|
Wir haben am Donnerstag vergangener Woche wieder einmal den Heidelberger Tierpark besucht - und meine bessere Hälfte war freilich komplett verschleiert, allerdings dieses Mal ein "fotofreundliches Outfit", bei dem sich Trageriemen der Kamera und der Fotorucksack meiner Frau nicht mit ihrem Schleier verheddern.
Bahn- und Busfahrten sowie der Aufenthalt im Zoo liefen weitgehend ohne größere Schwierigkeiten ab - nur ein Neonazi-Pärchen ist extrem negativ aufgefallen. Genau genommen waren es "nationale Autonome", insbesondere der Mann. Seine Begleiterin war etwas weniger "autonom" unterwegs, aber beide machten keinen Hehl aus ihrer xenophoben, rassistischen Haltung. Sie haben aber auch jedes Klischee, das man über Nazis haben kann, bedient.
Von dem feinen Pärchen abgesehen, wurde meine Frau trotz vollständiger Verschleierung in Ruhe gelassen - wenn man von den eindeutigen Avancen Henrys absieht. Henry ist ein Schimpansenmann, der auf Frauen in Schwarz steht - und ganz besonders auf "schwarze bewegliche Objekte".
Wie bei jedem unserer Besuche bei ihm, war sein vom Anblick meiner Frau ausgelöstes Verhalten absolut nicht jugendfrei. Henry ist allerdings nicht unter Schimpansen aufgewachsen, sondern verbrachte viele Jahre seines Lebens in einem Labor als Versuchstier, bis er in den Heidelberger Zoo kam. Er erkennt seine Artgenossinnen nicht als Sexualpartnerinnen, weil er sich wohl selbst für einen Menschen hält. Oder auch die Menschen für Schimpansen - das ist nicht so ganz klar. Jedenfalls ordet er seine vier Haremsdamen einer anderen Art zu, und viel mehr als Groomen (Fellpflege, "Lausen") ist da nicht drin. Die für ihn wirklich interessanten Frauen befinden sich auf der anderen Seite des Geheges, und wenn er ein besonders begehrenswertes Exemplar entdeckt, verhält er sich an der Glasscheibe wie bei einer Peep-Show...
Wie gesagt, ansonsten wurden wir mehr oder weniger nicht beachtet (daß geguckt wird, ist normal und fällt für mich nicht unter "Beachtung" - der Niqab ist nun einmal ein immer noch recht seltener Anblick hierzulande). Böse Blicke oder Kommentare habe ich jedenfalls nicht mitbekommen. Das Personal war gewohnt freundlich und nett.
Ach ja, in der Galerie finden sich schon ein paar Bilder, die ich im Tierpark aufgenommen habe, und es kommen in den nächsten Tagen noch ein paar dazu.
Sehr viel problematischer war allerdings ein Erlebnis zu Beginn unseres Ausflugs am Stuttgarter Hauptbahnhof, der jedoch gar nichts mit dem Schleier zu tun hatte. Ohne zuerst bewußt darauf zu achten, bekamen wir mit, daß ein Mann eine Frau anfaßte und festhielt und ihr einen innigen Kuß auf den Mund gab. Wir haben das zuerst gar nicht als Problem wahrgenommen - ein Mann küßt seine Freundin oder Frau, der es zwar nicht wirklich recht ist (nicht jeder mag das in der Öffentlichkeit oder nach einem Streit oder was sonst...), die sich aber weder verbal noch sonst wie wehrt.
Erst im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob die ganze Aktion eine sexuelle Nötigung darstellte und ich hätte eingreifen sollen. Und ich weiß es immer noch nicht, weiß nicht, ob die beiden sich kannten oder nicht. Die Vorstellung, daß ein Mann über eine wildfremde Frau herfällt, um sie zu einem Kuß zu zwingen, paßt nicht in meine heile Welt - darum habe ich die sexuelle Nötigung, falls es eine solche war, wohl auch nicht als solche erkannt und also falsch reagiert. Aber wir leben nun einmal nicht in einer heilen Welt, sondern in einer Welt, in der Frauen sexuell genötigt werden.
Es ist vielleicht nicht ganz nett, ganz im Gegenteil, aber im Nachhinein war ich froh, daß meine Frau verschleiert war. Dabei weiß ich, daß es weder die fehlende Verhüllung ist, die zu einer sexuellen Nötigung führt (von wegen "selbst schuld"), noch daß ein Schleier zuverlässig vor so etwas schützt. Aber irgendwie ist dieser Gedanke dann doch da, dieses froh darüber sein, daß meine Frau einen Schleier trägt. Wahrscheinlich denken nur Männer so, aber ich kann es nicht abstellen. Und das, obwohl diese Komponente bei unseren Touren mit Verschleierung gar keine Rolle spielt - jedenfalls tat sie das bisher nicht.
Wie dem auch sei - in Zukunft, so habe ich es mir vorgenommen, möchte ich in diesem Bereich etwas sensibler sein, auch wenn ich mir so einen Überfall immer noch nicht wirklich vorstellen kann, mir diese Form sexueller Nötigung fremd ist. Wer tut so etwas? Auf die Frage: Warum greift niemand ein und hilft dem Opfer? habe ich jetzt allerdings eine Antwort, die mir zu denken gibt.
|
Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß Ihr Kommentar erst vom Webmaster freigeschaltet werden muß, um unerwünschte Werbung zu verhindern. Die Freischaltung erfolgt so schnell wie möglich.