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Daß es eine Islamophobie in Europa gibt, ist unumstritten - aber ich denke, es handelt sich dabei nur um einen Aspekt einer viel weiter verbreiteten Phobia, einer "Abrahamaphobie", die sich als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen die drei "abrahamitischen" Religionen Judentum, Christentum und Islam wendet.
Eigentlich mag ich den Begriff bzw. die Vorstellung der "abrahamitischen Religionen" nicht. Soweit es aber eine Entwicklung im postmodernen (und postchristlichen) Europa gibt, die sich vor allem gegen Juden, Christen und Muslime wendet, ist die Verknüpfung dieses Begriffs mit dem einer Phobie vielleicht gar nicht so verkehrt. Man könnte freilich auch von einer "Monotheistophobie" sprechen, einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gegen die Anhänger der drei großen monotheistischen Religionen.
Ein Aspekt dieser Menschenfeindlichkeit besteht darin, daß man zuerst einmal eine gute Religion erfunden hat - als Person greifbar wird sie in dem Dalai Lama, zu dem ich freilich nichts sagen werde, ebenso wenig zu der merkwürdigen europäischen Verehrung dieses Mannes und seiner Religion, dem tibetanischen Buddhismus.
Daneben gibt es dann die "guten" Formen der drei monotheistischen Religionen: Ein eher linkes, zur moralischen Belehrung Israels geeignetes Judentum, ein brav in seinem stillen Kämmerlein hockendes Christentum und einen "Euro-Islam", bei dem etwa der Schleier allenfalls ein exotisches Accessoir für Bauchtänzerinnen ist. Sie aller haben etwas vom Dalai Lama, sind allerdings in der Öffentlichkeit zurückhaltender (außer in ihnen jeweils zugestandenen Nischen).
Darüber hinaus hat man uns erklärt, daß all das, was die real existierenden Religionen so tun und lassen - bei den Juden etwa der Zionismus, bei den Christen beispielsweise der Kampf für das Leben, bei den Muslimen unter anderem der Jihad nichts mit der jeweils wahren Religion zu tun habe, sondern je und je einen Mißbrauch der wahren Religion darstelle.
"Was Judentum, was Christentum, was Islam ist, bestimme ich." Das jedenfalls ist die Überzeugung des postmodernen Europas, und vor allem zionistische Juden, missionarische, evangelikale bzw. freikirchliche Christen und konservative Muslime haben mit der postmodernen Definition der Religionen nichts zu tun, und sie abzulehnen, richte sich also nicht eigentlich gegen die Religionen, sondern nur gegen deren Mißbrauch.
Hierbei sind die Grenzen, was denn nun gut sei und was böse, nicht ein für allemal festgelegt sind. Was zur wahren Religion gehört und was zur mißbräuchlichen Form derselben, das wird regelmäßig neu definiert - aber vor allem wird das, was zum Mißbrauch, zum Bösen gerechnet werden muß, immer und immer größer.
Auf jeden Fall kann nun jeder Europäer, der etwas gegen Israel, Evangelikale, Freikirchler, Niqaabis usw. usf. hat, sagen, er habe ja nichts gegen das Judentum, gegen das Christentum, gegen den Islam, ja, er habe ja sogar Freunde unter den Juden, Christen und Muslimen - er habe aber etwas gegen den Mißbrauch. Und was Mißbrauch sei, das liegt doch je und je auf der Hand, nicht wahr?
Man hat die gute Religion erfunden, das gute Judentum, das gute Christentum, den guten Islam - und zwar folgt kaum ein Jude, Christ oder Muslim dem jeweiligen Weg, und die Zahl derer, die es doch tun, wird aufgrund sich verschiebender Definitionen immer geringer - wird allerdings nie ganz auf Null gehen, weil man ein paar Alibi-Monotheisten als Beweis für die jeweilige Definition braucht -, doch alle jene, die dem jeweiligen Strohmann nicht folgen, sind halt die bösen Juden, die bösen Christen, die bösen Muslime, die ihre jeweilige Religion falsch verstanden haben.
Die 2010er könnten als das Jahrzehnt in die europäische Geschichte eingehen, in der gerade Anhänger der monotheistischen Religionen zum massentauglichen Feindbild werden, so sie nicht bereit sind, sich dem Zeitgeist eines postmodernen, pluralistischen Europas zu fügen.
Das Schweizer Nein zum Minarett-Bau zu Beginn des Kirchenjahres 2010 und damit zu Beginn dieser neuen Dekade ist, fürchte ich, der Startschuß zu einer neuen Spirale der Gewalt gegen Personen, die aufgrund bestimmter tatsächlicher oder vermuteter Merkmale einer bestimmten Gruppe zugeordnet werden.
Bisher trifft die Feinschaft jeweils nur bestimmte Elemente aus jeder dieser drei Religionen - die Konservativen bei den Muslimen, die Evangelikalen bei den Christen und die Zionisten bei den Juden -, aber ich fürchte, das wird auf Dauer so nicht bleiben. Nach und nach wird die Definition der "guten Religion" sich so ändern, daß immer weniger Juden, Christen oder Muslime dazu gehören.
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