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Eine narrative Oster-Predigt zu
Lukas 24,36-47
- ein fiktiver Brief des Erastus von Paneas an den Evangelisten Lukas
Diesen Brief schreibt Erastus, einer der Jünger unseres Herrn Jesus, an Lukas, den geliebten Arzt.
Mit großer Freude habe ich vernommen, daß Du eine Zusammenfassung geben willst von den Ereignissen, die bei uns in Jerusalem vor über 30 Jahren geschehen sind, damit sich der hochverehrte Theophilus in Rom von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen kann, in der er unterrichtet wurde.
Wie ich hörte, hast Du großes Interesse an den Dingen, die in Jerusalem geschahen, nachdem der Herr auferstanden war und im Kreise der Apostel und der Jünger und der Frauen, die ihn stets begleiteten, erschien. Wir alle waren damals sehr erschreckt und verwirrt, und manch eine unserer Erinnerungen mag unter dem Eindruck der aufwühlenden Ereignisse nicht ganz dem wirklichen Geschehen entsprechen, manches mag widersprüchlich erscheinen. Wir waren uns jedoch seit jeher einig, daß jeder von uns das Erlebte so schildern solle, wie er es im Gedächtnis hat, auch wenn wir manches verschieden erinnern. Wir glauben, es wäre falsch, unsere Berichte untereinander abzusprechen. Wundere Dich darum nicht, wenn manches von dem, was Du hörst, anderen Berichten widerspricht. Je mehr Berichte Du hörst, um so eher kannst Du Dir ein Bild machen, das den tatsächlichen Geschehnissen entspricht. Darum will auch ich Dir einen Bericht senden, obwohl ich damals wirklich sehr erschrocken und verstört war und mir vieles heute wie ein Traum erscheint, als sähe ich es in einem Spiegel.
Da ich derzeit in Paneas der Gemeinde diene, kann ich Dich nicht aufsuchen, um Dich persönlich zu unterrichten. Ich hoffe, daß dieser Brief Dich erreicht.
Hochverehrter Lukas,
als der Herr am Kreuz starb, waren wir alle sehr erschüttert. Wir glaubten, nun sei alles vorbei. Wir hatten ja nichts von dem verstanden, was hatte geschehen müssen. Ja, wir hatten seine Wunder gesehen, wir hatten geglaubt, daß Jesus Gott war, also nannten wir ihn unseren Herrn. Wir waren uns sicher, daß er nie sterben würde - Gott kann schließlich nicht sterben. Und die Herrschaft würde auf seinen Schultern ruhen.
Wir glaubten fest daran, daß Jesus die Römer und ihre Helfer aus dem Land jagen, das Königtum Davids wieder aufrichten, dem Gesetz Geltung verschaffen, die Gerechten belohnen und die Sünder und die Ungläubigen bestrafen würde.
Doch dann geriet plötzlich die ganze Welt aus den Fugen. Wir merkten das am Donnerstag vor der Kreuzigung, bei einem Abendmahl. Jesus war von etwas erfüllt, was ich damals für eine Art Todessehnsucht gehalten habe. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter, mir blieb jeder Bissen und jeder Tropfen im Hals stecken. Ich wäre vor Angst beinahe durchgedreht. Ich hatte das Gefühl, ich müßte mit einem Toten essen.
Und dann ließ Jesus sich verhaften. Und dann starb er. Und damit schien dann alles vorbei, aus und vorbei. Alle unsere Hoffnungen schienen am Ende, unser Glaube schien uns enttäuscht zu haben. Wir rannten alle weg. Nur die Frauen blieben in seiner Nähe, und ein paar der Männer blieben immerhin in Sichtweite.
Ich suchte mit anderen Jüngern Zuflucht in einem Haus, wir hielten die Türen fest verschlossen. Wir hatten Angst vor den Römern und den führenden Juden und ihren Soldaten.
Hochverehrter Lukas, wir waren wirklich alle in sehr schlechter Verfassung an jenem ersten Tag der Woche nach der Kreuzigung. Es ging uns schlecht, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß es jemals wieder besser werden würde, besser werden könnte. Unser Leben war mit Jesus gekreuzigt.
Die Frauen gingen zum Grab, um den Leichnam Jesu zu salben. Keiner von uns kam auf die Idee, daß sie Hilfe brauchen würden, um den schweren Stein von der Grabhöhle wegzurollen - ich schätze, keiner von uns Männern wollte sich dem Grab nähern.
Auf einmal - ich weiß nicht, ob Minuten oder Stunden später, es hätten auch Tage vergangen sein können - tauchten die Frauen wieder auf und erzählten, das Grab sei leer, Engel seien ihnen erschienen und hätten ihnen berichtet, Jesus sei aus den Toten auferstanden.
Die meisten von uns haben den Frauen nicht geglaubt - ich war mir sicher, sie seien hysterisch geworden, hätten sich das alles nur eingebildet. Wir redeten alle durcheinander, niemand hörte einem anderen wirklich zu, es muß ausgesehen und sich angehört haben, als seien wir völlig von Sinnen. Petrus lief zum Grab, um nachzuschauen, und als er weg war, brach alles zusammen, wir gerieten in Panik, alles war ein heilloses Durcheinander.
