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Proprien der Baptisten PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 30. Januar 2012 um 15:33 Uhr

Im Jahre 2011 haben die Gemeinden im Ökumenischen Arbeitskreis Stuttgart-Zuffenhausen die Proprien (Besonderheiten) ihrer jeweiligen Kirchen vorgestellt. Dabei ging es nicht um religionswissenschaftlich exakte Darstellungen, sondern um eine lebensnahe Darstellung, die durchaus auch die Gegebenheiten vor Ort, also im Nordwesten Stuttgarts, aufgreift.

Es folgt die von mir ausgearbeitete und nachträglich überarbeitete Vorstellung der baptistischen Proprien:

Prolog

Im Scherz könnte man sagen, daß zumindest in Deutschland die Baptisten nicht als Kirche gegründet wurden, sondern als die christlich-missionarische Buchhandlung von Johann Gerhard Oncken (heute Oncken-Verlag in Kassel). Tatsächlich hat die missionarische Schriftenverbreitung Onckens zur Gründung der ersten Baptistengemeinde in Deutschland geführt. Noch heute gehören "Büchertische", an denen Bibeln und andere christliche Literatur verkauft werden, zu nahezu jeder Baptistengemeinde.

Außerdem sind die Baptisten eine der Kirchen, die es als solche gar nicht gibt, es gibt keine „Baptistische Kirche“ oder „Evangelisch-Baptistische Kirche“ in Deutschland, sondern die „Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden (Baptisten) im  Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (Baptisten und Brüdergemeinden) K.d.ö.R.“ (BEFG), einem Bund, zu dem neben den Baptisten und mehreren Brüdergemeinden, die ein gutes Zehntel der Mitglieder des Bundes ausmachen, auch noch zwei Elim-Gemeinden in den neuen Bundesländern gehören, während die meisten Elim-Gemeinden in den alten wie in den neuen Bundesländern zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden gehören.

Neben den „BEFG-Baptisten“ gibt es in Deutschland auch noch Baptisten in anderen Bünden, etwa Aussiedler-Gemeinden, unabhängige Baptisten und internationale Gemeinden (um die es hier nicht gehen soll).

In Zuffenhausen gibt es zwei Baptisten-Gemeinden im BEFG, die Martin-Luther-King-Kirche und die tamilsprachige Living Word Missionary Church (Missionsgemeinde Lebendiges Wort), die Tochtergemeinde einer gleichnamigen Gemeinde in Mülheim/Ruhr. Beide Gemeinden sind vor allem dadurch geprägt, daß ihre Mitglieder in der großen Mehrzahl nicht in Zuffenhausen leben - ein nicht gewolltes und nicht vorteilhaftes lokales Proprium.

Taufe

Auffälligstes Proprium der Baptisten - wenn auch in anderen, meist jüngeren Konfessionen zu finden - ist sicherlich die namensgebende Taufe, wobei der Name „Baptisten“ (untertauchen, versenken) eine spöttelnde Fremdbezeichnung ist, die von den Baptisten allerdings übernommen worden ist, nachdem sie sich in Deutschland zuvor „Evangelisch Taufgesinnte Christen“ nannten oder auch „Gläubig getaufte Christen“.

Die Baptisten sind nicht als direkte Nachfahren der Täuferbewegung zur Zeit der Reformation zu sehen.

Baptisten taufen nur solche Menschen, die freiwillig bzw. aus dem Glauben heraus um die Taufe nachsuchen; die „Kindertaufe“ wird nicht als biblisch begründet gesehen und darum abgelehnt. In der Regel findet die Taufe durch Untertauchen statt.

Kinder werden nicht getauft, und die übliche Kindersegnung nach der Geburt eines Kindes soll nicht als Ersatzhandlung anstelle einer Taufe verstanden werden. Kinder gehen nach baptistischem Verständnis nicht verloren, wenn sie nicht getauft sind. Wer getauft wird, sollte in der Regel wenigstens zwölf Jahre alt sein.

Wo Menschen von Baptisten getauft werden, die - nach dem Verständnis Kinder taufender Kirchen - bereits als Kinder getauft worden sind, sprechen Baptisten nicht von einer „Wiedertaufe“; sie lehnen diesen Begriff entschieden ab, weil sie die Kindertaufe nicht als Taufe im eigentlichen Sinn oder als „ordentliche Taufe“ akzeptieren (viele ordnen sie als „Segenshandlung durch Besprengen mit Wasser“ ein, was durchaus nicht abwertend gemeint ist).

Baptisten glauben nicht, daß „ihre“ Taufe besser ist oder sie zu besseren Christen macht; die Taufe ist zudem nach ihrer Überzeugung nicht heilsentscheidend, sondern der persönliche Glaube an Jesus Christus.

