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Evangelikalophobie vom Feinsten PDF Drucken E-Mail
Blog - Sonstiges
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 09:47 Uhr

Evangelikalophobie vom Feinsten findet sich diesmal nicht in der Süddeutschen Zeitung, sondern in Telepolis. In dem Artikel  In den Fängen der Evangelikalen von Peter Mühlbauer, der Jürgen Wolther alias "alionsonny", einen angeblichen "Aussteiger", interviewt, findet man alle Klischees und alle gängigen Falschinformationen über Evangelikale komprimiert.

Ein Paradestück religiösen Rassismus' und übelster Volksverhetzung.

So erfährt man bei Telepolis:

  • daß "bei den Evangelikalen !die jüngeren weiblichen Gemeindemitglieder ihren Charme ein(setzen), um gerade junge Männer in die Gemeinde zu ziehen"
  • daß alle Freikirchen durchaus als evangelikal bezeichnet werden können; daß "die meisten Freikirchen als zu den Evangelikalen gehörig bezeichnet werden können"
  • daß das "Hauptkennzeichen der evangelikalen Bewegung ist, dass die Bibel wörtlich genommen wird und möglichst keine Interpretation versucht wird"
  • daß "evangelikal heißt, die Bibel absolut wörtlich zu nehmen, wobei (...) oft bizarre Auslegungen der Bibel entstehen"
  • "da jeder, der wirklich an Jesus glaubt, also ihn als seinen Erlöser akzeptiert hat, selbst so etwas wie ein kleiner Jesus ist, kann wirklich Jeder - genug Glaube vorausgesetzt - durch Handauflegung auch schwerste Krankheiten heilen"
  • daß "die sogenannten Charismatiker und Pfingstler" als "Hauptströmungen der Evangelikalen in Deutschland" zu sehen sind
  • daß es bei Evangelikalen wohl üblich ist, daß Pastoren und leitende Mitarbeiter dank der herausgepreßten Spenden "Wasser predigen und Wein saufen", ein luxuriöses Leben führen usw.
  • daß es bei Evangelikalen wohl üblich ist, Kritik mit "monetären Zuwendungen" zu unterbinden
  • daß es bei Evangelikalen wohl üblich ist, schon Kinder massiv unter Druck zu setzen (etwa mit Angst vor der Hölle)
  • daß Evangelikale danach streben, fanatische, extremistische Gläubige zu sein, die nicht nur bereit sind, für ihren Glauben zu sterben, sondern auch zu töten
  • "wer einfach nur mehr oder weniger mitmacht, der bleibt im Gebetssaal und wird zum Beispiel nicht zum Pastor nach Hause eingeladen oder darf mit den Ältesten diskutieren. Dies ist jenen vorbehalten, die im Glauben voll aufgehen und das sonstige Leben komplett hinter sich gelassen haben"
  • daß "auf Missionstouren (...) die seelisch schwachen gesucht und (...) in eine grausame Abhängigkeit zur Gemeinde gebracht" werden
  • daß man evangelikale Pastoren und deren "Gehilfen" mit Drogendealern vergleichen muß
  • daß die Evangelikalen "Angst vor der Zukunft gezielt" einsetzen, "um Mitglieder vom Ausstieg abzuhalten - unbedingt"
  • "dass ein gutes Mitglied der Gemeinde sämtliche Freunde außerhalb der Gemeinde, also weltliche Menschen, aufgeben muss (...) dass von dieser Trennung auch die Familie betroffen ist"
  • daß die Evangelikalen bei ernsten Erkrankungen keinen Arzt aufsuchen: "Für einen 'wahren Gläubigen' gibt es keine Krankheit, die nicht durch Gebet, Handauflegen und das Vertreiben von Dämonen besiegt werden kann. Da die meisten Ärzte ja eh 'weltlich', also keine Wiedergeborenen sind, können diese wohl auch keine Krankheiten besiegen"
  • wenn "das stimmt, was in den Medien über Scientology behauptet wird, dann ist das, was ich in der evangelikalen Bewegung gesehen und erlebt habe, nicht nur damit zu vergleichen, sondern identisch. Es sind genau die selben Faktoren, die bei der Transformation des Anwärters vom Weltmenschen zum Evangelikalen zum Einsatz kommen"
  • "wenn man diese Transformation durchlaufen hat, ist man tatsächlich ein anderer Mensch. Und zwar einer, der zur heutigen menschlichen Gesellschaft außerhalb evangelikaler Gemeinden 100% inkompatibel ist"
  • daß "evangelikale Kirchenführer (...) für Tote mitverantwortlich" sind