Zwei der Männer flohen regelrecht vor diesem Durcheinander, sie wollten nur noch in ihr Heimatdorf Emmaus, wohl um sich dort zu verkriechen.
Als Petrus wiederkam, konnte er uns kaum noch zur Besinnung bringen. Er sagte, er habe das Grab leer vorgefunden und dann sei ihm Jesus erschienen - und er konnte nicht verstehen, was das nun alles sollte.
Es klingt jetzt merkwürdig, aber damals konnte sich keiner von uns wirklich vorstellen, daß Jesus aus den Toten auferstanden war. Wir konnten uns das alles nicht erklären. Erst langsam begannen wir zu verstehen, daß Jesus wohl wirklich irgendwie auferstanden war, daß er irgendwie zurückgekommen war. Aber wie das geschehen war und was das nun bedeutete, das haben wir nicht verstanden.
Dann tauchten plötzlich die beiden Jünger aus Emmaus wieder auf, die ebenfalls berichteten, sie hätten Jesus gesehen, er habe mit ihnen gesprochen und sie hätten ihn aber erst erkannt, als er das Brot brach.
Die Frauen, Petrus, die beiden Emmaus-Jünger - sie alle berichteten davon, Jesus gesehen zu haben. Irgendwie war er von den Toten auferstanden, irgendwie war er zurückgekommen. Aber was bedeutete das?
Während wir erregt miteinander diskutierten, ging von der Mitte des Raumes eine Stille aus. Es war wie bei einem Stein, der ins Wasser fällt, dessen Wellen langsam ihre Kreise ziehen. Wir, die wir ganz außen standen - ich stand direkt an der verriegelten Tür und kann bezeugen, daß sie sich seit dem Eintreten der Jünger aus Emmaus nicht mehr geöffnet hatte -, wurden zuletzt ruhig, obwohl wir nicht wußten, was geschah. Plötzlich war es ganz ruhig im Raum, ich konnte mein Herz schlagen hören.
Mitten im Raum stand etwas, das ich nicht einordnen konnte. Ich weiß nicht, ob ich es nicht erkennen konnte, weil ich es nicht erwartet habe, oder weil Gott meine Augen verschlossen hatte.
Vor Schreck schlug mein Herz bis an meine Schädeldecke. Ein Geist! Mein Herz schien auszusetzen. Da war ein Geist in unserer Mitte! Zweifel schauerte eiskalt über meinen ganzen Körper, kalter Schweiß troff von meiner Stirn, Angst floß durch meinen ganzen Körper und ließ mich schwanken, als gäbe es gerade ein Erdbeben.
Worte erklangen. Ich brauchte eine Ewigkeit, bis ich sie verstand. „Friede sei mit euch!“ Wer hatte sie gesagt? Wieder eine Ewigkeit, bis mir klar wurde, daß dieser „Geist“ sie gesprochen hatte, doch zusammenbringen konnte ich das nicht. Ich hatte das Gefühl, meinen Verstand zu verlieren.
„Friede sei mit euch!“ Ich weiß nicht, ob er den Gruß wiederholte oder ich nur ein Echo in mir selbst hörte. „Warum fürchtet ihr euch so?“ Ein verzweifelnde Lachen wallte in mir auf, als ich diese Frage hörte. Warum ich mich fürchte? Man hat unseren Herrn gekreuzigt! Alles, woran wir geglaubt haben, ist zunichte! Wir hören unfaßbare Berichte von einem leeren Grab und unmöglichen Erscheinungen! Da steht ein Geist im Raum! Warum ich mich fürchte?
„Warum zweifelt ihr, wer ich bin?“ Wieder dieses verzweifelnde Lachen in mir. Der, der so aussieht wie du, wurde gekreuzigt, ist tot. Er hat alle unsere Hoffnungen mit sich ins Grab genommen. Wer würde da nicht zweifeln?
„Seht euch meine Hände an.“ Der Zweifel bleibt.
„Seht euch meine Füße an.“ Der Zweifel bleibt. Zu schön, um wahr zu sein.
„Ihr könnt doch sehen, daß ich es wirklich bin.“ Wie kann ich meinen Augen trauen? Sie sehen, was doch nicht sein kann. Sie gaukeln mir ein Trugbild vor, oder nicht?
„Berührt mich und vergewissert euch, daß ich kein Geist bin; denn ein Geist hat keinen Körper, und ich habe einen, wie ihr seht!“ Er hält uns seine Hände hin, zeigt uns seine Füße, dreht sich im Kreis, geht quer durch den Raum, von einem zum anderen, läßt niemanden aus. Ich sehe, daß einer nach dem anderen zu lächeln beginnt, freudig, erlöst. Auch in mir kämpfen Zweifel und Freude um die Vorherrschaft.
„Habt ihr etwas zu essen da?“
Ohne zu wissen, was ich tue, hole ich einen gebratenen Fisch. Ich lege den Teller in seine Hände. Jemand anderes holt eine Honigwabe. Er ißt, vor unseren Augen. Es scheint ihm wirklich Freude zu bereiten. Seine Freude ist ansteckend.
