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Wer ohne Plagiat ist... PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 24. Februar 2011 um 12:09 Uhr

Zur ganzen  Plagiatsaffäre rund um Karl-Theodor zu Guttenberg möchte ich zuerst einmal anmerken: Der Mann hat im Prinzip genau das gemacht, was die meisten von uns tun - auch das Ausmaß ist mehr oder weniger vergleichbar.

Denn was hat Guttenberg anderes getan als, sagen wir einmal, ein Prediger, der von der Kanzel aus Plagiate predigt? Kommt häufiger vor, als man glauben möchte.

Oder auch ein Hausmann, der Kochrezepte plagiiert  - und auch, wenn ich stets beteuere, nicht nach Rezept kochen zu können: Wie viele meiner oft gelobten Kreationen enthalten neben Salz, Pfeffer und Paprika auch noch - und nicht immer nur als sparsam verwendetes Gewürz - Plagiate, ohne daß ich jeweils darauf hinweise?

Guttenbergs Dissertation, so sagt man, enthält gut ein Fünftel Plagiate.

Ich schätze, das ist auch der durchschnittliche Anteil von Plagiaten an Predigten - so meine Erfahrung als jemand, der regelmäßig Predigten hört, liest und selbst verfaßt und hält.

Ich bin mir durchaus nicht sicher, ob jedes Zitat in meinen Predigten ordentlich mit Quellenangaben versehen ist - ob ich sozusagen "sündlos" bin, wo es um den Umgang mit den Ergebnissen der exegetischen und hermeneutischen Kreativität anderer geht. Ist nicht ohnehin jeder Gedanke, den ein Theologe haben kann, in den vergangenen Jahrhunderten jüdischer und christlicher Schriftauslegung schon einmal gedacht und auch verkündet worden?

Wie dem auch sei, Prediger und Politiker haben selbstverständlich eine besondere Verantwortung im Umgang mit der Kreativität anderer. Man wird bei ihnen andere Maßstäbe anlegen müssen als etwa bei Hobbyköchen. Darum würde ich es auch begrüßen, wenn Karl-Theodor zu Guttenberg als Bundesminister der Verteidigung zurücktritt und den Bundestag verläßt.

Aber doch: Was Karl-Theodor zu Guttenberg, Deutschlands derzeit beliebester Politiker, getan hat, ist prinzipiell ganz genau das, was wir alle tun (ich denke nicht, daß ich zu sehr falsch liege, wenn ich davon ausgehe, daß gut ein Fünftel nicht nur von Guttenbergs Dissertation, sondern aller unserer Äußerungen plagiiert sind).

Und auch das Herumeiern, wenn man denn erwischt wird, ist prinzipiell ganz genau das, war wir alle tun, wenn wir beim Plagiieren erwischt werden.

Und auch damit, dann Verantwortung zu übernehmen, tun wir uns prinzipiell alle schwer. Welcher Pastor tritt denn schon von der Kanzel, wenn er beim Plagiieren erwischt wurde? Welcher Koch legt denn schon die Schürze ab, wenn er beim Plagiieren erwischt wurde?

Und bevor jetzt jemand sagt: Es ist doch etwas anderes, ob ein Koch, ein Prediger oder ein Politiker plagiiert - nein, das ist es eben nicht.

Denn ich bezweifle, daß jemand, der bei Topf und Pfanne plagiiert, das auf der Kanzel plötzlich bleiben ließe, wenn er auf die exegetischen Erkenntnisse wissenschaftlicher Theologen zurückgreifen kann, um damit etwa seinen Ruf zur Umkehr, seinen Ruf zur Wahrhaftigkeit zu würzen. Oder als Bundesminister, der sogar auf die Gutachten der wissenschaftlichen Dienste des Bundestages zurückgreifen kann, um damit seine Dissertation zu würzen.

Denn selbstverständlich gilt: Je mehr Möglichkeiten man hat, um zu plagiieren, um so mehr wird man das wohl auch tun.

