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Kein Burkaverbot im Internet PDF Drucken E-Mail
Blog - Sonstiges
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 08. August 2011 um 12:28 Uhr

Bundesinnendingsbums Hans-Peter Friedrich (CSU) möchte dem Internet wohl am liebsten ein Burkaverbot aufzwingen - niemand solle dort anonym schreiben.

Erwartungsgemäß findet das niemand besonders gut - islamophobe Webseiten etwa haben Schaum auf den Mund. Sehen sich die Macher von Politically Incorrect & Co. doch von fösen Beinden bedroht, die ihnen angeblich nach dem Leben trachten. In Wirklichkeit will man sich natürlich vor einer möglichen Strafverfolgung schützen - darum befinden sich die Server ja auch oft genug im Ausland.

Ein Burkaverbot im Internet - mit PI & Co. nicht zu machen, wer etwa gegen die Burka hetzt, möchte das schließlich gerne anonym tun, unter einer virtuellen Burka. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder jeden identifizieren könnte?

Aus anderen Gründen als PI & Co. bin ich auch gegen ein Burkaverbot fürs Internet. Dabei bin ich selbst überall, wo ich im Internet aktiv bin, zweifelsfrei zu identifizieren (allerdings gibt es auch mir untergeschobene Inhalte im Internet).

Meinen Namen zu verwenden - das bedeutet für mich, daß ich hinter meinen Beiträgen stehe. Es erleichtert anderen eine Begegenung mit meinen Gedanken und eine Entgegnung, einen Dialog. Die Verwendung des richtigen Namens ermöglicht es anderen, einen Kontext herzustellen, ein nicht anonymer Beitrag im Inhalt steht in Verbindung mit anderen Inhalten derselben Person, meist über die Grenzen einer Webseite, eines Diskussionsforums, eines Chats hinweg.

Sich im Internet zu erkennen zu geben stellt ein besonderes Merkmal dar, das ich als "empfehlenswert" betrachte, aber nicht zur "Pflicht" machen möchte.

Es gibt auch Menschen, für die es tatsächlich gefährlich wäre, sich zu erkennen zu geben. Und da denke ich nicht an Haßprediger und Volksverhetzer rassistischen Hintergrundes, sondern beispielsweise an ehemalige Muslime, die manchmal von ihrer Familie (oder ihrem früheren Wirkungskreis) bedroht werden. An Aussteiger aus der Nazi-Szene. Auch verfolgen manche totalitäre Regimes ihre Gegner sogar im Ausland. Auch für Homosexuelle ist die Verwendung eines Pseudonyms oft sinnvoll.

Neben denen, für die es gefährlich ist, ihren richtigen Namen zu verwenden, gibt es auch die, für die es "nur" unangenehm wäre, wenn ihre Äußerungen im Internet mit ihrem richtigen Namen verknüpft werden. Dazu können Prominente gehören, Frauen, die eine Vergewaltigung überlebt haben usw. Manchen Menschen droht Diskriminierung, wenn ihr richtiger Name mit ihrer religiösen Einstellung, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder Krankheit usw. verknüpft wird.

Tatsächlich ist es so, daß nur ein kleiner Teil der unter Pseudonym veröffentlichten Inhalte Haßpredigten, Volksverhetzung, Aufrufe zu Strataten, rassistische Äußerungen usw. sind, die gegen geltendes Recht verstoßen. Die meisten anonymen Autoren haben einen guten Grund, nicht ihren richtigen Namen zu verwenden.

Es bleibt noch der Hinweis, daß die Verwendung echter Namen für Werbetreibende eine Goldgrube ist - und billiger als etwa Rabattsysteme. Echte Namen im Internet, verbunden mit Bildern der betreffenden Person, Hinweisen auf Wohnort und Beruf - ein Paradies für alle, die etwas verkaufen wollen.

Technisch betrachtet ist die Forderung nach einer Identifizierungspflicht im Internet allerdings unglaublich naiv. Sie durchzusetzen würde zuerst einmal bedeuten, die Internet-Benutzer in Deutschland vom Rest der Welt abzuschneiden (schließlich könnte man ein solches Gesetz nur in Deutschland, vielleicht noch in der EU zur Geltung bringen) - und von den deutschen Benutzern Unmengen an Daten zu sammeln. Will man etwa jede Tastatur mit einem Fingerabdruck-Scanner versehen, damit jeder Text eindeutig zu identifizieren ist? Will man externe Datenträger verbieten, damit nicht etwa jemand einen Text ins Ausland schmuggelt, um ihn dort anonym zu veröffentlichen? Will man jedes Bild auf etwaige versteckte Inhalte überprüfen, damit nicht etwa anonyme Botschaften über Flickr & Co. geschmuggelt werden? Auch MP3-Dateien, PDF-Dokumente usw. könnten verwendet werden, um Texte zu verstecken und anonym zu veröffentlichen.

Von den Menschenrechten her müssen wir die Möglichkeit eines anonymen Zugangs zum Internet garantieren. Das gebietet schon der Datenschutz, das gebieten aber auch die Meinungsfreiheit und die Versammlungsfreiheit, die natürlich auch in einer virtuellen Öffentlichkeit gilt.

