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Im Zusammenhang mit dem Thema Slutwalk geht es immer auch um oder besser gegen drei weit verbreitete Mythen über Männer.
Der erste Mythos: Sexuelle Gewalt und Vergewaltigung mögen amoralisch sein, sind aber eigentlich ganz normaler Sex.
Der zweite Mythos: Die männliche Sexualität ist triebgesteuert, ein Mann kann seine sexuellen Begierden kaum oder gar nicht kontrollieren.
Der dritte Mythos betrifft Männer mit Migrationshintergrund bzw. einem exokulturellen Hintergrund. Hierbei handelt es sich um einen Mythos, der in drei Gestalten daherkommt.
Mythos Nr. 1: Vergewaltigung ist Sex
Beginnen wir mit dem ersten Mythos, der vereinfacht ausgedrückt so geht: Vergewaltigung hat etwas mit Sex zu tun. Tatsache ist, und das ist unter Experten weithin anerkannt, daß sexuelle Gewalt nichts, aber auch gar nichts mit Sexualität zu tun hat.
In Wirklichkeit geht es um Macht gegen Ohnmacht - und die Sexualität wird dabei als Tatwaffe eingesetzt. Es geht dem Täter nicht um sexuelle Befriedigung (die sich bei gesunden Männern ohnehin nur bei einvernehmlichem Sex tatsächlich einstellt), sondern darum, Macht über einen anderen Menschen zu haben, um Machtbefriedigung.
Hierbei die Sexualität als Tatwaffe einzusetzen, verstärkt die Erniedrigung des Tatgeschädigten, zumal sich der Täter sicher sein kann, daß dem Geschädigten in der Regel eine Mit- oder sogar Alleinschuld zugewiesen wird, was die Macht des Täters über den Geschädigten stärkt.
Selbst wenn man im Geschädigten ein "Opfer" sieht, erfährt der Täter immer noch eine Anerkennung seiner Macht über das hilflose, ohnmächtige Opfer. Im Begriff "Opfer" klingt zudem die Nähe zum Tod einer Person an, zum Ende ihrer Existent und ihrer bisherigen Lebensweise. Wer "Opfer" sagt, beschenigt dem Täter Erfolg bei seiner Machtergreifung über die geschädigte Person. Es ist wichtig, in der Frau beispielsweise eine Überlebende zu sehen. Wer überlebt, hat eine Chance, in sein früheres Leben zurückzukehren und die Macht des Täters zu brechen.
Ein Mann, der eine andere Person vergewaltigt, tut das nicht, weil diese Person für ihn sexuell attraktiv ist, sondern weil sie ihm die Möglichkeit bietet, Macht auszuüben. Darum spielt es auch keine maßgebliche Rolle, wie die vergewaltigte Person gekleidet ist, wie sie sich verhält, ob sie nachts alleine unterwegs ist, ob sie flirtet. Darum finden die meisten Vergewaltigungen auch im persönlichen Umfeld des Täters statt - man spricht von deutlich mehr als 80 % - und trifft es nur in Ausnahmefällen eine völlig fremde Person.
Typischerweise ist die Vergewaltigung auch kein einzelner Vorfall, sondern findet mehrfach statt - egal wie der Geschädigte gekleidet ist, sich verhält oder was sonst.
Vergewaltigungen haben also keinen Anlaß, den eine Frau durch ihre Kleidung, ihr Verhalten oder was sonst "abschalten" könnte oder an dem man ihr ein "angemessenes" Verhalten nahelegen könnte, um der Vergewaltigung zu entgehen. Der Täter muß aufhören zu vergewaltigen - und nicht etwa der Geschädigte aufhören sich vergewaltigen zu lassen. In vielen Fällen erfordert dies polizeiliches Eingreifen und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen den Täter. Und es erfordert, daß wir nicht wegsehen, wenn wir sexuelle Gewalt in unserem Umfeld vermuten.
Mythos Nr. 2: Männer werden von ihren sexuellen Trieben gesteuert
Kommen wir nun zum zweiten Mythos: Der Mann ist in seiner Sexualität triebgesteuert und kann diesen Trieb kaum oder nicht kontrollieren - darum ist er auch irgendwie zu entschuldigen, wenn er eine Frau vergewaltigt. Er kann eben nicht anders - oder nur, wenn er sich übermenschlich anstrengt. Oder wenn man ihn dadurch bändigt, daß sich die Frauen eben nicht freizügig kleiden, abends oder nachts nicht alleine unterwegs sind, nicht flirten, keinen Alkohol trinken... Aber im Normalfall kann er eben nicht anders, einer schönen Frau muß er nachpfeifen, einer freizügig gekleideten Frau muß er obszöne Worte nachrufen, in einen tiefen Ausschnitt muß er ebenso starren wie auf einen knackigen Hintern in einem engen Minirock.
