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Der Schleier und ich - Warum ich gegen Schleierverbote kämpfe PDF Drucken E-Mail
Blog - Burkaverbot
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 28. Januar 2010 um 13:08 Uhr
Ich werde immer wieder gefragt, warum ich so vehement gegen jegliches " Burka-Verbot" kämpfe - ein Kampf immerhin, bei dem sogar die meisten Muslime nur müde abwinken, der auch im "Dialog" so gut wie keine Rolle spielt.

Mit meinem Kampf ernte ich Unverständnis, Kopfschütteln, Anfeindungen.

Höchste Zeit, meine Beweggründe darzulegen, warum ich gegen Schleierverbote kämpfe und mich für das Recht komplett verschleierter Frauen einsetze, sich ihren Überzeugungen gemäß zu verhüllen.

Weil ich Baptist und Missionar bin

Mein christlicher Glaube ist das Fundament, auf dem ich stehe, wenn ich Schleierverbote bekämpfe.

Als Baptist ist mir die allgemeine Religionsfreiheit enorm wichtig. Und ich kämpfe nicht nur für meine eigene Freiheit, meinen Glauben frei und ungehindert auszuüben, sondern für alle Menschen, egal was sie glauben (oder auch nicht). Religionsfreiheit ist für mich eines der höchsten Rechtsgüter, und das gilt es allerorten zu verteidigen. Und ich sehe nicht, warum die Komplettverschleierung muslimischer Frauen nicht unter das Recht auf Religionsfreiheit fallen sollte. Natürlich gibt es auch in diesem Bereich immanente Einschränkungen - aber nur dort, wo Rechte Dritter in nicht hinnehmbarer Weise gefährdet wären. Ich vermag nicht zu erkennen, wo das bei einem Schleier per se der Fall sein sollte und finde auch keines der entsprechenden Argumente der Befürworter eines Schleierverbotes befriedigend.

Als Missionar ist mir die Konvivenz wichtig, Mission und Konvivenz gehören für mich untrennbar zusammen. Konvivenz bedeutet: Einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern. Voneiner lernen ist freilich bitter nötig - die Schleierdebatte ist zu oft von weitreichender Unkenntnis geprägt. Nicht Fakten, sondern Bauchgefühl, "glauben, daß..." usw. spielen hier oft genug die tragende Rolle, und oft führt man nicht eine sachliche, objektive Auseinandersetzung, sondern führt einen "Hexenprozeß". Einander helfen bedeutet, daß ich mich für komplett verschleierte Frauen einsetze, gerade auch als Nichtmuslim, gerade auch als jemand, der bekanntermaßen dem Islam nicht sonderlich nahe steht und damit nicht verdächtig ist, für die eigene Sache zu kämpfen.

Mein Kampf für die Religionsfreiheit komplett verschleierter Frauen und gegen ihnen drohende Verbote ist ein Akt der Nächstenliebe.

Natürlich möchte ich damit auch das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen zu verbessern helfen, möchte ich eine gute Nachbarschaft ermöglichen. 

Weil ich mich mit den Fakten vertraut gemacht habe

Es ist nicht einfach, beim Thema "komplett verschleierte Frauen" an verläßliche Fakten heranzukommen. Das gilt sowohl für Befürworter von Schleierverboten als auch für Gegner wie mich.

Die Debatte ist in höchstem Maße emotional, stark von einem Bauchgefühl geprägt,  Hörensagen liefert Argumente. Keine guten Bedingungen, sachlich, fair und objektiv darüber zu diskutieren, zumal es die typische komplett verschleierte Frau nicht gibt. Man darf sie nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt Frauen, die zum Verschleiern genötigt oder gezwungen werden und solche, die sich freiwillig verschleiern, zum Teil sogar trotz einem zuwiderlaufenden Zwang von Seiten beispielsweise ihrer Familien. Es gibt Frauen, die radikal, extremistisch, intolerant usw. sind und solche, die das nicht sind. Es gibt Frauen, die aus Familien stammen, in denen der Schleier zum Ethos gehört, andere stammen aus Familien, in denen allenfalls ein Kopftuch getragen wurde, es gibt Frauen, die keinen islamischen Hintergrund haben, sondern zum Islam konvertiert sind. Es gibt politische und eher apolitische Frauen, Frauen, die nicht verschleierte Frauen als "unrein" betrachten und solche, die das ganz anders sehen. Es gibt Frauen, die ihren Schleier nie ablegen und solche, die es nicht so "verbissen" sehen.