Taufe und Gemeinde

Zwischen Taufe und Eintritt in die Gemeinde wird eine enge Beziehung gesehen, man wird in die Gemeinde hineingetauft bzw. durch die Taufe der Gemeinde hinzugefügt. Die Taufe begründet also die Mitgliedschaft in der Gemeinde.

(Doppelmitgliedschaften sind dabei ebenso wenig erwünscht wie die Taufe von Personen, die nicht zugleich Mitglied der Gemeinde werden, sondern beispielsweise in einer anderen Kirche verbleiben wollen. Erwartet wird, daß sich Christen für eine Kirche und die dort jeweils praktizierte Taufe entscheiden.)

Wer bereits in einer anderen Kirche gläubig getauft worden ist, wird beim Übertritt in eine Baptistengemeinde nicht noch einmal getauft, sondern durch „Zeugnis“ oder aber „Überweisung“ aufgenommen.

(Dies gilt selbstverständlich auch im Hinblick auf Taufen gläubiger Christen im Bereich der evangelischen Landeskirchen, der katholischen Kirche oder orthodoxer Kirchen, da Baptisten nicht die Taufen anderer Kirchen per se ablehnen, sondern die "Kindertaufe".)

Gemeinde der Gläubigen und Getauften

(Glaube wird nicht als Leistung oder Werk gesehen, sondern als Geschenk der Gnade Gottes. Dieses Geschenk bzw. die Betrachtung des Glaubens als Geschenk Gottes spielt auch im Hinblick auf die Gläubigentaufe eine entscheidende Rolle.)

Baptistengemeinden verstehen sich traditionell als „Gemeinden der Gläubigen und Getauften“, geschaffen vom Wort Gottes und mit dessen „Verwaltung“ beauftragt . Voraussetzung zur Mitgliedschaft ist sowohl der eigene, freiwillige Glaube als auch die „Gläubigentaufe“.

Wer nicht als Gläubiger getauft ist, kann nicht Mitglied der Gemeinde werden - manche Gemeinden verfahren seit mehreren Jahren in dieser Frage anders, wobei es jedoch keine einheitliche Regelung gibt, wie mit dieser Situation bei der Überweisung in andere Gemeinden umgegangen werden soll.

Nicht als Gläubige getaufte Christen, die sich zur Gemeinde halten („trockene Baptisten“), gehören zum Freundeskreis der Gemeinde (oder sind „assoziierte Mitglieder“). Als solche sind sie mit Ausnahme der Möglichkeit, bei Gemeindeversammlungen abstimmen zu können, den gläubig getauften Mitgliedern gleichgestellt. Die Gemeinde kann sie etwa auch beauftragen, zu predigen, das Abendmahl zu feiern, Bibelstunden zu halten usw.

Baptistengemeinden sind kongregationalistisch verfaßt; die Gemeinden sind in allen wesentlichen Fragen selbständig. Die Mitglieder der Gemeinde wählen eine Gemeindeleitung, wählen Pastoren und andere Mitarbeiter aus, bestimmen selbständig über ihre Finanzen usw.

Zum BEFG gehörende Gemeinden sind über den Bund als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt. Aus Gründen des Staatskirchenrechts sind sie dem "Kirchenrecht" des BEFG unterworfen.

Priestertum aller Gläubigen

Baptisten praktizieren ein Priestertum aller Gläubigen. Die Pastorin bzw. der Pastor der Gemeinde ist ein Gemeindemitglied, das für bestimmte Aufgaben von der Gemeinde freigestellt wird.

Darüber hinaus kann die Gemeinde jeden beauftragen, alle denkbaren Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen. So ist die Laienpredigt üblich, Laien können aber auch das Abendmahl verwalten, Taufen vornehmen usw.

Liturgie

Baptistische Gottesdienste sind in der Regel frei gestaltet; in der Liturgie sind, wenn man so will, „Ordinarien“ eher unbekannt, alle Inhalte sind gewissermaßen „Proprien“; denn alles ist grundsätzlich veränderlich.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht die Gemeinschaft mit Jesus und untereinander - auch über konfessionelle Grenzen hinweg. Am Gottesdienst sollen sich möglichst viele beteiligen.

Im liturgischen Zentrum des Gottesdienstes steht die Bibel, die möglichst lebensnah und zum Glauben einladend ausgelegt werden soll.

Das Abendmahl wird als Gedächtnismahl gefeiert und dient der Gemeinschaft mit Jesus Christus und untereinander; hierzu werden alle gläubigen Christen eingeladen.

