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Integration ja, Assimilation nein? PDF Drucken E-Mail
Blog - Islam
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 11. Oktober 2010 um 10:08 Uhr

Der türkische Ministerpräsident hat die in Deutschland lebenden Türken zur "Integration" aufgerufen, zugleich aber vor einer "Assimilation" gewanrt - letztere sei "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", so der "konservativ-islamische" Politiker laut Medienberichten, der zugleich darauf bestand, Werte eines Menschen dürften nicht "zwangsweise umgekehrt" werden.

Es ist m.E. zu bezweifeln, daß Erdogan und seine Gefolgsleute - konservative Muslime türkischen Hintergrundes - unter den beiden Begriffen "Integration" und "Assimuilation" dasselbe verstehen wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft.

So, wie ich Erdogan aufgrund meiner Beobachtungen seiner Politik einschätze, bedeutet "Integration" für ihn: Der Islam wird in in eine nicht-islamische Gesellschaft eingepflanzt und dort heimisch, ohne insbesondere Aspekte der Mehrheitsgesellschaft aufzunehmen, die konservativ-islamischen Werten entgegenstehen. Solche Werte aufzunehmen, wäre "Assimilation".

Jetzt ist nur noch die Frage offen, was denn diese Werte im Einzelnen sind. Lassen wir das Essen von Schweinefleisch und das Trinken von Alkohol, aber auch angeblich islamische Werte wie "Zwangsehe" usw. einmal beseite, muß man eben fragen: Wie stehen Erdogan & Co. zur Meinungsfreiheit, zum Recht auf das Verlassen des Islam usw.? Ich befürchte, daß Erdogan dort, wo man von "seinen" Türken eine Akzeptanz westlicher Werte erwartet, "Assimilation" sieht.

Letztich ist "Assimilation" alles, was gegen die türkisch-islamische Interpretation der Sharia, des islamischen Rechts, steht. Es gibt also immer einen Scharia-Vorbehalt, die Scharia bzw. wie der konservative Islam Anakaras diese interpretiert, ist immer die Grenze - oder vielmehr: Sie soll in Deutschland integriert, Teil des deutschen Rechts werden - und zur Pflicht für hier lebende Muslime vor allem (aber nicht nur) türkischer Herkunft. Ein hier integrierter, "anerkannter" Islam würde gemäß Erdogans Vorstellungen sicherstellen, daß die Muslime zum einen den Raum für eine Befolgung islamischer Vorschriften erhalten, zum anderen aber auch zur Befolgung angehalten werden.

Ich interpretiere Erdogans "Ja" zur Integration als eine Aufforderung an seine Gefolgsleute, ihr Verständnis des Islam in Deutschland festzuhalten - vor allem die rechtlichen Aspekte. Wo die Mehrheitsgesellschaft dies freilich ablehnt, vor allem unter Berfugung auf zuwiderlaufende Aspekte unseres Rechtssystems, ist es dann "Assimilation".

Ich kann in den Beifall zu Erdogans "Ja" zur Integration nicht jubelnd einfallen, vor allem, so lange Erdogan die Begriffe "Integration" und "Assimilation" nicht klar definiert.

Auch unklar ist, was Erdogan mit einer "zwangsweisen Umkehrung" der Werte eines Menschen meint. Erdogan weiß, daß niemand in diesem Land Muslime zwingt, ihre Werte aufzugeben, solange sie nicht gegen geltendes Recht verstoßen, er weiß, daß Muslime in diesem Land ein Höchstmaß an Religionsfreiheit besitzen. Er weiß, daß niemand die Muslime zwingt, ihrem Glauben abzuschwören, sich vom Islam ab- oder sich einer anderen Religion zuzuwenden. Er weiß etwa auch, daß die christliche MIssion auf Zwangsmittel verzichtet - und deutsches Recht diese ohnehin als Nötigung unter Strafe stellt. Er weiß also, daß es hierzulande keinen Zwang gibt.

Erdogan, so viel ist freilich klar, sieht die Werte eines Menschen unter einem Scharia-Vorbehalt. Die Werte eines Menschen, seine Freiheiten, seine Rechte sind nicht universell gültig, lassen sich nicht von seiner Würde ableiten, sondern nur vom islamischen Gesetz her. Darum stehen alle Menschenrechte unter einem Vorbehalt - auch etwa das Recht, seine Religion frei zu wählen. Dies kann nach konservativ-islamischer Lehre nur beinhalten, sich dem Islam zuzuwenden - eine Abwendung oder die Hinwendung zu einem anderen Glauben ist ausgeschlossen und kann von keinem Recht dieser Welt gewährt werden.

Zwang besteht nach Erdogans Auffassung möglicherweise dort, wo säkulares Recht islamisches Recht bricht, außer Kraft setzt, also etwa ein Recht auf Verlassen des Islam bzw. auf Hinwendung zu einer anderen Religion bejaht. Dort wird "gegen den Islam gekämpft", und die Muslime wären zur "Verteidigung" ihrer Werte aufgerufen.

 

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