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Prügeln evangelikal-freikirchliche Eltern häufiger? PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 18. Oktober 2010 um 11:38 Uhr

Derzeit geistern einige Nachrichten durch die Medien, "evangelikal-freikirchliche Eltern" würde ihre Kinder weit mehr verprügeln als "christliche" oder muslimische Eltern, ja, es gäbe eine regelrechte Kultur des Verprügelns von Kindern bei Evangelikalen und Freikirchlern.

Ganz vorne weg natürlich die "Süddeutsche Zeitung" und das PI der Evangelikalophobie, "Mission Gottesreich", der Hintergrund ist allerdings seriöser einzuordnen: Eine  im aktuellen Spiegel besprochene Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN).

Ich habe den Spiegel-Artikel noch nicht gelesen, aber eines macht mich im Vorfeld stutzig: Es mag noch recht einfach zu sein, die Zugehörigkeit zu einer Freikirche festzustellen - aber mit der Zugehörigkeit zum Evangelikalismus dürfte es weit schwerer sein.

Aber auch wenn der Begriff "Freikirche" leicht zu erfassen scheint, steckt dahinter doch eine gewaltige Bandbreite an Strömungen. Das beginnt mit den Freikirchen, die Voll- oder Gastmitglieder in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) sind, geht über traditionelle Gemeinden, die stark von Aussiedlern und Migranten geprägt sind bis hin zu unabhängigen, oft postevangelikalen Gemeinden. Oft werden auch die Zeugen Jehovas, die Neuapostolische Kirche und andere christliche Sondergemeinschaften unter die Freikirchen gezählt, womit die Begriffsverwirrung komplett wäre. Wer mit "freikirchlich" alles meint, was nicht "ordentlich" im Schoße der Evangelischen Kirche gezähmt und gebändigt ist, hat einen sinn- und bedeutungslosen Begriff geschaffen, mit dem man nicht arbeiten kann.

Wer also "Freikirche" sagt, kommt um eine Differenzierung nicht umhin.

Und mehr noch gilt das halt bei den Evangelikalen. Es gibt hierzulande nur einen evangelikalen Dachverband, die Evangelische Allianz, und die umfaßt bei weitem nicht alle evangelikalen Christen im Lande, sondern von den rund 3 - 5 Millionen Evangelikalen nur etwa 1,7 Milllionen. Die anderen sind mehrheitlich nicht in einem evangelikalen Verband organisiert bzw. gehören Kirchen an, die nicht als "evangelikal" bezeichnet werden können.

Und von den Evangelikalen, so schätzt man weiterhin, gehört nur etwa jeder zweite zu einer evangelischen Freikirche. Die andere Hälfte etwa gehört zur Evangelischen Kirche - und dann gibt es auch noch Evangelikale, die weder im Bereich der VEF noch der EKD zu Hause sind. Hier haben wir wieder Evangelikale im Bereich der Aussiedler- und Migrantengemeinden, der unabhängigen postevangelikalen Gemeinden usw.

Wie auch immer: Weder die Freikirchler noch die Evangelikalen bilden einen monolithischen Block, schon gar nicht einen, der unter zwei Begriffen - evangelikal und freikirchlich - ein und dasselbe zusammenfaßt. Schließlich ist bei weitem nicht jeder Freikirchler evangelikal, und gerade einmal die Hälfte der Evangelikalen ist wohl im Bereich der Freikirchen zuhause.

Aber auch das gilt: Ja, in freikirchlichen Kreisen und in evangelikalen Kreisen wird geschlagen. Darüber habe ich ja schon ein paar Blog-Einträge verfaßt. Aber ich bezweifle, daß es eine "Kultur des Prügelns" gibt oder man sagen kann, daß diejenigen, die evangelikal und/oder freikirchlich sind, aufgrund einer verbreiteten Lehre in den Gemeinden mehrheitlich Kinder schlagen.

Man darf das Schlagen von Kindern in evangelikalen bzw. freikirchlichen Kreisen nicht ignorieren - ganz gewiß nicht. Aber wem es da wirklich um die Kinder geht, der wird differenzieren, der wird sich nicht mit Pauschalisierungen begnügen. Der wird schauen, wo genau in evangelikalen bzw. freikirchlichen Kreisen geschlagen wird, wie sich das auf die verschiedenen Strömungen beider Bewegungen aufteilt. Aber manche können oder wollen scheinbar nicht einmal zwischen "evangelikal" und "freikirchlich" unterscheiden und nehmen jede Fahrlässigkeit in Kauf, woraus dann letzten Endes Vorsatz entsteht.

Wer wirklich an das Wohl der Kinder denkt, der wird auch nicht nur Vermutungen anstellen, warum es einen häufigen Zusammenhang zwischen der Mitgliedschaft in freikirchlichen Gemeinden und der Gewalt gegen Kinder gibt, sondern hierzu eine fundierte Aussage treffen, die auf Fakten und ihrer wissenschaftlichen Auswertung beruht. Kann man das nicht, muß man halt zugeben, daß man den Zusammenhang wenigstens jetzt nicht erklären kann und weitere Untersuchungen abwarten muß.

Wer jetzt, um evangelikalophobe Stimmung anzuheizen, das Verprügeln von Kindern instrumentalisiert, handelt m.E. menschenverachtend, der mißbraucht die Kinder für einen Kreuzzug gegen evangelikale bzw. freikirchliche Christen. Der ist nicht besser als etwa "Politically Incorrect", wenn dort Gewalt gegen Kinder für die Islamophobie instrumentalisiert wird.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 15. Dezember 2011 um 10:53 Uhr
 

Kommentare  

 
# Die Medien und die EvangelikalenMichael Molthagen 2010-10-18 13:40
Wann immer ich die evangelikalopho ben Berichte etwa in der SZ lese, ziehe ich daraus natürlich auch meine Lehren über die Berichterstattu ng in unseren Medien, wenn sie über den Islam, über die Muslime schreiben.