Mission

„Jeder Baptist ein Missionar“ - getreu dieses Wortes vom Gründer des Baptismus in Deutschland, Johann Gerhard Oncken, soll sich jeder Baptist an der Mission beteiligen. Mission ist aber auch vorrangige Aufgabe jeder Gemeinde sowie ihrer Zusammenschlüsse.

Mission wird ganzheitlich verstanden und beinhaltet Evangelisation und Diakonie.

Bibel

Baptisten wollen seit jeher eine Bibel-Bewegung sein. Die Bibel ist Richtschnur des Glaubens und gilt weithin in allen Fragen, die das betreffen, was Gott für die Menschen getan hat und was er von uns erwartet, als irrtumslos und nicht ergänzungsbedürftig.

Traditionell spielt die wöchentliche „Bibelstunde“ eine wichtige Rolle, mittlerweile entstehen zunehmend Hauskreise, in deren Mitte neben der Gemeinschaft untereinander und mit Jesus Christus das gemeinsame Lesen der Bibel steht.

Es gibt allerdings keine spezielle „baptistische Bibel“ (anders die verwandte Brüderbewegung mit der „Elberfelder Bibel“), sondern zur Verwendung kommen bekannte Bibeln aus dem evangelischen Raum, ohne daß einer der Vorzug gegeben wird.

Die Bibelauslegung ist nicht ausschließlich evangelikal, sondern weist eine große Bandbreite auf. Wissenschaftliche Theologie genießt einen hohen Stellenwert, viele baptistische Theologen haben an evangelischen Fakultäten studiert bzw. promoviert; es gibt aber auch ein eigenes Theologisches Seminar in Elstal/Wustermark bei Berlin, das als Fachhochschule akkreditiert ist. Daneben wird die „Amateur-Theologie“ gefördert.

Religionsfreiheit

Baptisten setzen sich traditionell sehr stark für die allgemeine Religionsfreiheit ein und fordern, daß keine Religion bevorzugt werden darf.

1848 hat in Deutschland der Baptist Julius Köbner in einem Manifest ausdrücklich Religionsfreiheit für Christen, Juden, Mohammedaner und alle anderen Deutschen gefordert.

Der Einsatz für die rund 100 Millionen verfolgten Christen weltweit spielt heute eine große Rolle.

Trennung von Staat und Kirche

Baptisten setzen sich für die Trennung von Staat und Kirche ein. Kirchliche und staatliche Ämter dürfen nicht miteinander verbunden sein; der Staat darf keine Kirche bevorzugt behandeln, sondern ist zur weltanschaulichen Neutralität gegenüber seinen Bürgern verpflichtet.

Zur Trennung von Staat und Kirche gehört auch der Verzicht auf Kirchensteuern (Finanzierung durch freiwillige Mitgliedsbeiträge und Spenden).

Epilog

Ein Proprium im Sinne eines tatsächlichen Alleinstellungsmerkmales gibt es bei den Baptisten nicht; die Summe der einzelnen Proprien macht freilich das Proprium der Baptisten aus, das, was sie von anderen Kirchen unterscheidet, wobei die Unterschiede zu anderen traditionellen Freikirchen (z.B. Brüdergemeinden, Mennoniten, Elim- und Pfingstgemeinden, Freie evangelische Gemeinden usw.) eher gering sind, weswegen etwa Überweisungen von Gemeindemitgliedern untereinander in der Regel kein Problem darstellen, teilweise auch Theologen „wechseln“ können.

Über die baptistischen Proprien hinaus gibt es jedoch eine ganze Menge „Ordinarien“, Gemeinsamkeiten mit allen anderen Kirchen und Konfessionen.

Meiner persönlichen Überzeugung nach, die von vielen Baptisten geteilt wird, gehört es denn auch zu den „Proprien“ der Baptisten, auf der Basis dieser „Ordinarien“ mit Angehörigen anderer Kirchen und Gemeinden Gemeinschaft haben zu wollen und mit allen Christen zusammen Gemeinschaft mit dem Herrn der Kirche, Jesus Christus, zu haben. Wir wollen unseren Teil an der Konvivenz haben: Einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern.

Wir wissen, daß wir auf die Geschwister aus den anderen Konfessionen angewiesen sind, weil wir nur gemeinsam Leib Christi sein können, „Gemeinschaft der Heiligen“, Kirche Jesu Christi.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 31. Januar 2012 um 18:02 Uhr
 

Kommentare  

 
# Das Logo des BundesMichael Molthagen 2012-01-31 17:59
Da ich gefragt wurde, welche Bedeutung das Logo des BEFG (Kreuz und Fisch) hat, hier der Link zu einer Erklärung auf den Seiten des Bundes:

www.baptisten.de/.../logo
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