Das grundlegende Problem im Internet ist nicht ein Zuviel an "bösen" Inhalten - sondern ein Mangel an darauf sachlich und fair antwortenden Inhalten. Die häufigste Antwort auf die Islamkritik etwa ist die Dämonisierung der Islamkritiker, nicht aber eine intellektuell überzeugende Auseinandersetzung mit ihren meist kruden Argumenten und eine angemessende Apologetik.

Wenn es um Internet-Kriminalität geht, würde ich die Islamophobie auch nicht zur größten anzunehmenden Katastrophe erklären. Die wirklichen Katastrophen spielen sich nämlich anderswo ab.

Auch im Bereich der Islamophobie sind entsprechende Blogger und deren "Fans" mit ihren Kommentaren nicht das größte Problem - die wirklich schlimmen Dinge spielen sich fernab der Öffentlichkeit ab, in privaten Foren, geschlossenen Benutzerkreisen. Die Welt von Politically Incorrect etwa beschränkt sich nicht allein auf das Blog - diese Welt ist ein Multiversum mit etlichen Verbindungen zu Parallelwelten.

Auch ohne islamkritische Seiten im Internet hätte Anders Behring Breivik in Norwegen gemordet - und auch eine Impressumspflicht für Blogger hätte nicht einen seiner Morde verhindert. Viele seiner unfreiwilligen und oft einseitig interpretierten Ideengeber haben ja gerade nicht anonym veröffentlicht, sondern sich zu erkennen gegeben.

Da wir gerade vom Terror Breiviks sprechen: Es ist mehr als infam, wenn man diesen Anschlag instrumentalisiert, um wieder einmal "Sicherheitsmaßnahmen" zu fordern, mit denen grundlegende Freiheiten eingeschränkt werden sollen.

Auch jetzt schon ist eine Strafverfolgung im Hinblick auf entsprechende Inhalte möglich. Es ist ja nicht so, als seien die Ermittlungsbehörden machtlos. Eine "Ausweispflicht" im Internet würde deren Arbeit nicht erleichtern, sondern eher erschweren, weil dann nämlich ein Großteil der Kräfte gebunden wäre, um diejenigen zu identifizieren, die sich nicht zu erkennen geben und damit gegen Gesetze verstoßen würden, ohne wirklich kriminell zu sein.

Die "Burka" muß Internet-Benutzern erlaubt bleiben, jeder muß selbst entscheiden können, ob er sich zu erkennen gibt oder nicht. Jeder muß frei entscheiden können, ob er seine Blog-Einträge, seine Kommentare, seine Diskussionseinträge usw.unter seinem richtigen Namen oder unter einem Pseudonym veröffentlicht.

Wer unter seinem richtigen Namen veröffentlicht, der denkt möglicherweise mehr darüber nach, ob er seinen Beitrag wirklich veröffentlichen will - und was er schreibt, wie er sich äußert. Das bedeutet nicht, daß anonyme Beiräge immer schlecht sind (zumal manche Pseudonyme längst so etwas wie Markenzeichen ihrer Besitzer darstellen) - aber die Gefahr ist doch größer, daß man unter einem Pseudonym etwas schreibt, das man unter seinem richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Die Verwendung des richtigen Namens zwingt einen Verfasser eher, sich diszipliniert zu verhalten.

P.S.: Natürlich kann sich jetzt noch einmal jeder Leser, der etwa aus Sicherheitsgründen ein Burkaverbot für muslimische Frauen befürwortet, aber die "virtuelle Burka" fürs Internet fordert, überlegen, ob man sich da nicht widerspricht. Ich denke da an die meist tief verschleiert, sprich anonym auftretenden "Islamkritiker" von Politically Incorrect & Co. Wer die jederzeitige Identifizierbarkeit in der Öffentlichkeit fordert, kann schlecht in der virtuellen Öffentlichkeit des Internet die Anonymität befürworten.

P.P.S: Ja, der Vergleich zwischen der "Burka" und der Anonymität im Internet hinkt - kein Schleier muslimischer Frauen ist tatsächlich so "gesichtslos" wie ein anonymer Inhalt im Internet. Der meist verwendete Niqab muslimischer Frauen etwa weist meist einen Schlitz für die Augen auf - doch anonyme Inhalte im Internet erlauben es nicht, dem Verfasser in die Augen zu sehen. Hinzu kommt, daß der Schleier muslimischer Frauen ja dort abgenommen wird, wo etwa Frauen unter sich sind. Der Schleier will nicht die Identität der Frau verbergen (zum Feststellen der Identität lüften die allermeisten Frauen ihren Schleier), ist darum auch keine Vermummung im üblichen Sinne, sondern entreißt sie dem visuellen Zugriff der Öffentlichkeit. Das Gegenstück zum Schleier ist also eigentlich nicht der anonyme Beitrag, der im Internet für alle sichtbar wird, sondern das Schweigen auf öffentlich zugänglichen Seiten des Internets, während man nur mit bestimmten Personen in geschlossenen Benutzerkreisen kommuniziert.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. August 2011 um 09:09 Uhr
 

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