Ich habe versucht, mir so viele Fakten zu erschließen wie möglich. Das Ergebnis ist für mich, daß es zwar äußerst unerfreuliche Realitäten in der Lebenswirklichkeit und im Alltag komplett verschleierter Frauen gibt, bei denen ein Schleierverbot möglicherweise Abhilfe schaffen würde, häufiger aber zu einer Verschlechterung führen würde, daß es aber ebenso neutrale wie auch erfreuliche Realitäten gibt.Jegliche Pauschalisierung verbietet sich, und damit auch ein generelles Schleierverbot.

Weil ich die Kriminalisierung komplett verschleierter Frauen ungerecht finde

Wenn es um Argumente gegen den Schleier geht, ist es die Regel, daß ein Verbot notwendig sei, um böse, schlimme und schreckliche Dinge vielerlei Natur zu verhindern, von der Mogelei bei der Klassenarbeit einer komplett verschleierten Schülerin bis hin zu Gefährdungen an "sicherheitssensiblen Orten" wie Bahnhöfe, Busse und Bahnen, Flughäfen, Banken usw. Der Schleier scheint ein permanentes Sicherheitsrisiko zu sein, die Trägerin nur darauf bedacht, unsere regeln und Gesetze zu brechen - oder Schlimmeres.

In diesem Zusammenhang sind komplett verschleierte Frauen einem Generalverdacht ausgesetzt und werden in unerhörter Weise kriminalisiert. 

Weil es nur so wenige Verteidiger der Schleierfreiheit gibt

Es gibt kaum jemanden, der existierende oder drohende Schleierverbote bekämpft, weder auf "westlicher" (also freihetilicher, demokratrischer, humanistischer, aufgeklärter) bzw. christlicher Seite noch auf muslimischer Seite. Eine Mehrheit nicht nur der Nichtmuslime möchte keine komplett verschleierten Frauen in der Öffentlichkeit sehen, befürwortet möglichst weitreichende Verbote von Schleiern in der Öffentlichkeit. 

Wir haben hier eine echte Lücke, einen Bedarf an Menschen, die sich für das Recht sich komplett verschleiern wollender Frauen einsetzen, dies auch tun zu dürfen, ohne grundlosen, sinnlosen Einschränkungen unterworfen zu werden.

Ich hoffe natürlich, Mitstreiter zu finden, Menschen, denen das Thema nicht einfach nur egal, gleichgültig ist (ein häufiges Motiv für Toleranz, die dann freilich falsch verstanden ist), sondern die sich aus Überzeugung für Toleranz einsetzen.

Weil Schleierverbote womöglich nur ein Aspekt in einem größeren Kampf sind

Ich bin überzeugt, daß nicht alle, aber viele und zudem maßgebliche und einflußreiche Befürworter eines Schleierverbotes nicht nur dieses anstreben, sondern generell bestimmte Formen der Religion (monotheistisch, konservativ, missionarisch...) aus der Öffentlichkeit verdrängen wollen. 

Gerade als gläubiger Christ erlebe ich das postmoderne und postchristliche Europa als eine Umwelt, die für bestimmte Formen der Religiosität allem Pluralismus zum Trotz allenfalls einen Platz am Rande bietet, in "zurückhaltender Demut", in einem "Stillen Kämmerlein", keinesfalls unkontrolliert in der Öffentlichkeit, keinsfalls selbstbewußt und selbstbestimmt. 

Schleierverbote sind meiner Überzeugung nach vielfach nur ein Aspekt einer viel größeren, weit umfassenderen Antireligiosität, einer "Religiophobie" - darum sehe ich sie nicht als isolierte Phänomene, sondern eingebettet in eine "Kulturrevolution". Diese vermag ich nicht zu tolerieren, und ich versuche mich mit möglichst vielen Aspekten dieses Kulturkampfes kritisch auseinanderzusetzen.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 26. Februar 2010 um 16:30 Uhr
 

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