Ihn zu sehen, wie er ißt, läßt endlich meine Zweifel schmelzen. Wir alle werden ganz ruhig, sehen ihm zu, wie er den Fisch verspeist. Was vorhin noch ein Lachen des Zweifels war, wird zu einem Lachen der Freude. Er lächelt uns an.
Er stellt den Teller zur Seite. „Als ich bei euch war, habe ich euch erklärt, daß alles, was bei Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht, in Erfüllung gehen muß.“
Er geht langsam von einem zum anderen. „Es wurde vor langer Zeit aufgeschrieben, daß der Christus leiden und sterben muß.“
Er zitiert aus den ersten Seiten der Bibel. Der Nachkomme der Frau, der Nachkomme der Schlange. Ein Biß in die Ferse des Sohnes, aber der Kopf der Schlange wird zertreten. Der Psalm, der er am Kreuz gebetet hat, Psalm 22, „mein Gott, warum hast du mich verlassen“, das Leben ausgeschüttet wie Wasser, die Knochen voneinander gelöst, Hände und Füße durchbohrt. Das Lied Jesajas vom Gottesknecht, verachtet und für niemandem von Bedeutung, wegen unserer Vergehen durchbohrt, wegen unserer Übertretungen zerschlagen, gestraft damit wir Frieden haben. Daniels Vision, daß ein von Gott Gewählter abgelehnt und vernichtet wird.
Wir beginnen zu verstehen. Jesus starb stellvertretend für uns, für unsere Vergehen, für unsere Übertretungen. Er starb an unserer Stelle. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, jeder seinen eigenen Weg. Doch ihn ließ der Herr die Schuld von uns allen treffen.
„Es wurde vor langer Zeit aufgeschrieben, daß der Christus am dritten Tag auferstehen muß.“ Wieder Worte aus der Bibel, Jona etwa, der drei Tage im Bauch des Fisches verbrachte. So viele Worte, nach denen am dritten Tag jeweils unglaubliche Dinge geschehen. Hosea, wie er berichtet, daß Gott nach zwei Tagen lebendig macht, am dritten Tag aufrichtet.
Alle diese Schriftstellen ergeben auf einmal einen Sinn. Der Tod Jesu ergibt einen Sinn: Wenn Gott uns erlösen will, muß er das Erlebnis des Todes auf sich nehmen. Den Tod zu besiegen heißt, ihn auf sich zu nehmen und sich zum anderen Leben durchzuringen.
Das hat Jesus getan, und deswegen brauchen wir den Tod nicht mehr zu fürchten. Der Tod zählt nicht mehr, er ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang.
Hochverehrter Lukas, als wir da standen und Jesus zuhörten und wirklich begannen, seine Auferstehung zu glauben, erkannten wir: Das Leben, das wir bis dahin geführt hatten, war nur ein halbes Leben, egal wie sehr wir uns daran geklammert haben. Weil Jesus sich nicht an sein Leben geklammert hat, können wir nun wirklich leben, weil wir vor dem Tod keine Angst mehr haben müssen. Wir können aus vollen Zügen leben, ganz in das Leben eintauchen, weil wir uns nicht mehr verzweifelt an ein halbes Leben klammern müssen, weil wir den Tod nicht angstvoll ausklammern müssen.
Es ist, wie unser lieber Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben ist, geschrieben hat: Durch Christus werden alle lebendig gemacht werden und neues Leben empfangen, unvergängliches Leben voller Herrlichkeit.
Der vergängliche Körper, den wir jetzt haben, kann nicht ewig leben. Wir werden verwandelt werden, in einem kurzen Moment, in einem einzigen Augenblick. Die Toten werden dann mit einem unvergänglichen Körper auferstehen, die Lebenden werden verwandelt werden, so daß wir nie mehr sterben.
Der Tod wurde verschlungen vom Sieg, Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Christus gibt uns den Sieg über die Sünde, die zum Tod führt, Christus gibt uns den Sieg über den Tod!
Ich danke Gott, der uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, den Sieg über die Sünde und den Tod gibt, weswegen wir fest und unerschütterlich im Glauben sein können, weil wir wissen, daß nichts, was wir für den Herrn tun, vergeblich ist.
Amen.
Verwendete Literatur
- Stuart Jackman, "Die Affäre Davidson", Moers 1985
- Neues Leben Bibel, Holgerlingen 2002/2005
- Neue Genfer Übersetzung NT, 2009
- Stuttgarter Erklärungsbibel, Stuttgart 2005
- Elberfelder Bibel mit Erklärungen, Witten 2010
- Wikipedia zu Erastus (Heiliger), abgerufen im April 2011
- Adolf Schlatter, Erläuterungen zum NT / Band 2, Stuttgart 1965
- Wuppertaler Studienbibel zu Lukas (Fritz Rienecker) sowie Ergänzungsband (A. Pohl) zu Markus, Wuppertal
- Brockhaus Kommentar zur Bibel, Wuppertal 1987
- Lutherbibel erklärt, Stuttgart 1982
Fußnoten
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