserer verzweifelten Mühen, unsere Triebe zu befriedigen - auch wenn es religiöse Triebe sind, sogar wenn sie auf ein Jenseits gerichtet sind, solange diese scheinbar kommende Welt nur von Bildern aus dieser Welt-Zeit geprägt ist, ein zeitgeistgemäßes Paradies.
Je mehr der Zeitgeist uns Gedanken in den Kopf setzen kann, wie wir uns verändern können, um so besser für ihn, um so schlechter für uns. Er versucht uns abzulenken, unsere Sinne durch Frömmelei zu vernebeln. Je mehr wir uns dabei anstrengen, um so besser für den Zeitgeist. Je mehr Zeit und Energie wir darauf verwenden, zu einem glanzvollen, vorzeigbaren Christen zu werden, um so mehr gewinnt der Zeitgeist.
Liebe Gemeinde,
nicht nur Veränderung also, sondern vielmehr Veränderung durch Erneuerung unseres Sinnes, durch Erneuerung unserer Gesinnung, unseres Denkens, unseres Wollens. Wenn unser Sinn, unser Denken, unser Wollen nicht erneuert wird, dann führt uns jede Veränderung nur immer tiefer hinein in die Verstrickungen des Zeitgeistes. Veränderung ohne Erneuerung unseres Sinnes verändert uns nicht in das Bild Gottes, das wir von der Schöpfung her sein sollten, macht uns nicht unserem Herrn Jesus ähnlicher, sondern macht uns dem Zeitgeist gleichförmig, reißt uns in den Strudel des Sündenfalls hinab.
Den Sinn zu erneuern, bedeutet, den Blick nicht mehr auf diese Welt-Zeit zu richten, sondern auf die kommende Welt, das Haus unseres Vaters, in dem der Herr Jesus uns Wohnungen bereitet.
Laßt uns auf unseren kommenden Erlöser, den Herrn Jesus sehen! Der Blick auf ihn erneuert unseren Sinn, unser Denken, unser Wollen. Dazu ist es notwendig, die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus durch Gebet, Bibellesen und Gottesdienst nicht abreißen zu lassen. Wir bleiben in Jesus, wir sind Reben am Weinstock. Und daraus wird dann unsere Verwandlung resultieren.
Liebe Gemeinde,
als Christen würden wir gerne den Willen Gottes kennen und verstehen. Ist es nicht der Inbegriff des Christseins, den Willen Gottes zu kennen, zu verstehen und zu befolgen?
Wenn aber dem Erkennen des Willens Gottes nicht die Erneuerung unseres Sinnes und unsere Verwandlung vorausgeht, dann stehen wir in Gefahr, nicht wirklich Gottes Willen zu erkennen, sondern nur naive Projektionen, die von geschickten Theologen verbreitet werden, die uns nach ihrem Bild formen wollen. Wir stehen dann in Gefahr, uns gleichschalten zu lassen. Da kann dann nichts Gutes, nichts Wohlgefälliges, nichts Vollkommenes bei herauskommen, sondern wieder nur Anpassung an den Zeitgeist in einer seiner frommen Varianten.
Den Willen Gottes zu erkennen, steht an der Spitze einer Pyramide. An ihrem Fuß finden wir Gottes Weisheit und seine Barmherzigkeit. Auf ihnen baut die Erneuerung unseres Sinnes, unseres Wollens und Denkens auf. Sie führt uns weg von den Fängen und Stricken des Zeitgeistes, öffnet uns die Augen für die kommende Welt und weist uns den Weg zur Veränderung, zur Umgestaltung nach dem Bilde Gottes. Darauf folgt dann das Erkennen des Willens Gottes. Wir können diese Pyramide nicht auf ihre Spitze stellen und zuerst den Willen Gottes erkennen wollen. Dann werden wir immer nur eine billige Karikatur bekommen.
Wir sind darum eingeladen, uns an die Weisheit Gottes und seine Barmherzigkeit zu hängen, indem wir uns an den Herrn Jesus halten und in ihm bleiben. Wie Paulus in seinem zweiten Brief an die Christen in Korinth (2. Korinther 3,17.18 (Gute Nachricht Bibel)) schreibt, wirkt der Herr Jesus durch seinen Geist, der uns Freiheit schenkt, Freiheit auch zum „vernünftigen Gottesdienst“. Dann sehen wir, wenn wir unsere Augen nicht zuhalten, die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel und werden dabei selbst in sein Bild verwandelt und bekommen mehr und mehr Anteil an seiner Herrlichkeit. Das bewirkt der Herr Jesus durch seinen Geist, das ist das Ziel des „vernünftigen Gottesdienstes“.
Amen.
Verwendete Literatur:
„Der Brief des Paulus an die Römer“ erklärt von Adolf Pohl, Wuppertaler Studienbibel Ergänzungsfolge, Wuppertal 1998
Adolf Schlatter, „Das Evangelium nach Johannes“, Stuttgart 1965
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