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Beliebte Irrtümer zu Burqa, Niqab & Co. PDF Drucken E-Mail
Kopftuch und Schleier - Kopftuch und Schleier im Islam
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 29. Januar 2010 um 14:55 Uhr

Gegner von Schleiern und Befürworter entsprechender Verbote haben so einige Argumente - nur leider handelt es sich dabei um Irrtümer. Dieser kurze Artikel möchte die wichtigsten Argumente der Schleiergegner auflisten und erklären, worin der Irrtum jeweils besteht.

1. Irrtum: Der Schleier ist ein Symbol der Unterdrückung von Frauen

In diesem Fall entsteht das Symbol im Auge des Betrachters und ist eine Folge seiner Sozialisation, seiner Vorurteile, seiner Überzeugungen. Andere Menschen sehen etwa in mehr oder weniger freizügiger Kleidung ein Symbol der Unterdrückung von Frauen. Auch der Habit von Nonnen wird manchmal als Symbol der Unterdrückung gesehen, der Sari indischer Frauen und was nicht sonst noch alles..

Symbole sind in der Regel keinen Ge- und Verboten unterwerfen, man erwartet von den Menschen in unserer Gesellschaft, daß sie in der Lage sind, ein Symbol, das sie als "Unterdrückung der Frauen" interpretieren, zu ertragen, weil ihnen zugemutet werden kann, sich über die Beschränktheit solcher Interpretationen im Klaren zu sein, weil diese Interpretation eben im Betrachter entsteht und somit, hart ausgedrückt, sein eigenes Problem darstellt, mit dem er zurechtkommen muß, ohne daß sich die Menschen um ihn herum seinen Befindlichkeiten unterwerfen.

Das gilt halt umgekehrt ebenso für jene komplett verschleierten Frauen, die in fehlender Verhüllung bzw. eher freizügiger Kleidung ein Symbol für Zügellosigkeit, Unmoral, Unreinheit usw. sehen. Auch sie dürfen ihre Interpretation nicht zum Maßstab öffentlichen Verhaltens machen. 

Es ist schon angeklungen: Es gibt allein in unserer Gesellschaft eine Vielzahl von Symbolen, die gedeutet werden können als "Unterdrückung von Frauen", und es ist ja tatsächlich so, daß bei uns eine Menge Frauen unterdrückt werden, etwa Zwangsprostituierte, Frauen in der Beschaffungsprostitution usw. usf. Wenn es uns wirklich um unterdrückte Frauen geht, müssen wir nicht den Schleier muslimischer Frauen lüften. Wir würden auch vor unserer eigenen Haustür fündig werden. Und wer nun so viel Angst vor "Symbolen der Unterdrückung von Frauen" hat, der mag zuerst einmal kurze Röcke, hohe Absätze, grelles Make-up usw. usf. verbieten. Selbst ohne daß eine Frau dies trägt, weil sie in der Prostitution unterdrückt wird - viele Mädchen und Frauen werden durch Mitschülerinnen, Freundinnen, Cliquen, Vorbilder und Idole, die Werbung usw. dahin gedrängt, sich in einer bestimmten Weise zurechtzumachen. Das geht dann bis hin zum Schlankheitswahn, zu Schönheits-OPs usw. Machen wir uns doch nicht vor - der Schleier ist in unserer Gesellschaft nicht unbekannt, er sieht nur anders aus.

2. Irrtum: Der Schleier ist eine Verletzung der Menschenwürde

Die Menschenwürde ist das höchste Gut eines Menschen. Sie ist darum unantastbar. Aus der Würde des Menschen ergibt sich eine Vielzahl von Freiheiten.

Freiheiten haben nur dann einen Wert, wenn der Mensch frei wählen kann. Fehlt die Wahlfreiheit, ist die Freiheit eines Menschen eine leere Hülse. Die Freiheit ergibt sich nur aus der Möglichkeit, aus verschiedenen Optionen wählen zu können.

Zu recht fordern wir, daß muslimische Frauen das Recht, die Freiheit haben müssen, sich gegen den Schleier zu entscheiden. Können sie dies nicht, weil ihnen der Schleier aufgezwungen wird, so leben sie nicht in Freiheit, und ihre Würde ist angetastet. Und selbst wenn sie den Schleier tragen wollen, so können sie es nicht freiwillig tun.

Das gilt nun aber ebenso, wenn der Schleier verboten wird und sie sich sich nicht frei für den Schleier entscheiden können. Und selbst wer sich persönlich gegen den Schleier entscheidet, kann dies nicht wirklich freiwillig tun, da es keine Wahlmöglichkeit, keine freie Wahl gibt. Die Entscheidung für oder gegen den Schleier wird von außen getroffen, ist fremdbestimmt.