Die Neigung zum Plagiieren, die ist uns allen eigen, den Kleinen und den Großen. Und wir alle schmücken uns gern mit fremden Federn - nicht nur dann, wenn wir unter Zeitdruck stehen oder unter Streß. Die eigenen Federn sind selten so gepflegt und so schön anzusehen wie die Federn der anderen, die wir von Herzen begehren.

Und dann ohnehin die große Frage - sollte es wirklich verboten sein, sich die Ergebnisse der Kreativität anderer zu eigen zu machen? Muß Kreativität nicht eigentlich allen zugute kommen, in das Eigentum der Gemeinschaft überführt werden?

Fromm gefragt: Ist Kreativität nicht eine Gabe Gottes? Sollte das, was wir sozusagen umsonst empfangen, nicht auch umsonst weitergegeben werden, ohne daß man auf irgend eine Anerkennung oder Würdigung besteht?

Ich schätze, wir alle neigen dazu, Kreativität als ein Gemeinschaftseigentum zu sehen - jedenfalls solange es nicht unsere eigene Kreativität ist, deren Ergebnisse zur Disposition stehen. Gedanken zu stehlen sehen wir selten als wirkliches Vergehen - höchstens, wenn es scheinbar unsere eigenen Gedanken sind, prächtige Federn, mit denen sich jemand anderes schmücken will.

Die Plagiatsaffäre darf gerne Anlaß sein, daß wir uns selbst fragen: Wie gehen wir um mit dem, was anderer Leute Kreativität hervorgebracht hat? Sind wir immer und ausnahmslos bereit, fremder Kreativität die Ehre zu geben, die jeweiligen Urheber zu nennen?

Und wie gehen wir andererseits mit dem um, was wir kreiert haben?

Als Menschen teilen wir die Fähigkeit Gottes, Schöpfer zu sein. Wir sind schöpferisch tätig, können in vielerlei Hinsicht kreativ sein. Wie stehen wir zu unserem kreativen Eigentum?

Gott jedenfalls hat alles, was er hervorgebracht, mit uns geteilt - und er lädt uns ein, daran Anteil zu haben. Sogar seinen Sohn teilt er mit uns. Gott hält wirklich nichts zurück.

Ich glaube, wir sind eingeladen, die Bereitschaft Gottes, seine Schöpfung mit uns zu teilen, als Maßstab dafür zu nehmen, wie wir mit dem umgehen, was wir geschaffen haben.

Aber dazu gehört auch: So, wie wir Gott für seine Schöpfung ehren, so sollen wir auch jene ehren, die schöpferisch tätig sind. Es ist gut und wichtig, diejenigen zu ehren, die die Ergebnisse ihres schöpferischen Wirkens mit uns teilen.

Und ja, wir dürfen mit den Ergebnissen unserer Kreativität auch Geld verdienen. Wir müssen nicht alles umsonst weggeben, sondern können unseren Lebensunterhalt damit bestreiten. Doch wie wäre es, wenn wir das, was wir über das für unseren Lebensunterhalt Nötige hinaus erschaffen, in das Eigentum der Gemeinschaft überführen, "kreatives Gemeinschaftseigentum" oder "Creative Commons"?

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 24. Februar 2011 um 14:10 Uhr
 

Kommentare  

 
# Fremde Kreativität ...oh ja...!!Gast 2011-07-04 21:25
Mit Ihrem Satz "Wie gehen wir um mit dem, was anderer Leute Kreativität hervorgebracht hat? Sind wir immer und ausnahmslos bereit, fremder Kreativität die Ehre zu geben, die jeweiligen Urheber zu nennen?" treffen Sie aktuell einen recht aufgergten Nerv:
Mir sind in letzter Zeit einige Predigten von meiner Homepage geklaut worden und wurden von Anderen als eigene Werke ins Internet gestellt. Eine schaffte es sogar bis ins bayerische Sonntagsblatt.

Nachzulesen unter:
pastorshome.wordpress.com/.../...

Herzliche Grüße
Alexander Seidel
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