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Der Zölibat - Wurzel allen Übels? PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 12. März 2010 um 09:48 Uhr

Nach einer aktuellen Umfrage sieht eine Mehrheit der Deutschen nicht nur den Zölibat als Ursache von Kindesmißbrauch und Kindesmißhandlungen in katholischen Einrichtungen, sondern ist auch für die Abschaffung.

Der Autor dieser Gedanken ist durchaus kein Freund des Pflichtzölibats, den es freilich nicht nur in der Römisch-Katholischen Kirche gibt, aber ich habe durchaus Zweifel an der gängigen Meinung, der Zölibat sei die Ursache allen Übels und müsse darum abgeschafft werden.

Soweit ich weiß, gibt es keine einzige wissenschaftlich fundierte Untersuchung, mit deren Daten und Analysen man die weit verbreitete Zölibatophobie untermauern könnte. Wer nur ein wenig nachdenkt, wird wohl selbst schnell merken, daß der Zölibat keinesfalls die Ursache etwa für eine Pädophilie sein kann; denn diese bildet sich spätestens mit 14 bis 16 Jahren, nicht erst, wenn jemand sich entscheidet, zölibatär zu leben, also deutlich später. Andererseits kann der Zölibat für jemanden, der vor seiner pädophilen oder homosexuellen oder sadomasochistischen oder was für einer Neigung auch immer fliehen will, als eine geeignete Möglichkeit erscheinen. Die Erfahrung zeigt aber, daß weit mehr Menschen vor einer ungewollten Neigung in eine Ehe fliehen als in den Zölibat. Andere fliehen in die Promiskuität (was nicht unbedingt mit der Flucht in eine Ehe kollidiert) oder wohin auch sonst.

Bei der ganzen Diskussion um Kindesmißbrauch blenden wir zu oft die Tatsache aus, daß die pädophilen Täter krank sind. Und wir heilen sie nicht, indem wir sie aus dem Zölibat in die Ehe überführen. Glaubt wirklich irgend jemand, daß ein Pädophiler seine Neigungen verliert, nur weil er nicht mehr ehelos lebt, sondern heiratet? Daß man das ganze Problem mit der Pädophilie löst, indem man die Zwangsehe einführt oder wenigstens alle Ehelosen unter dauerhafte Bewachung stellt, elektronische Fußfesseln inklusive?

Man sollte auch nicht vergessen, daß der Kindesmißbrauch sehr viel häufiger von Personen ausgeht, die in einer festen Beziehung leben als von Personen, die zölibatär leben. Schon hier sieht man, wie die Gleichsetzung "Zölibat = Kindesmißbrauch" zum Scheitern verurteilt ist.

Wer sich mit dem Phänomen des Kindesmißbrauchs in der islamischen Welt auseinandersetzt, der ahnt, daß wir hier eine nicht wirklich bessere Ausgangslage als in der katholischen Welt haben. Insider (wie z.B. Necla Kelek) berichten regelmäßig von Kindesmißhandlungen und eben auch vom Kindesmißbrauch nicht nur im familiären Umfeld, sondern auch im Umfeld von Koranschulen, Moscheen, islamischen Internaten usw., aber auch von einem Mantel der Scham, der zum Schweigen verurteilt. Das hat nicht mit dem Islam zu tun: In anderen Religionen, in denen die Ehe gerade auch der Priester und Vorbeter und Gurus usw. großgeschrieben wird, sieht es nicht anders aus.

Der Unterschied ist nur: Im Islam ist der Zölibat nicht nur nicht vorgesehen, sondern weithin verpönt; die Ehe ist das Ideal, gerade auch für die Imame und Islamgelehrten. Würden wir aber sehen, was sich unter dem Mantel der Scham abspielt, würden wir wohl für die Abschaffung der Ehe plädieren und die Einführung des Zöibats fordern.

Und auch der Protestantismus, der weder ein Pflichtzölibat kennt noch die Ehe vorschreibt, ist nicht frei von Kindesmißbrauch. Manche Untersuchungen legen nahe, daß es im evangelischen Bereich vergleichsweise mehr Gewalt gegen Kinder gibt als im katholischen Bereich.

Wir sehen: Der Zölibat ist nicht das Problem, das zu Kindesmißhandlungen oder gar Kindesmißbrauch führt.

Gewalt gegen Kinder hat tatsächlich sehr viel mit Macht zu tun - wer Macht über Kinder hat, wird diese dann auch ausüben wollen. Es sind neben inneren Schranken vor allem externe Kontrollinstanzen, die Kindesmißhandlungen und Kindesmißbrauch zu verhindern helfen. Versagen sie, dann ist es nicht die Frage, ob es zur Gewalt gegen Kinder kommt, sondern nur noch, wann es dazu kommt. Erst wenn der Täter seine Macht über die Kinder verliert, endet die Gewalt - und nicht etwa, wenn der Zölibat sein Ende findet.

Man mag vom Zölibat halten, was man will - in ihm die Wurzel alles Übels zu sehen, führt nicht weiter, schon gar nicht, wenn es keine wissenschaftlich fundierten Zahlen und Analysen geben, die dem Zölibat eine Verantwortung oder Schuld zuweisen.

Es bleiben noch diejenigen Pädophilen, die vor ihrer Neigung flüchten und glauben, im Zölibat einen Ausweg zu finden. Es ist wichtig, die Sinnlosigkeit eines solchen Ausweges nicht zu verschweigen, sondern publik zu machen. Aber für Pädophile, die vor ihrer gefürchteten Neigung fliehen, ist der Zölibat nicht der einzige Ausweg. Wie viele Pädophile sind denn schließlich verheiratet?

Das Problem ist der Gedanke, fliehen zu wollen, fliehen zu müssen, keinen anderen Ausweg zu haben. Wer vor seiner Neigung flieht, statt sich dieser Herausforderung zu stellen, der hat schon verloren - im Falle der Pädophilie haben freilich vor allem die Kinder verloren, die von einigen Pädophilen tatsächlich mißbraucht werden.

Die Neigungen von Pädophilen zu decken, ist natürlich kein Akt der Nächstenliebe. Sie brauchen Hilfe (natürlich ohne Hexenjagd), sie brauchen liebevolle und kompetente Ansprechpartner.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 18. März 2010 um 10:21 Uhr
 

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