Wie gesagt - ein Mythos. Ein Mythos ohne jedes noch so kleine Fitzelchen Wahrheit.
Männer können sich kontrollieren - auch wenn eine Frau vor ihnen auf High Heels, in einem kurzen Kleid und einem tiefen Ausschnitt herumspaziert. Wir Menschen sind nicht Sklaven unserer Sexualität, sondern können sie kontrollieren. Niemand sollte etwas anderes denken - oder anderen einreden wollen, wir Männer seien in Sachen Sex triebgesteuerte Wesen, die nichts für etwaige Entgleisungen können, wenn sie einer attraktiven Frau begegnen.
Darum sollte man auch nie davon ausgehen, daß Männer teilweise oder ganz für sexuelle Entgleisungen zu entschuldigen sind, wenn ihnen eine attraktive Frau begegnen.
Man sieht das auch schon daran, daß die meisten "Entgleisungen" auch nichts damit zu tun haben, daß Männer attraktiven Frauen begegnen, die sexy gekleidet sind, heftig flirten oder was sonst. Die allermeisten "Entgleisungen" passieren nämlich im persönlichen Umfeld des jeweiligen Mannes und haben auch - siehe den ersten Mythos - nicht mit Sexualität zu tun, die nichts anderes ist als die Tatwaffe des angeblichen "Triebtäters", der allerdings kein geisteskranker oder von seinen Hormonen gesteuerter Triebtäter ist, sondern ein ganz normaler Mann (das Problem bei Vergewaltigung sind nämlich nicht die Verrückten und Geisteskranken, sondern die Normalen).
Ein Mann kann seine Sexualität ebenso kontrollieren wie seinen Machthunger, den er mit Hilfe des Tatwerkzeugs Sexualität befriedigen will. Alles andere ist ein Mythos.
Mythos Nr. 3: Männer mit Migrationshintergrund unterscheiden sich von deutschen Männern
Kommen wir nun zum dritten Mythos. Offiziell geht es dabei um Männer mit Migrationshintergrund; gemeint sind in der Regel Männer muslimischen Hintergrundes. Über sie existieren im Grunde genommen drei Mythen - der eine ist eher rechts, der andere eher links und der letzte schließlich apologetisch.
Der rechte Mythos sieht im Ausländer jemanden, der sich von den Frauen nimmt, was er haben will. Seine Kultur, seine Religion hätten ihn entsprechend geprägt, der Koran erlaube es ihm... Sexuelles Fehlverhalten Frauen gegenüber kommt angeblich daher, daß der betreffende Mann Muslim ist oder Afrikaner oder Türke oder Araber... Natürlich behandeln solche Männer ihre Frauen schlecht und sehen in deutschen bzw. christlichen Frauen nur "Schlampen". In der rechtspopulistischen "Islamkritik" nimmt dieser Mythos einen prominenten Platz ein.
Der linke Mythos sieht im Migranten einen "edlen Wilden", aber auch ein "Opfer" der hiesigen Mehrheitsgesellschaf, die nicht bereit ist, Rücksicht auf die besonderen Umstände zu nehmen (in diesem Fall gilt der Satz "eine Frau sollte sich nicht wie eine Schlampe kleiden, um nicht vergewaltigt zu werden" zumindest als weniger schlimm), aber auch eines Mißverständnisses im Hinblick auf die jeweilige Kultur bzw. Religion des Mannes. Er müsse beispielsweise nur ein besserer Muslim werden, dann wird er Frauen respektvoll behandeln.
Der apologetische Mythos kommt von einigen der Männer mit exokulturellem bzw. Migrationshintergrund. Relativ harmlos ist der Mythos, es falle etwa muslimischen Männern schwer, sich freizügig gekleideten Frauen gegenüber korrekt zu verhalten, weil man ja nur den Umgang mit verschleierten Frauen gewohnt sei. Verbreitet ist der Mythos, Männer könnten nun einmal nicht anders - "Schlampen" verführen die Männer, und darum müssen sich Frauen nun einmal zurückhaltend kleiden.
Eng mit dem apologetischen Mythos ist der missionarische Mythos verwandt. Manche Muslime meinen etwa, mehr Islam bei Männern - und vor allem Frauen - führe automatisch zu mehr Respekt gegenüber Frauen und weniger Vergewaltigungen. Frauen werden etwa "eingeladen", sich gemäß religiöser Vorschriften zu kleiden und entsprechend zu verhalten. Diesen Mythos findet man natürlich auch bei Christen.
