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Ich habe "Deutschland schafft sich ab" jetzt zu etwas mehr als der Hälfte durch. Das Buch liest sich m.E. sehr schwer; es setzt beim Lesen ein gewisses Fachwissen zu Themen wie Bildung und Migration voraus, das wohl nur die wenigsten Deutschen besitzen (mir fehlt es ganz offensichtlich), und es ist nicht gerade eine schriftstellerische Meisterleistung.
In der ersten Hälfte habe ich zweieinhalb Stellen ausgemacht, die ich persönlich schwierig finde, aber keinesfalls unmöglich oder gar verdammenswürdig. Vielleicht sind die ganz bösen Stellen in der zweiten Hälfte, die ich noch vor mir habe - aber ich rechne eigentlich nicht mehr damit. Auf jeden Fall atmet das Buch den Lebensgeist eines Menschen, dem die Leute in seinem Land alles anderre als egal sind - einschließlich der Migranten, der Muslime, derer, die eine Hartz-IV-Karriere kaum vermeiden können. Sarrazin listet viele Fehler auf, aber keinesfalls verurteilt er die Opfer. Er ist nicht xenophob. Akribisch listet er Probleme und deren Ursachen auf und schlägt Lösungen vor, über die man freilich geteilter Meinung sein kann.
Thilo Sarrazin ist keinesfalls ein Nazi, und ebenso wenig ist er islamophob. Zwischen Sarrazin und einem Geert Wilders etwa, den Wirrköpfen bei "Politrically Incorrect" & Co. usw. liegen Welten. Daß er von einer versammelten Richterschaft aus Politik, "Kampf gegen Rechts", Kirchen, Sozialindustrie, Bildungsindustrie und Migrationsindustrie so gnadenlos abgeurteilt wurde und immer die in solchen Fällen wohl unvermeidliche Nazikeule im Spiel war, hat wohl vor allem zwei Gründe.
Erstens wirft er denen, die ihn jetzt abgeurteilt haben, Versagen vor, Versagen auf der ganzen Linie. Versagen zum Schaden Deutschlands - seien es Deutschstämmige oder Bürger mit Migrationshintergrund, sei es die Mehrheitsgesellschaft oder seien es die Muslime, seien es bildungsnahe oder bildungsferne Menschen.
Sarrazin spielt sich in der "Opferindustrie", die bei uns so populär ist, als Konkurrent der etablierten Parteien auf, ihnen wirft er vor, bei der Hilfe für die Opfer auf ganzer Linie versagt zu haben. Ihnen, den Opfern, will er helfen - das freilich kann die auf ihr Monopol bedachte "Opferindustrie", die weithin wie ein religiöser Konzern vom Typ der "Wachturmgesellschaft" oder von Scientology agiert, nicht hinnehmen. Ja, die ganze Debatte hat Züge einer Hexenverfolgung, einer Inquisition, weil die ganze Industrie, die sich um die "Opfer" kümmert, darin eben etwas geradezu Religiöses sieht. Die Fürsorge für die Opfer ist eine Religion des postchristlichen Europas, und die Schamanen dieser Religion sind sehr eifersüchtig. Einer ist Gott, einer ist Herr - und der bekommt schließlich das ganze Geld, den Ruhm, die Anerkennung, die Macht.
Zweitens aber fürchten diejenigen, die Sarrazin & Co. verurteilen, die Empörung, die Wut, die Gewalt der Muslime. Diese Angst diktiert mittlerweile etliche Entscheidungen in Politik, Kirchen, Sozialindustrie, Bildungswesen, Medien, Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus usw. usf. Hätte Sarrazin etwa über evangelikale oder freikirchliche Christen geschrieben, über Zeugen Jehovas, über Neuapostolische, über wen auch immer - es hätte nicht diesen Aufstand gegeben, den es nur gab, weil Sarrazin immer wieder über Muslime schreibt - und man von muslimischer Seite Empörung, Wut, Gewalt fürchtet. Angst regiert in diesem Bereich (und nicht etwa Solidarität mit den Muslimen oder Respekt vor ihnen). Angst ötet Streitkultur.
Das freilich bedeutet dann wohl auch, daß man in bestimmten Kreisen in den Muslimen so etwas wie "edle Wilde" sieht, die sich nicht so recht in unsere "Zivilisation" hineinfinden. Das wiederum ist dann nichts anderes als eine Form der "Islamkritik" selbst ernannter Anwälte der zu ewigen Opfern verurteilten Muslimen, die letzten Endes fremdbestimmt werden.
Tatsächlich denke ich mittlerweile, daß Sarrazins Buch besser nicht erschienen wäre. Es ist im Prinzip, so weit ich das bisher beurteilen kann, ein gutes Buch mit allerdings vielen Schwächen und auch vielen Passagen, die man mehr sehr kritisch diskutieren muß - aber es ist vor allem zur falschen Zeit erschienen.
Ohne daß es Sarrazins Absicht wäre, spielt es dem neuen Totalitarismus, der militanten Islamophobie, in die Hände. Nicht umsonst ist es eine Bibel der Islamophoben geworden (während traditionelle Rechtsextreme und klassische Antisemiten es wohl nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würden). Und das kann es gerade deswegen, weil es so gut ist - inhaltlich und von den Fakten her weit besser etwa als die Bücher von Kirsten Heisig oder vor allem Alice Schwarzer, die in der Szene zwar auch Anerkennung finden, es aber nie zur Bibel der deutschen Islamophobie bringen werden.
Natürlich lesen die Islamophoben Sarrazins Buch gerade einmal ausschnittweise und blenden alles aus, was nicht in ihr Bild paßt (und da gibt es wirklich genug) - aber die von Sarrazin präsentierten Fakten werden zu den Mantren der Islamophobie.
Gäbe es die wachsende Bedrohung durch die Islamophobie nicht, würde ich das Buch als die richtige Lektüre bezeichnen, die man gelesen haben sollte, ob man seinen Thesen nun zustimmt oder nicht (ich stimme ihnen oft genug nicht zu, finde sie aber in der Regel zumindest bedenkenswert und diskussionswürdig, auch wenn sie selten erfrischend neu sind).
Es ist die Mischung von Sarrazins Buch und der wachsenden Bedrohung durch die Islamophobie, die hier eine Explosion befürchten läßt - wobei ich nach wie vor überzeugt bin, daß Sarrazin in keinster Weise islamophob ist. Aber in der Ätzlauge der Islamophobie wird Sarrazins Buch zu einer Gefahr. Hierfür kann man nicht Sarrazin die Schuld geben, dafür kann man ihn nicht verurteilen - damit täte man dem Mann unrecht.
Aber auch die Angst vor sich empörenden Muslimen, vor Wut und Gewalt aus diesen Kreisen ist Unrecht - sie tut der Mehrheit der Muslime unrecht. Sie verdammt die Gesamtheit der Migranten mit und zu oft sogar ohne muslimischem Hintergrund, Opfer einer angstgeleiteten Politik zu werden. Das wiederum dient allein der "Opferindustrie" - aber nicht wirklich den "Opfern".
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