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Schlagen freikirchliche Eltern ihre Kinder besonders häufig? PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 21. Oktober 2010 um 16:20 Uhr

Ich habe Herrn Prof. Dr. Pfeiffer vom  KFN eine ausführliche E-Mail zum Thema "Freikirchliche Eltern prügeln ihre Kinder besonders häufig" geschrieben und mittlerweile auch eine leider wenig aussagekräftige Antwort von ihm erhalten.

Ich werde die Antwort an dieser Stelle aus Gründen des Datenschutzes nicht veröffentlichen - sie ist auch eher interessant wegen dem, was sie nicht sagt.

Aus der Antwort jedenfalls ergibt sich für mich:

  1. Die Befragung wurde nicht in erster Linie mit dem Ziel durchgeführt, die Erziehung freikirchlicher Eltern zu untersuchen
  2. Die Studie ist iim Hinblick auf der Verhalten freikirchlicher Eltern in Sachen gewaltfreier Erziehung nicht wirklich wissenschaftlich und nur bedingt aussagekräftig - ganz besonders gilt das für die bisher in den Medien veröffentichten Ergebnisse, die oft tendenziös sind und die Ergebnisse der Studie stark verzerrt wiedergeben
  3. Die Studie sagt nichts aus über das Verhalten evangelikaler Eltern in der Erziehung ihrer Kinder, da schätzungsweise nur jeder zweite Evangelikale freikirchlich ist - auch ist nicht jeder Freikirchler evangelikal (hier wurde vor allem in der Berichterstattung nicht differenziert, so daß es zu einer Vermischung der Kategorien "freikirchlich" uind "evangelikal" gekommen ist)
  4. Die Studie unterscheidet nicht zwischen Mitgliedern evangelikalen Freikirchen und solchen, die sich selbst nicht als evangelikal bezeichnen und auch nicht zwischen evangelikalen Eltern und solchen, die sich nicht als evangelikal bezeichnen würden
  5. Die Studie unterscheidet nicht die Art der Zugehörigkeit der Eltern zu den freikirchlichen Gemeinden (Mitglieder, Freundeskreis o.ä.) und wie lange die Eltern den Gemeinden bereits angehören
  6. Es scheint sich bei den "freikirchlichen Eltern" ganz allgemein um solche Protestanten zu handeln, die nicht zur Evangelischen Kirche in Deutschland gehören - neben den traditionellen evangelischen Freikirchen, die vor allem zur Vereinigung Evangelischer Freikirchen gehören, wohl auch unabhängige Freikirchen und freikirchliche Gemeinden sowie christliche "Sondergemeinschaften" wie z.B. Zeugen Jehovas, Neuaostolische, Mormonen usw. (unterschieden wurde in der Studie lediglich zwischen "evangelisch" und "evangelisch-freikirchlich", wobei Letzteres offensichtlich nicht die Baptisten- und Brüdergemeinden im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland meinte)
  7. Daß über die Unterscheidung "evangelisch vs. evangelisch-freikirchlich" hinaus keine Details zur Konfession erhoben wurden, wird mit dem Datenschutz begründet
  8. Die Studie macht keine belastbaren Aussagen zur Frage nach den Gründen für die Gewalt in der Erziehung und zum Zusammenhang mit der Mitgliedschaft in einer freikirchlichen Gemeinde
  9. Die Studie kann die wichtige Frage nicht beantworten, ob die Mitrgliedschaft in einer Freikirche oder die dort verbreiteten Lehren und Überzeugungen Eltern dazu bringen, ihre Kinder zu schlagen - oder ob sich schlagende Eltern aus irgend einem Grund eher einer freikirchlichen Gemeinde anschließen (z.B. weil man sich dort eher Hilfe für das eigene Versagen in der Erziehung erhofft)
  10. Hintergrund der Studie ist eine - in meinen Augen evangelikalophobe - Veröffentlichung der "Süddeutschen Zeitung" über Mißstände in freikirchlichen Gemeinden ("evangelikale Freikirchen und Zeugen Jehovas") und zwei Erziehungsratgeber, von denen etwa 4.000 Exemplare verkauft wurden ( "Liebe geht durch den Stock" von Florian Götz und Oliver das Gupta)
  11. Das KFN kann sich laut Prof. Pfeiffer "beispielsweise im Hinblick auf Baptisten oder Methodisten kaum vorstellen (...), dass dort die in dem erwähnten Erziehungsratgeber angesprochenen Erziehungsmethoden breite Anwendung finden"
  12. Es ist nach Ansicht des KFN möglich, daß "es andere evangelische Gruppierungen gibt, in denen die Kinder noch weit häufiger geschlagen werden, als wir das im Durchschnitt aller freikirchlichen Gemeinden feststellen konnten"
  13. Zur Studie wird erst noch ein kleiner Forschungsbericht erarbeitet
  14. Im Laufe des November wird das KFN über ein gesondertes Forschungsprojekt zu diesem Thema und den offenen Fragen entscheiden

Es ist nun also der im vorletzten Punkt genannte Forschungsbericht abzuwarten - und es ist zu hoffen, daß sich das KFN tatsächlich in einem Forschungsprojekt gesondert mit dem Thema beschäftigt.

Festhalten läßt sich: Die Berichterstattung der Medien über diese Studie hat den evangelischen Freikirchen und - obwohl gar nicht Inhalt der Studie - den Evangelikalen in ihrer jeweiligen Gesamtheit enorm geschadet. Selbst wenn eine zukünftige Studie etwa die traditionellen Freikirchen wie z.B. Baptisten und Methodisten entlastet - das wird kaum noch Gehör finden.

Ob beabsichtigt oder nicht - die von Prof. Pfeiffer angestoßene Berichterstattung in den Medien hat dazu geführt, daß es in Hinsicht auf muslimische Kinder und deren Gewalterfahrungen in der Erziehung, die immer wieder als Vergleich genannt wurde, zu einer Relativierung gekommen ist und diejenigen Muslime, die ihre Kinder schlagen, gewissermaßen in Schutz genommen werden, weil es bei freikirchlichen Christen ja noch viel schlimmer zugehe.

Daß hierbei aber eine extrem heterogene Gruppe wie die "Freikirchler", der viele äußerst verschiedene Konfessionen und Sondergemeinschaften angehören, nicht zum Vergleich taugt, fällt komplett unter den Tisch (zumal darüber hinaus, wenn ich das richtig sehe, die "Muslime" nicht als Mitglieder von Moscheegemeinden oder Religionsgemeinschaften definiert sind, so daß man diese Gruppe nicht mit einer Gruppe wie den Mitgliedern von freikirchlichen Gemeinden vergleichen kann, will man nicht, wie es so treffend heißt, Äpfel mit Birnen vergleichen).

Zu begrüßen ist auf jeden Fall, daß sich nun die Freikirchen in der VEF erneut intensiv mit der Frage beschäftigen, ob in ihren Reihen Kinder besonders oft geschlagen werden - und daß Maßnahmen beraten werden, wie Kinder geschützt werden können.

Viele solche Maßnahmen gibt es bereits seit längerer Zeit in mehreren evangelischen Freikirchen - was die Berichterstattung freilich komplett unterschlagen hat (mit Ausnahme einiger christlicher Medien). So leisten etwa die Baptisten über ihr Jugendwerk im Bereich der Erziehung Aufklärung, und bei den Methodisten gibt es eine Selbstverpflichtung, nach der Gewalt als Mittel der Erziehung und Konfliktlösung ausgeschlossen ist.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 21. Oktober 2010 um 16:43 Uhr
 

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