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Eine besondere Stilrichtung der elektronischen Bildbearbeitung ist das Erstellen von Fake-Miniaturen - Aufnahmen ins Lebensgröße werden so überarbeitet, daß sie aussehen, als habe man eine Modelllandschaft fotografiert.
Beispiele hierfür findet man etwa in meiner Galerie oder in meinem Flickr-Fotostream. Man bezeichnet diese Art der Verfremdung eines Fotos auch als "Tilt-Shift-Effekt". Zentrales Element ist die reduzierte Tiefenschärfe, die man auf einen horizontalen Bereich des Bildes anwendet. Darüber hinaus werden die Farben so verändert, daß die Motive aus Plastik zu bestehen scheinen. Mit etwas künstlerischer Begabung erreicht man so ein Bild, das nach einer echten Miniatur aussieht - als habe man eine echte Szene im Modell nachgestellt.
Wer selbst damit experimentieren möchte, kann dafür den GIMP und die folgende kleine Anleitung verwenden.
Das erste, was man benötigt, ist ein brauchbares Bild. Es sollte eine Szene darstellen, wie man sie auch auf einer Modellbahn finden könnte - und sinnvollerweise sollte die Szene von schräg oben fotografiert worden sein (etwa von einem Turm, einem Hügel...). Das Bild sollte eher hell, aber nicht überbelichtet sein. Die Brennweite sollte nicht zu groß sein, damit möglichst viele Elemente zu sehen sind, und zwecks großer Tiefenschärfe sollte die Blende nicht zu groß gewählt sein, also Blende 1:8 oder kleiner.
In diesem Bild benötigt man nun wenigstens ein Element, das später scharf dargestellt sein soll. Dazu wird man einen horizontalen Bereich definieren, der scharf sein wird - alles darunter und darüber wird unscharf sein. Alles in diesem scharf darzustellenden Bereich muß etwa gleich weit weg sein - ein Flaggenmast oder eine Straßenlampe etwa, die näher dran ist oder weiter weg, darf nicht von oben oder unten her in diesen Bereich hineinragen. Auch sollte kein Teil des Elements, das man scharf darstellen möchte, zu weit nach oben oder unten ragen, damit es nicht später aus dem scharf dargestellten Bereich hinausfällt - der Mast eines Schiffes oder das Seitenleitwerk eines Flugzeugs etwa sind Kandidaten für ein solches Problem.
Das ausgewählte Bild öffnet man nun im GIMP. Hier nimmt man eine erste Bearbeitung vor: Tonwertkorrektur, leichte Erhöhung des Kontrastes, bei Bedarf zuschneiden, Schärfen z.B. per Unschärfemaske (ich habe diese Schritte im digiKam durchgeführt, der von mir bevorzugten Bilderverwaltung).

So wie im Screen-Shot oben sieht das Ursprungsbild im GIMP aus - es handelt sich um eine Aufnahme vom Stuttgarter Flughafen. Ich möchte den kleinen Transporter links auf etwa einem Drittel Bildhöhe scharfstellen, während alles darunter und darüber unscharf sein soll.
Als ersten Schritt schaltet man via "Auswahl - Schnellmaske umschalten" die Schnellmaskierung ein. Ein rötlicher Schleier legt sich daraufhin über das Bild.

Als zweiten Schritt aktiviert man das Farbverlaufswerkzeug. Als Vordergrundfarbe benötigt man schwarz, für den Hintergrund weiß. Die Form des Verlaufs muß bi-linear sein.
Nun zieht man von der Mitte des Bereiches, der später scharf dargestellt werden soll, einen Farbverlauf nach oben oder unten - hält man dabei die STRG-Taste gedrückt, wird der Farbverlauf gerade.
Die Höhe des Farbverlaufs bestimmt, welche Höhe der scharf dargestellte Bereich später haben wird. Hier muß man ein wenig experimentieren.
Man darf die Auswahl weder zu groß noch zu klein erstellen - und darf auch nicht vergessen, daß durch den Farbverlauf eine Auswahl mit weichen Kanten entsteht - also der letztlich scharfe Bereich kleiner ausfallen wird als die Auswahl.
Man kann auch mit schrägen Farbverläufen experimentieren, mit einem runden Farbverlauf - hier ist Fantasie und Risiko gefragt. Erlaubt ist, was letzten Endes gefällt.
Ist man mit der Höhe zufrieden, schaltet man die Schnellmaskierung wieder ab und sieht nun die erstellte Auswahl (verwendet man anstelle des GIMPs eine Software, die keine Schnellmaske kennt, muß man mit einer Ebenenmaske arbeiten - aber auch dort verwendet man einen bi-linearen Farbverlauf).
Als dritter Schritt ist der Filter zum Weichzeichnen aufzurufen - hierfür verwende man den "Gaußschen Weichzeichner" aus "Filter - Weichzeichnen".

