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Wer über Moral nachdenkt, wird sich auch fragen, woher sie denn kommt. Vor allem drei Antworten sind denkbar:
- Die Wurzeln der Moral lassen sich zwischen 1. Mose 1 und 3 finden, zwischen der Erschaffung des Menschen und dem Sündenfall, mit Umweg über den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (kreationistischer Ansatz)
- Die Moral ist eine Art "geistiges Virus" oder ein Mem, das - ähnlich wie die Religion - den Menschen "infiziert" (memetischer Ansatz)
- Die Moral ist im Laufe der Evolution des Lebens entstanden (evolutionärer Ansatz)
Über die erste Antwort erspare ich mir irgend welche Worte; die zweite ist ebenfalls für die Tonne, bleibt die dritte Antwort, die meines Erachtens die richtige ist.
Als Christ akzeptiere ich diese evolutionäre Moral, keine Frage. Bleibt freilich die Frage, ob es noch eine ergänzende "christiche Moral" gibt, Stichworte "Sünde" und "Buße", "gute und schlechte Werke".
Erst einmal aber zurück zur evolutionären Moral, zu jenem Wissen um "Gut" und "Böse", das seine Wurzeln in der Evolution des Lebens hat.
Stark vereinfacht ausgedrückt: Ist eine Moral besonders gut an die Umgebung angepaßt, können die Gene, die mit ihr verknüpft sind, besser an die Nachkommenschaft weitergegeben werden als diejenigen gene, die eine Moral hervorbringen, die weniger gut an die Umgebung angepaßt ist. Wie gesagt - eine stark verkürzte Darstellung (und eine laienhafte; ich bin halt kein Evolutionsbiologe).
(Interessant ist in diesem Zusammenhang freilich die Frage, wie gut besonders selbstlose Exemplare, die ihr Leben für andere oder sogar Fremde opfern, ihre in moralischer Hinsicht wertvollen, aber möglicherweise nicht besonders gut an die Umwelt angepaßten Gene weitergeben können, wenn sie vorzeitig aus dem Genpool ausscheiden, aber darum soll es hier nicht gehen.)
Wichtig ist mir nur: Die Wurzeln der Moral lassen sich weder kreationistisch noch memetisch erklären, sondern allein durch die Evolutionsbiologie. Sie findet sich auch schon bei Lebewesen, die dem Menschen, dem Homo sapiens sapiens, entwicklungsgeschichtlich vorgelagert sind, daneben auch bei den (Menschen-) Affen. Die Moral hat sich im Laufe der Geschichte des Lebens entwickelt, hat sich von sehr frühen Formen über Jahrmillionen weiterentwickelt (wobei die Evolution bei weitem nicht immer eine Höherentwicklung erzwingt - auch nicht im Hinblick auf moralische Qualitäten).
Und diese Moral lebt davon, daß sie besonders gut an die jeweilige Umgebung angepaßt ist. Wer in Bezug auf seine Umwelt moralisch besonders gut angepaßt ist, ist in der Weitergabe seiner Gene und damit auch seiner Moral erfolgreicher; seine Moral wird sich durchsetzen, solange die Umweltparameter stabil bleiben.
Mehr als andere Lebewesen hat der Mensch freilich die Möglichkeit, selbst regulierend in seine Evolution einzugreifen (nicht erst durch die moderne Genetik). Das gilt auch im Hinblick auf seine Moral. Der Mensch hat nicht als einziges Lebewesen einen freien Willen, doch er kann am ehesten willentlich Einfluß auf seine Moral nehmen (und dies auch durch die Erziehung weitergeben). Nicht nur die Anforderungen der Umwelt steuern die Moral, sondern auch der Mensch selbst, doch sein Einfluß auf die "Moral-Gene" bleibt dabei begrenzt, wenn er bei seiner Partnerwahl nicht penibel auf die Moral achtet.
Die Religion - deren Wurzeln ebenfalls in der Evolution des Lebens begründet sein dürften - nimmt seit jeher Einfluß auf unsere Moral. Dabei neigt sie zu Dogmen, die zeitlos gültig sein sollen, universal gültig in jeder Umgebung. Zugleich nimmt sie durch Regeln, die sich auf die Sexualität und damit auf die Fortpgflanzung beziehen, Einfluß auf die Weitergabe jener Gene, die mit unserer Moral verknüpft sind. Nun, diesen Gedanken will ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen, zumal es dann einen sehr breiten Raum einnehmen müßte.
Wie dem nun auch sei, die evolutionäre Moral ist weder "gut" noch "schlecht". Von daher kann man sie auch nicht mit einer weltanschaulichen bzw. religiösen Moral vergleichen, das wäre, als wolle man Äpfel und Kartoffeln miteinander vergleichen.
Als Christen dürfen wir, so glaube ich, "Ja" sagen zur evolutionären Moral, auch wenn wir hier und da kritisieren müssen, wie Menschen Einfluß darauf nehmen.
Die evolutionäre Moral bietet eine gute Basis für ein friedliches, gedeihliches Zusammenleben der Menschen, etwa für die staatlich Gesetzgebung und Rechtsprechung.
Kommen wir nun aber zur christlichen Moral. So, wie ich den christlichen Glauben verstehe, denkt er im Hinblick auf die Moral nicht in den Kategorien "gut" und "böse". Hierfür hat er ja auch die evolutionäre Moral, warum sollte man das Rad ein zweites Mal erfinden wollen?
Der christliche Glaube meint, wenn er "Sünde" sagt, nicht: "Böse". Er meint dann: "Ziel verfehlt".
Der Mensch hat von Gott ein Ziel gesetzt: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst. In einer liebevollen Beziehung mit Gott und, soweit es an uns ist, mit allen Menschen leben. Jede Handlung mißt sich moralisch daran, ob sie die Liebe fördert und die Gemeinschaft stärkt.
Christliche Moral fragt nicht: "Wie kann ich meine 'Gene' besonders gut an meine Nachkommen weitergeben?", sondern: Wie kann ich "Gottes Gene" besonders gut in unsere Gesellschaft einbringen? Damit ist nicht "eine Gesellschaft nach Gottes Geboten" gemeint, sondern eine, in der wir einander helfen, voneinander lernen und miteinander feiern. In der Christen nicht unter sich bleiben, sondern sich als Friedensstifter in die Gesamtgesellschaft einbringen.
Wenn wir ohnehin schon von Genen sprechen, dann bedeutet das "Miteinander leben" der christlichen Moral, daß wir nicht nur unsere "Gene" an andere weitergeben, sondern uns auch selbst mit "Genen" bereichern lassen, daß wir Hilfe von anderen annehmen, daß wir von anderen lernen, daß wir uns von anderen erfreuen lassen, ohne immer zu schauen, ob das denn auch "frommt" oder gut für "unsere christlichen Gene" ist.
Die evolutionäre Moral kennt das für die Evolution des Lebens im Großen und Ganzen unverzichtbare Element der "Sippenbildung", der Abgrenzung von anderen (bzw. von anderen Genpools). "Reviere" müssen verteidigt werden. Christliche Moral hat das nicht nötig, sie reißt Grenzen einund teilt ihr "Revier" mit anderen.
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