|
Am Sonntag habe ich über Hebräer 4,12.13 gepredigt - leider hatte ich nur 20 Minuten, weil ich zugleich die Mahlfeier zu leiten hatte, so daß nicht alles in die Predigt paßte, was ich dort gerne berücksichtigt hätte.
Darum an dieser Stelle ein paar kurze Ergänzungen.
Natürlich kann man fragen, warum ich etwa die Hälfte der Predigt damit zugebracht habe, zu erklären, auf welches "Wort Gottes" sich der Verfasser des Predigttextes bezogen hat. Hätte ich nicht die Vorrede weglassen und gleich beim Predigttext einsteigen können?
Ich muß gestehen, daß mir der Kontext immer sehr wichtig ist. Ich mag keine Predigten, die den Predigttext aus dem Kontext herauslösen. Nachdem ich erkannt hatte, worauf sich der Verfasser bei seinen Ausführungen über das Wort Gottes bezieht - nämlich die Ruhe Gottes -, wollte ich nicht darauf verzichten, dem Zusammenhang zwischen der Ruhe Gottes und dem Wort Gottes genügend Raum zu geben.
Zum im Predigttext behandelten Wort Gottes sind jedenfalls zwei Dinge zu sagen.
Erstens, und das habe ich in der Predigt ausführlich getan, es handelt sich um das Wort Gottes über die Ruhe, die Gott seinem Volk bereitet hat. Es ist nicht irgend ein Wort, sondern hat genau ein Thema. Man sollte dieses Thema nicht für gering achten; es ist ein wichtiges Thema.
Zweitens, und das paßte leider nicht in die Predigt, hat dieses Wort Gottes verschiedene Ebene, auf denen es existiert.
Die erste Ebene ist Jesus Christus. Er selbst ist ja das Wort Gottes im eigentlichen Sinn; die Bibel ist das in gewisser Weise nur in einem "uneigentlichen" Sinn. Wir haben es hier bei dem Wort Gottes, das schärfer ist als jedes beidseitig geschliffene Schwert, in erster Linie mit dem Herrn Jesus selbst zu tun, nicht nur mit niedergeschriebenen Worten. Das bedeutet natürlich auch, daß es einen engen Zusammenhang zwischen dem Herrn Jesus und der Ruhe, die Gott seinem Volk bereitet hat, besteht. Darauf bin ich freilich in der Predigt eingegangen. Hier möchte ich aber deutlich machen, daß der Predigttext in sich Christus zum Zentrum hat. Jede Predigt über diesen Text sollte zuerst und zuletzt eine Predigt über den Herrn Jesus sein und den Hörer ermutigen, nicht irgendwo, sondern beim Herrn Jesus die Ruhe zu suchen, die wir in dieser unruhigen Welt brauchen. Zugleich ist darauf hinzuweisen, daß Jesus die Menschen erst einmal beunruhigt, damit er sie zur Ruhe führen kann. Um es mit einem Bibelwort zu sagen: Er ist gekommen, das Schwert zu bringen...
Die zweite Ebene ist nun natürlich die Bibel. Auf sie und die dritte Ebene, die Predigt, die pastorale Verkündigung des Wortes Gottes bin ich in der Predigt ausführlich eingegangen, dazu ist an dieser Stelle nichts mehr zu sagen.
Die vierte Ebene ist die der Missionare. Ich glaube, daß die missionarische Verkündigung zu den "Verwirklichungsgestalten" des Wortes Gottes gehört, zumal die Mission ihr Fundament immer beim Herrn Jesus hat und die Bibel als Richtschnur des Glaubens. Wo der Missionar christologisch und auf biblischer Grundlage predigt (und das schließt die Diakonie, die tätige Nächstenliebe ein), da gilt der Prediggtext denn auch für die Verkündigung auf dem Missionsfeld.
Die fünfte Ebene schließlich, die ich ansprechen möchte, ist der "Umkehrruf Gottes", für den Gott Menschen aus anderen "Völkern" benutzt, um die Christen zur Buße zu rufen. Ich glaube, und da weiß ich mich ganz in der Tradition der Reformatoren und auch vieler orientalischer Christen aus der Frühzeit des Islam, daß der Islam ein solcher "Bußruf Gottes" ist (ich habe das anderswo ausgeführt, z.B. hier). Dieser "Umkehrruf Gottes" weist in gewisser Weise die Qualitäten des Predigttextes auf, und in ganz besonderer Weise ist er ein "Schwert", das die Christen beunruhigen will, damit sie zur Buße kommen, die unverzichtbare Voraussetzung, um in die Ruhe Gottes einzugehen.
Es mag provozieren, daß ich den Islam als ein Beispiel nenne für das "Wort Gottes", von dem im Predigttext die Rede ist. Wir sind es nicht anders gewöhnt, als den Text in erster Linie auf die Bibel zu deuten, aber damit verkürzen wir m.E. die Bedeutung des Predigttextes, und wenn wir nicht bis zu den "Umkehrrufen Gottes" gelangen, kommen wir nicht weit genug. Das extreme Versagen der Christen - und machen wir uns nichts vor, unser Versagen in der Nachfolge des Herrn Jesus ist immer wieder auch von Extremen geprägt - erfordert extreme Maßnahmen, will Gott sein Volk zur Umkehr rufen.
Beunruhigt uns dieser Gedanke? - Gut.
Das bedeutet aber auch, daß wir uns weniger, viel weniger vom Islam beunruhigen lassen sollten, als es bei vielen Christen oft der Fall ist. Nicht der Islam ist das Problem, nicht er ist die Herausforderung, sondern wir sind es.
Und das heißt dann auch, daß es weniger darum geht, die Muslime zur Umkehr zu rufen, sondern daß wir zur Umkehr gerufen sind (das ist jetzt kein Statement gegen eine Mission unter Muslimen, aber will doch daran erinnern, daß wir bei uns selbst beginnen müssen).
|
Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß Ihr Kommentar erst vom Webmaster freigeschaltet werden muß, um unerwünschte Werbung zu verhindern. Die Freischaltung erfolgt so schnell wie möglich.