Und natürlich: "Wer nicht 200% für die Gemeinde gab, hatte keine Chance hinter die Kulissen zu schauen". Das angeblich perfide Spiel können also nur wenige durchschauen. Damit kann dann jede Kritik an Wolthers und Mühlbauers Evangelikalophobie damit abgeschmettert werden, daß halt nicht jeder hinter die Kulissen schauen könne. Daß nicht jeder die Mißstände sieht, beweist die Existenz der Mißstände - eine bizarre Beweisführung.

Der Telepolis-Artikel ist in seiner Evangelikalophobie so extremistisch, daß sich etwa "Mission Gottesreich" schon fast als Kindergarten ausnimmt. Von der Evangelialophobie Mühlbachers und Wolthers könnten selbst die Macher von "Politically Incorrect" für ihre Islamophobie noch lernen - sie nehmen sich dagegen wie Greenhorns des Rassismus aus.

Auch zahlreiche Leser-Kommentare zu diesem Artikel gehen weit über das hinaus, was man an Rassismus und Volksverhetzung bei PI & Co. vorfindet.

Natürlich soll auch die andere Seite nicht unerwähnt bleiben - selbstverständlich gibt es Gemeindem am Rand des höchst heterogenen evangelikalen Spektrums, in denen Dinge geschehen, wie Telepolis sie als "typisch evangelikal" hinstrellt - und das nicht nur im charismatischen bzw. pfingstkirchlichen Raum, sondern auch im traditionell evangelikalen Raum. Ich schätze, daß rund 10-15 % der evangelikaken Christen derartige Erfahrungen gemacht haben und daß es in rund 5-10 % evangelikal geprägter Gemeinden zu schweren Fällen von Mißbrauch kommt - "geistlicher Mißbrauch" ebenso wie sexueller Mißbrauch (beides geht m.E. oftmals Hand in Hand einher und weist enorme Schnittmengen auf). Ich schätze, daß es in rund 10-20 % evangelikal geprägter Gemeinden Personen gibt, die mehr oder weniger heimlich geistlichen und/oder sexuellen Mißbrauch betreiben.

Allerdings ist Mißbrauch, sei er nun sexueller oder "geistlicher" Natur, alles andere als ein evangelikales Phänomen - oder auch nur auf das Christentum beschränkt. Mißbrauch dieser Art findet man auch in Sportvereinen, Chören, gemeinnützigen Einrichtungen z.B. der Jugendhilfe, diversen Jugendverbänden usw. usf. Wo Menschen Macht über andere bekommen, ist Mißbrauch selten weit entfernt.

Ich behaupte nicht, daß es in evangelikalen Kreisen weniger Mißbrauch, gleich welcher Art, gibt als anderswo. Möglicherweise ist hier die Verbreitung sogar etwas höher, weil der "ideale Umgang" oftmals dazu führt, daß man mehr wegschaut, weniger wahr haben will, "Gnade vor Recht" ergehen läßt usw. Man mag vieles einfach nicht glauben, weil es oft nicht zu dem Bild paßt, daß etwa Pastoren, Jugendkreisleiter usw. in den Köpfen der Gemeindemitglieder haben. Kann denn "böse" sein, wer so mitreißend predigt, wer die Jugendlichen so gut ansprechen kann?

Was Telepolis oben beschreibt, hat im Großen und Ganzen mit der evangelikalen Bewegung so viel und so wenig zu tun wie mit jeder anderen Bewegung auch. Und egal, wo so etwas geschieht - man darf es nicht pauschalisieren. Wer freilich durch Mißbrauch verletzt wird, neigt zur Pauschalisierung und zum Generalverdacht - doch spätestens Journalisten haben die Pflicht, dies zu hinterfragen, Differenzierungen hervorzubringen.

Wo das nicht geschieht, versagen Journalisten und ihre (Chef-) Redakteure - um so mehr, wenn es bewußt unterbleibt, um das Veröffentlichte besser in ein zu transportierendes Feindbild einfügen zu können.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 11:43 Uhr
 

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