|
Vor 25 Jahren, anno 1985, erschien das unter Fans wohl umstrittenste Album von Boney M. - "Eye Dance".
Die meisten Fans schätzen "Eye Dance" nicht sonderlich, und alle sind sich wohl darin einig, daß "Bang Bang Lulu", das dann sogar noch als (Maxi) Single erschien, das schlechteste Lied der Gruppe darstellt. Allerdings könnte auch das 2009 erschienene "Felicidad America (Obama - Obama)" für diesen Titel in Frage kommen.
1978 war das erfolgreichste Jahr für Boney M. - seien es die Singles "Rivers Of Babylon" oder "Mary's Boy Child" oder auch das Album "Nightflight To Venus", so schien es doch, daß nichts den Höhenflug der von Frank Farian produzierten Gruppe hätte aufhalten können. Zwar noch nicht in den USA, aber in Europa und im damaligen Ostblock waren Boney M. enorm populär.
1979 markierte dann den Anfang vom Ende. Die Welt wartete gespannt auf die neue Dekade, auf die 80er, und es sollte eine großartige Dekade werden, wenn es nach den Erwartungen ging. Und alles sollte neu sein. Die 1979 erschienenen Platten von Boney M. konnten dann nicht mehr an den Erfolg des Vorjahres anknüpfen, obwohl Farian und sein Team alles gaben, sei es für die Single "El Lute" oder für das Album "Oceans Of Fantasy". 1979 sah dann auch die ersten relativen Flops von Boney M., etwa "I'm Born Again".
1980 wurde dann zum Desaster für Boney M. In der Musik hatte die Disco-Zeit ihr abruptes Ende gefunden, und nach mehr oder weniger stark floppenden Singles erschien dann 1980 auch kein Album, trotz Ankündigungen.
1981 gab es einen Lichtblick - das Album "Boonoonoonoos" und die Single "We Kill The World" versagten nicht ganz, konnten aber bei weitem nicht an den Erfolg der ersten drei Jahre 1976-1978 anknüpfen. In der Folge wurde es still um Boney M., trotz einer Album-Ankündigung für 1983.
1984 erschien das Album "10.000 Lightyears", und hätte Farian nicht "Kalimba De Luna" nachgeschoben, wäre das Jahr 1984 wiederum relativ erfolglos gewesen. Kurz darauf erschien die bis bis heute letzte Hit-Single von Boney M. - "Happy Song".
Wäre das 1985 erschienene Album "Eye Dance" etwas mehr wie "Kalimba De Luna" und "Happy Song" gewesen, würde man heute wohl anders auf dieses Album schauen - und wäre es damals wohl auch erfolgreicher gewesen. "Eye Dance" aber präsentierte ein neues Boney M., das in Bezug auf die Hits der Disco-Ära und auch die letzten beiden Hits "Kalimba De Luna" und "Happy Song" geprägt ist durch eine äußerst merkwürdige Mischung von Kontinuität und Diskontinuität. "Eye Dance" knüpft einerseits an die Vergangenheit an, andererseits bricht es so drastisch damit, daß man ratlos vor diesem Projekt steht und nicht so recht weiß, was man davon halten soll. Das war vor 25 Jahren so, als dieses Album auf den Markt kam, und das ist heute so.
"Eye Dance" ist alles andere als ein Werk aus einem Guß, es wirkt zusammengestückelt. Ein roter Faden fehlt, musikalisch wie thematisch. Außer "Bang Bang Lulu" hat jeder Song für sich seinen Reiz, aber das Ganze ist weit weniger als die Summe seiner Teile, in der Gesamtschau verliert jeder Titel seine individuellen Qualitäten. Das war bei allen vorangegangenen Alben (selbst bei der Doppel-Maxi "Boney M. For Dancin'") noch ganz anders, da war das ganze Album mehr als die Summe seiner Teile, und jedes Lied profitierte von seinen jeweiligen Gefährten.
Immerhin - nimmt man jedes Lied für sich, hat "Eye Dance" seine Qualitäten, mit Ausnahme von "Bang Bang Lulu" (das auch das einzige Lied ist, das Lead-Sängerin Liz Mitchell bis heute auf keinem Konzert zum Besten gibt und auch sonst nicht singen mag).
"Young, Free And Single" ist ziemlich witzig, aber ein Beispiel für Diskontinuität und hat mit Boney M. nicht wirklich viel zu tun.
"Todos Buenos" ist recht simpel produziert, hat aber dennoch seinen Reiz, ist jedoch ein weiteres Beispiel für Diskontinuität. Etwas aufwendiger arrangiert und produziert, hätte dieser Titel deutlich gewinnen können.
"Give It Up" paßt weder in die neuen 80er, noch paßt es zu Boney M. Zwei oder drei Jahre vorher hätte es vielleicht erfolgreicher sein können, aber Mitte der 80er war es fehl am Platz.
"Sample City" ist ein musikalisches Remake älterer Titel (etwa von Farians anderer Top-Gruppe aus den 70ern, "Eruption"), aber es wird nicht deutlich genug, um das Lied interessant genug zu machen, und es ist mehr Diskontinuität denn Kontinuität. Für sich genommen und wenn man die Anklänge vor allem an "I Can't Stand The Rain" erkennt, ein nettes Lied.
"My Chérie Amour" ist meiner persönlichen Meinung nach das beste Lied - noch besser in der Maxi-Version, die allerdings kommerziell floppte. Gerade die Maxi-Version ist ein Beispiel für Kontinuität - so mußte Boney M. in den 80ern klingen, gleichzeitig vertraut und doch neu genug.
Der Titel-Song "Eye Dance" dagegen ist dann wieder ein Beispiel für Diskontinuität.
"Got Cha Loco" war da schon besser gelungen und kann wieder eher unter "Kontinuität" eingeordnet werden.
"Dreadlock Holiday" ist der zweite Lichtblick des Albums, eine rundum gelungene Produktion, die Boney M. in die 80er holte.
"Chica Da Silva" ist der dritte und zugleich letzte Lichtblick des Albums, eine schwere Ballade über eine Liebe in Kriegszeiten. Sie knüpft an das 81er-Album "Boonoonoonoos" an, ist aber zum Teil etwas zu gequält fröhlich, weswegen es nicht zu meinem Lieblingslied auf diesem Album reicht.
Über "Bang Bang Lulu" sei schließlich gnädigerweise der Mantel des Schweigens gehüllt (was vielleicht auch Farian dachte, als er dieses Lied auf der Single-Auskoppelung nicht mit einem "Produced By Frank Farian" zierte, sondern sein Tontechniker Bernd Berwanger seinen Namen dafür hergeben mußte).
Alles in allem ist mit "Eye Dance" vor 25 Jahren ein Album erschienen, das einen merkwürdigen Nachgeschmack zurückläßt. Das ein Jahr vorher erschienene "10.000 Lightyears" wäre als letztes Studioalbum von Boney M. besser in Erinnerung geblieben, und selbst das Sampler-Album "Kalimba De Luna" aus dem gleichen Jahr macht einen besseren Eindruck.
Ein Fan von Boney M. wird "Eye Dance" nicht missen wollen - und sich doch jedes Mal, wenn er dieses Album hört, daran stoßen. Die Fans fühlen sich und ihre Stars von diesem Album verraten - vielleicht auch gerade deswegen, weil es Anklänge an die "gute alte Zeit" gibt, die dann doch nicht zum Tragen kamen.
|
Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß Ihr Kommentar erst vom Webmaster freigeschaltet werden muß, um unerwünschte Werbung zu verhindern. Die Freischaltung erfolgt so schnell wie möglich.