Ein würdevolles Leben in Freiheit und Selbstbestimmung ist nur dann möglich, wenn ein Mensch auch die Möglichkeit hat, seine Freiheiten einzuschränken. Das ist heute ein sehr kontrovers diskutiertes Thema, schon in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat man etwa darüber gestritten und tut es bis heute, ob es mit der Menschenwürde vereinbar ist, wenn eine Masochistin sich einem "Herrn" unterwirft. Mit weitgehend den gleichen Argumenten auf beiden Seiten geht es heute um die Frage, ob es mit der Menschenwürde vereinbar ist, wenn eine muslimische Frau sich religiös begründeten Geboten und Verboten unterwirft, etwa dem Gebot, ein Kopftuch zu tragen oder gar einen Schleier. 

Meiner Überzeugung nach wäre es eine billige Gleichberechtigung, wenn eine Frau nicht das Recht hätte, in der einen oder anderen Form auf die Gleichberechtigung zu verzichten, solange es eben ihre Entscheidung ist. Niemand spricht ja auch einem Mann das Recht ab oder spricht dann von einer "Verletzung der Menschenwürde", wenn er freiwillig auf bestimmte Rechte und Freiheiten verzichtet. 

Im Prinzip ist ein Leben, in dem man alle Rechte und Freiheiten behaupten muß, ein Leben unter Zwang. Ein solcher Feminismus etwa wäre keine Befreiung der Frauen, sondern nur eine andere Form der Versklavung. Die so "befreiten" Frauen kämen vom Regen in die Traufe. 

Es bleibt freilich anzumerken, daß die meisten komplett verschleierten Frauen in ihrem Schleier nicht eine Einschränkung ihrer rechte und Freiheiten sehen, dies auch nicht als Absage an die Gleichberechtigung und Emanzipation interpretieren.

Tatsächlich geht es hier in nicht geringem Maße um die Konkurrenz zwischen einem westlichen Feminismus und dem muslimischen Feminismus. Viele "unserer" Feministinnen sehen sich offenbar von verschleierten Muslimas, die selbstbewußt ihre Meinung äußern, bedroht. Es ist aber eine Tatsache, daß sich viele islamische Feministinnen sehr bewußt für ein Leben nach den regeln des Islam entschieden haben, sehr oft mit dem Kopftuch oder sogar mit dem Schleier als ein Zeichen ihrer Identität. 

Das ist etwa auch ein im Westen meist übersehener Aspekt des Schleier-Streits in Ägypten, der sich eben nicht nur zwischen eher moderaten und eher strengen Muslimen abspielt, sondern auch zwischen eher westlich orientierten muslimischen Feministinnen und solchen, die eher islamistisch orientiert sind. Diese werden als sehr selbstbewußt erlebt und stellen für die traditionellen Feministinnen eine starke Konkurrenz dar.

Man darf eben nicht vergessen, daß viele der Frauen, die Kopftuch oder sogar Schleier tragen, keine braven, unterwürfigen Mäuschen sind, die vor ihren Männern kriechen, sondern überzeugte Feministinnen, die sich durchzusetzen verstehen. Für sie ist der Schleier kein Symbol der Unterdrückung, sondern Symbol ihrer Identität als moderne, emanzipierte Muslimas.

Auch viele der komplett verschleierten Muslimas in Europa sind keine unterdrückten Schöpfungen ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrer Väter und Ehemänner, sondern selbstbewußte Frauen meist unter 40, nicht selten ledig, oftmals ohne Schleier im Hintergrund. 

Die Unzufriedenheit vieler muslimischer Frauen mit dem westlichen Feminismus, das Scheitern "unserer" Emanzipation hat seinen Anteil am Siegeszug des islamischen Feminismus, der sich eben oft auch mit Kopftuch oder Schleier zeigt, ohne daß die Frauen darin eine Verletzung ihrer Menschenwürde sehen. Die beginnt erst dort, wo sie gezwungen werden, sich im Namen der "Menschenwürde" und der "Gleichberechtigung" von ihren Tüchern zu trennen.