Mit dem Wert für den Gaußschen Weichzeichner muß man experimentieren - er hängt von der Größe des Bildes ab, aber auch vom persönlichen Geschmack. Ein Radius von 15 - 25 ist meistens ideal, es können aber auch 35 oder mehr sein.
Der Weichzeichner erzeugt nun eine sehr begrenzte Tiefenschärfe im Bild - nur ein sehr kleiner Bereich wird scharf dargestellt, der Rest wird schnell unscharf.
Der folgende Schritt ist optional aber empfehlenswert: Die Auswahl invertieren und aus dem Menü "Farben" den Dialog "Helligkeit / Kontrast" aufrufen. Damit wird der Kontrast des scharf dargestellten Bildteiles etwas erhöht (man kann auch das Kurven-Werkzeug benutzen und eine sanfte S-Kurve erzeugen).
Zuletzt wird auf jeden Fall die Auswahl aufgelöst, da wir ab jetzt mit dem ganzen Bild arbeiten und nicht nur mit einer Auswahl.

Als vierten Schritt ruft man aus dem Menü "Farben" das Kurven-Werkzeug auf. In diesem Werkzeug "faßt" man die Kurve etwa in der Mitte an und zieht sie etwas nach links oben. Wie weit, muß man ausprobieren.

Über das Manü "Farben" ruft man als fünften Schritt das Werkzeug "Farbton / Sättigung" auf, um die Sättigung zu erhöhen. Auch hier muß man durch ausprobieren herausfinden, wie stark das Bild nachgesättigt werden muß, um eher wie ein Plastikmodell auszusehen.

Zuletzt erhöht man als sechsten Schritt noch einmal den Kontrast - auch hier gilt wieder, daß man den passenden Wert durch Ausprobieren herausfindet (auch hier kann das Kurvenwerkzeug gute Dienste leisten).
Sobald das Bild wie "quietschiger Kunststoff" aussieht, kann man das Bild abspeichern. Es sieht dann möglicherweise so aus:

Hat man rein Ausgangsbild, bei dem Elemente aus dem scharf darzustellenden Bereich nach oben oder unten in den unscharfen Bereich hinausfallen oder aber Elemente in den scharfen Bereich hineinragen, so kann man das selten so korrigieren, daß es hinterher gut aussieht. Einen Versuch kann man dennoch wagen.
Ich setze voraus, daß Sie wissen, wie man mit Ebenenmasken umgeht - eine Erklärung folgt an dieser Stelle nicht, nur eine grobe Wegangabe, um zum Ziel zu gelangen. Nur so viel sei gesagt: Ich verwende zum Maskieren einen weichen Pinsel.
Zuerst erstellt man zwei Duplikate der Hintergrundebene des noch nicht umgerwandelten Bildes. Auf der obersten Ebene schaltet man die Schnellmaske an und erzeugt über den Farbverlauf und den Gaußschen Weichzeichner den Schärfebereich, geht also bis zum oben dargestellten dritten Schritt.
Vor dem vierten Schritt folgt dann aber die Korrrektur der Tiefenschärfe.
Hierzu blendet man die obere, bearbeitete Ebene aus und arbeitet auf der zweiten Ebene weiter. Diese wird mit dem Gaußschen Weichzeichner komplett weichgezeichnet (gleiche Einstellungen für den Radius wie oben).
Nun blendet man die oberste Ebene wieder ein und weist ihr eine Ebenenmaske zu. Über diese korrigiert man die fälschlich scharf dargestellten Bereiche der obersten Ebene, indem man sie durch weichgezeichnete Bereiche der darunter liegenden Ebene ersetzt.
Ist dieser Schritt fertig, wendet man die Ebenenmaske an und vereint die oberste Ebene mit der darunter liegenden.
Für den nächsten Schritt erhöht man ggf. den Kontrast der nun oben liegenden Ebene ein wenig (analog zum optionalen Erhöhen des Kontrasts im dritten Schritt) und weist ihr eine Ebenenmaske zu. Über diese korrigiert man die fälschlich unscharf dargestellten Elemente der oberen Ebene, indem man sie durch scharfe Bereiche der darunter liegenden (unbearbeiteten) Ebene ersetzt.
Ist dieser Schritt fertig, wendet man wiederum die Ebenemmaske an und vereint die obere Ebene mit der unteren. Nun hat man nur noch eine Ebene.
Durch diese Bearbeitungen kann es zu Fehlern am Übergang von Schärfe zu Unschärfe kommen. Hier kann man mit dem Verwischen-Werkzeug eine Reparatur versuchen.
Ist man damit fertig, geht es mit dem vierten Schritt der eigentlichen Anleitung weiter - Kurve anpassen, Sättigung erhöhen, Kontrast erhöhen.
Ein so bearbeitetes Bild könnte dann so aussehen:

Bei dieser Miniaturisierung der Boeing 737-800 "D-ATUC" der TUIfly mit DB-Regio-Lackierung als "DB Air Two" auf dem Stuttgarter Flughafen habe ich als Mitte des scharfen Bereiches das Vorderrad ausgwählt. Danach habe ich das Seitenleitwerk und den oberen Teil des Rumpfes - ursprüpnglich weichgezeichnet - scharf gestellt und die Flügelspitze der Tragfläche weichgezeichnet.
Wer genau hinsieht, erkennt Bildfehler, die bei der Korrektur entstanden sind - damit wird man sich arrangieren müssen. Wenn man beim Arbeiten mit den Ebenenmasken die Deckkraft des Pinsels an den Übergängen reduziert, kann man die Fehler verringern.
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