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Luthers Kaninchen PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 24. März 2011 um 11:03 Uhr

KlippschlieferZoologen kennen die Geschichte besser als Theologen: Martin Luther hat in seiner Bibelübersetzung den  Klippschliefer (hebr. shaphan, zool. Procavia syriaca) mit "Kaninchen" übersetzt (z.B. 3. Mose 11,5 ; Psalm 104,18 ; Sprüche 30,26 ).

Die revidierte Lutherbibel schreibt mittlerweile, wie auch praktisch jede andere deutsche Bibelübersetzung, "Klippdachs", eine Bezeichnung der burischen Kolonisten Südafrikas (woraus dann das englische "Dassie" für den im Englischen eigentlich "Hyrax" genannten kaninchengroßen Verwandten von Elefanten und Seekühen wurde).

Wie gesagt, heute schreiben wohl alle deutschen Bibelübersetzungen "Klippdachs" und führen die Bibelleser damit in die Irre. Da hilft es nicht weiter, wenn etwa die Sacherklärungen mancher Lutherbibeln den vielen Bibellesern unbekannten Klippschliefer wie folgt schreiben: "Etwa kaninchengroßes, pflanzenfressendes Säugetier von plumpem Körperbau. Es bewohnt die felsigen Gebiete Westasiens und Afrikas".

Zumindest der geläufigere Name "Klippschliefer" oder auch die korrekte zoologische Bezeichnung Procavia syriaca sollte dem interessierten Bibelleser genannt werden, damit er sich gegebenfalls näher informieren kann.

Das "Lexikon zur Bibel" von Rienecker und Mayer nennt denn auch die korrekte zoologische Bezeichnung Procavia syriaca, so daß der interessierte Bibelleser in zoologischen Werken nachschlagen kann, dem folgende Beschreibung vom "Klippdachs" nicht ausreicht: "das kleinste und zierlichste der Huftiere, von der Größe, Gestalt und Lebensweise einem Kaninchen ähnlich. Er ist nahezu schwanzlos, die Vorderfüße haben vier, die Hinterfüße drei Zehen mit hufartigen Nägeln. Er lebt gesellig in Felsspalten (Ps 104,18; Spr 30,26), vor allem in den Felsen um das Jordantal, in den Gebirgen um den See von Genezareth und in den südl. Wüstengebieten, ferner in Syrien, Arabien, den Nilländern und Afrika. Für die Israeliten war der K. unrein (3 Mo 11,5; 5 Mo 14,7); infolge seiner mümmelnden Kaubewegungen galt er, wie der Hase, als Wiederkäuer."

Übrigens war der Eintrag früher (unter "Kaninchen") etwas ausführlicher: "Es lebt gesellig in Felsspalten (...); nicht wie das Kaninchen in selbstgegrabenen Erdlöchern, vor allem in den Felsen rund um das Jordantal (...)", womit die unzutreffende Behauptung, es sei von der "Lebensweise einem Kaninchen ähnlich" relativiert wurde.

Im Werk "1000 Bilder zur Bibel" (TBBi) heißt es: "Der Klippdachs oder Klippschliefer (Heterohyrax syriacus) ähnelt vom Aussehen einer großen Ratte oder einem Biber, ist aber unter zoologischen Gesichtspunkte nicht mit diesen Kleintieren verwandt, sondern steht in besonderer Nähe zum Elefanten. Im Alten Testament wird er zu den unreinen Tieren gezählt. Außerdem rechnete man ihn wegen seiner intensiven Kaubewegungen zu den Wiederkäuern gerechnet, was aber nicht zutreffend ist."  Allerdings gibt es keinen "Heterohyrax syriacus"; denn der Heterohyrax ist nicht etwa der Klippschliefer, sondern der Buschschliefer, der außerhalb Afrikas gar nicht vorkommt.

Die Wuppertaler Studienbibel schreibt zu 3. Mose 11,5, es handele sich um den "'Klippdachs' oder Felsenhyrax (hyrax syriacus)", was natürlich keine korrekte zoologische Bezeichnung darstellt.

Haarsträubend liest sich dann die Erklärung zu 3. Mose 11,5 im "Brockhaus Kommentar zur Bibel" (jedenfalls in meiner Ausgabe von 1987). Demzufolge wäre der "Klippdachs" ein "Nagetier" - kein Kommentar.

Die Today's New International Version schreibt übrigens korrekt "Hyrax", andere englische Bibelübersetzungen schreiben entweder "coney" (Kaninchen) oder "Rock badgers" (Felsdachse).

Der Klippschliefer ein Wiederkäuer?

Kommen wir noch zu einem weiteren Punkt. Die Bibel listet den Klippschliefer in 3. Mose 11,5 und 5. Mose 14,7 unter die "Wiederkäuer".

Nach modernen zoologischen Kriterien trifft das natürlich nicht zu - allerdings will die Bibel ja auch kein zoologisches Lehrbuch sein.

Wer Klippschliefer längere Zeit beobachtet (wie es der Verfasser dieser Zeilen mit Hingabe tut), kann schnell feststellen, wie die Autoren dieser Bibelstellen auf die Idee kamen, der Klippschliefer sei ein Wiederkäufer: Meistens in Ruhephasen beginnt er ab und an mit Kaubewegungen, ohne vorher etwas aufgenommen zu haben.

Die Bibel schreibt nicht in der Sprache moderner Zoologen von "wiederkäuen", sondern: "Gekäutes heraufbringen" (hebr. 'alah gerah). Dies scheint für die Verfasser (und damaligen Leser) der Bibel der äußeren Beobachtung bestimmter Verhaltensweisen zu entsprechen, nicht einer Einteilung in zoologische Kategorien.

Darum finden sich dann sowohl Klippschliefer wie auch Hasen in dieser "Kategorie durch äußere Beobachtung", obwohl Hasen dadurch "wiederkäuen", daß sie  Koprophagie betreiben, also ihren eigenen Kot fressen, was Klippschliefer nicht tun (aber sehr viele andere Pflanzenfresser wie auch beispielsweise Bonobos, unsere nächsten Verwandten).

Schliefer, so nehme ich aufgrund meinrer Beobachtungen der Klippschliefer in der Wilhelma (dem Stuttgarter Zoo) an, bringen bereits Gekautes und Heruntergeschlucktes wieder hoch, um es erneut zu kauen, weil sie so die Pflanzenkost besser aufschließen und verwerten können. (Koprophagie bei Nagern, Primaten usw. dient dem gleichen Zweck.)

Bilder von Schliefern

Wer Bilder von Schliefern sucht, um sich diese in der Bibel genannten Tiere vorstellen zu können, findet solche beispielsweise in meinem Flickr-Fotostream (Album  Schliefer) oder in der von mir betreuten Flickr-Gruppe Schliefer.

Spanien - Land der Schliefer

Während Luther den Schliefer mit einem Kaninchen verwechselt hat, erging es phönizischen Seefahrern übrigens genau anders herum:

Als die auf der iberischen Halbinsel die dort wild lebenden Kaninchen erblickten, hielten sie diese Tiere für die ihnen vertrauten Schliefer und nannten das Land I-Shapan-im, "Land der Schliefer". Daraus wurde dann lat. Hispania - so jedenfalls eine gängige Erklärung.

(Hinweis: Das Biold wurde im Wilhelma Zoo Stuttgart aufgenommen)

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 24. März 2011 um 13:12 Uhr
 

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