3. Irrtum: Frauen werden gezwungen, den Schleier zu tragen

Es gibt ohne Zweifel Mädchen und Frauen, die gezwungen werden, sich zu verschleiern. Wie groß ihre Zahl ist, weiß niemand. Fest steht, daß rund ein Drittel der komplett verschleierten Frauen hierzulande von einer anderen Weltanschauung zum Islam konvertiert ist. Ein weiteres Drittel hat zwar muslimische Wurzeln, doch der Schleier war dort nicht bekannt, oftmals nicht einmal das Kopftuch. Diese Frauen sind meist unter 40, nicht selten ledig, durchaus emanzipiert - und tragen den Schleier freiwillig. Nicht wenige werden von Eltern oder Eheleuten unter Druck gesetzt, sich nicht zu verschleiern. Eine wachsende Zahl junger Mädchen und Frauen berichtet, daß es ihnen von Eltern oder Ehemann verboten wird, sie werden also gezwungen, sich nicht zu verschleiern. 

Wir sehen also, daß es tatsächlich Zwang in dieser Sache gibt. Auf beiden Seiten. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß auch in unserer vermeintlich freien Gesellschaft Mädchen und Frauen immer wieder unter Druck gesetzt oder gezwungen werden, sich in bestimmter Weise zu kleiden, zu schminken usw. Das beginnt in der Schule, wo ein nicht unerheblicher Druck auf junge Mädchen ausgeübt wird, das findet sich in den Familien, das geschieht durch Werbung, Medien, Musikindustrie, Stars und Sternchen usw. Bei der Kleidung freilich bleibt es nicht - wehe dem Mädchen, das zu dick ist, deren Schönheit Makel aufweist... 

Zwang gehört leider zur menschlichen Natur. 

Ein Schleierverbot jedenfalls ist nur eine weitere Form von Zwang und damit ein Verlust an Freiheit, sich selbstbestimmt zu entwickeln. Wir können nicht auf der einen Seite einen Zwang beklagen, der zur Verschleierung führt - und dann im gleichen Atemzug einen gegenteiligen Zwang etablieren.

4. Irrtum: Der Schleier steht für einen Islam, der mit unseren Werten nicht vereinbar ist

Wenn mit diesen Werten jene Dinge gemeint sind, von denen wir so sehr überzeugt sind, daß sie den kulturellen Errungenschaften aller anderen Länder, in denen ja bestenfalls "edle Wilde" leben, haushoch überlegen sind und allein die Bezeichnung "Zivilisation" verdienen, dann mag das möglicherweise zutreffen.

Allerdings gibt es weder den einen Islam, noch den einen Schleier. Mit dem Schleier ist nicht ein in sich geschlossener Satz von Werten verbunden.

Es gibt andererseits sicherlich Strömungen des Islam, die mit unseren Werten nicht vereinbar sind, und manche der komplett verschleierten Muslimas gehören zu diesen Strömungen, aber das ist kein Argument gegen den Schleier; denn es gibt in der  freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die unserer Gesellschaft zugrundeliegt, keinen Wertezwang. Niemand muß sich "unsere" Werte zu Eigen machen, wir müssen aber gegenseitig unsere Werte achten und respektieren und uns auf einen gemeinsamen Wertekonsens einigen, der in den "guten Sitten" und im deutschen Recht verfaßt ist. 

Der Schleier freilich verstößt nicht gegen die "guten Sitten" und auch nicht gegen das deutsche Recht. 

Werte letztlich sind Wandlungen unterworfen - und nicht von sich aus gut und nützlich. Werte gehören auf die Waagschale, Werte müssen kritisch reflektiert werden.

5. Irrtum: Der Schleier steht für Abgrenzung und Isolation

Im Moment sind es vor allem jene, die Schleierverbote fordern, die auf Abgrenzung und Isolation bestehen; denn sie erheben ja eine Forderung, die Frauen aus der Öffentlichkeit vertreibt und dazu bringt, die eigenen vier Wände nicht mehr zu verlassen. Zugleich führt die an Hexenjäger erinnernde Besessenheit vieler Befürworter eines Schleierverbotes dazu, daß die sich komplett verschleiernden Frauen verbittert werden und sich zurückziehen.

Wenn also Abgrenzung und Isolation, ist die Ursache nicht zuerst und nicht in erster Linie bei den verschleierten Frauen zu suchen, sondern bei uns.

6. Irrtum: Der Schleier fällt unter das Vermummungsverbot

Das ist schlicht nicht zutreffend. Das Vermummungsverbot ist im Versammlungsgesetz geregelt und läßt dort sogar Ausnahmen zu, unter die der Schleier regelmäßig fällt. 

Hinzu kommt, daß diese Behauptung dazu führt, daß komplett verschleierte Frauen kriminalisiert und unter einen Generalverdacht gestellt werden.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 14:42 Uhr
 
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