Ich glaube da nichts mehr, wenn es etwa um Salafiten geht usw. Ich gehe von einer ziemlichen Verfälschung aus, keineswegs davon, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit vorzufinden.

Insofern macht mich die Evangelikalopho bie immun gegen die Islamophobie in unseren Medien.
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# Gedanken zur StudieMichael Molthagen 2010-10-18 16:40
Das von mir nicht sonderlich geschätzte evangelikale "Medienmagazin pro" hat sich mit der Studie auseinandergese tzt, nachzulesen hier: www.pro-medienmagazin.de/.../

Was fällt auf?

Das KFN gibt selbst zu, daß die Kategorie "Freikirchler" nicht wissenschaftlic h ist, man verwende sie allerdings aus Gründen des Datenschutzes (ich les die Worte, allein fehlt mir der Glaube...)

Befragt wurden mehr als 600 Kinder freikirchlicher Eltern - unklar ist immer noch, was für Freikirchen das sind.

Rußlanddeutsche Kinder wurden herausgerechnet , die Studie erfaßt nur in Deutschland geborene Kinder von Eltern mit deutscher Staatsangehörig keit

Pfeiffer hält die Gewalt ausübenden Eltern für stark fundamentalisti sch orientierte Machtmenschen - offen muß natürlich die Frage bleiben, ob sich Machtmenschen eher einer fundamentalisti schen Religion zuwenden oder ob fundamentalisti sche Religion Machtmenschen erschafft. Persönlich meine ich, ersteres ist der Fall: Machtmenschen suchen sich eine Umgebung, in der sie ihre Macht auch ausüben können. Eher kleine freikirchliche oder unabhängige Gemeinden mit einer "biblischen Theologie" sind hier natürlich prädestiniert und bieten Machtmenschen eine Basis. Bestimmte Gemeinden ziehen also bestimmte Menschen an, bringen diese aber nicht aufgrund ihrer typischen Lehren und Überzeugungen hervor. Es gäbe damit auch keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen freikirchlichen Überzeugungen und dem Schlagen von Kindern; die Mitgliedschaft in einer bestimmten Kirche und das Schlagen von Kindern fallen zwar zusammen, das eine führt aber nicht zwangsläufig zum anderen. (Das soll nichts beschönigen, es ist nur der Versuch, die Mechanismen hinter dem vermehrten Schlagen von Kindern in Freikirchen zu erklären.)

Denkbar ist freilich auch ein Szenario, daß eher jähzornige, zu Gewaltausbrüche n neigende Eltern, die unter ihrer Natur leiden, Hilfe in Gemeinden und bei Gott suchen - dort aber so nicht finden und ihre Natur schließlich mit Hilfe einschlägiger Bibelstellen "taufen", sich damit rechtfertigen.

Zuletzt bleibt die Frage, ob eine negative Darstellung freikirchlicher Christen gerade im Bereich des sensiblen Themas "Kindesmißbrauch " vor allem dem Zweck dient, Mißstände bei Muslimen, die auch vom KFN publik gemacht wurden, zu "entschuldigen" und zu relativieren. Manch eine Formulierung des KFN in dieser Studie, in der es um Muslime geht, legt diesen Verdacht durchaus nahe.
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# Die Bibel und das Schlagen der KinderMichael Molthagen 2010-10-18 17:45
Es wird immer wieder behauptet, freikirchliche und/oder evangelikale Christen würden ihre Kinder deswegen schlagen, weil sie die Bibel als göttliches Wort wörtlich nehmen.

Schaue ich mir die Bibel aber an, dann kann ich zwar die Erlaubnis zum Schlagen von Kindern hinein-, aber keinesfalls herauslesen. Es handelt sich hier um den Unterschied von Eisegese und Eexegese.

Suche ich eine Ausrede, Kinder mißhandeln zu dürfen, kann ich die Bibel durchaus als "Steinbruch" benutzen, um mir passende Steine herauszuschlage n.

Gehe ich aber ergebnisoffen heran und suche nicht bloß eine Bestätigung meiner eigenen Ansichten, finde ich zwar sehr wohl jene Stellen, die das Schlagen von Kindern befürworten - aber auch genügend Stellen, die es mir eben nicht gestatten (und das ist nicht bloß der "Fortschritt" vom Alten zum Neuen Testament - viele der fortschrittlich en Stellen finden sich gerade im AT, etwa bei den Kleinen Propheten).

Ich kann da etwa die "Rute" auf die "Hartherzigkeit der Menschen" schieben, um nur ein Beispiel zu nennen ("Mose hat's euch erlaubt, aber im Anfang ist's nicht so gewesen...").

Will sagen: Nicht die Bibel bzw. die Bibeltreue führt zum Schlagen der Kinder, sondern nur der wird seine Kinder mit Hinweis auf die Bibel schlagen, der das ohnehin will - egal ob mit "liberaler" oder "fundamentalisti scher" Bibelauslegung.

Es hat also nichts mit "bibeltreu" oder "fundamentalisti sch" zu tun. Allenfalls suchen sich manche Leute die passende Umgebung für ihre Interessen - und da passen halt kleinere, fundamentalisti schere Gemeinden freikirchlicher oder unabhängiger Prägung am besten, um sich zu "verwirklichen". Gerade Machtmenschen finden dort ein Betätigungsfeld .
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