Der größte Mythos im Hinblick auf Männer mit exokulturellem bzw. Migrationshintergrund ist aber der, daß man sie überhaupt anders beurteilen müßte. Daß sie sich irgendwie von anderen Männern unterscheiden. Dem ist jedoch nicht so. Allenfalls die apologetischen Mythen unterscheiden sich hier und da von denen anderer Männer - doch damit enden die Unterschiede auch schon.
Auch für diese Männer gilt, daß Vergewaltigung nichts mit Sexualität zu tun hat, sondern der Sex nur Tatwerkzeug ist, während es tatsächlich um Macht geht. Kein Unterschied zu anderen Männern.
Auch für diese Männer gilt, daß sie ihre Sexualität kontrollieren können - auch angesichts von leichtbekleideten Frauen, flirtenden Frauen usw. Kein Unterschied zu anderen Männern.
Auch für diese Männer gilt, daß sie für ihre Gewalt Frauen gegenüber Ausreden erfinden, die nichts anderes sind als Mythen. Vielleicht steht gerade bei muslimischen Männern, die Entschuldigungen für sexuelle Gewalt gegen Frauen suchen, der Mythos "Schlampenkleidung provoziert Vergewaltigungen - also sollen sich Frauen bedecken" höher im Kurs als bei anderen Männern - problematisch ist dabei freilich, daß gerade wir Linken gerne bereit sind, diesen Mythos, den wir sonst entschieden ablehnen, irgendwie durchgehen lassen.
Tatsache ist aber, daß auch Frauen mit bedeckener Kleidung, mit Kopftuch oder gar Schleier respektlos behandelt oder sogar vergewaltigt werden. Daß in einem islamisch geprägten Umfeld bedeckende Kleidung Frauen vor respektloser Behandlung oder Vergewaltigung schützt, ist ein Mythos.
Eine verschleierte Frau, die in männlicher Begleitung unterwegs ist oder besser noch das Haus gar nicht verläßt, mag von ihr fremden Männern respektvoll behandelt werden, die aber möglicherweise zu Hause ihre Frau respektlos behandeln oder vergewaltigen. Sogar die respektvolle Behandlung der fremden verschleierten Frau ist nur scheinbar respektvoll, weil sie sich allein auf die Kleidung bezieht, die Frau aber zum Objekt macht. Nicht die Frau wird respektvoll behandelt, sondern ihr Schleier. Sie wird als Frau und im Hinblick auf ihre Würde damit auf ihren Schleier reduziert. "Die Würde des Schleiers ist unverletzlich" ist aber unannehmbar, es muß stets sichergestellt sein, daß die Würde der Frau unverletzlich ist.
Die Verschleierung löst das eigentliche Problem nicht, das hinter einer Vergewaltigung steckt: Es geht um Macht, der sexuelle Übergriff ist lediglich die besonders erniedrigende Tatwaffe. In gewisser Weise wird auch der Schleier zur Tatwaffe, wenn der Blick darauf sexualisiert ist.
Und wer nun eine Frau zwingt, sich in der Öffentlichkeit zu verschleiern, der ist von einem Vergewaltiger nicht zu unterscheiden; denn beiden Männern, dem Vergewaltiger und dem Zwangsverschleierer, geht es nur darum, Macht zu haben.
Und so gibt es auch keinen Unterschied zwiischen denen, die Entschuldigungen für vergewaltigende Männer finden (eben die hier genannten Mythen) und denen, die Entschuldigungen für Männer finden, die Frauen zur Verschleierung zwingen.
Oder zur Entschleierung. Denn auch der Zwang zur Entschleierung ist ein auf Mythen basierender Versuch, Macht über Frauen zu haben. Auch hier ist der Blick auf die Frau sexualisiert. "Die Würde des unbedeckten Kopfes ist unverletzlich" reduziert die Frau auf den (Nicht-) Schleier und verletzt damit die Würde der Frau
Nur die Frau, die selbst entscheiden kann, ob, wann, wo und wie sie sich verschleiert, ist wirklich frei, ist in ihrer Würde nicht verletzt.
Nur die Frau, die im Hinblick auf Verschleierung oder Nichtverschleierung nicht mit einem sexualisierten Blick erniedrigt wird, ist wirklich frei, ist in ihrer Würde nicht verletzt.
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Kommentare
Dieses Recht gibt es natürlich nicht; auch aufreizende Kleidung ist keine schweigende Einwilligung in irgend etwas. Sie berechtigt zu nicht mehr als jede andere Kleidung auch.
Eine Frau mit tiefem Ausschnitt etwa gibt einem Mann damit nicht das Recht, sabbernd in diesen Ausschnitt zu starren. Ein enger Minirock gibt nicht das Recht, diesen und die übrige Kleidung mit Blicken auszuziehen.
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